Das Mörder-Paar von Blumenthal 1833

Johanns Traum

Kalt und klamm, es war kalt und klamm im Pferdestall. Der März fuhr mit Eis und Schnee über das Land; ein später, dafür um so heftigerer Winter, der die vereinzelten Höfe von der Außenwelt abschnitt und zu Inseln machte, von deren knisternden, prasselnden Öfen nur allerdringendste Geschäfte hinaus treiben konnten.

Es würde Wochen dauern, bis der Frost aus dem Boden war, und dabei würden Eis und Schnee sich mit Überschwemmungen verabschieden; manchmal brach neuerlich Frost aus, und das Land schwamm wie unter Glas. Die Gespanne würden lange noch keinen frisch gestochenen Torf aus dem Moor ziehen.

Frierend, achtlos gegenüber dem Geruch der Ausdünstungen im Stroh, die ihn von den Füßen her wärmten, strich der 12-jährige Johann über die Mähne einer Stute und drückte sich dichter an den warmen Leib. Aus seinem Asyl, aus dem Stall konnte keine Winterkälte ihn vertreiben. Während er seine Gedanken verlor, stocherte der Knabe mit dem Finger in der zerlumpten Decke des Pferdes.

„Still, du, still, ganz still…“ flüsterte er.

Seit Monaten war das Leben auf dem Hof in heilloser Unordnung, seit Monaten herrschte Gewalt – seit die junge Stiefmutter im Haus war. Wie verliebt hatte der Vater sie zuerst umhegt, wie eine Prinzessin, obwohl sie doch von nebenan, aus der Heide kam und ihr Vater, der alte Behrend Spreckelsen, ein ganz gewöhnlicher Torfbauer wie alle anderen auch gewesen war. Nur für sie hatte der Vater Augen gehabt und war fast nicht mehr zu Johann in den Pferdestall gekommen.

Und dann plötzlich war der Vater wie ausgewechselt. Und dann schlug er die viel jüngere Stiefmutter, immer ins Gesicht, und der Vater schrie, weil dies Gesicht sein Tod sei, dies Gesicht, und die anderen Dinger.

„Und ich Esel hab dir das teure Kleid gekauft, in dem du jedem Burschen im Bezirk deine Titten anbieten kannst! Meinem eigenen Sohn hast du dich nicht gescheut, sie bei jeder Gelegenheit unter die Augen zu halten, und der Hornochse, der grüne Junge lässt sich von dir einwickeln! Luder! Wenn ich dich nicht von der Straße geholt hätte…“

„Von der Straße geholt! Du mich? Du geile alte Sau hättest mich der Frau Leutnant Pollmann doch glatt abgekauft, wenn mir nicht alle gesagt hätten, ich müsse, ich solle, ich könne nicht anders als dich heiraten! Wenn ich dort geblieben wäre statt auf diesem stinkenden Hof irgendwo in der weiten Scheiße…“

„Pollmann, Pollmann! Du lügst doch, wenn du den Mund aufmachst! Die hatte dich doch rausgeschmissen, weil du mit Soldaten rumgezogen bist! Da hast du das Fluchen gelernt. Da hätte mein Sohn schon dabei gewesen sein können! Vielleicht war er es, irgendwo in einer dunklen Ecke, wo du es mit jedem getrieben hast, der in deine Reichweite kam, wenn du an den Abenden durch die Straßen gestreunt bist wie eine…“

„Nie hatte ich was mit Männern! Bis ich dich versoffenes Aas kennenlernte…“

„Ah! Vogt Rohde hat mir ganz andere Sachen erzählt!“

„Was ihr Männer bei euren Saufgelagen schwätzt, das kenne ich. Wahrscheinlich erzählst du immer, dass die Frauen sich vor deinem großen Schwanz fürchten!“

Er spuckte sie an und trat mit dem Stiefel zwischen ihre Beine. Claus sprang dazu, und Vater und Sohn warfen sich Stühle an den Kopf und prügelten sich bis aufs Blut. Und so Abend für Abend. Die Stiefmutter griff erst ein, wenn einer das Messer zog. Ob einer den anderen in offenem Kampf hätte abstechen können?

Von der Ofenbank her zeterte die alte blinde Catharina dazu. Johann und seine kleine Schwester standen steinern in einer Stubenecke. Was um Christi Willen brachte die Erwachsenen so in Rage?

