Der Platz Am Sande als Symbol der Politik in Stade

Der Kasernenhofplatz ist die prominenteste und umfangreichste Abseite der Inneren Stadt. Vor einem Vierteljahrhundert starrte ich einige Monate lang hinter dem Monitor durch das Fenster meines Zimmers auf die kahle Fläche. Aus dieser Perspektive war der Blick auf die Ödnis, als meditiere ich am Meer. Das graue Rechteck war wie ein leeres Blatt mit einer zarten Lineatur aus den Spalten der Pflasterplatten. Eine freie Fläche, um darauf Gedanken schweifen zu lassen.

Einst diente die Aussparung im Gassengewinkel den ringsum einquartierten Soldaten zum Exerzieren. Schließlich, nach der Verlegung der Garnison vor die Stadttore, wurde eine Grube gegraben, mit Beton ausgegossen und eine Tiefgarage installiert. Ihr Deckel ist der gähnend brache, von den Passanten gemiedene Platz. Anstelle der Kasernen erstrecken sich an drei Seiten backsteinerne Kästen, in denen Behörden, Gerichte und das Kreisparlament residieren. Als ein Wachturm erhebt sich in der hintersten Ecke der inzwischen geräumte Speicher des umgezogenen Staatsarchivs.

Der Platz ist eine Narbe im Gewebe der Gassen, das aus dem Mittelalter überkommen war. Nach dem verheerenden Brand, den die Annalen nahezu jeder Stadt verzeichnen, war das alte Wegenetz nicht wie anderswo revidiert worden, sondern der Wiederaufbau folgte dem alten Grundriss. (→ Kirchenglocken schmolzen wie Wachs) Die Bombardements des letzten Kriegs verschonten die Innere Stadt, den Backstein und die schwarzen und weißen Balken, die barocken und klassischen Fassaden. Neubauten haben sich dem überlieferten Maß anzupassen und imitieren mit oft kruden Mitteln die Stilelemente der älteren Nachbarn, als sei keine Zeit vergangen. Von einem Plan, Schneisen in die Schlingen der schmalen und schiefen, mit holprigen und schlüpfrigen Steinen gepflasterten Gassen zu schlagen, um die Innere Stadt den Bedürfnissen des Automobilverkehrs anzupassen, war nur die Tiefgarage realisiert worden.

Sogar bei drängendstem Gewimmel bleibt der Kasernenhofplatz verwaist. Im Winter tobt ein seit altersher berüchtigter Wind sich auf ihm aus, der wie gefangen durch die Gassen fegt und um Hausecken strudelt; im Sommer brütet die Hitze auf der Betonplatte. Die Bäume, die den Exerzierplatz soundsoviel 100 Jahre lang umstanden und beschattet hatten, waren beim Ausschachten der Garagengrube rasiert worden. Eine Neuanpflanzung ist so ausgeschlossen wie jede andere seither ausgedachte und probierte Nutzung der Fläche.

Die ursprüngliche Planung hatte den Garagendeckel als Standort für den alljährlichen Jahrmarktsrummel vorgesehen, doch die Belastung durch das Riesenrad nicht eingerechnet. Jahrzehnte später verfielen Verantwortliche erneut auf die Idee, den Jahrmarkt anzusiedeln und machten laut davon reden. Das frühere Scheitern war inzwischen vergessen oder in den Aktenbergen nicht wiedergefunden worden.

Der Markt kam endlich doch, mit einem kleineren Riesenrad, das der fragile Boden aushielt. Als eines Sommertages die Armee mit Panzern und Raketen ihre Wehrkraft zur Schau stellte, kam der Platz vorübergehend zu sich, indem er sich mit seiner namensgebendem Vorgeschichte verband.

Während ich dort hauste war die gepflasterte Lücke Tribüne für einen Kanzler. Die Anwohner wurden sicherheitsdienstlich überprüft, mir blieb der Aufenthalt im Zimmer gestattet. Ich mischte mich stattdessen unter die Volksmasse und kam dem Herrscher, als er den Platz betrat, zufällig nahe genug für ein wenigstens verbales Attentat. Indes war ich zu perplex von der massigen nackten Gestalt, die sich den Weg durch die Leiber bahnte.

Um die Schande des toten Platzes zu mildern, zog das Schützenfest auf. Ein Wochenende lang soffen und sangen die bewaffneten Nachfahren der revolutionären Bürgerwehren in einem weißen Zelt, das wie ein Segel verloren über der grauen Pflastersee spannte. Auch das ging vorbei. Wie die Eislaufbahn im Winter.

