Crime-Fake statt True-Crime in Niederdeutschland

Ich denke es mir nicht aus. Eben erst habe ich mich mit den Kriminalmythen der Gegenwart befasst (→ Im Fadenkreuz: das Altländer Viertel in Stade), da wird mir von denselben Legendenproduzenten ein Traumgespinst angeboten, das die Historie von Verbrechen betrifft.

Ich verstehe nicht, wie die Leute zu allem und jedem eine Meinung haben können und glauben, sie äußern zu müssen. Vielleicht bin ich nur zu alt und selbstreflexiv und weiß, wie oft ich Ansichten und Meinungen habe variieren müssen, selbst wenn ich sie nicht leichtfertig geäußert hatte. Also halte ich mich zurück und fühle mich nur berufen, den Mund aufzumachen, wenn ich wirklich von etwas mehr verstehe, als ich Gerüchten oder Nachrichtensendern habe entnehmen können.

»Die meisten Menschen nehmen die Meinungen an, so wie sie von andern gemacht worden sind«, notierte Georg Christoph Lichtenberg 1773 im Sudelbuch D, während er dort weilte, wo ich gerade hause, in Stade: »Der Deutsche geht hierin unbegreiflich weit«, stellte er zuende fest.

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Angstlust geht unter denen um, die sonst keine Sorgen haben. Gut situierte Bürger lassen keine Gelegenheit aus, den Verfall der Sitten zu beklagen und das Böse zu beschwören. Kriminalität ist eine sichere Bank für die Medien und populistische Politiker. Auf Verbrechen springen Leser wie Wähler immer an.

Bevorzugt sind Mord und Totschlag. Von anderen Straftaten erfährt das Publikum nur, wenn spezielle Umstände das Augenmerk darauf lenken. Insofern ist nicht wirklich von Kriminalität die Rede, sondern von einer ausnahmsweisen Ausprägung.

Das Formular, in das der Wachhabende bei der Polizei einträgt, was ihm über den Notruf angezeigt worden ist, hat Kästchen für einen Verkehrsunfall mit oder ohne Personenschaden, Feuer, Raub und Diebstahl, Körperverletzung, den medizinischen Notfall und die Parkbehinderung, Sachbeschädigung, Ruhestörung oder eine Ölspur. Die Tötungsdelikte, die im TV serienweise abgearbeitet werden, 20 bis 30 Mal so viele wie sich tatsächlich zutragen, trägt der Polizeibeamte unter »Sonstiges« ein.

Wird bereits durch Medien und Politik ein Missverhältnis hergestellt zwischen der realen Delinquenz und dem, was die Bürgerschaft darüber erfährt, verschieben die Kriminalfiktionen, aus denen die Kenntnisse von Polizei- und Justizarbeit überwiegend bezogen werden, die Beziehung zwischen den Verbrechen und ihrer Wahrnehmung gänzlich ins Irreale.

Gruselmärchen hier wie dort. Für die Medien sind vor allem die Fälle interessant, die denen ähneln, die von den Drehbuchautor*innen bevorzugt werden. Angstlusterzeugung steht auch für Journalisten im Vordergrund. Was sich tatsächlich zugetragen hat, bleibt in 80 Prozent der Fälle, die von den Medien aufgegriffen werden, im Dunkeln. Die Tat wird vermeldet, vielleicht noch die Festnahme eines dringend Tatverdächtigen, und das war es meist.

Im Bewusstsein der Bürgerschaft sind Verbrechen mit der Verhaftung abgehakt. Der anschließende Strafprozess erscheint wie eine reine Formsache, von der man nichts zu wissen braucht und über den nur in extrem spektakulären Fällen informiert wird. Die Bruchstücke, die die Polizei von ihrer vorläufigen Einschätzung publiziert, sind meist alles, das die Bevölkerung im Rechtsstaat über reale Verbrechen wissen kann. Alles Übrige füllt sie mit dem, was sie aus Filmen und Romanen als vermeintliches Wissen über das Sujet angesammelt hat und ihr sonstwie in den Kram passt.

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Die Kriminalgeschichte der Region zwischen Hamburg und Bremen sowie der Großstädte selbst ist vergleichsweise schwach beleuchtet. Verglichen mit anderen Ländern. Um die Kriminalgeschichte machen die Deutschen seit 1945 einen besonderen Bogen. Wie schwach die Beleuchtung ist, weiß ich genau, weil meine Taschenlampe die einzige ist, die das Feld ausgeleuchtet hat (→ Kriminalgeschichten).