Die Stute schnaubte, Dampf entwich ihren Nüstern, Johann legte den Kopf an die Flanke und befingerte die Pferdedecke. Nach dem Tod seiner Mutter hatte er sich diese Zuflucht gesucht; die großen, ruhigen Ackergäule wurden sein Wall gegen die Welt.

Die Menschen auf dem Hof gaben ihm nichts. Der Vater war eigentlich ein Großvater und kränkelte nun auch immerzu. Sein Halbbruder Claus war fast ein Fremder, der jahrelang außerhalb gedient hatte und Soldat gewesen war. Die Stiefmutter? Nicht einmal als große Schwester hätte er sie leiden mögen! Catharina, die tappend und ächzend im Haus umherwanderte, nichts sah, aber mehr hörte als irgendwer anders, machte ihm schlicht Angst.

Adelheit. Johann verkrallte seine Hand in die Decke der Stute. Adelheit war nicht lange geblieben. Kurz vor Weihnachten war sie als Dienstmädchen auf den Hof gekommen, und Johann hatte sich ihr sogleich angeschlossen. Aber schon im Februar kündigte sie.

An ihrem letzten Tag kam sie in den Stall und nahm ihn in den Arm.

„Pass auf dich auf, Johann.“

„Du darfst nicht gehen, Adelheit“, flehte der Junge und umklammerte ihre Hand.

„Ich muss.“ Zornig fügte sie hinzu: „Ich mache diese Wirtschaft nicht mehr mit! Das reinste Sodom und Gomorrha!“

Sie streichelte seinen Kopf. „Du kannst nicht einfach fortgehen, und ich kann dich nicht mitnehmen. Wenn ich dir sagen dürfte, geh fort, kleiner Johann, fliehe! Armer, du könntest nicht einfach fortgehen, es würde dich umbringen, kämst du von deinen Pferden fort. Wer könnte dich mit fortnehmen?“

Mit dem Finger zerdrückte sie die Tränen des Jungen. „Wenn es ganz arg kommt, dann musst du zur Frau Wohlers gehen, sie ist schließlich deine Tante. Sie weiß doch auch, was hier los ist.“

Johann drückte die Stirn gegen ihren Bauch. „Ach, die Wohlersche… Du musst bleiben, du!“

„Ich muss jetzt gehen.“

„Kannst du nicht ein bisschen… Adelheit!“

Und dann war sie fort.

Die Stute zuckte. Am anderen Ende der Diele wurden Stimmen laut. Sie fielen wieder übereinander her. Obwohl der Knabe seine Hände gegen die Ohren presste, hörte er den Vater brüllen: „Hure! Hurenjäger!“ Die Stiefmutter lachte schrill. Johann fror.

„Ein Ende muss man machen!“ Er hörte Catharina auf der Diele, bevor er sah, wie sie hinter Claus in den Stall humpelte. „Er will es nicht anders!“

Sie stieß mit ihrem Stock vor sich in die Stalluft. Sie brachen ein bei ihm. Seit ein paar Tagen kamen sie immer im Pferdestall zusammen und besprachen sich. Was sie für Zeug redeten; Johann verstand fast nichts, aber er vernahm den Hass ihrer Stimmen. Sie brachen ein bei ihm.

Claus, der große Bruder, starrte vor sich hin. Er hatte die Fäuste geballt und schien eine Wut in sich hinein zu fressen. Catharina tastete mit der Hand nach ihm: „Was wirst du tun?“

„Erschlagen könnt ich ihn!“ zischte er.

Sie grinste. „’s gibt bessre Mittel. Weiß doch jeder, wie krank er ist. Nur gesund werden darf er nicht wieder.“

Die Stute, hinter der Johann stand, wieherte.

„Wer da?“ rief die Blinde.

Johann antwortete nicht.

Claus brummte: „Der Bastard.“

„Der dösige Rotzlümmel“, ergänzte Catharina. „Johann, Bengel!“ rief sie. „Wo ist das Ratzenkraut? Lauf und hols!“

Johann schwieg und zog sich hinter den Pferdeleib zurück; für die gehässige Alte sprang er nicht.

„Ratzenkraut, Ratzenkraut?“ Claus begriff nicht.

„Was Ungeziefer den Garaus macht, wird auch Cord zu schaffen machen“, kicherte die Alte.

In den Augen des großen Bruders blitzte es. „Tückisches Biest!“ Er trat mit dem Fuß auf und schrie nach Johann: „Hols her, Rattengesicht!“

•••

Das Abendessen verlief in gespannter Stille. Auch die kleine Schwester, die noch weniger verstand als Johann, spürte den Hass, der mit am Tisch saß, und stocherte ängstlich abwartend mit dem Holzlöffel im Brei. Johann bemerkte die lauernden Blicke, mit denen Claus und die Stiefmutter dem Vater jeden Bissen abzuzählen schienen.

