»Franzosenzeit« in Stade 1806–13

Anfang des 19. Jahrhunderts stand Europa im Zeichen des Krieges. Auch an der Unterelbe waren die Auswirkungen der Napoleonischen Feldzüge spürbar. Zwar wurden hier keine bedeutenden Schlachten geschlagen. Aber die Eingriffe in das Alltagsleben waren so gravierend, dass die »Franzosenzeit« lange in üblem Ruf stand – bis sie in Vergessenheit geriet.

Die Ideale der Revolution von 1789 machten im Norden Deutschlands wenig Eindruck. Ein »Freiheitstaumel«, wie er andernorts zu beobachten war, blieb aus. Im Hannoverschen bestand die engste Berührung mit der in Paris eingeläuteten Zeitenwende durch die Adligen, die vor der Guillotine ins Exil geflohen waren.

Im verwirrenden Hin und Her der Koalitionen Kaiser Napoleon Bonapartes stand nur eins fest: Der Hauptfeind hieß England. Damit war das in Personalunion vom englischen König regierte Kurfürstentum Hannover eine wichtige Karte im Macht-Poker. Der Hafen von Stade spielte seine Rolle bei der »Kontinentalsperre«, die die britische Insel ökonomisch ausbluten sollte.

Die Bevölkerung begriff kaum, welche politischen Strategien hinter den Besetzungen standen. Oft genug erfuhren sie nur mit Verzögerung, welcher Allianz sie nun wieder zugeschlagen worden waren, und in wessen Namen fremde Soldaten sich in ihren Häusern und auf ihren Straßen breitmachten. Zwischen 1801 und 1806 wechselten sich Preußen und Frankreich als Besatzungsmächte ab.

Schließlich zogen Napoleons Truppen für sieben Jahre ein. Die Franzosenzeit hinterließ keine Spuren in der Architektur, kein Straßenname erinnert an sie. Auf der Suche nach sichtbaren Überresten kommt man auf dem Garnisonsfriedhof zu einem winzigen Hügel mit einer Linde. Hier wurde im Januar 1807 ein französischer Soldat standrechtlich erschossen und begraben.

Hinrichtungsstelle Garnisonsfriedhof Stade (Foto: urian)

»Ich wollte um vieles nicht diesem Aktum beigewohnt haben müssen«, schrieb Garnisonsprediger Watermeyer. Der Soldat, »ein junger, hübscher Mensch von 22 Jahren, einziger Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns aus Marseille«, hatte in Oersdorf bei Harsefeld im Streit einen Bauern erstochen. Nicht nur, dass das Militärregime die Tat nicht durchgehen ließ – ungewohnt für die Einheimischen war, dass das Gericht öffentlich war; Watermeyer lobte, »dass die Art der Verhandlung jeden Respekt verdiente.«

Näheres über das Leben in der Franzosenzeit enthält ein 1815 in Hamburg gedrucktes Buch. Sein Verfasser Johann Christian Hattensauer ist eine schillernde Figur, Kriegsgewinnler und Freiheitskämpfer zugleich.

Nach 20 Jahren als Offiziersdiener hatte er sich mit dem Geld seiner Ehefrau selbständig gemacht. Am Pferdemarkt eröffnete der 38-Jährige im Januar 1799 einen Gasthof, zu dem eine Herberge mit 16 Betten und Ställe für bis zu 40 Pferde gehörten.

Einerseits gingen die Geschäfte während der Franzosenzeit schlecht. Den durch die Kontinentalsperre geschädigten Einheimischen fehlte das Geld, um es in der Kneipe zu lassen. Außerdem wurden bevorzugt Gasthäuser für die Einquartierung der Soldaten herangezogen. Die hausten wild, zechten ohne zu bezahlen und zerstörten bei ihren Gelagen das Mobiliar.

Andererseits vermerkte eine Bilanz des Magistrats: »Es ist stadtkundig, dass Hattensauer sich im Laufe der französischen Okkupation bedeutende Kapitalien erworben hat.« Er handelte mit Immobilien, veranstaltete Auktionen und betrieb ein Stellenvermittlungsbüro.

Mit dem »Maire«, dem Bürgermeister von Stade, Advokat Domeier, lag Hattensauer in ständigem Streit um das »konterrevolutionäre« Schild an seiner Wirtschaft. Als er schließlich Zum König von England abmontieren musste, ersetzte er es listig durch In der Hoffnung.

Pferdemarkt Stade um 1800 (Zeichnung: urian)

Das Jahr 1810 ist eine Zäsur in der Franzosenzeit. Das besetzte Gebiet wurde ins Kaiserreich eingegliedert, Stade zur Hauptstadt eines Arrondissements im Departement der Elbmündung, dessen Präfekt in Hamburg residierte. Der »Code Napoléon« wurde eingeführt, der allerhand bürgerliche Rechte brachte wie das öffentliche Gericht, die Freiheit der Bauern vom Frondienst oder die Gewerbefreiheit.

