Die letzte Reise des freien Herrn Knigge 1795 nach Stade

1795: Das französische Revolutionsheer war auf dem Vormarsch. Die Invasion Norddeutschlands drohte. Vorsorglich befahl der englische König Georg III., der zugleich Kurfürst von Hannover war, die Besetzung der freien Reichsstadt Bremen. Vergeblich protestierte diese gegen die Verletzung ihrer Neutralität.

Der Oberkommandierende der hannoverschen Truppen, Feldmarschall Wilhelm von Freytag, war ein „Jakobinerriecher“, der Freiheitsliebe mit Hochverrat gleichsetzte. Seinen besonderen Argwohn erregte der 42-jährige Bremer Oberhauptmann Adolph Franz Ludwig Freiherr von Knigge. Ein potenzieller Unruheherd, der verschwinden musste.

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Er habe ein Gesicht wie ein Pavian, spottete Knigge über sich selbst. (Zeichnung: urian)

Die Geschichte ist dumm und ungerecht. Sie hat den Namen Knigge überliefert als Synonym für Etikette. Dabei war dessen europäischer Bestseller Über den Umgang mit Menschen (1788) gerade keines der seinerzeit üblichen Anstandsbücher, in denen Benimmregeln vorgeschrieben wurden. Der bedeutende Verfechter der Aufklärung in Norddeutschland hat mitnichten über Tischsitten sinniert.

Knigge war vielmehr ein äußerst politischer Kopf, der seine radikalen Ansichten über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in satirisch verkleideten Romanen an der Zensur vorbei schmuggelte. Sein vermeintliches Benimmbuch enthält höchst aktuelle Beschreibungen, zum Beispiel der Mächtigen: „Stimme ihnen nicht bei, wenn sie je vergessen wollen, dass sie, was sie sind und was sie haben, nur durch Übereinkunft des Volks sind und haben; dass man ihnen diese Vorrechte wieder nehmen kann, wenn sie Missbrauch davon machen“.

Knigge galt die Etikette, die an den Fürstenhöfen alles war, wenig. Ihm ging es um eine Kultur des redlichen Umgangs. Sein berühmtes Buch war ein Grundwerk der gerade entstehenden bürgerlichen Gesellschaft. Er selbst nahm seinen Adelstitel wörtlich und nannte sich „der freie Herr Knigge“.

Geboren wurde er am 16. Oktober 1752 zwar mit dem goldenen Löffel im Mund. Aber nach dem Tod seines Vaters blieben ihm bloß Schulden. Das heimische Gut in Bredenbeck bei Hannover fiel in die Hand der Gläubiger, mit denen Knigge bis an sein Lebensende stritt. Für eine Karriere bei Hof fehlte ihm die finanzielle Unabhängigkeit.

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Intellektuelles Zentrum der Epoche: die Universität Göttingen. (Zeichnung: urian)

Nach dem Studium in Göttingen verdingte er sich notgedrungen in Kassel, Frankfurt am Main, Heidelberg und Hannover als Verwaltungsbeamter. Mit literarischen Arbeiten besserte er sein Einkommen auf. Er publizierte 35 Bücher, viele davon aus Vorsicht anonym. In der durch Pressefreiheit geschaffenen Öffentlichkeit sah Knigge die wichtigste Errungenschaft des Zeitalters; sie allein würde den Missbrauch der Macht eindämmen.

Lange Zeit war Knigge ein schwärmerischer Anhänger der Geheimbünde. Sie waren Keimzellen der bürgerlichen Gesellschaft und bildeten einen Gegenpol zu den Macht- und Kulturzentren an den Höfen. Ein Bürger, der es zu etwas bringen wollte, musste Mitglied in wenigstens einer Loge sein. Knigge war überall dabei, bei den Freimaurern der Strikten Observanz ebenso wie als Mitbegründer der sagenumwobenen Illuminaten. Nachdem er mit ihnen gebrochen hatte, verstreuten die Ordensleute sich und wurden erst richtig okkult.

Mit der Französischen Revolution verknüpften sich auch in deutschen Landen Hoffnungen auf Demokratie. Dass Knigge am ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille bei dem Kaufmann Georg Heinrich Sieveking in Hamburg-Harvestehude an einem Freiheitsfest teilgenommen hatte, verziehen ihm seine Vorgesetzten nie. Knigge galt als Wortführer des politischen Wandels im deutschen Norden.

Zeichnung: urian
Als der freie Herr 1790 nach Bremen kam, quälten ihn bereits seine Krankheiten zum Tode, Nervenfieber und Steinleiden. Nur mit dem Opium, das er täglich aß, konnte er die Schmerzen ertragen, seine Dienstpflichten erledigen, ein Buch nach dem anderen schreiben und Streitigkeiten in der Gelehrtenrepublik durchstehen.