Niemand sprach, nur die alte Blinde lachte manchmal meckernd in sich hinein.

Anschließend hatte Johann sich wieder im Stall verkrochen. Der Vater war früh zu Bett gegangen, weil ihm übel war, Catharina und die kleine Schwester folgten ihm bald in die gemeinsame Schlafkammer.
Claus und die Stiefmutter standen auf der Diele.

„Nichts, es hat nichts geholfen!“ Claus fluchte. „Er ist so krank als wie vorher.“

„War ja nur noch ein Rest da“, gab die Stiefmutter zu bedenken.

„Wär doch gelacht, wenn das nicht klappt! Deine Mutter…“

„Was ist mit meiner Mutter?“

„Sie hat so eine Art.“

„Was redest du?“

„Fast so wie du.“ Claus stampfte mit dem Fuß auf. „Morgen gehe ich mehr holen!“

•••

„Den Hof kann dir keiner nehmen. Ist der Alte weg, bleibt dir der Junge.“ Catharina flüsterte mit der Stiefmutter in der Diele. „Und im Bett erst! Das wird ein Leben!“

„Du hörst dir das im Bett vom Bett aus immer an, blinde Kuh!“

Drohend schwenkte die Alte ihren Stock. „Ich bin deine Mutter, wärst du ohne mich jetzt hier?“

„Schon recht“, beschwichtigte die junge Frau und tätschelte die Hand der alten, die mit dem Stock fuchtelte. „Wenn uns nur keiner draufkommt.“

„Wer soll denn was merken? Ist doch keiner dabei, wenn ihr ihm die Gurgel abdreht, nur der dösige Rotzlümmel und die blöde Kleine von der vorigen Frau.“

„Da kommt er!“ unterbrach die Stiefmutter. „Hast dus bekommen?“

Claus schüttelte den Kopf. „Er wollte einen Schein von mir, einen Berechtigungsschein. Er sagt, den gibts nur auf dem Amt. Ich kann schlecht den Alten fragen, ob er einen Schein hat und wo er ihn versteckt. Der Apotheker hat mich ganz scheel angeschaut: Was ich denn bei dieser Kälte mit dem Ratzenkraut anfange, wo doch kein Getier sich noch blicken lasse, wollte er wissen.“

Die Stiefmutter stöhnte auf. „Und was nun?“

„Ich werde ihn doch erschlagen müssen!“

„Das hat keine Eile“, warf Catharina ein. „Müsst ihr halt was anderes nehmen. Ihr könntets mit Quecksilber versuchen, das ist auch giftig.“

„Wenn du es sagst“, meinte Claus.

„Ja, Quecksilber ist ganz gefährlich“, bestätigte die Stiefmutter. „Das heißt doch auch ‚Quecksilbervergiftung‘.“

Claus nickte nachdenklich. „Aber ich muss zu einem anderen Apotheker gehen, sonst wird er misstrauisch.“

•••

Johann schrak aus dem Schlaf auf. In seinem Bett auf der Diele starrte er in die Finsternis. Aus der Schlafkammer hörte er ein Röcheln und Würgen, das seinen Namen zu bilden schien. Drüben schnaubte die Stute. Dann deutlich die Stimme des Vaters, der ihn rief.

Johann flüsterte etwas unverständlich, rührte sich aber nicht. Ein Schaben – langsam, unregelmäßig, ruckweise – drang aus der Schlafkammer, ein schweres Schaben, Stöhnen und Ächzen auch – das schauerliche Schaben. Die Tür schwang auf, schwarz auf schwarz schob ein Buckel sich auf die Diele, und etwas, das der Buckel nachschleppte.

Gleich dahinter folgte die Stiefmutter im Nachthemd. „Lasst nicht nach, so ists recht, nur feste zugezogen“, hörte er Catharina in ihrem Bett hetzen. Die kleine Schwester jammerte.

Johann zog die Decke über den Kopf. Ich schlafe, sagte er sich, ich träume. Ich träume.

