Mit Abfallentsorgung in der Inneren Stadt will »Fridays für future« in Stade das Klima verändern

Als alter weißer Mann muss ich ja eigentlich den Mund halten, oder? Dass ich das noch mal erleben darf: dass Guthmenschen ihren Rassismus ungehemmt ausleben und dafür auch noch Beifall erwarten dürfen. Jugendkult ist angesagt. Sechzehnjährige Bürgersöhnchen und -töchterchen wollen mir sagen, wo es lang geht.

Jetzt haben sie auch in Stade zugeschlagen. Und ich muss das ernst nehmen, als alter weißer Mann, dessen Wissen und Erfahrung wertlos und lästig sind angesichts der Urgewalt aufbrausender Hormone. Bildung hat zu kapitulieren, wenn Instinkte und Gefühle hochkochen.

Es hat mir ohnehin nahezu die Sprache verschlagen, als ich las, womit die herrische Jugend in Textbildchen, wie sie in den Sozialen Netzwerken üblich sind, mit Schlag-Worten die Erde vor der Klimakatastrophe retten will. »Mehr Mülleimer im Innenstadtbereich« steht da.

Wenn Sie mit dem Lachen fertig sind, oder falls Sie gekotzt haben, kann ich mir einen Kommentar sparen und auf die Sarkasmen verzichten, die sich dazu aufdrängen.

40 Jahre lang habe mir die faulen Ausreden der Großeltern und Eltern dieser Kinder anhören müssen, warum sie beispielsweise keinesfalls auf ihr Automobil verzichten können oder ein kleineres fahren und mich blöd anmachen lassen müssen, weil ich mit dem Rad unterwegs war. Und jetzt kommen die Kids mit ihren ererbten Anal-Fantasien daher. Was immer »Fridays for future« insgesamt in Gang gesetzt haben mag – in Stade trampeln diese trotzigen Kinder auf derselben spießbürgerlichen Stelle wie ihre Vorfahren.

Alles ein Abfallproblem, global wie sozial. Mehr Mülleimer für alte weiße Männer, die nicht nach der Pfeife der »Anständigen« (→ Unwort Anstand) tanzen wollen. Wenn das die Zukunft ist, bleibe ich der Vergangenheit. Kinder an die Macht – aber bitte erst, wenn ich eine Leiche bin.

Als ich sechzehn war, haben mich die Analfixierungen der Altvorderen genervt; so früh vergreist ist der »politisierte« Teil der Jugend heute also wirklich. Aber siehe doch, wie verantwortlich sie sich verhalten! Um ernst genommen zu werden, reicht es indes nicht, eine Leichenbittermiene aufzusetzen und wichtig zu tun, während man »Mehr Mülleimer im Innenstadtbereich« sagt. (Näheres zur Kulturanthroplogie des Abfalls: → In der Senkgrube)

Gesindel wie mich meinen sie nicht, wenn sie schreien, man habe ihnen die Zukunft geklaut. Das waren ihre bürgerlichen Eltern in ihrer spätkapitalistischen Wohlstandsgesellschaft.

»Kostenloser ÖPNV für Schüler & Azubis« fordern die futuristischen Freitägler auch. Wie unerhört revolutionär! Ich gehe in die Knie vor so viel Mut vor Fürstenthronen! Vor 40 Jahren forderten einige ihrer Großeltern in Buxtehude kostenlosen ÖPNV, der damals noch nicht so hieß, für alle. Bekanntlich vergeblich. Aber das geht den jungen Wilden ohnehin zu weit. So verantwortungsvoll sind sie. Man kann es auch vorauseilenden Gehorsam nennen.

Das Gesindel, das sich kein Auto leisten kann, soll nicht kostenlos fahren dürfen, nur ihresgleichen. Sie haben schon kapiert, wie Kapitalismus geht: jeder gegen jeden. Also werde ich in meinen letzten Lebensjahren mein bisschen Zukunft gegen diese Jugendbewegung verteidigen müssen, die solche wie mich lieber heute als morgen in einem Mülleimer stecken möchte. Immerhin: darin sind sie mit ihren Großeltern und Eltern einig. Was für eine schöne Volksgemeinschaft!

Vorhin habe ich einen zugereisten Obdachlosen, der sein Lager am Rande des Platzes Am Sande aufgeschlagen hat, gewarnt, sich einen anderen Platz zu suchen, wenn das Altstadtfest beginnt, für das nebenan gerüstet wurde. (→ Der leere Kasernenhofplatz) Irgendeine besoffene Horde könnte ihn ins Visier nehmen.

Vor ein paar Jahren noch hätten Ordnungsamt oder Polizei den Berber aus dem Stadtbild entfernt. So liberal kann es unterdessen in Stade zugehen. Das wird sich ändern, wenn erst mehr Mülleimer aufgestellt sind.

Ich habe etwas falsch verstanden? Im Gegenteil, ich habe nur zu genau verstanden und auf das Sein hinter dem Schein-Bild geblickt.

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