Ende eines Geschäftsmodells: Bis 2021 muss die Energieerzeugung aus Wind neu erfunden werden

»Der schwierige Weg zu neuen Windrädern« ist ein Feature von Kay Bandermann im → Deutschlandfunk betitelt, das ich mit Kopfschütteln höre. Es beginnt mit der Schilderung des Abbaus eines fast 20 Jahre alten Windparks. Mit dem Ende der Stromeinspeisevergütung 2021 lohnt der Betrieb nicht mehr: keine Rendite für Investoren zu kassieren.

Darauf bezieht sich mein Kopfschütteln. Vor mehr als 20 Jahren, im Frühjahr 1997 hatte ich mich erstmals mit Windenergie beschäftigt und mit einem Co-Autor unter dem Titel »Windkraft – Landwirtschaft der Zukunft« über die Anfänge dessen geschrieben, was im DLF rückblickend als »Boom« bezeichnet wird.

»Klagen von Naturschützern, Widerstand bei Bürgern, lange Genehmigungsverfahren« werden im August 2019 als Hindernisse der »Energiewende«, in der die Windkraft ein wesentliches Element sein soll, benannt. Alles schon dagewesen: in meinem privaten Archiv finden sich Artikel vom Herbst 1998 über flächendeckende Proteste von Bürgern und Klagen von Betreibern über die bürokratischen Prozesse.

Ein Aspekt fehlt im Feature des DLF. Ihn liefert eine Pressemitteilung der niedersächsischen Bundestagsabgeordneten der AfD, Armin-P. Hampel und Jens Kestner (→ Männerfantasien) mit dem Titel »Windige Geschäfte«.

Ebenfalls nichts Neues. Zwielichtigen Machenschaften waren 2004 staatsanwaltliche Ermittlungen gewidmet, über die ich exklusiv berichtete, bevor sie eingestellt wurden. Warum – das mitzuteilen ist die Anklagebehörde nicht verpflichtet und überlässt es der Spekulation, falls die Öffentlichkeit überhaupt genug erfährt, um eine solche anstellen zu können.

Die AfD macht vornehmlich mit Hass auf alles, was dem deutschen Spießbürger fremd ist, von sich reden. Aber nicht nur. Im Norden hat sie die unübersehbare Windkraft für sich entdeckt. Die Einfältigeren unter ihren Propagandisten begnügen sich damit, Theorien zu posten und zu liken, die Windräder für Orkane oder den myriadenfachen Tod von Vögeln und Insekten verantwortlich machen.

Wie das Feature des DLF aufzeigt, ist die Ernte von Windenergie allerdings mit echten Problemen verbunden, die sich nicht mit einem Kopfschütteln erledigen lassen. Die AfD benennt eines, von dem alle anderen gern absehen.

Es ging bei der Windkraft stets in erster Linie um Kohle. »Mit ökologischer Energiegewinnung zum Vorteil des Verbrauchers hat diese grün-getriebene Umweltlüge herzlich wenig zu tun!«, poltert die AfD und hat nur halb Recht. Die Partei der Grünen hat den Ausbau der Windkraft nicht wesentlich angestoßen und anfangs sogar kritisch begleitet. Die Politik hatte überhaupt nichts mehr zu melden, nachdem die Gesetze verabschiedet waren, um das Kapital fließen zu lassen.

Die Nutzung von Windenergie im Norden Niedersachsens erfolgte nicht aus ökologischen Gründen und gar in Hinblick auf die Klimakrise, von der in den 1990ern die Mehrheit der Bevölkerung noch nie gehört hatte und nichts hören wollte. Windkraft war ein Geschäftsmodell. Beteiligt waren die damals vor allem in Ostfriesland ansässigen Rotorhersteller und ein Unternehmen aus Cuxhaven, das die Betonmasten aufstellte.

