Eitel Sonnenschein beim weltweiten Klimaschutz – natürlich auch in Stade

»Meine erste Demo«, sagte eine Mutter am 20. September 2019 im Radio. Die Reporter fingen die Begeisterung überall ein; war dies nun in Berlin oder Hamburg oder …

Ich finde es seltsam, Kinder auf politische Demonstrationen mitzunehmen. Familiensinn, schon klar. Aber wenn die Kids die Schilder, die sie halten, nicht einmal lesen können – als wie fürsorglich kann das gelten?

Macht sich allerdings immer gut, wenn Machthaber Kinder hoch halten. Das Kindchen-Schema schlägt alles. Und schließlich spielen Argumente keine Rolle, wenn es um Masse geht. Ein Ziel ist technisch gesehen wie das andere, sobald marschiert wird.

Meine Bedenken haben sich erledigt. Inzwischen nehmen die Kinder ihre Eltern zur Demo mit.

Immerhin wird protestiert. Kam zuletzt selten vor: »Meine erste Demo«. Wenn es nun auch noch um etwas ginge, außer darum, guten Willen zu bezeigen.

In den Berichten vom historischen Freitag wurden Klimaschutz und Klimakatastrophe beschworen und wie einig doch alle sind. Das war es auch schon.

Folgen Zahlenangaben: 70.000 bis 100.000 in Hamburg, zwischen 1500 und 2500 in Buxtehude (1000 sagt die Polizei), »an die 1000« in Stade (jedenfalls laut Stader Tageblatt; einer mir vorliegenden Augenzeugenaussage nach waren es zwischen 200 und 300; die Polizei sagt nichts). Das ist jetzt der Aufbruch!

Unterdessen verabschiedet eine der Regierungen, die durch den Protest unter Druck gesetzt werden sollen, die deutsche, ein Konzept, das von allen Seiten als hilflose Geste angesehen wird. Doch die Demonstranten können sich nicht beschweren.

Sie haben sich selbst gefeiert, aber was sie wollen, bleibt nebulös. An konkreten Forderungen muss sich kein Politiker messen lassen. So können sie bis in alle Ewigkeit demonstrieren und sich siegreich fühlen.

An mindestens einem Ort wurde die Demo genutzt, um Müll in der Stadt aufzusammeln. Dazu wurden lachende Eisbären gepostet, nehme ich an.

In Stade, wo alle Straßen blank geputzt sind und kaum einmal ein Baum steht, ist das Müllsammeln Kult, auch ohne Klima-Label. Demonstranten in Berlin oder Hamburg würden über solche Anwandlungen lachen. (→ Der Müll, die Stadt und der Tod) Beim Wühlen im Abfall läuft der deutsche Natio-anal-charakter zu Höchstform auf. Es kann gar nie genug gesäubert werden. (→ In der Senkgrube)

Mach mal mehr für die Klimawende! Das Ausrufezeichen wird seit einem Jahr wiederholt. Soweit ich es überblicke ist bisher nichts geschehen. Wenn man nicht die Einführung der E-Scooter als Wendepunkt der Verkehrswende ansehen mag. (→ Lifestyle und Tod)

Ach ja, und ein paar Autofahrer*innen steigen jetzt manchmal aufs Rad und rasen als Held*innen aus der Walhalla durch die Gegend. Sonntags sind sie schon gar nicht zu halten und renommieren mit ihren Marken-Bikes .

Im Landkreis Stade ist eine »Climate Action Week« ausgerufen worden. Das ist Plattdeutsch; nein, doch nicht. Da gibt es eine »Actionbound-Klimarallye – die Smartphone-Schnitzeljagd durch Buxtehude«: Kinderkram, siehe oben.

Dieser und jene Gewerbetreibende hat ein »Klimawoche-Aktionsfenster« eingerichtet und verspricht sich vom Wandel mehr Umsatz. Möchtegern-Klimagewinnler, gewissermaßen. So ist halt der Kapitalismus. Man verkaufe mir das bloß nicht als Idealismus.

Es gibt eine Kunstausstellung »Climate – I am thinking – I am sinking«, deren Motive ich mutmaßlich hundert Mal auf facebook gesehen habe. Keine Kunstwerke, sondern Propagandastücke.

