Historische Sätze, die dazu im Ohr klingeln sollten

»Anstand ist die Rettung« und »Anstand ist das neue Aufbegehren« lese ich in der BILD vom 26.8.18, und es schaudert mich.

Das Wort gehört nicht zum Kernbestand der »Sprache des Dritten Reichs«. Aber wer es benutzt, noch dazu in propagandistischer Absicht, muss damit rechnen, mit den finsteren Aspekten des Anstands assoziiert zu werden.

»Man muss im Leben immer anständig und tapfer sein – und gütig«, schrieb Heinrich Himmler seiner Tochter Gudrun ins Poesiealbum. »Anständig« war sein Lieblingswort.

Den Polizisten, deren Vorgesetzter der Reichsführer-SS gerade geworden war und die er zu kriminellem Verhalten auffordern wollte, erläuterte er, es müsse »bestimmte Dinge geben, die man nur so und nicht anders ansehen kann, bei denen es für jeden, für den Hütejungen wie für den Minister unanständig wäre, anders darüber zu denken«. Die Nationalsozialisten hätten sich »nicht ohne Recht, das wir in uns trugen, wohl aber ohne Gesetz an die Arbeit gemacht.«

Worüber es keine zwei Meinungen geben konnte, verstand sich von selbst. Wer es durch »jüdische« Analyse zersetzen wollte, konnte es nicht begreifen und stand automatisch außerhalb der »Volksgemeinschaft«.

Anständiges Betragen, wie es Himmlers Vater als Lehrer in der Schule benotete, deckte alles. (BILD: »Leider werden in vielen Schulen Benehmen und Mitarbeit im Unterricht schon lange nicht mehr im Zeugnis bewertet.«)

Das Scheußlichste konnte durch bürokratisches Prozedere legitimiert werden. Folter konnte eine achtbare Tätigkeit sein, sofern das Dekorum gewahrt wurde. Fatal war nicht der Mordbefehl, sondern wenn die zugehörige Akte fehlerhaft ausgefertigt wurde.

Untergebenen begegnete Himmler mit der Strenge des Lehrers gegenüber seinen Schülern, wie diese sie gegenüber den Gefangenen zeigen sollten. Er tarnte die Konzentrationslager nicht als »Umerziehungsanstalten«, sondern machte sie sich als solche vor.

»Ordnung und Disziplin« erzeugten im Lager ein Chaos aus Kot, Blut und Leichen. Die Insassen wurden als Menschen vernichtet wie die Menschlichkeit der Mörder, die sich als Automaten ausgaben, die ebenso rührungslos gehandelt hätten wie ihr Meister befohlen habe.

Für seine Redseligkeit verurteilte Himmler sich 1922 mit einem Satz, der als Vorsatz gelesen werden kann für das Grauen, das er bereitete: »Es ist zwar menschlich, aber es darf nicht sein.« Er strich Humanität endgültig aus seinem Kalkül durch den Tod, den er millionenfach verfügte.

Den Selbstvorwürfen zum Trotz nahm seine Logorrhöe zu. Er trug nicht sein Herz auf der Zunge, aber seinen Verstand, verfertigte die Gedanken beim Reden und gab sie als Instruktionen an seine Gehilfen weiter.

In der Selbstaufgabe fand Himmler zu sich und sah seinen Verdienst nicht im Vernichtungswerk, sondern in der Selbstüberwindung, die es gekostet haben sollte: »dies durchgehalten zu haben« und dabei »anständig geblieben zu sein«, rühmte er sich und seine Mannen im Oktober 1943 im Rathaus von Posen/Posznan.

Zu »ganz später Zeit« könne man erwägen, »ob man dem deutschen Volk etwas mehr darüber sagt. Ich glaube, es ist besser, wir – wir insgesamt – haben das für unser Volk getragen, haben die Verantwortung auf uns genommen und nehmen dann das Geheimnis mit in unser Grab.«

Die BILD beklagt einen »Verfall der Sitten« seit das Blatt existiert. Spießern wie seinen Lesern kann niemand es recht machen, der nicht so verbiestert ist wie sie. Sie erträumen sich Sittenwächter und Tugendpatrouillen wie im Iran. Und wo die Stirnen besonders eng sind, hat man sie bereits, wie in Stade mit einem bezahlten »Freiwilligen Ordnungs- und Streifendienst«, der willkürlich Fußgänger und Radfahrer maßregelt. Und nur diese; Autofahrer sind unantastbar und dürfen sich unanständig betragen. (Siehe Das Grauen in den Gassen)

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