„Los, auf!“ Die Decke wurde fortgerissen. „Was versteckst du dich?“ Die Stiefmutter beugte sie über ihn, ihr offenes Haar fiel über sein Gesicht. „Steh auf!“ Sie rüttelte ihn. „Dein Vater ist gestorben.“

Mord in Blumenthal 1833 (Zeichnung

Akten und Sagen

Es ist nicht bekannt, wie das gemeine Volk auf das Verbrechen reagiert hat. Ob es sich ebenso ereiferte wie die amtlicherseits Beteiligten. Wie Pastor Ruperti, der von seiner Rede auf dem Richtplatz und der Predigt des nächsten Sonntags so begeistert war, dass er sie drucken ließ.

Er hielt sich zugute, das Mörder-Paar zur Reue bekehrt zu haben. Vorher ungerührt von Gott, hätten sie ihren letzten Gang als vollkommene Büßer angetreten: „Der Sieg des Worts Gottes über die Sünde“.

Kein Reporter befragte die Tausende, die am 24. Juli 1835 in Himmelpforten der Hinrichtung beiwohnten, ob ihnen die Tat so ungeheuerlich erschien wie den Beamten, deren Akten sich erhalten haben. Das Volk wurde vom Gerichtsverfahren ferngehalten und nur durch das rituelle Schauspiel eines letzten Verhörs vor der Exekution informiert.

Von der grausigsten Geschichte, die in den Annalen der Region verzeichnet ist, erfuhr das Volk durch den Tratsch der Zeugen und die Indiskretionen des Gerichtsdieners Bierschwall. Dessen Sohn erzählte einem Chronisten, was er von dem Drama gehört hatte, deren Akteure der Vater aus der Nähe beobachten konnte: Eine Sage, die im Volk umging und bisweilen abweicht von der Darstellung in den Akten.

•••

Rasch hatte sich in Blumenthal am Dienstagmorgen, den 12. März 1833, die Nachricht vom Tod Cord Meyers verbreitet. Cord war aus einer Moorgemeinde an der Elbe, hatte dort wie hier Torf gestochen und Vieh gehalten. Zwar hatte der 55-Jährige seit langem gekränkelt, viele aber munkelten: „Das musste ja so kommen“.

Eine ungeschickte, nirgendwo im Wortlaut überlieferte Bemerkung der Ehefrau „des Entseelten“ im Kreis ihrer Nachbarn erleichterte Untersuchungsrichter Dr. Willemer von der Justiz-Kanzlei seine ohnedies nicht schwere Arbeit.

Man fand die Leiche im Alkoven, frisch gewaschen und mit einem reinen Hemd. Schon eine oberflächliche Leichenschau entdeckte Schrammen und Blutergüsse am ganzen Körper sowie Wunden und Abschürfungen am Hals.

Der Befund hielt fest, „dass der Cord Meyer in Folge einer Strangulation in Verbindung wahrscheinlich gleichzeitiger oder doch gleich darauf folgender vorsetzlicher Vorenthaltung atembarer Luft seinen Geist aufgegeben habe“.

„Wer war letzte Nacht im Haus?“ fragten die Untersuchungsbeamten.
Nämlich: Anna Sophia, 25, die dritte Frau des Entseelten; Claus Friedrich, 23, dritter Sohn aus Cords erster Ehe; eine siebenjährige Tochter, deren Name in den Akten unerwähnt bleibt, und der Sohn Johann aus zweiter Ehe; sowie Annas blinde Mutter Catharina Spreckels.

„Kein Fremder?“

„Nein, kein Fremder“, antwortete Claus treuherzig.

„Niemand eingebrochen?“

„Nichts gemerkt.“

„Kein Mann außer Ihnen im Haus?“

„Nein, Simon ist gestern fort.“

„Na, dann…“

Margarethe Wohlers, die Frau des Schulmeisters und direkte Nachbarin der Meyers, lieferte Dr. Willemer den Klatsch, der das Motiv enthielt: Anna und Claus, Stiefsohn und Stiefmutter…

„Einmal, als der Alte unterwegs war und die beiden sich auf der Diele mit einer Arbeit beschäftigten“, heißt es in Kanzleiprosa, „kommt es zwischen ihnen zu verführerischen Scherzen und unziemlichen Vertraulichkeiten. Die Leidenschaft überwältigt beide. Er bietet ihr an, zusammen zu Bette zu gehen, sie nimmt es an, und der blutschänderische Ehebruch wird vollzogen.“

Das erste förmliche Verhör fand im Angesicht der Leiche statt, die eben vom Landphysicus seziert wurde. Anna zeigte sich dabei „roh und fühllos“, Claus desgleichen: „Namentlich in dem, bei der Sektion des Leichnams seines ermordeten Vaters abgehaltenen Verhörs-Termins, zeigte sich derselbe fühllos und lügnerisch, frech und verstockt“.