Gewiss waren Heiligenbildchen einmal Kunst; aber die Zeiten sind seit vielen Jahrhunderten vorbei. Kunst in der Moderne kann keine Thunberg-Ikone sein oder das Gemälde eines schmelzenden Eisbergs. (In einer Stadt, in der die Werke eines Gebrauchskünstlers als »Aufbruch in die Moderne« angepriesen werden, scheinen die ästhetischen Maßstäbe allerdings dem Mittelalter zu entstammen. [→ Eine überflüssige Ausstellung])

Außerdem im Angebot: vegetarische Gerichte. Mehr Umsatz für diesen und jenen Gasthof. Eine Ausstellung zu UN-Nachhaltigkeitszielen: bestückt wieder mit Kinderkram.

Die Kirche macht einen Gottesdienst nach dem anderen, als würden diese sonst nicht stattfinden. Ein Poetry Slam wird sich wahrscheinlich Eisberge vornehmen und sich mit dem Thema des Vortrags »Plastikmüll? Ohne uns!« überschneiden.

Folgen eine Handysammelaktion mit Videodreh, ein Flohmarkt »Baby und Kind« sowie eine Sonderführung durch die aktuelle Fleischkonsum-Werbeausstellung im Schwedenspeicher-Museum und ein Konzert.

Hinter dem Schwedenspeicher Stade: Fleisch und Fisch (Foto: urian)
Der Zeitgeist ist vegan – aber der wird auch in den Großstädten gedacht und gelebt. Für Stade gilt die von Ernst Bloch so genannte »Ungleichzeitigkeit der Provinz«. Außerdem ist die einzige Kultur, auf die es in der »beschaulichen« Kleinstadt ankommt, die kulinarische. Und so präsentieren gleich zwei Museen anti-vegane Werbeveranstaltungen, die eine noch dazu mit tatkräftiger Unterstützung der Jägerschaft, aus deren Reihen die Männer (!) kommen, die auch sonst das Sagen haben. Wohl bekomms, wems mundet.

So geht das tagelang weiter. Und hinterher werden alle sich wohl gefühlt haben und Klimaretter-Buttons an die Brust heften. Vor allem werden sie eine lange Weile mit erhobenen Zeigefingern durch die Straßen laufen, Verzeihung, radeln, weil sie wissen, wo es lang geht, und wer sich unter und mit ihrem Kinderkram Fehl am Platze fühlt, einfach nicht mehr zur Volksgemeinschaft gehört.

Es ist 16.01 Uhr am historischen Freitag in Stade, als ich den abgesperrten Parkplatz mit der Boje am Hafen passiere. Auf dem Parkplatz am Bahnhof versammeln sich soeben die Klimafanatiker, um hierher zu marschieren.

Um den leeren Platz kreisen unterdessen die Autos. Das Wetter ist wechselhaft, also bleiben die Radfahrer ganz weg oder beschränken sich auf kurze Strecken. Die einzigen Fußgänger sind die, die in der Nähe geparkt haben.

Einen Bus sieht man auch, er parkt, es ist ein Reisebus. Andere Busse fahren kaum und sind unverhältnismäßig teuer für Strecken, die auch per pedes zu bewältigen wären. Deshalb streben die Busse nicht von einem Punkt zum nächsten, sondern kurven endlos auch durch Nebenstraßen, wo kaum wer zusteigt. Kürzere und zusätzliche Verbindungen durch mehr Busse würden den Verkehr rasch kollabieren lassen – weil es eine Zeit bräuchte, bis sich ein Verzicht auf das Auto durchgesetzt hätte.

Die Demonstranten in Stade werden nicht auf Busse, sondern bestenfalls auf E-Autos umsteigen. Später einmal, wenn die Ladestellen-Infrastruktur so weit ist. Wird noch etliche Jahre dauern und nicht mehr dazu beitragen können, die Klimakatastrophe aufzuhalten.

Ebenso wie die Energiewende überfällig und nicht absehbar ist. Die heimische Stromproduktion aus Windkraft steht vor dem Aus. (→ Windkraft und Kohle) Es gäbe allerhand und ganz unkindisch zu beackern. Nicht erst seit gestern. Nicht erst seit Greta Thunberg.

