Schon als Kind streifte er tagelang ziellos über Felder, Weiden, Wiesen und durch die Wälder des heimischen Ritterguts in Wiegersen. Das Kirchenbuch von Apensen verzeichnet die Geburt von Carl Baron von Grothaus am 12. Januar 1747.

Es gibt kein Bild von ihm, nur einen Scherenschnitt, eine Silhouette, die ein Sammler physiognomischer Trophäen um 1780 in sein Album klebte; sie zeigt den 30-Jährigen.

Er war von „vorteilhaftem Äußeren“, der „sein eigen Haar ungebunden und lockigt“ trug und auf die damals für Herren von Stand übliche Perücke verzichtete.

Er war besessen von einem Wandertrieb und machte darob einen „eigentümlichen“ und „sonderbaren“ Eindruck auf die Prominenten, die in Lebenserinnerungen sein Porträt zeichneten.

„Große Reisen machte er zu Fuß“, schrieb sein Freund, der Freiherr Adolph von Knigge, „und das zwar, wie er selbst sagte, um sein Blut zu verdünnen, indem er sich längst schon vor einer, in seiner Familie nicht fremden Gemütskrankheit fürchtete“.

Der Wanderer machte Station an vielen Höfen Europas, aber „hielt sich nirgends lange auf“. Goethe notierte über ihn: „Sein landstreicherisch Wesen hat einen guten Schnitt. Eigentlich ist er eine so seltsame Erscheinung, dass man wohl tut, sich nicht Rechenschaft über den Eindruck zu fordern, den er auf einen macht.“

Der Diplomat Mirabeau, der den 39-Jährigen in Sanssouci traf, hielt Grothaus für einen „Vielwisser und etwas unsinnig, ein Freund des Prinzen von Wales und Günstling des Königs von England“.

16-jährig als Offiziersanwärter beim Garde-Infanterieregiment tat er sich in der Fußtruppe bei den Gewaltmärschen hervor.
Am 14. März 1765 nahm er ein Mathematik-Studium in Göttingen auf.

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„Leutnant Grothaus“, vermerkte ein Papier der Universität, „gibt seinen Kommilitonen durch schlichtes Kolleg- und Visitenkleid, einen simplen braunen Rock, gutes Vorbild.“ Von 1770 bis zu seinem Tod war er korrespondierendes Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften.

Den kaum 20-Jährigen überwältigte gleich wieder seine Wanderlust, und er unternahm eine Wanderung durch Deutschland und Italien – vor Goethe (1787) und Johann Gottfried Seume (1802).

„Er erzählte sein korsisches Abenteuer, aber obenhin“, notierte Goethe unter dem 26. August 1779 in sein Tagebuch. Demnach war Grothaus an der Rettung des korsischen Freiheitshelden Pasquale Paoli beteiligt. An Bord zweier englischer Kriegsschiffe flohen Paoli und 340 Kampfgenossen am 13. Juni 1769 von ihrer Heimatinsel vor den Franzosen ins italienische Livorno.

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Georg Christoph Lichtenberg berichtet von einem Auftrag Friedrich des Großen an den Baron, „eine Legion zu errichten, welche Legio Grothusiana heißen wird […]. Die Soldaten werden fast römisch gekleidet gehen, nur zwei Hemden haben und die Nase mit den Fingern putzen wie Herr von Grothaus tut.“

Grothaus beklagte sich in einem Brief, laut Lichtenberg „nicht in den gewähltesten Ausdrücken“ über die Ablehnung einiger seiner Ideen. Das Schreiben kreuzte sich mit einem Brief aus Potsdam. Kaum hatte man dort seine Unverschämtheiten gelesen, zogen die Preußen ihre Zusage zurück.

„Grothaus wäre auch der Sache nicht gewachsen gewesen“, meinte Lichtenberg, „und insofern ist es sein Glück vielleicht.“ Knigge schildert denselben Vorgang anders, aber mit gleichem Ausgang. Grothaus sei „in einem etwas sonderbarem Aufzuge“ in Sanssouci aufgetreten und habe „ein Freikorps von Schwimmern und Läufern“ vorgeschlagen.