Soll heißen: Sie brachen nicht in Tränen aus, warfen sich nicht über die Leiche, wollten nicht zulassen, dass sie aufgeschnitten werde – sondern kämpften gegen Brechreiz, während der Physicus das Skalpell einsetzte: „roh und fühllos“, „fühllos und lügnerisch“, „frech und verstockt“.

•••

Das Königliche Criminal-Gericht berichtete Dr. Willemer, „dass die Familie dort im Allgemeinen in einem schlechten Rufe stehe“. Vor 15 Jahren hatte Cord mit zwei Kumpanen eine vom Markt entlaufene Kuh abgegriffen und musste dafür acht Wochen ins Gefängnis, die erste und die letzte Woche bei Wasser und Brot.

Als sieben Jahre später von einer Weide in Ritsch ein Ochse abhanden kam, wurde er sofort verdächtigt, musste jedoch freigesprochen werden. Claus, von Pastor Ruperti zum Bekennen ermuntert, gestand, als 17-Jähriger bei diesem Raub mitgemacht zu haben.

Auf dem Heimweg vom Markt, wo sie eigentlich ein Stück Vieh hatten kaufen wollen, hatte der Vater den Diebstahl beschlossen. „Den Erlös aus der Haut“, versprach er dem Sohn, „kannst du behalten.“

Die Akte weiter: „Die Ochsen sind hier aber so wild, dass es ihnen nicht gelingen will, einen derselben einzufangen und entschließen sie sich am Ende dazu, einen Ochsen, der sie von der Weide gejagt, vor sich her nach ihrer Wohnung zu treiben.“ Nachts um drei endlich daheim, machen sich die Eltern sogleich ans Schlachtgeschäft. Um sechs Uhr in der Früh brachten Cord und Claus die Haut zum Lohgerber in die Stadt.

Anfang Februar 1831 sei er außerdem auf Drängen seiner ersten Stiefmutter bei Schulmeisters Wohlers eingebrochen, beichtete Claus weiter. Aus einem Zimmer, das die Witwe Hahn bewohnt hatte, bis sie sich mit Wohlers überworfen hatte, wurde ein Koffer mit Kleidung gestohlen. In jener Nacht um ein Uhr hatte Claus, mit dem Zahn einer Egge und einem kleinen Beil bewaffnet, Scheibe und Pfosten eines Fensters herausgebrochen, um in das Zimmer zu gelangen.

„Draußen neben dem Backhause hat er den Boden des Koffers mit dem Beile zertrümmert, die Sachen in seinen dazu mitgebrachten Sack gesteckt und solche darauf nach Hause gebracht. Nicht allein die Stiefmutter, der nach zwei Rollen Leinen, die man in dem Koffer der Witwe Hahn vermutet, gelüstet, habe ihn zu der Tat angestachelt: Auch behauptet er, dass die Ehefrau des Schulmeisters Wohlers, die Schwester seiner verstorbenen Stiefmutter, darum gewusst habe. Allein so wenig das eine als das andere ist erwiesen.“

Claus war Großjunge und Knecht auf Höfen in der Elbmarsch gewesen. Bauer Schröder sagt von ihm, „dass er zwar seine Arbeit gehörig verrichtet, dass er jedoch nicht besonders mit ihm zufrieden gewesen wäre, weil er im Winter fast alle Abende außer dem Hause zugebracht und oft erst spät in der Nacht, oft erst am Morgen wiedergekehrt sei, auch das Vieh sehr schlecht behandelt, weil geschlagen und schlecht gefüttert habe“.

Bauer Bösch stellt Claus für seine Dienstzeit im Ganzen ein gutes Zeugnis, bemerkt aber doch, „dass er denselben wegen seines trotzigen Benehmens entlassen habe“.

Im Mai 1831 trat Claus seinen 14-monatigen Militärdienst beim 6. Infanterie-Regiment in der Garnisonsstadt an. Die Stellungnahme des Kompaniechef geht dahin, „dass er sich musterhaft betragen, dass er nie bestraft worden und dass er sich bei jeder Gelegenheit die Zufriedenheit seiner Obern so erworben habe“.

Claus, bilanzierte die amtliche Charakteristik unter Punkt 14, dem Psychogramm des Inquisiten, „ist ein schlechter Mensch!“ Hervorgehoben wird jedoch „seine große Ordnungsliebe“; und „er habe früher weder geschlemmt und geprasst, noch sonst einen liederlichen Wandel geführt, sondern ist erst dann, wie er mit seiner Stiefmutter bekannt geworden, auf sündhafte Begierden verfallen“.