Der Aufklärer könnte zum Aufwiegler gegen die Besetzung der Stadt werden, fürchtete also Feldmarschall Freytag. Am 7. Februar 1795 befahl die Kurhannoversche Regierung den Behörden der Herzogtümer Bremen und Verden, deren Hauptstadt Stade war, dafür zu sorgen, dass Knigge „in dem gegenwärtigen Augenblick und vor der Hand nicht in Bremen anwesend“ sei.

„Da es keine leichte Sache ist, für einen Mann von seinem Range und von seinen Eigenschaften Aufträge auszuwählen, von welchen man ihm die eigentliche Absicht nicht durchschauen lassen darf, so können wir nicht wohl in Abrede sein, dass wir uns dieserhalb in nicht geringer Verlegenheit finden“, gaben die Stader Regierungsräte zu Protokoll.

 

Erst einmal wurde Knigge an die Schwinge beordert. Am 2. März machte der Schwerkranke sich in einem gemieteten Bettwagen auf die mehrtägige Reise über Ottersberg, Zeven und Harsefeld.

Wahrhaftig war den Stadern nichts Besseres eingefallen, als den mutmaßlichen Revolutionär zur Begleitung der Verlobten des englischen Thronfolgers, Prinzessin Karoline von Braunschweig, und ihrer Mutter zu bestellen. Karoline sollte über Stade nach Cuxhaven reisen, um dort ein Schiff nach England zu besteigen.

Am 10. März bemerkte die Regierung in Hannover den Fauxpas und ordnete an, dass die Stader sich etwas Neues ausdenken sollten. Am 11. März schrieb Knigge einen Brief, worin er seinerseits auf die Absurdität des Auftrags hinwies, indem er seine Krankheit schilderte: Er sei „durchaus unfähig, einen ganzen Tag außer Bette hinzubringen, ohne zuletzt vor Schmerz alle Besinnung zu verlieren und überlaut zu schreien“.

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Pferdemarkt Stade um 1800 (Zeichnung: urian)

Zwar linderte die Verdoppelung seiner üblichen Dosis Opium seinen durch die Reise noch verschlimmerten Zustand ein wenig. „Allein gänzlich unmöglich würde es mir sein, in dem Gefolge der königlichen Prinzessinnen mit nach Cuxhaven, ja auch nur einmal bis Bremervörde zu reisen, so wie ich auch, wenn ich nicht der offenbarsten Todesgefahr mich aussetzen will, nicht in einem offnen Boote, anders als in Betten gepackt, von hier bis in die Elbe würde fahren können.“

Inzwischen hatte Knigge den wahren Grund seiner Abordnung nach Stade erkannt. In Bremen kursierten schon Gerüchte, er sei verhaftet worden. Am 16. März sprach er die Stader Räte darauf schriftlich an. Er bat „untertänigst“, wenigstens für kurze Zeit nach Hause zurückkehren zu können, um seine Angelegenheiten zu ordnen, da er bei seiner Abreise lediglich auf eine kurze Abwesenheit eingestellt gewesen war.

Die Räte erteilten ihm stattdessen einen neuen Auftrag: Er sollte in Hamburg Geschäfte erledigen. Offenbar nahmen sie seinen Tod billigend in Kauf. Doch der Freiherr war nicht ohne Fürsprache. Die Frau des Stader Regierungssekretärs Haltermann setzte sich für ihn ein. Unberührt von Knigges Leiden blieb dagegen die Regierung in Hannover. Die „schändliche Kabale“, wie der Malträtierte die Episode nannte, dauerte fort.

Zeichnung: urian
Später fasste Knigge seinen Stader Aufenthalt so zusammen: „Vier Wochen lang, in einem elenden Städtchen, in einem Wirtshause, wo es Tag und Nacht nicht ruhig wurde; in einem Bette, das um einen Fuß zu kurz war, in einem Zimmer, unten an der Erde, wo ich keinen Bedienten abrufen, noch schellen konnte, wo der Windzug grade auf mein Bett stieß, wo jedermann mir neugierig in das gardinenlose Fenster gaffte“.

Am 29. März hatte Knigge die Nase voll. Ohne eine Genehmigung abzuwarten, trat er die Rückreise nach Bremen an. Seine Vorgesetzten hatten immerhin soviel Anstand, ihn dafür nicht zu tadeln. Aber bei der Erstattung der Reisekosten schikanierten sie ihn noch einmal und beglichen seine Ausgaben für Speisen und Getränke des Postillon, der ihn gefahren hatte, nicht.

Das politische Klima wurde immer drückender. Knigge mischte sich weiter ein und veröffentlichte anonym ein Manifest gegen die „Dummheitsapostel und Despotenknechte“. Seine Verfasserschaft wurde ruchbar. Ehe man ihn zur Rechenschaft ziehen konnte starb er am 6. Mai 1796.

Hamburger Abendblatt 22. Dez. 1999 © Uwe Ruprecht

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Siehe auch über einen anderen, mit Knigge befreundeten Aufklärer:

Lichtenberg auf Helgoland

Lichtenberg in Stade

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