Statt werden weiter Luftballons abgelassen. Ach nein, das ist klimapolitisch unkorrekt. Und darf man noch Pappschilder für Demos bemalen? Auch recycltes Papier war einmal ein Baum. Ist der Verzicht der Klimaaktivisten darauf, die eigenen Auftritte im Internet zu dokumentieren, ein Zeichen für Stromeinsparung?

Oder wären Fotos oder ein Video von der eigenen Versammlung nur peinlich, wenn zu sehen ist, dass es weniger waren als in der Zeitung steht? Hat man die Persönlichkeitsrechte der Kinder bedacht oder will man selbst nicht erkannt werden?

Persönlich Verantwortliche für die »Klimawoche« sind der → Website nicht zu entnehmen. Es gibt eine Liste von »Veranstaltern«: Organisationen aller Art, Händler, Vereine. Auf Anklicken landet man beim betreffenden Programmpunkt. Bei den Namen von Personen handelt es sich um Vortragende. Wer sie auf die Liste gesetzt hat und die tatsächlichen Veranstalter sind, soll geheim bleiben.

Ist das basisdemokratisch gemeint? Oder dient es der Verschleierung? Die Kindergesichter von »Fridays for future« werden in der Zeitung gezeigt. Das ist genau einer von den, wenn ich mich nicht verzählt habe, 36 »Veranstaltern«.

Vielleicht werden im käuflichen Teil der Zeitung andere Verantwortliche genannt. Sie selbst jedenfalls halten sich nach Kräften bedeckt und geben sich niemandem, der eine Teilnahme an der »Klimawoche« erwägen könnte, zu erkennen.

Kommt nicht darauf an. »Wir sitzen doch alle im selben Boot!« Machen wir, bis es untergeht, noch eine »Actionbound-Klimarallye« und der innerstädtischen Müllabfuhr die Arbeitsplätze streitig.

Wer noch zweifelt, dass es nicht im Ernst um eine Sache geht, wird vom Stader Tageblatt daran gemahnt. »Klima bestimmt Demo und Politik« titelt es. Demnach scheinen die Demo und die Politik zweierlei zu sein.

»Der Klimaschutz nimmt auch in der Hansestadt Stade Fahrt auf«, erfahre ich. »Der Streik brachte am Freitagnachmittag an die 1000 Menschen auf die Straße. Die Politik legte eine Stoßrichtung fest. Die Einsicht scheint da, dass es so nicht weitergeht. Nun müssen Taten folgen.«

Die Politik sagte mithin, wo es lang geht. Ist das nicht der Text der Demonstranten, und sollte nicht die Politik handeln? Um zu erfahren, wer auf der Kundgebung vermeintlich für »die Politik« gesprochen hat, muss ich die Zeitung kaufen.

Falls es da steht. Oder wer »die Einsicht« hat: Politik oder Demonstranten oder beide?

Der Text zum Foto bringt die Selbstbezüglichkeit der Veranstaltung und die wertlose Berichterstattung auf den Punkt: »Die Demo gab ein farbenfrohes Bild ab.«

Morgen geht zwar die Welt unter, aber heute machen wir Eiapopeia und feiern, dass wir es endlich, endlich auch begriffen haben. Und dann tun wir was! Die in der »Klimawoche« beschworene Klimakosmetik.

Ganz wie die Bundesregierung. »Plastiktüten? Nein Danke!« Aber die bei Obst und Gemüse sollen wir behalten. Wir wollen ja weiter froh sein und rundum ernährt und allzeit automobil.

Von anderen zu fordern haben wir noch reichlich, da gehen uns die Parolen für Demonstrationen nicht aus. Währenddessen lassen wir die Politik machen. Drei Cent mehr für den Sprit, das halten wir aus. Wenn es bloß nicht soweit kommt, dass wir mit dem Bus fahren müssen. (Für Einheimische: Please not the bus!)