Friedrich II. „erblickte ihn, und da er das Exzentrische nicht eben liebte, äußerte er sich auf eine Art über Grothaus, die alle Generale und Adjutanten abschreckte, ihn nur einmal dem König vorzustellen.“

Der Baron soll auch dem österreichischen Herrscher Joseph II. begegnet sein. Gefragt, wohin er noch gehen wolle, nannte Grothaus hundert Länder. „Und dann weiter, fragte der Kaiser. Grothaus sagte, dann gehe ich ins Hannöversche zurück und pflanze braunen Kohl. Ach, so gehen sie doch gleich ins Hannöversche zurück, erwiderte der Kaiser eben so liebreich als weise, und pflanzen braunen Kohl.“

Während des Krieges der Niederlande mit England waren Grothaus und ein Baron Helldorf 1784 in politische Ränke verwickelt. Als die holländische Regierung Erkundigungen einzog und erfuhr, Helldorf sei ein Hochstapler und Grothaus als Sonderling bekannt, wurden beide aus dem Land geworfen.

Danach, heißt es, sei Grothaus als „Geheimgesandter“ in Wien gewesen. 1786, im Todesjahr des „Alten Fritz“, gehörte er als Oberst zur preußischen Armee. Zu der Zeit verfiel der Fußgänger in jene „Raserei“ vor der er sich zeitlebens gefürchtet hatte.

1787 wurde in Horneburg, wo seine Mutter inzwischen lebte, ein Papier verfasst, in dem Grothaus seinem Vetter die Verfügung über seine Finanzen übertrug: eine Art Entmündigung.

Die Legende schreibt den Ausbruch seines Wahns einem Besuch im „Pesthof“ zu, der Hamburger Seuchen- und Irrenanstalt am Nobistor. Dort sei er unvorbereitet einem Insassen begegnet, der ihm als sein Vater vorgestellt wurde.

Eine 1794 anonym erschienene Lebensgeschichte des Barons, die sein Freund Knigge eine „Märchen-Sammlung“ nennt, weiß: „Zur Begrüßung“ eines englischen Diplomaten soll Grothaus um 1790 in Fürstenberg einen Pistolenschuss in die Wand gefeuert haben – weil überladen habe die Waffe ihm eine Hand zerfetzt. Oder war es ein Suizidversuch? Obwohl angeschlagen befand sich Grothaus bald darauf wieder unterwegs.

Im dritten Jahr der Großen Revolution hatte Frankreich Krieg mit seinen Nachbarn angefangen. 1792 zog ein Heer aus deutschen Landen gegen Paris. Im Gefolge seines Herrn, des Herzogs von Weimar, nahm auch der Geheime Rat von Goethe an der Kampagne Teil. Vor Verdun traf der Dichterfürst den merkwürdigen Fußreisenden.

Grothaus hatte es übernommen, die belagerte Stadt zur Kapitulation aufzufordern. „Man erzählte sich“, schrieb Goethe, „wie er, den Trompeter voraus, den Husaren hinterdrein, die Fahrstraße hinabgeritten, die Verduner aber als Sansculotten, das Völkerrecht nicht kennend oder verachtend, auf ihn kanoniert; wie er ein weißes Schnupftuch an die Trompete befestigt und immer heftiger zu blasen befohlen; wie er von einem Kommando eingeholt und mit verbundenen Augen allein in die Festung geführt, alldort schöne Reden gehalten, aber nichts bewirkt“.

Der Kranke soll eine Weile bei seiner Mutter in Horneburg gelebt haben. Später auf der Festung Küstrin habe der Eingesperrte sich wie der Kommandant aufgeführt. Sicher scheint, dass er sich 1797 bei einer Invalidenkompanie in der Nähe von Bamberg meldete, aber gleich wieder mit unbekanntem Ziel verschwand.

Letzte verbürgte Station seines Lebens Reise: ein Bayreuther Irrenhaus, wo er im 54. Jahr am 4. November 1801 „an einem Schlagfluss“ starb.

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In seiner Heimat ist der „wahnsinnige Fußwanderer“, „unserer berühmter hannöverischer Fußgänger“ vergessen. Dort ist von tausend Jahre Geschichte nur die Hanse-Zeit geblieben, über die sich trefflich den Mächtigen wohlgefällige Märchen erzählen lassen.

© Uwe Ruprecht

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