Noch ist das Klimaschutzschild nicht aus den Schlagzeilen verschwunden

Ich habe mir längst angewöhnt, von ihr als der Heiligen Jungfrau zu denken. Jeanne d’Arc, die Heilige Johanna der Schlachthöfe. Man muss nicht Adornos Rekonstruktionen der kulturindustriellen Maschinen kennen, um das Ende vom Lied schreiben zu können. Es wird ein Opfer geben.

Ich habe nicht einen Post auf facebook zu Greta Thunberg angeklickt oder kommentiert. Ich habe sie bestmöglichst zu ignorieren versucht. Nach einigem Zögern habe ich mir ihren Auftritt vor den United Nations angeschaut und wünschte, es nicht getan zu haben.

Ich muss keine Stellung zu Klimafragen beziehen. Die Debatten habe ich vor 40 Jahren geführt und mir einige Überzeugungen gebildet, die in bürgerlichen Kreisen als »wahnsinnig« galten. Inzwischen muss ich von Angehörigen meiner Generation lesen und hören, wie sie als Rentner gegen das »wahnsinnige« System angehen wollen, das zu einem Klimanotstand geführt habe. Als hätten sie keinen eigenen Anteil daran gehabt; als hätten sie nicht ihren Schnitt in der spätkapitalistischen Welt gemacht, indem sie Umweltprobleme bestenfalls an die Partei der Grünen delegierten. Ich kann mir nur an die Stirn tippen. (→ Wiki was Stade?)

Wenn diese Damen und Herren nun als Klimaretter*innen unter dem Banner der Heiligen Jungfrau ausziehen – und sei es nur, um ihren Kindern und Enkeln zu gefallen oder sie wenigstens nicht zu verprellen –, handelt es sich um ein Symptom des Wahns, der sich Greta Thunbergs bemächtigt hat. Ich meine nicht die Person, über die ich mir trotz aller Videos und twitter-Botschaften kein Urteil erlaube, sondern den Hype um sie.

Meine Zurückhaltung in der Beurteilung von Personen des öffentlichen Lebens ist wahrscheinlich eine deformation professionelle, denn ich habe drei Jahrzehnte damit verbracht, Personen in der Öffentlichkeit darzustellen. Ich weiß, mit welchen Bruchstücken und Bearbeitungen ich es zu tun habe. Außerdem habe ich Dutzende von Toten ausgegraben und Charakterbilder von ihnen gezeichnet anhand dessen, was die Quellen überliefern.

Im Rückblick erscheinen die Geschehnisse karger und nüchterner. Vor 100 Jahren erfuhren die Leute von einem beliebigen Ereignis mehr oder weniger viel wie heute; indes bedeutete es ihnen etwas, das weit über die Tatsachen hinaus ging, auf die sich der Rückblick vorrangig richtet. Die emotionale Aufladung einer historischen Nachricht mag sich ihrer Gestaltung ablesen lassen, aber diese ist 100 Jahre später ihrerseits fremd und teilt nicht mit, was die Zeitgenossen ihr entnahmen.

Ich kann bereits jetzt nichts von dem teilen, was mit Greta Thunberg verbunden wird, sondern mutmaße nur, wie der Rummel einem Historiker in 100 Jahren vorkommen kann.

Ideen müssen sich personifizieren, um jene zu erreichen, die nicht selbst denken können oder wollen oder dem eigenen Verstand nicht trauen. Und um massenpsychologisch einzuschlagen, muss die Person ganz in der Idee aufgehen. Im Fall Thunberg etwa dadurch, dass sie zwar von Konferenz zu Konferenz jettet, aber eben nicht im Flugzeug, weil zur Idee gehört, dass Fliegen klimaschädlich ist. (Zur Marke, zur Corporate identity ihres Unternehmens gehört, dass sie vegan ist und keine Lederschuhe trägt.)