Das »Zivilstandsregister« schrieb vor, dass der kirchlichen eine amtliche Trauung vorausging. Französisch war Amtssprache, und entsprechend gebildete Männer nahmen die Führungspositionen ein. »Es kann nicht oft genug wiederholt werden«, urteilte Hattensauer, »dass unsere größten Tyrannen die deutsche heimliche Polizei und die Deutsch-Franzosen gewesen sind.«

Die neuen Gesetze schufen Unruhe, besonders Pastoren und Lehrer klagten über den »Verfall der Sitten«. Als Symptom galt ihnen die Zunahme der unehelichen Geburten, bei denen die Mütter Soldaten der Besatzungstruppen als Erzeuger angaben.

Johann Hattensauer kultivierte einen neuen Geschäftszweig, der seine widersprüchliche Haltung illustriert. Alle Männer zwischen 20 und 25 Jahren wurden von der allgemeinen Wehrpflicht erfasst. Viele flohen, einige verstümmelten sich selbst. Angehörige wurden in Sippenhaft genommen; so bat manche Mutter mit einer Anzeige im Intelligenzblatt den geflüchteten Sohn, »ungesäumt zu Hause zu kommen, um den Gesetzen der Conscription Folge zu leisten«.

Begüterte freilich konnten sich loskaufen, indem sie einen Stellvertreter schickten. Gegen eine ansehnliche Provision beschaffte Hattensauer solche jungen Männer. Aber während er die einen zum Militär schickte, verhalf er anderen zur Flucht nach England.

1813 begann an der Elbe der Zusammenbruch des Kaiserreichs. Hattensauer war zufällig in Hamburg, als dort am 24. Februar die Nachricht vom Vormarsch der Russen eintraf und sich die Bevölkerung blutig gegen »Douanen« und »Gensdarmen« erhob. Zumal die Douanen, die Zöllner, hatten im jahrelangen Schmugglerkrieg den Hass auf sich gezogen.

Als erstes wurden die Magazine mit den beschlagnahmten Waren geplündert. Dann riss man das Hoheitszeichen ab, den französischen Adler. Auf dem Heimweg wurde Hattensauer Zeuge, wie bei Cranz 14 Zöllner in die Elbe gejagt wurden und ertranken.

In Stade wählte ihn ein Haufen von 100 Mann mit dem Ruf »Es lebe der König von England« zum Anführer. Die Franzosen wurden aus dem Hohen Tor beim heutigen Bahnhof getrieben und vom Wall herab mit einem Steinregen verabschiedet. Vorübergehend übernahm der Mob die Herrschaft.

Unter dem General von Tettenborn zogen am 18. März 1813 die Russen in Hamburg ein. Zehn Tage später läuteten überall die Glocken und riefen den »Landsturm« aus. Er sollte mithelfen, die letzten in der Region verbliebenen französischen Regimenter bei Lüneburg zu vertreiben. Eilig rüstete man sich mit alten Gewehren, Piken, Sensen und Heugabeln aus.

Rund 10.000 Mann versammelten sich in Apensen zum Weitermarsch nach Tostedt, wo man die Kosaken treffen sollte. Kundschafter jedoch meldeten, dass der Angriff auf Lüneburg abgesagt sei.

Auf dem Rückweg tankten die Landsturm-Leute in Moisburg Bier und Schnaps. Betrunken schossen sie um sich. »Es war nun ein Geknatter wie in einer Bataille«, berichtete ein Teilnehmer, »die Kugeln pfiffen mir an den Ohren vorbei, dass man wirklich Gefahr lief, getroffen zu werden.« Derselbe Zeuge nennt das ganze Unternehmen »die lächerlichste Begebenheit in meinem Leben«.

Am selben Tag war Johann Hattensauer nach drei Wochen aus dem »Weißen Haus«, dem Gefängnis in Agathenburg, befreit worden. Unter dem Vorwand geschäftlicher Angelegenheiten hatte er einen Ritt über die Dörfer unternommen, um die Nachricht von der beginnenden Erhebung gegen die Franzosen zu verbreiten. Deswegen eben noch wegen Hochverrats mit dem Tode bedroht, wurde er nun im Triumph durch die Straßen geführt.

Danach spähte er zunächst in russischem Auftrag die Truppenbewegungen aus. Doch noch einmal kehrten die Franzosen zurück. Hattensauer erlebte den Kampf um Hamburg auf der Wilhelmsburger Insel mit. In Stade drohte ihm erneut die Todesstrafe; er floh nach London, wohin er auf dem Umweg über Stettin und Riga gelangte.

Nachdem die Russen Stade vom Schwarzen Berg aus beschossen hatten, verließen die Franzosen in der Nacht vom 28. zum 29. November 1813 die Stadt. Für die Einwohner kein glücklicher Ausgang: »Lieber den Franzosen zum Feind, als den Russen als Freund«, hieß es.

Das »Fest des Friedens« am 28. Juli 1814, das die Franzosenzeit förmlich abschloss, erlebte Johann Hattensauer in gedrückter Stimmung. Beim Scheidungsprozess mit seiner Frau hatte sie das Haus Zum König von England erhalten. Gebrochen, vereinsamt und verarmt starb Hattensauer 1837 mit 77 Jahren.

© Uwe Ruprecht

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