Passage des Passanten

Arme Leute wie ich können bei Debatten über Naturschutz und Klimakatastrophe, biologisch-dynamische Wirtschaftsweisen und kapitalistische Moral weghören. Wer weniger konsumiert, verbraucht weniger Umwelt.

Die Öko-Bilanz der Armen ist per se besser, weil sie alles das nicht verbrechen, womit Besserverdienende die Erde belasten. Beispielsweise mindestens zwei Mal im Jahr in den Urlaub fliegen und steuerfreies Kerosin verpulvern, um das Ozonloch zu vergrößern. Komisch, nicht wahr, dass man davon gar nichts mehr hört. War mal ein angesagtes Thema. Gehört nicht zur derzeit beschworenen Erderwärmung, oder?

Ich bin nicht auf dem neuesten Stand, was als politisch-korrekte Lebensweise gilt, weil ich nicht mehr in Kreisen derer verkehre, die überzeugt sind, das Richtige zu tun. Da gehört meinesgleichen nicht hin und stört nur die Selbstzufriedenheit.

Etwa rechnet man sich und besonders allen denen, die immer noch nicht begriffen haben, worauf es ankommt, vor, welche Umweltbelastung diese oder jene Anschaffung oder Unternehmung mit sich bringt, die sie selbst zwar nicht komplett unterlassen, aber ökologisch einwandfrei tätigen.

Vor allem das Essen ist ihnen unheimlich wichtig. Darüber können sie unablässig schwätzen; kommt mir vor, als hätten sie nichts anderes im Kopf als umweltgerechte Verdauung. Sie kaufen natürlich nicht wie die Armen das jeweils preiswerteste Produkt im nächstbesten Supermarkt, sondern möglichst direkt beim Bauern und in Spezialgeschäften. Die steuern sie selbstverständlich mit dem Auto an.

Beim Klönschnack mit den Gleichgesinnten, die sie dort treffen, wo die Armen sich nicht blicken lassen, geht es um die Verringerung des weltweiten Schadstoffausstoßes, und das schon seit Jahren. Ein Viertel dessen, was Deutschland dazu beiträgt, kommt aus den Auspüffen der Autos. Wie viel sich daran ändern würde, wenn die Naturfreunde öfter zu Fuß gingen oder Bus oder Bahn benützten, wird auf den Wochenmärkten nicht erörtert.

Als es gesellschaftlich los ging mit dem Umweltbewusstsein, als ein nahe bevorstehendes Waldsterben beschworen wurde, das ausblieb und von dem heute nurmehr als hysterischer Projektion geredet werden kann, war in den Ton angebenden Kreisen (die damals übrigens gemeinhin als eine Art geistiger Terroristen galten) ausgemacht, dass ohne eine Verringerung des automobilen Individualverkehrs alle anderen Bestrebungen zum Umwelt- und Naturschutz Stückwerk bleiben würden.

Ziehe ich 40 Jahre später meine persönliche Öko-Bilanz und vergleiche sie mit Gleichaltrigen, die sich über Umweltprobleme weitaus mehr Gedanken gemacht haben als ich (zumindest aber andere), fällt das Urteil leicht. Vom geringeren Umweltverbrauch durch geringes Einkommen abgesehen, schlägt ein Punkt extra stark zu Buche und die anderen aus dem Feld: Ich habe nie ein Auto gefahren.

Nicht aus Rücksicht auf die Natur, sondern weil ich nie das damit verbunden habe, was andere dazu bringt, sich mit größtmöglicher Geschwindigkeit durch die Gegend zu katapultieren. Ich käme nicht auf die Idee, meine persönliche Beweglichkeit in Stundenkilometern zu messen und bin auf meine Weise weiter herumgekommen als viele, die es tun.

Automobilkonzerne können ungestraft betrügen, weil sie als Rückgrat der Wirtschaft gelten. In allen urbanen Konflikten haben die Autofahrer immer Vorfahrt. In Germany über Einschränkungen des Autoverkehrs zu reden, ist so aussichtslos wie in den USA die Waffenfreiheit in Frage zu stellen.

In Hamburg wird aktuell darüber nachgedacht (getan ist noch lange nichts), die Stresemannstraße für bestimmte Dreckschleudern zu sperren. Ich kann darüber nicht einmal lachen. 1984 wohnte ich eine Weile dort im Erdgeschoss, der Schreibtisch eine Gehwegbreite von den täglich mehrmals im Stau stehenden Autos entfernt, während deren Motoren im Leerlauf röhrten und die Abgase in meinem Zimmer standen.

In den vergangen 34 Jahren hat sich am Autoverkehr hat nichts gebessert und nichts Wesentliches geändert. Vielmehr sind neue Generation im Glauben an Automobilität als unverbrüchliches Menschenrecht erzogen worden. Die größte Gefahr in meinem Alltag als Fußgänger ist nach wie vor, von einem unachtsamen Fahrzeuglenker auf dem Zebrastreifen oder am Rand der Fußgängerzone angefahren zu werden.

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