Das Parkhaus zum Neuen Pferdemarkt in Stade

In der offiziellen Sprachregelung ist vom »neuen Parkhaus« und seinen unbegrenzten Möglichkeiten die Rede. Die Geschichte seiner Errichtung durch die Kommune zu Gunsten der Betreiber des vor über einem Jahr eröffneten Geschäftshauses am Neuen Pferdemarkt soll nicht mehr erzählt werden, sollte sie nie und ist auch nur in Bruchstücken aus den einschlägigen Veröffentlichungen zu erfahren.

Sei’s drum, jetzt steht es da, und muss gefälligst benutzt werden. Schon bevor es fertig ist. Das soll nämlich dringend nötig sein, heißt es.

Das an selber Stelle abgerissene Parkhaus, dessen Nachfolger insofern nicht ganz neu ist, hatte ich als Nicht-Autofahrer gelegentlich aufgesucht, weil die obere Ebene einen Panoramablick bot.

Parkhaus-Panorama Stade (Foto: urian)

Ich ging dort weiter, wo ich vor sieben Monaten stehen geblieben war, im Treppenhaus des schon nicht mehr neuen Geschäftshauses (Allein unter Kunden), für dessen Betrieb das Parkhaus als unbedingt notwendig verkauft worden war, und suche einen Übergang.

Ich rufe einen Lift, steige ein und wähle die oberste Etage. Die Tür schließt, aber die Kabine bewegt sich nicht. Ich bin zwei Mal in einem Fahrstuhl stecken geblieben, vor vielen Jahren, als ich häufiger einen benutzen musste, und neige dabei nicht zur Panik. Eine Anzeige blinkt rot, aber das interessiert mich nicht; ich drücke den Türöffner und unternehme den nächsten Versuch, ins Parkhaus zu gelangen, der mich vor dieselbe verschlossene Tür wie einst im Mai bringt.

Habe ich etwelche Hinweise übersehen? Wo ein »Übergang« ausgewiesen ist, bleiben die automatischen Türen zu. Ich gebe es auf und nehme den mir bereits bekannten Zugang von der Straße neben der Passage aus Baugerüsten.

Parkhaus Stade (Foto: urian)

Es ist Donnerstag um 14.45 Uhr, ich zähle 40 Autos. Kein Wunder, das ich vom Geschäftshaus nicht weiter kam: die obere Ebene ist noch gesperrt. Mein Ausflug war vergeblich.

Ich brauche kein Ticket, aber ich hätte auch nicht leicht eines bezahlen können.

Parkhaus Stade (Foto: urian)

Die Schilder sehen aus, als sollten sie hängen bleiben, auch wenn das Gebilde zur offiziellen Einweihung fertig sein wird.

Parkhaus Stade (Foto: urian)

Ein »Warenhaus« war da mal, jetzt handelt es sich um eine andere Warenverkehrsart. Es werden doch nicht die alten Schilder sein? Das wäre dann eine Pointe.

Ist sie aber nicht. Als ich die Aufnahme bearbeite und prüfe, ob ich das Kennzeichen des Autos verpixeln muss, glaube ich zunächst, mich zu täuschen. Aber es ist wie in Blow Up. Ich entdecke keine Mordwaffe, aber der Zeichenwahn überfällt mich.

Parkhaus Stade (Foto: urian)

Die Zahl des Tieres

Die Zahl des Tieres

5. Mai 2019

Das Verschleierungsorgan der Stadt, das Stader Tageblatt, führte ein »Expertengespräch« über das an diesem Sonntag förmlich eröffnete Parkhaus in der Inneren Stadt. Als Experte gilt beim Tageblatt nicht etwa jemand, der so unabhängig wäre wie die Tageszeitung es von sich in ihrem Titelkopf behauptet, sondern einer, der mitten drin steckt wie die Redakteure selbst in dem, worüber zu berichten sie vorgeben. Die Firma des Experten »hat das in der Stadt heftig diskutierte Projekt realisiert« und darf es in der käuflichen Zeitung »über den grünen Klee« loben.