Die Stromeinspeisevergütung garantierte die Preise für die Windenergie. Bezahlen mussten sie die Bewohner der Region, in denen sich die Rotoren drehten. Seit 1. Januar 1997 galten Windenergieanlagen in Niedersachsen als »privilegierte Bauvorhaben«. Die Gemeinden hatten kaum eine Möglichkeit, Anträge abzulehnen. Aufgestellt wurden durften Windräder nur in Form von Feldern, die als »Bürgerwindparks« etikettiert wurden.

Nicht «die Bürger« profitierten, sondern bestimmte Investoren: ein Zahnarzt aus München beispielsweise. Ihr Gewinn entstammte den Kassen der Bürger, die das Pech hatten, in einer windigen Gegend zu leben. Für die Landwirte, auf deren Grund die Masten standen, fielen ein paar Euro ab. Planungsbüros wurden gegründet, um ihre Einnahmen damit zu erzielen, den bürokratischen Vorschriften für die Errichtung von Windparks zu genügen.

Eine überschaubare Branche, die gleichwohl unübersehbar wirkte und eine Landschaft prägte. Arbeitsplätze, mit denen die Politik sonst gern ihre Entscheidungen legitimiert, entstanden keine in der Region, die finanziell wie ästhetisch für das Geschäftsmodell aufzukommen hatte.

In den Bürgerinitiativen, die vor 20 Jahren gegen die »Verspargelung« protestierten, waren auch Grüne vertreten und verwiesen auf das, was bis heute gilt: es gab kein übergreifendes Konzept. »Verhindern wir den Windpark hier, entsteht ein paar Kilometer weiter trotzdem ein anderer.« Die Trassen zur überregionalen Weiterleitung des Stroms konnten kein Kriterium für die Auswahl der Standorte sein, weil es sie nicht gab und weiterhin so gut wie gar nicht gibt. Es war »Wildwuchs«.

Von Energiewende war nur in der Werbung die Rede. Dass die Probleme, die mit dem endgültigen Verzicht auf Kernenergie und Kohleverstromung dringlich geworden sind, mit dem Modell Bürgerwindpark nicht zu lösen wären, war allen Kundigen klar. Gleichwohl wurde die Speicherung und Weiterleitung des Stroms vernachlässigt. Strom wurde produziert und nie vollständig verbraucht, aber jedenfalls bezahlt, so dass die Kassen der Investoren sich regelmäßig füllten.

Ein Ausbau der Windenergieerzeugung kommt nicht in Betracht, solange Speicherung und Weiterleitung nicht gewährleistet sind. Dagegen muss die Alternative für Deutschland sich nicht wehren, die im Kreistag zu Stade fleißig Fragen und Anträge zum Thema stellt, die regelmäßig abgeschmettert werden.

Für ihre Forderung nach einer Reduzierung von Windkraftanlagen verweist sie auf »hunderttausende toter Vögel und Fledermäuse«, »mehr als eine Billion Insekten jährlich«, »Infraschall und Schlagschatten« sowie »Schlafstörungen«. Das waren die Einwände radikaler Naturschützer und Nachbarn von Windparks seit 20 Jahren.

Neu ist das, was im Geschäftsmodell Atomkraft vorgesehen war und freilich im Fall der abgeschalteten Anlage in Stade auch nicht funktioniert, und woran bei der Windkraft niemand gedacht zu haben schien: der Rückbau der Rotormasten. Wenn in zwei Jahren das Geschäftsmodell ausgelaufen sein wird, werden Kommunen, auf deren Gebiet sich Windparks befinden, mit Ruinen zu tun bekommen.

Die übrige Politik schweigt über die Zukunft der Turbinenfelder, die alle paar Kilometer im Vorbeifahren zu sehen die Bürger gewohnt sind. Der konfuse Vortrag der AfD erleichtert es denen, die in der Vergangenheit das Geschäft mit Windkraft vor ihrer Haustür bedingungslos befürwortet haben, mit den Anträgen der Außenseiter zugleich das Thema vom Tisch zu wischen.

Werbeanzeigen