In anderen Ländern werden Schaulustige an Tatorte von Verbrechen geführt, historischen wie mehr oder weniger aktuellen. In Deutschland wird dabei selektiv verfahren. So wenig es eine → Pitaval- oder True-Crime-Literatur gibt, so ungern vergegenwärtigt man das Verbrechen in der dritten Dimension. Mit einer Ausnahme, die das Problem bezeichnet: Konzentrationslager, Folterkeller und andere Orte, an denen die Deutschen als Nationalsozialisten mordeten, können gar nicht genug ausgewiesen und aufgesucht werden.

Die Staatsverbrechen gehören zur Staatsräson, über sie muss man im Bilde sein. Was es sonst noch gibt, und womit man es seit bald einem Dreivierteljahrhundert im Alltag zu tun hatte, kommt nur in dürren Pressezeilen vor und wird ansonsten von Krimikitsch verkleistert.

Seit etwa 20 Jahren gerät immerhin die Kriminalhistorie ab 1945 gelegentlich in den Focus. Das Aussterben der Zeitzeugen hat Hemmschwellen beseitigt. Wenn man schon nicht über die Mörder in der eigenen Familie reden wollte, untersagte man sich, an jede andere Mordgeschichte zu rühren. Solange die Staatsverbrechen persönlich berührten, konnte bei der genauen Betrachtung eines Kriminalfalls ein biografischer oder tatsächlicher Zusammenhang mit dem Jüngstvergangenen auftauchen. In Polizei und Justiz waren weitgehend die Leute von früher am Werk. Für Pressevertreter galten dieselben Vorsichten.

Für die Geschichte des Verbrechens vor 1933 wird man leichter bei Historikern aus Großbritannien und den USA fündig als unter einheimischen Autoren der Gegenwart. Diese gab es allerdings in der Geschichte vor dem Dritten Reich. Deutsche Autoren, die sich mit wirklichen Verbrechen befasst haben, statt sie nach Dramaturgiebauplan zu erfinden: Schiller, Büchner, Fontane, Kisch, Döblin.

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In einer Ecke des Nassen Dreiecks zwischen Elbe und Weser wird seit Jahren auf allerhand Volksbelustigungen das Label »Krimiland« gepappt. (→ Ripper auf dem Styx) Dieser Tage ist es eine »Erlebnisführung«: die »Cord-Meyer-Bande lehrt Gäste das Gruseln« bei einer »Exkursion zu historischen Tatorten im Kehdinger Moor und den Elbdörfern«. Die Einnahmen werden gespendet, der Betrug ist nicht böswillig.

Doch getäuscht werden die Gäste in jedem Fall. In ihrem Schaudern betrogen. Ich lasse dabei ganz außer Acht, was von dieser Schaulust an sich zu halten ist, und warum es keinen Anstoß erregt, mit einer wahren Mordgeschichte von 1833 »das Gruseln zu lehren«, dies aber mit einer anderen, die zwischen 1933 und 1945 datiert, überhaupt ganz und gar nicht tun können darf. Haben Opfer und Täter unterschiedlichen Respekt verdient, je nachdem, in welcher Epoche sie lebten?

Über eine NS-Geschichte frei zu fabulieren ist seit nicht ganz 20 Jahren auch für deutsche Autor*innen nicht mehr skandalös. »Nazi-Thriller« waren bis dahin eine Domäne britischer und US-amerikanischer Produktion. Gleichwohl kann kein Roman oder Film, der auf tatsächliche Ereignisse Bezug nimmt, mit diesen nach Belieben verfahren.

Der geistige Anführer der »Cord-Meyer-Bande« hat die Causa von 1833 mehrfach nach Gutdünken dargestellt. Den zweiten Roman habe ich bereits nicht mehr gelesen. Der erste, Anna aus Blumenthal, wurde 2007 veröffentlicht.

Inzwischen hatte der hauptberufliche Archäologe den Platz der Hinrichtung in Himmelpforten ausfindig gemacht. Ich hatte mit ihm erörtert, was ich aus der Gerichtsakte als einziger Unterlage für das Geschehen wusste, die er zu dem Zeitpunkt nicht kannte. Seine beste schriftliche Quelle waren zwei Texte von mir: der eine war 1996 im Hamburger Abendblatt gedruckt; einen anderen kannte er als Ausdruck (→ Meyers Sodom).

An dem zweiten Text musste ich nichts ändern, um ihn 2009 in meine Sammlung wahrer Kriminalfälle Elses Lachen aufzunehmen, obwohl inzwischen die Version des Archäologen erschienen war. Die war eben ein Roman.