Der Bus ist ein exzellentes Beispiel für den anstehenden Kulturwandel, ohne den kein Gramm CO2 weniger zu haben ist. Lebhaft erinnere ich mich, wie der Chefredakteur der Zeitung vor wenigen Monaten in einer Fragerunde mit den Bürgermeister-Kandidaten im Gespräch mit seinem Polizeireporter Verachtung für das Busfahren demonstrierte. Den Live-Stream habe ich danach abgeschaltet. Die werden das Klima nicht ändern.

Auf facebook hat das Tageblatt den Artikel über den »Klimastreik« in Stade nicht eingestellt, nur den über Buxtehude. Er wird mit fast 300 Kommentaren gewürdigt. Wie auch bei den allermeisten der über 100 Bemerkungen zum Bericht über die Auflösung einer Sitzblockade bei der Demonstration in Hamburg melden sich Klimawandelleugner und andere anständige Hetzbürger zu Wort. (→  Unwort Anstand)

Die Redaktion hat reichlich Einträge gelöscht und muss erneut erklären, was als unzulässig erkannt wird. Etwa die Aufforderung an Polizisten, Kinder zu verprügeln. Eiapopeia ist das nicht. (→ Meinungskrankheiten)

Im diesem Spiegel ist die »Klimawoche« von Anfang an ein Reinfall. Etwa deshalb, weil die Veranstalter den virtuellen Raum unbesetzt lassen. Nichts zur »Climate Action Week« auf facebook, sonst nur eine Website mit einem kargen Programmzettel. Wer nicht zu den Kreisen der »Aktiven« gehört, wird nicht angesprochen. (→ Wiki was Stade?)

In der Kommentarspalte des Tageblatt, als einer der raren Stellen, an denen in der Region öffentliche Auseinandersetzung stattfindet, lassen sich die Klimaschützer anscheinend nicht blicken und bekommen nicht mit, welchen Anfeindungen das ausgesetzt ist, was sie unter sich für selbstverständlich halten. (Und wären sie anwesend, wäre es nicht zu erkennen, weil sie sich unter den »Veranstaltern« verstecken.)

»Der Klimaschutz nimmt auch in der Hansestadt Stade Fahrt auf.« Der Satz des Tageblatt ist Fake-News. Angefangen damit, dass die Zahl der Demonstrationsteilnehmer um ein Vielfaches zu hoch angegeben wurde, waren meinen Quellen zufolge keineswegs nur schwänzende Schüler unterwegs, sondern ganze Schulklassen, angeführt von Lehrer*innen.

Es waren ohnehin nie »die Schüler«, die freitags auf die Straße gegangen sind, sondern ein kleiner Teil. Näher beleuchtet wird das ungern. Keines der Kinder aus den Unterschichtskreisen, in denen ich verkehre, engagiert sich bei »Fridays for Future«.

(Eben höre ich im Deutschlandfunk einen Bewegungsforscher, der unterstreicht, dass es Gymnasiasten sind, die aufbegehren. Kinder von Hartz-IV-Beziehern besuchen keine höheren Schulen.)

In den Tageblatt-Kommentaren wird der Klassenunterschied immer wieder aufgespießt: die Kinder sollten doch gefälligst selbst mit dem Klimaschutz anfangen und auf die Annehmlichkeiten der Mehrwert-, Wegwerf- und Überflusskultur verzichten, auf das Eltern-Taxi zur Schule und das Smartphone. Mindestlohnbezieher, die sich ein Auto anschaffen müssen, weil sie es brauchen, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen, und Treibstoffkosten genau berechnen, lassen ihre Kinder sowieso anderweitig zur Schule kommen.

Neu an den Klima-Protesten ist, dass sie einen Teil der Jugend politisieren. Das gab es seit Jahrzehnten nicht. Aber es handelt sich so wenig um einen Generationskonflikt wie ehedem, als ein Teil der Jüngeren gegen Aufrüstung oder Atomkraft demonstrierte. Die Mehrheit jener Generation ging die Wege ihrer Altvorderen weiter. Eben die Großeltern und Eltern von heute, gegen die ein überschaubarer Teil der Kinder rebelliert.

