Auf energiefressenden Werbetafeln wird für das Energiesparen geworben

Förmlich ist Deutschland nicht im Krieg, noch nicht. Aber der russische Machthaber bestimmt bereits hierzulande, wo es langgeht. Energiesparen ist das Gebot der Stunde. Indem Putin den Gashahn zugedreht hat, nimmt er Einfluss auf den Alltag der Deutschen. Nicht direkt, sondern vermittels einer politischen Klasse, die ihr eigenes Versagen und ihre Unwilligkeit, Lösungen zu finden, auf das Gewissen der einzelnen Bürgerinnen und Bürger abwälzt.

Wer keinen Sparduschkopf besitzt, wer länger als acht Minuten duscht, wer den falschen Thermostat an der Heizung hat, wer nicht die richtigen Töpfe zum Kochen benutzt – gilt ab sofort als Vaterlandsverräter*in. Dem Vernehmen nach sollen sich auf facebook schon die ersten Gruppen gebildet haben, die Energieverschwender an den Pranger stellen. Die Unverletztbarkeit der Wohnung soll aufgehoben werden, damit Kontrollen der Energiesparmaßnahmen durchgeführt werden können. Ein Bußgeldkatalog ist in Arbeit. Hartz-IV-Bezieher können ohnedies jederzeit unangemeldet inspiziert werden. Ihnen drohen Sanktionen, wenn sie keinen Sparduschkopf benutzen. Dass in ihrem „Warenkorb“ und „Regelsatz“ genannten Budget dafür kein Geld vorgesehen ist, wird als faule Ausrede gewertet. Sie hätten ja im vorigen Jahr bereits dafür zu sparen anfangen können.

Wer unbedingt wie eine besengte Sau im Auto durch die Gegend brettern will, darf sich hingegen weiterhin als vorbildliches Mitglied der Volksgemeinschaft fühlen. Ein Tempolimit zur Energieeinsparung und für eine Verbesserung des Klimas kommt nicht in Frage. Und die Regierung, die den Regierten mit erhobenem Zeigefinger droht, wenn sie zu viel duschen, empfiehlt keineswegs, langsamer zu fahren.

Die Regierung meint es auch nicht wirklich ernst. Sie will nicht Energie einsparen, sondern die Regierten einschüchtern. Sie will ihnen das schlechte Gewissen einreden, dass sie selbst haben müsste, weil sie etwa in Gestalt der Grünen den Ausbau der Windkraft verhindert haben, dessen Blockade sie inzwischen allen anderen zuschreiben und die eigenen Hände in Unschuld waschen. (→ Windkraft und Kohle)

Nein, Verstand und Logik haben die Politik in Berlin nach wie vor nicht angekränkelt. Und inzwischen tun es wirklich: Sie verbreiten ihre „Energiespartipps“ über stromfressende 2,52 mal 3,56 Meter große Werbetafeln. Die verbrauchen pro Stück im Jahr 40.000 Kilowattstunden. Der Verbrauch eines Zwei-Personen-Haushalts liegt bei 3.500 Kilowattstunden.

Schon tagsüber rasen Autos und Radfahrer zu rasch vorbei, um die Texte lesen zu können. Als ich um Mitternacht das Geleuchte unweit meines Fenster fotografiere, sind nicht einmal Fußgänger unterwegs, und die Botschaft geht ganz ins Leere und ist pure Verschwendung.

Allein bei „mein plakat“, dem Betreiber der Werbetafel am Lokstedter Steindamm in Hamburg, reibt man sich die Hände und füllt sich die Taschen. Und bei der Stadt, die im Jahr 27 Millionen Euro für die Vermietung der öffentlichen Flächen an die Werbetafelbetreiber kassiert. Kapitalismus eben. Auf dem Tisch der Gebrauchswerte tanzen die Images Polka.

„Jede Kilowattstunde zählt.“ – „Wer Energie spart, stärkt Deutschlands Unabhängigkeit.“ Die Politik der dummen Sprüche hat einen vorläufigen Gipfel erklommen.