Während Claus in der Armee diente, heiratete Cord die 30 Jahre jüngere Nachbarstochter Anna. „Wechselseitige Neigung hat diese Verbindung nicht gemacht“, urteilte der Untersuchungsrichter, „vielmehr ist es eine Partie, die, wie sie so häufig auf dem Lande, von den Freunden und Verwandten der Beteiligten, welche sich selbst kaum gesehen, nach der Convenienz zu Stande gebracht wird“.

Der Vater der Braut war unlängst gestorben, ihre Mutter lebte allein in der Heide. Schon ihretwillen dürfe sie die Hand des Alten nicht ausschlagen – und dann das Erbe!

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Mit 15 hatte Anna das Elternhaus verlassen und sich seither auf insgesamt acht Stellen bei Bauern und Bürgern in der Stadt und auf der Marsch als Magd verdingt. „Treu und ehrlich im Haus“, attestierten ihre Dienstherrn, war sie dagegen draußen „ziemlich wild, ein wenig flüchtig und eine große Liebhaberin vom Tanze“. Immer irgendeine Tändelei mit Kanonieren und Ulanen der städtischen Garnison.

Schon vor ihrer Heirat, heißt es bei Bierschwall, habe Anna mit Stiefsohn Claus ein Verhältnis gehabt, das sein Militärdienst unterbrochen habe; nichts dazu in den Akten. Jedenfalls nicht lange nach der Heirat begingen sie ihre ersten beiden Verbrechen: Ehebruch und Inzest. Die Akten betonen die „Blutschande“ – ungeachtet, dass sie kein gemeinsames Blut hatten.

Der Untersuchungsrichter vermutete, „dass der Geschlechtstrieb bei ihr durch das Zusammenschlafen mit Cord Meyer geweckt, von diesem aber bei seinem hohen Alter gewiss nicht befriedigt war“. Anna, in den Jahren der Kraft und Blüte, musste sich geradezu nach Ersatz umsehen – und Dr. Willemer entglitt in seiner Anklageschrift die Sprache: „und eben auf einer solcher blutschänderischen Tat mag der Entseelte die fraglichen Personen in jener Nacht wohl betroffen haben, weshalb es erforderlich war, dem Verletzten bis zum jüngsten Tage den Mund zu stopfen“.

Cord wusste also bald Bescheid, und Zank wurde Alltag. Der Alte schlug seine Frau, der Junge sprang dazwischen. „Hure!“ brüllte der Alte, „Hurenjäger!“ Einmal floh Anna vor den Prügeleien ins Nachbardorf Hammah. Nachdem Claus sie dort abgeholt hatte, auf dem langen Rückweg entlang der Chaussee, wurde der Mord beschlossen.

„Deine Mutter hat geraten, ihn zu erschießen oder zu erschlagen“, sagte Claus.

„Totschießen ist ziemlich unsicher“, erwiderte Anna. „Beim Totschlagen kann nichts fehlgehen.“

Claus zögerte. „Lass uns noch zuwarten.“

Wenig später entfuhr es ihm gegenüber dem Dienstmädchen Adelheit Zwang: „Erschlagen müsste man ihn! Von wegen Sünde! Geld müsste einer dafür kriegen!“ Sie bezeugte es vor Dr. Willemer, der sie auf ihrer neuen Stelle ausfindig gemacht hatte: „Den Herrn tot zu schlagen ist keine Sünde. Er würde dafür sogar bezahlen.“ Der Untersuchungsrichter protokolliert: „Wer den Cord Meyer tot schlüge, der begehe keine Sünde, und wenn da einer wäre, der denselben tot schlagen wolle, so wolle er demselben eine blanke Pistole [Geld] geben.“

Anfang März versuchten sie es mit Gift. Aber so naiv, wie sie später das Erdrosseln des Alten als Krankheitsfolge vertuschen wollten, so ungeschickt stellten sie sich mit dem Ratzenkraut an, einem schwach arsenhaltigem Mittel, mit dem das Vieh von Ungeziefer gesäubert wurde. Ein Teelöffel in den Branntwein reichte nicht, um Wirkung zu zeigen.

Nun war das Ratzenkraut schon alle, und in der Apotheke bekam Claus keins. In ihrer Unerfahrenheit verfielen sie auf Quecksilber. Claus holte es aus der Stadt, und Anna tat es in das Warmbier des Alten; es löste sich darin nicht auf.