»Wir sitzen alle in einem Boot« ist so eine der Parolen, mit denen Stimmung gegen jene gemacht wird, die sich der Volksgemeinschaft der Rechtgläubigen nicht anschließen wollen. (»Das Boot ist voll!«: die Identität der Metapher ist kein Zufall.) Kindern mag man solche Naivität nachsehen. Zumal wenn sie aus begüterten Kreisen stammen, kennen sie die Lebensverhältnisse anderer sozialer Schichten bestenfalls vom Monitor und werden vielleicht lebenslang nie näher damit in Berührung gekommen sein.

Die Erwachsenen, die vielleicht ebenso wenig eigene Erfahrung haben, entschuldigt das nicht, wenn sie sich nun scheinbar von den Kindern an der Hand führen lassen. Sie könnten wissen, was die Kinder erst lernen müssten: wie Staat und Gesellschaft funktionieren. Dass, wenn das Boot untergeht, die soziale Hierarchie zum Tragen kommt: die Armen ersaufen zuerst.

Man kann und sollte seinen Kindern Märchen vorlesen. Aber man sollte sie ebenso mit der Wirklichkeit vertraut machen. Politische Demonstrationen mit Märchenstunden zu verwechseln ist alles andere als fürsorglich.

Einer aktuellen Studie zufolge haben die frischen Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan es schwer, zu begreifen, dass in Deutschland alle Menschen gleich seien, weil das in ihren Herkunftsländern anders ist. An dem Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit haben auch Millionen Einheimische, darunter Ex-Flüchtlinge, zu knabbern, die danach nicht gefragt werden und stets nur eine indirekte Stimme in den traditionellen Medien haben und mit dem Überlebenskampf derart ausgelastet sind, um in den Sozialen Medien allenfalls Statusmeldungen zu posten, sich aber nicht an Erörterungen in den Kommentarspalten zu beteiligen.

Und selbst wenn 1000 statt höchstens 300 Menschen in Stade von Parkplatz zu Parkplatz marschiert wären, hätte keineswegs, wie die Zeitung behauptet, der Klimaschutz Fahrt in der Stadt aufgenommen, sondern allenfalls der Protest für mehr Klimaschutz. (Was zu beweisen wäre; ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die Zahlen der FFF-Demos in der Stadt zusammenzustellen. Ein Video vom Streik-Marsch bei FFF auf facebook zeigt zwei Ausschnitte des Zuges, die mehrfach hintereinander kopiert sind und keine verlässliche Schätzung erlauben. Dort werden 800 genannt.)

Die Weltsicht ihrer Auftraggeber (als Anzeigenkunden oder Klassengenossen) zu bestätigen und dabei die Wirklichkeit mit Zuckerguss zu überziehen ist freilich das Geschäftsmodell der Zeitung. Was realiter bei der »Klimawoche« vorgeht, wird aus ihr so wenig zu erfahren sein wie von den »Veranstaltern«.

Die Guten mit den Markenrädern und E-Autos bleiben unter sich; soll die Bösen doch der Teufel mit dem Bus holen.

Bahnhof Stade (Foto: urian)
Der erste Hinweis im Stadtbild auf die »Klimawoche«, den ich sehe, am 22. 9. im Bahnhof Stade.

Das um eigene Ideen stets verlegene Stader Tageblatt hängt das Fähnchen während der »Klimawoche« in das, was für den Wind des Wandels ausgegeben wird. Merke: wenn das Verlautbarungsorgan der Profiteure des Status Quo mitmacht, kann es höchstens ein Wandelchen sein. (Als Sprachrohr der Macht seit dem Kaiserreich bewährt, wie sich im Stadtarchiv Ausgabe für Ausgabe nachlesen lässt, auf Hitler-Kurs lange vor 1933; mit einer Auflage von 20.000 aktuell bedeutender als gewichtig.)

In der Ausgabe vom 24. September 2019 findet sich neben Klimakrisenkitsch ein Satz, der den Wandlern den Wind aus den Segeln nimmt. Es geht um die benachbarte Großstadt und etwas, das in Stade niemanden zu interessieren braucht.

»Wenn der Klimawandel auch nicht gänzlich aufzuhalten ist«, heißt es, »so wappnet sich Hamburg zumindest gegen die Folgen: Unter dem Hein-Klink-Stadion in Billstedt baut die Stadt eine bundesweit einmalige Pilotanlage gegen Überflutungen nach Starkregen.«

Der Lokalanzeiger zündet Stufe zwei der Klimadebatte, während alle Welt noch auf der ersten herum trampelt und schreit.

