Bemerkungen zum »Think Tank Stade«

Folge 1 (ab Februar 2018)

Folge 2 (ab Mai 2018)

Puppenspiel auf dem Stader Fischmarkt (Foto: urian)

Auch im Nieselregen am Donnerstag, 25. Oktober, der ewig gleiche Puppentanz auf dem Fischmarkt. Diesmal lassen drei junge Herren ein Mannequin vor ihrer Kamera laufen.

Gespenstersoldaten in Stade (Fotos: urian)

Es war mitten im Licht eines späten Nachmittag des 27. Oktober, einem Samstag, als mir vor dem Zeughaus zwei Gespenster begegneten.

Damit die Einwohnerschaft ihr Erbgut nicht vergesse und Touristen klar bleibt, wo hierorts der Hammer hängt: Soldaten gaben jahrhundertelang den Ton an. Und manche bedauern bis heute, dass die Zeiten vorüber sind, und geistern herum, als sei die Zeit still gestanden wie auf Kommando der vorzüglich verehrten und als Vorbild ausgestellten Generäle.

Am neuen niedersächsischen Feiertag, den 31. Oktober verschlug es mich auf den Friedhof auf dem Geestberg.

Friedhof Geestberg Stade (Foto: urian)

Ein Vogelkäfig? Unweit dem Platz für anonyme Urnenbestattungen? Nein, was darin gefangen ist, kann nicht wegfliegen und wird hingegen vor dem beschützt, was fliegen kann.

3. November

»Stade-Storys« sind das nächste Thema des Think Tank Stade: »was und womit erzählt die Stadt?«

»Wer bloggt was über Stade? Gibt es Stade als Slam Poetry? Hat Stade seine eigene Poesie, seine eigene Prosa, seine eigene Sprache? Wie viele Zeichen braucht ein Stade-Text? Wer kümmert sich neben dem Stadtarchiv um die Geschichtsschreibung, um die Chronik unserer Stadt? Gibt es sie überhaupt noch, die freien Chronisten?«

In 1024 Jahren schriftlich dokumentierter Geschichte war die Stadt nie ein Pflaster für Dichter und Denker. Das Denken sollte man den Pferden überlassen, heißt es, die haben den größeren Kopf, und von Dichtung verstehen die Klempner am meisten.

Sollte es etwas von dem geben, wonach der Think Tank fragt, wächst es im Verborgenen, im Abseits. Abgesehen von der mittlerweile abgeflauten Konjunktur der »Regionalkrimis«, in denen Stade als Schauplatz firmiert und in den aus der Tourismus-Werbung bekannten Bildern beschrieben wird, fällt mir allein Frank Schulz ein. Diejenigen, die vorgeben, sich für Literatur zu interessieren, haben ihn erst als »Stader« wahrgenommen, nachdem der in Hamburg lebende Schriftsteller in den dortigen Feuilletons mit seiner »Heimatstadt« in Verbindung gebracht wurde.

Zufällig war mir sein Name geläufig zu einer Zeit, als nicht absehbar war, dass ich in Stade landen würde. Die von Klaus Modick herausgegebene Anthologie Traumtanz (Reinbek 1986), von der ich Belegexemplare erhielt, enthielt einen Text von Frank Schulz, der mich sehr beeindruckte.

So kümmerlich es um das Literaturverständnis bei denen bestellt ist, die sich öffentlich als Buchliebhaber gerieren, verfügt Stade allerdings über eine Stadtbibliothek, die trotz stiefmütterlicher Behandlung durch die Kulturverantwortlichen gut sortiert ist. Dort stieß ich vor rund zwei Jahrzehnten auf Schulzens Romane, die er aus seiner Kindheit und Jugend im heutigen Stadtteil Hagen entwickelt hat.

Autoren-Lesungen wurden damals nur ausnahmsweise veranstaltet, und auch nachdem diese üblicher geworden waren, wäre nicht daran zu denken gewesen, dass die einheimischen Buchliebhaber in den Zerrspiegel zu schauen wagten, den Schulz ihnen vorhielt.

