Zum überfälligen Verkehrskulturwandel anlässlich eines E-Roller-Unfalls

Nachdem die Automobile mit Knautschzonen und Airbags ausgestattet worden waren, wurden Unfallgefahren verringert, und man konnte unbesorgter rasen. Überhöhte Geschwindigkeit blieb die beliebteste Unfallursache. Den meisten konnten es nicht schnell genug gehen, und die Industrie stattete ihre Erzeugnisse entsprechend aus. Zwar war es nur selten möglich, die Spitzengeschwindigkeiten zu erreichen, und Alltagsfahrer standen die längste Zeit im Stau, aber die Einbildung war realer als die Wirklichkeit. Freie Fahrt für freie Bürger.

Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder gar mit dem Zweirad unterwegs war, galt den Besitzbürgern als Prolet oder Spinner. Inzwischen haben sie ihre einstige Verachtung vergessen und sind selbst aufs Rad gekommen. Bus und Bahn benutzen sie weiterhin selten, aber Radfahren ist schick, als Lifestyle angesagt bei jungen Leuten und Rentnern. Zumindest bei Sonnenschein. Sobald es regnet, steigt die klimabewusste Bürgerschaft nach wie vor in ihre Autos.

Radfahren ist unverändert riskant. Keine Knautschzone, kein Airbag, allenfalls ein Helm gegen Schädelbruch. Also mehren sich die Unfälle. Gern werden Radfahrer von Lastkraftwagen beim Abbiegen überrollt. Wie den Autofahrern kann es den Radlern nicht schnell genug gehen. Selbst gejagt von den Autos jagen sie Fußgänger. Sie machen aus den Gehwegen, die die fehlenden Radwege ersetzen, ihre Rennstrecken.

Der Einsatz der Körperkraft beim Radfahren ist unbequem. Nachdem die Räder mit Elektromotoren versehen wurden, kam die Industrie darauf, Roller zu motorisieren. Ein Bedürfnis wurde erzeugt, das Produkt mit einem Lifestyle-Image versehen und schließlich massenhaft auf den Markt geworfen.

In Paris wurde das Rollerwesen unterdessen zwar zur Plage erklärt, aber in Deutschland will man seine eigenen Erfahrungen machen. Eine Lokalzeitung auf dem flachen Lande veröffentlicht einen Werbeartikel für das Rollern in der benachbarten Großstadt, als bestünde kein Unterschied in den Verkehrsverhältnissen. Hauptsache, der Schick-Faktor kommt rüber.

Die britische YouTuberin Emily Hartridge wurde nun mit 35 Jahren Opfer des Lifestyle und starb bei einem E-Scooter-Crash. Die näheren Umstände werden nicht verbreitet. Jedenfalls war ein Lastkraftwagen beteiligt.

Mit 35 war ich Radfahrer und damit ein Sonderling. Die paar Radwege entlang der Landstraßen schienen nur für mich gemacht. Sie werden heute nicht nennenswerter genutzt. Es ist nach wie vor eine Autofahrerwelt. Ich habe das Radfahren als zu gefährlich aufgegeben.

Mit 35 war ich den Herausforderungen gewachsen und bereit, sie auf mich zu nehmen. Sich auf dem Rad gegen die Autos zu behaupten ist nicht leichter geworden und hinzu gekommen ist die Konkurrenz durch andere Radfahrer auf den weiterhin eng begrenzten Wegen. Falls ich mich vom Autoverkehr fern hielte, hätte ich immer noch die zweirädrigen Raser oder jene am Hals, die so mit dem Beherrschen ihres Fahrzeugs beschäftigt sind, dass ihnen die Aufmerksamkeit für die Umgebung abgeht und ich für sie mit Acht geben muss.

In einer Autowelt haben alle anderen das Nachsehen, noch dazu, wenn sie derselbe Wille zur Raserei beherrscht, dem sie im Zweifelsfall unterliegen, wenn sie auf jene treffen, die über Knautschzonen und Airbags verfügen.

Noch habe ich im Bezirk meiner Kleinstadt erst zwei, drei E-Roller gesichtet, auf glatt asphaltierten Radwegen. Es schien nicht, dass sie auf unruhigerem Pflaster und mit viel Verkehr sicherer unterwegs wären als die Rentner, die zum Ausflug auf den Sattel steigen und das Lenken lernen, während sie zwischen Rad- und Gehwegen kreuzen und nur so viel begriffen haben, dass sie auf der Straße mit dem Tod um die Wette fahren.

Hauptsache, der Schick-Faktor stimmt. Wie früher über die angesagten Automarken tratscht man heute über den Gartenzaun von den besten egozentrischen Ritzeln oder den schnellsten E-Scooter. Das Bewusstsein ist anderswo.

Meine Anmerkungen sind mitnichten schwarzseherisch und makaber. Inzwischen hält ein Versicherungskonzern es für angezeigt, auf das erhöhte Todesrisiko durch E-Bikes hinzuweisen. Sobald ausreichend Daten vorliegen, wird sich die Branche zum E-Roller-Verkehr wohl ähnlich einlassen.

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