Die verlorenen Jahrzehnte, in denen sich Umweltschutz als Spielzeug für Begüterte etablierte und mit Mülltrennungssystemen anal-moralische Standards zu setzen versucht wurde, lassen sich nicht aufholen. Der Zug ist abgefahren. Höchste Zeit, sich für den Wandel zu wappnen mit Investitionen in Katastrophen- statt Klimaschutz.

Es macht keinen Unterschied, wenn eine 16-Jährige aus der schwedischen Oberschicht wie dieser Tage in New York Wasser statt Wein predigt. Die CO2-Bilanz ihrer Reise über den Ozean wird tagelang erörtert. Von Vielfliegern, die um keinen Begründung verlegen sind, warum diese oder jene ihrer Reisen unabdingbar notwendig ist. Luxusprobleme aus dem Lehrbuch. Unterdessen treten andere die einzige Reise ihres Lebens an und ertrinken womöglich.

Bei der »Klimawoche« wird das Internet als »heimlicher Klimakiller« vorgestellt. Das Tageblatt plappert nach und illustriert mit einem Monitor, auf dem Netflix läuft. Heute haben die Gymnasiasten also gelernt: Wer überschüssiges Datenvolumen zu versurfen hat, wird sparsamer sein können.

Alle anderen müssten das Internet aufgeben, um nicht mehr zu verbrauchen. Verringerung ist das Gebot der Stunde, Askese das Ideal. Freilich nur unter denen, die abzuspecken haben.

(Nebenbei: die »Smartphone-Schnitzeljagd durch Buxtehude« zum Auftakt der Aktionswoche wäre demnach kontraproduktiv?)

»Wir können Sie es wagen!« Sie können es, weil sie unter sich bleiben. In den Kreisen, aus denen die Besagte selbst stammt. Kein Mindestlohnbezieher verirrt sich zu den Veranstaltungen der »Klimawoche«. Verzichtsaufforderungen müssen sie sich nicht anhören, danach leben sie längst. Armut ist der effektivste Klimaschutz.

Die Begüterten entdecken Fasten als Sport und geben das als Bewusstseinswandel aus, der gefälligst Modell zu sein hat für den Rest der Menschheit. Sie können es sich leisten. Die Armen werden unverdrossen nach mehr streben, und die CO2-Bilanz oder ein höheres Bewusstsein werden in ihrem Überlebenskampf egal sein.

Während in Stade mit dem Klima gekaspert wird, geht man in Hamburg ans Werk. Der Einbruch von Naturgewalten in die Zivilisation ist unabwendbar, finden die Behörden und halten eine Sintflut in Billstedt für realistisch. Wie damals, als die U-Bahn-Stationen für den Atomkrieg ausgerüstet wurden.

Wenige Tage, bevor allenthalben der fröhliche Klimawandel als Pseudo-Streik demonstriert wurde, war im Lokalanzeiger zu lesen, dass die Deiche an der Elbe erhöht werden müssten. Das blieb, so weit ich es sehe, ohne Widerhall.

Höhere Deiche bedeuten breitere Deichanlagen. Gegenwärtig grenzt der Deichfuß im Alten Land oft an eine Straße, an die wiederum die Bebauung anschließt. Verbreiterung des Deichs kann nur heißen: weg mit der Straße.

In Hamburg-Billstedt wird also Vorsorge getroffen. In Stade redet man nicht über Deiche, sondern das Internet. Das liegt scheinbar näher und tut bestimmt nicht weh.

Die Demonstrationen schreien »die Politik« an, endlich etwas zu unternehmen. Wobei »die Politik« wie »die Machthaber« klingt, während doch in einer Demokratie die Macht in den Händen des Volks liegen sollte. Wer schreit eigentlich wen an?

In Wirklichkeit heißt das Schmierenstück nicht »Greta und die alten weißen Männer«. Aber die Knallchargen, mit denen in den Medien die Hauptrollen besetzt sind, verstehen es nicht besser.