In diesen Tagen war Simon, Cords ältester Sohn, zu Besuch im Vaterhaus. Simon, sagen die Akten, trug seinen Teil zum schlechten Ruf der Familie bei; einzelne Vergehen nennen sie nicht. Zwischen ihm und dem Alten, wussten die Nachbarn, kam es zum Streit. Das Gebrüll, mag man sich vorstellen, war in der ganzen Dorfstraße zu hören.

Eine Zeitlang vermutete der Untersuchungsrichter eine Mitwisserschaft Simons, „insofern er sich nachgehends sowohl verdächtig benommen als auch sehr verdächtige Redensarten geführt hat“. Beweise fanden sich nicht.

Am Nachmittag des 11. März, während der Alte krank in der Schlafkammer lag, sündigten Claus und Anna im Bett in der Diele. Am Abend äußerte Claus gegenüber Schulmeister Wohlers, dass er und Simon die Hofstelle erhalten würden, wenn der Alte stürbe.

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Zwischen ein und zwei Uhr in der Nacht zum 12. März schleicht Claus mit einem Strick, dessen Ende er zu einer Schlaufe gebunden hat, in die Kammer, wo Anna beim Alten liegt und außerdem die kleine Schwester und die blinde Schwiegermutter schlafen. Anna hilft, die Schlinge um Cords Hals zu legen.

Mord in Blumenthal 1833 (Zeichnung: urian)

Im Halbschlaf merkt der Alte, was vorgeht: „Wollt ihr mich ins Tau kriegen?“

„Nein“, antwortet Claus, „zieht die Schlinge zu und reißt ihn aus dem Bette auf die Erde, wobei die Mitangeklagte behilflich ist, indem sie ihren Ehemann nachschupst“.

Der Alte wehrt sich, röchelt und ruft nach Johann. Der Knabe im Bett auf der Diele schreckt hoch. Er sieht, dass sein Bruder den Vater über die Schwelle des Schlafzimmers zerrt.

Dann hängten sie die Leiche im Pferdestall auf, um den Anschein zu erwecken, der Alte habe Selbstmord begangen, sagt Bierschwall. Nach Aktenlage schleiften Anna und Claus den Alten wohl am Strick in den Stall und zogen an beiden Enden seines Halstuchs, bis ihm nach zehn Minuten die Luft wegblieb – brachten ihn aber wieder zurück ins Bett, richteten ihn her und präsentierten ihn als an einem ungenannten Leiden Gestorbenen.

Annas Mutter, argwöhnten die Untersuchungsbeamten, habe während der ganzen Szene von ihrem Bett aus das Mörder-Paar aufgehetzt. Nichts sagen sie über die beiden kleinen Kinder. Keine Zeugenaussage von Johann in den Akten.

Nach ein paar Monaten Haft wurde Anna von einem Kind entbunden, deren Vater der Stiefsohn gewesen sein soll. Das Mädchen sei ins Waisenhaus gekommen und soll sich gut verheiratet haben, geht die Sage; auch Pastor Ruperti erwähnt das Kind der „Blutschande“. Keine Spur davon in den Akten. Dafür verzeichnen sie, was in der Geschichte des Gerichtsdieners nicht vorkommt: dass Bierschwall Claus hinderte, sich das Leben zu nehmen.

„Die beiden haben ja immer bei uns am Tisch gesessen“, erinnerte sich der Gerichtsdiener. „Die Anna konnte ganz frei auf dem Amtshof herumlaufen, den Claus musste ich nur an der rechten Hand und dem rechten Fuß binden.“ In der Haft hing Anna „mit großer Zuneigung und Vorliebe an ihrem Stiefsohn, wiewohl dieser, anscheinend das Bild der Unschuld, seine Geliebte bei jeder passenden Gelegenheit anklagte und eine boshafte Freude empfand, wenn sie bei Gegenüberstellungen Geständnisse machen musste“.