Gescheitert war die Umsiedlung des Marktes der Landwirte und fliegenden Händler. Das Gedrängel zwischen den Buden am Brunneneck ist zwei Mal die Woche gesellschaftliches Ereignis. Ordnungspolitikern war das Geschiebe und Gerede suspekt, sie empfanden die Veranstaltung als Verkehrsstörung und befahlen die Stände zum Kasernenhofplatz. Dort verloren sich die Leute zwischen den in weiter Leere säuberlich im Quaree aufgereihten Buden. Die Störung am Brunneneck war beseitigt, aber ohne drangvolle Enge verwelkte der Markt, die Händler blieben fort. Die Verlegung wurde zurückgenommen.

Zuletzt wurde der Deckel der Tiefgarage erst gelegentlich, dann regulär als Parkplatz freigegeben. Auch damit soll es jetzt vorbei sein. Denn die Stadtverwaltung hat sich ein überflüssiges Parkhaus mit über 600 Stellplätzen geleistet, das nicht genug Automobilisten freiwillig benutzen wollen, um wenigstens einen Bruchteil der horrenden Kosten einzuspielen. (→ Vergeblicher Ausflug) Also wird der Parkplatz Am Sande (wie wohl demnächst auch der am Hafen) zum 1. Juni 2019 geschlossen. Damit dies aber nicht als die Improvisation nach Fehlplanung erscheint, die es ist, und Fragen aufwirft, die die Stadtverwaltung nicht beantworten möchte, wird der Paravent einer geplanten Umgestaltung aufgebaut.

Eine Neugestaltung war von der FDP angeregt worden, als ich Am Sande wohnte, und sie war dafür vom Rest der politischen Kaste verspottet worden. Viel Wert wird auch diesmal nicht auf Anregungen gelegt. »Die drei besten Ideen werden mit jeweils einem Gutschein für eine Grillfahrt mit dem BBQ-Donut auf dem Stader Burggraben prämiert.« Wen das verlockt, der weiß vielleicht auch, was ein BBQ-Donut sein soll. (Irgendetwas Modisches, mit dem sich die Untoten schminken, die seit dem Mittelalter das Rathaus besetzen; Vegetarier sind von der Teilnahme ausgeschlossen.)

Es wird zugehen wie stets in Stade: alles ist längst im Hinterzimmer entschieden, und der öffentliche Aufruf soll nur Demokratie vortäuschen. Die 6000 Quadratmeter große Fläche sollte leer bleiben: als Mahnmal für die Wüste der Gedanken in den Köpfen der Lokalpolitiker.

Am Sande Stade (Foto: urian)
Letzer Blick (?) auf den Parkplatz am 31. Mai 2019
Stade Am Sande (Foto: urian)
Der Platz im Urzustand am 1. Juni 2019
Stade Am Sande (Foto: urian)
3. Juni: Inspektion der »Arkade«, durch die es seit eh und je im Regen leckt und nach dem Regen weiter tropft.

Das Gedrängel der Automobile rund um den Platz, um Zufahrt zu erhalten; ihr Kreisen, während die Lenker auf einen freien Parkplatz warten, ist schlagartig vorbei. Das Getriebe hat sich dorthin verlagert, wo es von Anfang an vorgesehen war, in die Unterwelt des Parkhauses unter dem weiten Grau, über das dann und wann Passanten streben; die meisten gehen am Rand entlang. Aufnahmen vom 6. Juni auf meinem Kanal bei YouTube:

Parkhaus Neuer Pferdemarkt Stade (Foto: urian)
Wo immer die vom Sande Vertriebenen parken, jedenfalls an diesem 7. Juni nicht im schönen neuen Parkhaus am Neuen Pferdemarkt.
Am Sande Stade (Foto: urian)
Lost place again am 9. Juni

Eine der wiederkehrenden Umgestaltungen des Platzes: Aufbauten für das Altstadtfest Mitte Juni: Bierbuden.


Gargoyle Am Sande Stade (Foto/Zeichnung: urian)

Platz Am Sande Stade Juni 2019 (Foto: urian)
Ein Köter markiert sein Revier und pisst an einem Sonntag auf den Platz, von dem er vertrieben wurde.

Inzwischen hat die FDP (siehe oben) via Wochenblatt einen Vorschlag gemacht: Ein »Willkommen-Center« auf dem Platz für die Touristenbusse, die gegenwärtig am Hafen parken. Insofern die Abfrage von Ideen nicht ernst gemeint war, wird diese, so vernünftig sie ist, nicht weiter erwogen werden. Man sieht: die FDP mischt nicht wirklich mit, sonst hätte sie sich das Nachdenken erspart.

Sandsichten

Juli 2019

Platz Am Sande Stade (Foto/Bearb.: urian)Platz Am Sande Stade (Foto/Bearb.: urian)Platz Am Sande Stade (Foto/Bearb.: urian)Platz Am Sande Stade (Foto/Bearb.: urian)

Am Sande Stade (Foto: urian)
800 Tonnen Sand werden Mitte August für Beachvolleyballer auf den Platz geschüttet. War da nicht noch was? Vom Ideenwettbewerb für die Umgestaltung ist selbstverständlich keine Rede mehr.

 

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