Ich habe mir die Eitelkeiten erspart und einen eigenen Eindruck verschafft. Das Gebäude ist höher als das an gleicher Stelle abgerissene Parkhaus (warum eines abgerissen wird, um ein anderes zu bauen, gehört zu den vielen Geheimnissen, die den Bau nach einhelliger Meinung der politischen Klasse der Stadt umgeben sollen) und eröffnet daher auf seiner oberen Ebene weitere Ausblicke. Außer an einer Stelle, dort, wo man einen Blick über die Innere Stadt hätte haben können.

Wäre da nicht der geniale Bauherr, der sich im Tageblatt selbst beweihräuchern darf, denn er hat den Blick mit einer Mauer verstellt. Nur an einer Ecke vor dem Eingang zum Aufzug zeigt sich das Panorama unverstellt.

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Ästhetische Fragen bei einem Parkhaus aufzuwerfen, erscheint abwegig. Aber andere Fragen sind nicht erlaubt und sollen unbeantwortet bleiben. Zum Beispiel: wer bezahlt wieviel an wen für diesen Kasten, an dem es nichts gibt, wofür sich jemand selbst loben könnte?

In Stade gilt es schon als auszeichnenswerte Leistung, wenn ein Architekt einen rechten Winkel zeichnen kann. Weil die Leute, die in der Stadt mit staatlichen Mitteln bezahlt werden, üblicherweise nicht ihrer Qualifikation, sondern ihrer Beziehungen wegen ausgewählt werden.

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Stade ist wie Sizilien; nur dass der Einsatz der Lupara überflüssig ist, weil sich alle auch ohne Gewalt an die Omerta halten. Wie das Schweigegebot eingehalten wird, macht die Tageszeitung vor, indem sie unaussprechliche Tatsachen unter haltlosem Geschwätz verschüttet.

Während ich diese Zeilen veröffentliche, meldet das Tageblatt: »Das Craft Beer und Gourmet Festival am Hafen, der Tag der offenen Tür bei der Feuerwehr an der Hansestraße, die Eröffnung des Innenstadt-Parkhauses und der verkaufsoffene Sonntag mit Autoschau: Am Wochenende waren Tausende in Stade unterwegs und trotzten dem Wetter.«

Als die Zeitung unterwegs war, scheint es geregnet zu haben. Die etwa zwei- bis dreihundert Leute, die ich erlebte, waren bei dem Sonnenschein unterwegs, den die obigen Fotos dokumentieren. Die Wirklichkeit ist in jeder Hinsicht vielfältiger, als die Schmierenschreiber*innen der Leserschaft vorgaukeln.

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Bewegte Bilder auf meinem Kanal bei YouTube:

Am 7. Juni durfte ich erleben, wie der Aufzug vom obersten Parkdeck den Betrieb einstellte, und also erkundete ich ein offenbar äußerst selten benutztes, aber sehr großzügig ausgelegtes, schlecht belüftetes, um nicht zu sagen stinkendes Treppenhaus, von dem mindestens ein ungenutzter großer Raum abgeht.

Treppenhaus Neuer Pferdemarkt Stade (Foto: urian)

Inzwischen wird bekannt, wie teuer das Schätzchen Politik und Verwaltung der Stadt ist: statt der zunächst verlautbarten 13 Mio. sind es 17,7 Mio. Euro. Wie lange muss das Parkhaus vollbeparkt sein, bis sich die Kosten amortisiert haben? Oder sollen sie das etwa gar nicht?

Gegenüber dem → Norddeutschen Rundfunk erklärte die Bürgermeisterin: »Sie habe kein Problem, all diese Zahlen offenzulegen. Sie sei bisher nur nicht danach gefragt worden.« Heißt das, die Stader sind derart an Hinterzimmerpolitik gewöhnt, dass sie nicht einmal fragen, was ausgemauschelt wird?

Parkhaus Neuer Pferdemarkt Stade (Foto: urian)
Wo immer die vom Sande Vertriebenen parken, jedenfalls an diesem 7. Juni nicht im schönen neuen Parkhaus am Neuen Pferdemarkt.

 

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