Ansonsten werden während der »Klimawoche« Anregungen zum Bewusstseinswandel auf privater Ebene gegeben. Man redet über Automarken statt die Verkehrskultur so radikal in Frage zu stellen, wie es nötig wäre, wenn die Klimapanikmache aus denselben Mündern im Recht wäre.

Soeben wurde in Stade die Einrichtung eines Parks statt eines Wohngebiets beschlossen. Ein Park an der betreffenden Stelle wird ohne zugleich ausgewiesene Parkplätze kaum Zulauf haben. Das soll er mutmaßlich auch nicht.

Es ging vor allem darum, die Ruhe der bisherigen Anwohnern nicht durch Neuzugänge zu stören. Ein mit erheblichen Kosten gestalteter Park ist Verschwendung an wenige Hundehalter. Immerhin wird die CO2-Bilanz der Stadt insgesamt verbessert. Jedenfalls wird man das später behauptet haben.

Wie hoch ist übrigens der Wert? Wie ist Stade in dieser Hinsicht zum Beispiel gegenüber Buxtehude aufgestellt? Wird das überhaupt gemessen?

Wie ich schon sagte: wie wäre es mit Urban Gardening auf dem leeren Oberdeck des kontraproduktiven Parkhauses? (→ Parkhaus Wallstraße Stade)

Ich schlendere durch die Einkaufsstraße. Geht es letztendlich nicht bloß darum, das Geld umzuverteilen? Ich sortiere das Warenangebot nach Klimaverträglichkeit. Beim Blumenhändler stutze ich.

Sollten Blumen steuerlich begünstigt werden? Aber die hier verkauften stammen vermutlich aus Gewächshäusern, deren Betrieb mehr CO2 verbraucht, als die Pflanzen auf dem Fensterbrett wett machen können.

Eine neue Klimamoral ist überfällig. Wenn ich eine Zigarette rauche, schade ich der Umwelt; also wird mir Fußgänger das Rauchen bald verboten. Die SUVs dürfen weiter herum kurven, weil Autofahren ein Deutschenrecht ist (ein Menschensonderrecht oder Sondermenschenrecht) und die Autoindustrie ein unverzichtbarer und ach so toller Arbeitgeber. Zur Erinnerung: das ist das Abgasbetrügerkartell.

Und natürlich dürfen die SUV-Chauffeure weiterhin Alkohol verzehren. Es wird sich eine Berechnungsmethode finden, wonach die Vergärung bei der Herstellung die CO2-Bilanz verbessert und eine Fahne nach dem Konsum noch die Insektenpopulation begünstigt.

Die Heilige Jungfrau, Verzeihung, Jeanne d’Arc, Verzeihung, Greta Thunberg hat es gesagt, und danach wird gehandelt: Deus vult. Die umgeleiteten Jet-Streams werden womöglich eine Menschheit verheeren, die bereits den Verstand verloren hat. Außer in Hamburg-Billstedt, versteht sich.

Klimawoche Stade (Foto: urian)
Das ist jetzt der Aufbruch! Klimazirkus auf dem Sande in Stade am 26. September 2019. Am Mikrofon spricht für die Zukunft eine Stimme aus der Vergangenheit, der Landrat. Im Vordergrund Autos.

Die »Klimawoche« ist vorbei, die Geschäfte gehen wie gehabt weiter. »Politik ist sich einig: Für den Klimaschutz handeln«, titelt der Lokalanzeiger am 3. Oktober 2019. Und dann folgt der Text von »Fridays for Future« als Aussage der Politik, wie oben zur Demo zum Start der »Aktionswoche«: »Endlich aufhören nur zu reden, sondern Taten folgen lassen, um das Klima weniger zu belasten als bisher – diese Haltung war Konsens während der jüngsten Sitzung des Stader Rates.« Der Rat hat gesagt, er will mit Reden aufhören; von Handlungen berichtet die Zeitung immer noch nichts. Bis zur nächsten »Climate Action Week«. Und dann wirklich auf Plattdeutsch. Sonst derselbe Ringelpietz.

Siehe auch:

Kein Wort mehr vom Klima
Klimatäuscher unter sich

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