Die Namen sind echt, ihre Träger haben wirklich gelebt. Ihre Alltagsverhältnisse, ihre Häuser und Straßen, die Dinge, mit denen sie sich umgaben – davon versteht der Archäologe mehr als wenige andere in der Region. Doch davon, was in und mit den Personen vorgegangen ist, bevor, während und nachdem sie in ein Verbrechen verwickelt wurden, weiß er gerade so viel wie andere Krimi-Konsumenten. Das Bild, das er zeichnet, ist so weit ab von dem, das ich mir als Verbrechensversteher gemacht habe, dass es scheint, es ginge um verschiedene Vorgänge.

Ich habe mir den bestmöglichen Eindruck von den Geschehnissen zu verschaffen versucht. Ich hatte nicht vor, einen Roman zu schreiben, für den ich Szenen erfinden müsste, die die Personen in dramaturgisch geeignete Situationen brächten. Ich musste nicht wissen, wie die Kommode aussah und wo sie gestanden haben könnte, um beschreiben zu können, wie jemand damit hantierte. In der wahren Geschichte kam keine Kommode vor.

Wahr kann keine Geschichte sein, die Vorgänge beschreibt, die der Einbildung eines Autors entsprungen sind. Zur Wahrheit gehört vielmehr, genau darüber nicht zu täuschen: dass ich es nicht so genau weiß, wie ich es gerne hätte. Dass ich eben nicht dabei war und mich, zumal wenn es sich um zeitlich weit zurückliegende Geschehnisse handelt, Verständnisproblemen gegenüber sehe, für die es nicht die einfache und klare Lösung gibt, die von einem Romancier zu Recht erwartet wird.

Ein Bruch in der Geschichte eines Romans ist schlechtes Handwerk; keine Aufzeichnung einer wahren Geschichte kommt ohne Lücken aus. Tatsachentreue heißt: nichts dazu erfinden und nichts weg nehmen. Wie immer Anna aus Blumenthal als Roman einzuschätzen ist, tut das Buch genau das und ist keine True-Crime-Story. (→ True Crime at work)

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Es handelt sich nicht um Lügen, sondern Verschiebungen, Verzerrungen, Entstellungen. Die »Cord-Meyer-Bande« ist ein Beispiel. Wer den Fall nicht kennt, wird der Ankündigung für die »Erlebnisführung« entnehmen, Meyer sei eine Art Räuberhauptmann gewesen. Jedenfalls ein Täter.

Cord Meyer (55) wurde das Opfer seiner dritten Ehefrau Anna (25) und eines seiner Söhne namens Claus (23). Sie lag neben ihm im Bett, als der Sohn, mit dem sie ein Verhältnis hatte, dem Vater einen Strick um den Hals legte.

Cord Meyer hatte allerdings ein Strafregister. Er hatte mit seinen Söhnen, auch mit dem, der ihn umbrachte, Diebstähle begangen. Nicht nur, dass die Behörden seinerzeit nicht von einer Bande sprachen und die Fälle nicht so bearbeiteten, gab es auch nach allen kriminologischen Gesichtspunkten, die man anlegen könnte, keine Bande, bloß Familienbande.

186 Jahre später zieht man in Kehdingen aus, um Kriminalgeschichte zu erfahren, und wird mit Märchen bedient. Und weil man es nicht besser wissen kann, wird der Schmonzes für wahr gehalten. Und weiter erzählt. Bei vielen der Fälle, die ich mir Jahrzehnte oder Jahrhunderte nachher vornahm, bin ich auf Legenden gestoßen. Auch zum Mord an Cord Meyer gab es sie, bevor der Archäologe nachlegte.

Die Drehorgelspieler beteuern zwar die Glaubwürdigkeit ihrer Moritaten, aber diese sind nur Kopien von Kopien. Die komische Armbewegung, die der Mörder auf der Leinwand macht, die vor dem Publikum ausgerollt wird? Da war in der vorigen Version ein Messer; es musste übermalt werden, um zu der neuen Geschichte zu passen. Dass der Mörder in beiden Versionen gleich aussieht, merkt keiner, und Angehörige, die sich beschweren könnten, gibt es nicht mehr.

Mit Verbrechen wird alltäglich politische Stimmung erzeugt, während die Bürgerschaft über dessen Realität nicht nur im Unklaren gelassen, sondern gezielt getäuscht wird. Das ist der Nährboden für eine Hetze, die von denen, die ihre Einbildungen darin pflanzen, zugleich beklagt wird.

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