Mit dem Zitat eines „unsterblichen Dichters“ verurteilte Clausens Verteidiger seinen Mandanten: „Schaut her, schaut her! Die Gesetze der Welt sind Würfelspiel geworden, das Land der Natur ist entzwei, die alte Zwietracht ist los, der Sohn hat seinen Vater erschlagen – worüber die Sünde rot wird, worüber der Kannibale schaudert, worauf seit Äonen kein Teufel gekommen ist.“

Der Advokat kam zu dem Ende, „in den Akten so gar nichts gefunden zu haben, was er mit Überzeugung oder nur mit inniger Hoffnung zur Milderung der Strafe vortragen könnte“. Er empfahl die Hinrichtung: „Möge er anderen ein schrecklich warnendes Beispiel geben, wie rohe Sinneslust, Mangel alles moralischen Gefühls und Irreligiosität den Herrn der Schöpfung unter das Tier hinabzuwürdigen vermögen.“

Annas Verteidiger schlug immerhin vor, statt des Räderns von oben herab das Schwert als Strafe in Betracht zu ziehen.

Nach neun Monaten bestätigte das Berufungsgericht das erste Urteil: „Schleifung zum Richtplatze, mit dem Rade durch Zerstoßung ihrer Glieder und eisernen Keulen von oben herab, vom Leben zum Tode zu bringen und ihre Körper sodann auf das Rad zu flechten“. Assessor Meincke aus Bremervörde wurde mit der Ausrichtung des Blutgerichts betraut; Magister Schwarz sollte Scharfrichter sein.

Die Verteidiger reichten Gnadengesuche ein. Der König bewilligte; kein Rädern. Auf das bei der „milden“ Schwertstrafe übliche Schleifen auf einem mit Kuhhaut überspannten Schlitten sollte jedoch nicht verzichtet werden.

•••

Pastor Ruperti erinnerte sich: „Und als wir an dem verhängnisvollen, blutigen Morgen in ihr Gefängnis traten; o wie freudig und getrost eilten sie zu und hin, und verkündeten, wie sie um Mitternacht von ihrem Lager sich erhoben, und durch Gebet und Gesang und durch das Wort Gottes sich gestärkt hätten!“

Sie wurden vor den Richttisch geführt und ein einziges Mal coram publico verhört. Dann wurde der Stab über sie gebrochen.

„Herr Christ, Du bist mein Leben; / Mein Tod wird mir Gewinn! / Dir bin ich übergeben: / Versöhnt fahr’ ich dahin. / Mein Geist fährt hin in Frieden; / Der Himmel nimmt ihn an. / Da find’ ich was hienieden / Kein Sinn erreichen kann.“

Unter Glockengeläut und Gesang der Schuljugend wurden Anna und Claus im traditionellen weißen Totenkleid vom Markt zur Richtstätte vor den Toren Himmelpfortens geschleift. Der Weg war vorher eben gemacht und geeggt worden. Die Schulkinder sangen die Lieder, die Pastor Ruperti mit den Delinquenten in den letzten Tagen geübt hatte:

„Wenn meine Kräfte brechen, / Mein Geist kaum denken kann, / Mein Wund nicht mehr kann sprechen; / Dann nimm mein Seufzen an! / Wann Sinnen und Gedanken, / Wie ein verlöschend Licht, / Nur hin und her noch wanken; / Dann, dann verlass mich nicht!“

Anna wurde zuerst dem Henker übergeben. Man sagt, sie stieg noch einmal herunter vom Richthügel und verabschiedete sich von Claus

„Seht da, wie die Sünde ist der Leute Verderben! Seht da, wie der Tod ist der Sünden Sold!“, rief der Pastor, unmittelbar nachdem der Schwertstahl unter einem Aufschrei der Masse aufgeblitzt war und Scharfrichter Schwarz Claus enthauptet hatte.

„Grausenerregend war wohl für euch alle der Anblick der beiden Unglücklichen, die so furchtbare Verbrechen begingen, erschütternd für uns alle das blutige Gericht, das so eben über sie erging. O möchte dadurch auch inniges Mitleid in euch erweckt, möchten dadurch auch heilige Gelübde in euch hervorgerufen werden!“

Bierschwalls Legende endet: Einer der Söhne wurde infolge dieser Tat irrsinnig und ist in Hildesheim im Irrenhause gestorben. Kein Name. Simon, der vielleicht eingeweiht war und sein Plazet gegeben hatte?

Ein vierter Sohn, Hinrich, lebte auswärts und wird in den Akten sonst nie erwähnt. Wenn die Sage nicht irrt, wenn die Akten nicht mehr Lücken enthalten als ohnehin, befiel der Wahnsinn Johann, der mitansah, wie der Bruder den Vater am Strick in den Pferdestall zerrte.

Foto: urian
Ausgräber Dietrich Alsdorf, der Romane über den Fall geschrieben hat, an der von ihm entdeckten Hinrichtungsstätte.

© Uwe Ruprecht

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