Passage durch das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg

Ich bin ungezählte Male durch das Museum geschlendert und betrachte manche der inszenierten Räume unter dem Aspekt der Veränderung. Die Blätter aus der Maximiliana von Max Ernst, bei denen ich sonst nicht versäumt habe vorbeizuschauen, sind nicht mehr ausgestellt? Oder habe ich sie hinter einer der Biegungen in diesem Irrgarten verpasst?

Stattdessen habe ich Bildwerke von Otto Waalkes gesehen; Filme liefen auch allenthalben. Sie haben das Gros der Besucher angelockt. Meine Förderin und ich hatten die meisten anderen Gänge und Säle für uns.

Die Sonderausstellung zu »1968« wird flüchtig gemustert. Ich war damals zehn und bin seither so oft darauf verwiesen worden, dass es für den Rest meines Lebens reicht.

Präsentiert wird eine Vinyl-Platten-Sammlung. Da liegt die Scheibe von Santana, die sich einst auf meinem Teller drehte. Daraus bezog am Vortag die Nachrichtensendung im Deutschlandfunk eine Zwischenmusik. Sentimentalität ist Alltag und kommt ohne Museum aus.

Schulklassen mögen hier etwas lernen können, aber sie in den schummrigen Räumen zu handhaben dürfte schwierig werden; erst meine Vorgängerin, dann ich stolperten über dieselbe Ecke am Boden, während wir auf Leinwandflimmern starrten.

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Foto: urian)

In Sachen Politik habe ich an anderer Stelle eine Lektion erhalten. In dem Hanselstädtchen, in dem ich mich überwiegend aufhalte, wird der Protest gegen den »G20 Summit« vom vorigen Sommer in der richtigen Hansestadt vornehmlich mit Krawallen identifiziert; der Lokalanzeiger kann gar nicht genug davon kriegen und beliefert seine Kundschaft bis heute regelmäßig mit Berichten über anhängige Strafverfahren.

So war mir komplett entgangen, was ein Video im Museum dokumentiert: 1000 Gestalten, eine »performative Kunstaktion« vom 5. Juli 2017 auf dem Burchardplatz, bei der sich »verkrustete Gestalten« aus ihren »erstarrten Strukturen« erhoben.

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Foto: urian)

Eine eigene Inszenierung ist den expressionistischen Tanzkostümen gewidmet, die 1986 auf dem Dachboden des Museums entdeckt wurden und seit einer Sonderausstellung 1997 dauerhaft präsentiert werden. Die Masken mit Namen wie Skirnir, Toboggan oder Kipplefips sind grotesk im eigentlichen Sinn, gleichermaßen lustig wie schaurig.

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Foto: urian)

In der Geschichte des Tänzer-Paares, das sie Anfang der 1920er erdachte, herstellte und in ihnen in eigenen Performances auftrat, überwog schließlich das Finstere. »Gattenmord«, titelte das Hamburger Fremdenblatt am Abend des 18. Juni 1924. »Heute morgen erschoss die 28-jährige Ehefrau Lavinia Holdt ihren 25 Jahre alten Ehemann, den Artisten Walter Holdt.«

Morgens um sieben hatte die Frau dem Mann, der sich gehen ließ und nie aufstehen wollte, obwohl sie seit einem Jahr für einen Sohn zu sorgen hatten, eine Schusswaffe an den Kopf gehalten, als er schlief und zwei Mal abgedrückt.

Dann lief sie ins Treppenhaus, rief, sie habe ihren Mann erschossen und werde sich selbst umbringen, kehrte in die Wohnung zurück und schoss sich selbst in den Kopf. »Frau Holdt wurde in bedenklichem Zustand ins Krankenhaus St. Georg gebracht«, meldete das Fremdenblatt. Sie starb am nächsten Tag.

Vier Sätze der Toten Frau ist der Titel einer »Tanzschrift« von Lavinia Schulz, die 1921 in Holz gestochen wurde. Sie und Holdt schrieben: »Wir wohnen in unserer Heimat. Wir besitzen keinen Boden und haben den Kontakt zur Erde unserer Heimat verloren. – Wir sind Menschen arischer Rasse. Wir sind uns über unsere Rasse klar. Unser geistiges Urbuch ist die Edda. […] Ich bin typisch deutsch [,] und deutsch im Sinne ›arisch‹ ist ganz aus der Mode gekommen. Kein Volk der Erde hat seine geistige Eigenart so verloren wie das deutsche Volk!«

Heute, in Anbetracht der Nachklänge, klingt das schauerlicher, als es gedacht war, aber auch grässlich gegenwärtig. Für Propaganda irgendeiner Art freilich waren diese Puppen und ihre Macher nie zu gebrauchen.

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Foto: urian)

Die Blicke springen im Museum hierhin und dorthin, bleiben hängen oder schweifen wieder ab. Eben glotzt mich eine Figur im Ausdruckstanz an, dann verharre ich vor einem extravaganten Sitzmöbel.

Anderswo stehen Stühle in Regalen. Hinter der übernächsten Ecke wird eine Kantine des Spiegel für die Nachwelt aufbewahrt, aus den glorreichen Zeiten, bevor man beim »Nachrichtenmagazin« auf Poesie mit Songtexten abfuhr.

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Foto: urian)

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Foto: urian)

Nachdem ich in ein Puppenhaus geschaut habe, verweile ich bei einem Gemälde von Karl Kluth.

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Foto: urian)

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Foto: urian)

Wie sehr das Museum in eine Kunstzauberwelt versetzt, zeigt das Fenster, das auf den ZOB hinaus geht mit den Berliner Tor am Horizont.

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Foto: urian)

Von uralten Zeichen in Stein führt der Weg bis zum Stummfilm.

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Foto: urian)

Und noch ein Magritte?

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Foto: urian)

Nein, eine echte Balustrade im Treppenhaus zum Ausgang.

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