Inzwischen gastierte Schulz mit seinen »Kiez-Romanen« in Stade. Ich kenne sie nicht. Gehe ich von dem was, was über das Sujet in der einzigen Stimme zu lesen ist, auf die die tonangebenden Kreise hören (Spießers Denkbilder), bedient Schulz, ob er es will oder nicht, mit seinen Romanen nur die Einbildungen der zahlenden Kundschaft vom Leben derer, die nicht so sind wie sie.

Peter Rühmkorf hat ein paar Zeilen über seine Stader Schulzeit im Nationalsozialismus geschrieben. Dörte von Westernhagens Tanz auf der Planstelle ist seit einem nie aufgeklärten Brand aus dem Bestand der Stadtbibliothek verschwunden. Die Werke Ernst Hartherns, des vor Frank Schulz einzigen eingeborenen Schriftstellers, sind nach besten Kräften verheimlicht worden, indem man zugleich vorgab, sich um sie zu bemühen. (Die Kugel im Rücken & Braune Heimatkunde)

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Lichtenberg-Statue auf der Museumsinsel

Gustav Wynekens Bücher muss man vielleicht nicht lesen (Spuren eines Vergessenen). Adolph Freiherr von Knigge (Mit doppelter Dosis Opium) und Georg Christoph Lichtenberg (Lichtenberg in Stade) gaben Gastspiele. Im 13. Jahrhundert schrieb Abt Albert eine Chronik, die sich erhalten hat (Mönch auf Reisen).

Das war sie schon ziemlich, die Literaturgeschichte der Stadt. Gewissermaßen keiner weiteren Rede wert. Oder? Gern ließe ich mich vom Think Tank eines Besseren belehren.

Apropos: »Wie viele Zeichen braucht ein Stade-Text?« Dazu fällt mir ein Anagramm ein: STADE HEUTE / HADES TUETE.

11. November

Aus Think Tank Stade:

»Stade-Storys: STADE HEUTE / HADES TUETE

Dieses Anagramm habe ich bei dem mir einzig bekannten Blogger Stades gefunden. Uwe Rup[p]recht beschäftigt sich seit Beginn des THINK TANK STADE Projektes in seinem Blog URIANs ABSEITEN unter der Rubrik Gepanzerte Gedanken auch mit kritischen Beiträgen und Bemerkungen zu unserem Projekt. Unter Gepanzerte Gedanken (3) hat er am 03.11.2018 eine kurze ›Literaturgeschichte Stades‹ verfasst, an dessen Ende ihm das o.g. Anagramm eingefallen ist. Der THINK TANK beschäftigt sich im November mit den Möglichkeiten unseres Medientisches im Museum. Dazu haben wir alle Stader*innen aufgefordert, ihre Stade-Texte – ob Privatchronologie, Schüttelvers, Enthüllungsstory, Prosa oder sonstige Texte – am THINK TANK zu hinterlassen oder an uns zu schicken. In diesem Sinne stelle ich zur Eröffnung gerne dieses Anagramm ein.«

tts_stadestorys

STADE HEUTE zerlegte ich 1994. So hieß eine Ausstellung, an der ich beteiligt war. Weitere Produkte lauteten:

HUETE STADE
SADE HUETTE
HUETTES ADE
DEUTE HASTE
HAUT DES TEE
HASE DUETTE
HATTE DUESE
DU SATTE EHE

stade_heute

SADE HUETTE klingt ähnlich wie HADES TUETE, setzt aber voraus, dass bei SADE der Marquis assoziiert wird. (Der gern verkannt wird; gibt Leute, die halten Die Philosophie im Boudoir für ein Grundwerk der sexuellen Selbstbestimmung.) Und der Stade-Bezug? Eben!

»… mir einzig bekannten Blogger Stades«: auch ich kenne keine(n) weitere(n). Stützt das meine These, dass die gemeinen Stader*innen lieber denken lassen statt selbst zu denken?

to be continued

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