Es geht nicht darum, was Greta Thunberg zu den Konferenzen inhaltlich beizutragen hätte; das ließe sich am klimaschonendsten per Video-Konferenz erledigen. Ihre persönliche Anwesenheit ist erforderlich, die Erscheinung ihrer Aura, und die Anreise selbst ein Element des Verehrungsrituals. Die twitter-Aufzeichnungen ihrer Pilgerreisen sind das Eigentliche.

Eine Show und nichts weiter. Nach mehr als einem Jahr Hype lässt sich Bilanz ziehen. In bürgerlichen Kreisen überbietet man sich mit Bekundungen zur Klimarettung und macht weiter wie gehabt.

Die deutsche Bundesregierung hat ein so genanntes Klimapaket verabschiedet, wonach die Zeche für die CO2-Senkungen von der breiten Masse der Geringverdiener etwa über steigende Strompreise zu begleichen sind, während die oberen Klassen nach wie vor in SUVs herum kurven, fliegen und Kreuzfahrten unternehmen. Die Privilegierten, zu denen im Weltmaßstab selbst die Armen in Deutschland gehören, verbrauchen nach wie vor mehr von der Erde als alle anderen, als hätten sie einen Planeten in Reserve.

Greta Thunberg hat die Welt weder geschockt noch aufgerüttelt. »Fridays for Future« war eine Veranstaltung von einigen Gymnasiasten für ihre gut situierten Eltern, auf die Medien und Politik dankbar einstiegen, offenbar weil es von anderen konkreteren Problemen ablenkte. Die Debatten, die die bürgerliche Mitte vor 40 Jahren nicht führen wollte, wurden in Talk-Shows und im Bundestag nachgestellt, als hätte es sie nie gegeben.

Die CSU besetzt Positionen der Grünen, die sie ehedem als zivilisationsfeindlich gebrandmarkt hatte und kommt nicht einmal auf den Gedanken oder wird gar dazu aufgefordert, den radikalen Sinneswandel zu erklären. Greta Thunberg ist jeder Gläubige Recht; vielmehr erfreut ein Saulus, der zum Paulus wird, der bekehrte Sünder, das reuige Schaf die Hirtin mehr als die stets Braven in der Herde.

Der Kabarettist Dieter Nuhr soll Thunberg auf einer Veranstaltung in Kiel mit Hitler und Stalin verglichen haben, wird dieser Tage kolportiert. Ein genauer Wortlaut ist offenbar nicht überliefert, aber auf Feinheiten kommt es bei Blasphemie nicht an. Und darum handelt es sich für ihre Jünger unbedingt, wenn der Umgang mit der 16-Jährigen nicht hingebungsvoll akzeptiert wird. (→ Die Welt)

Tatsächlich tauchte Greta Thunberg zuletzt nicht mehr täglich bei google News auf. Würde die Welt sie satt bekommen? Hätten die Klimaenthusiasten ein Einsehen und begriffen, dass man die Leiter nach dem Hinaufsteigen weg werfen muss? (Wittgenstein, TLP 6.54) Wohl kaum. Dieter Nuhr hätte dem, was er kritisiert, wirkungsvoller entgegnet, wenn er das Idol beschwiegen hätte.

Unlängst sichtete ich meine Aufzeichnungen über Prozesse um Kindesmissbrauch. (→ Die Weide des Bürgermeisters) Ein sehr weites Feld. Doch so empfindlich die veröffentlichte Meinung reagiert, sobald der Missbrauch an das rührt, was die Erwachsenen als sexuell verstehen, so abgestumpft scheint sie in weniger offenkundigen Bereichen zu sein.

Wobei der geächtete sexuelle Missbrauch stets ein Umfeld hat, das ebenso beschädigend sein kann und den Erwachsenen lediglich nicht so spektakulär erscheint wie die sexuelle Handlung. Diese stellt sich die Öffentlichkeit gern so drastisch wie möglich vor; vielmehr erfährt sie meist nur von exzeptionellen Taten wie etwa zuletzt aus Lügde.

Das Gesetz geht in der Auslegung sehr weit und stellt jede Art von Berührung unter Strafe, die sexuell gemeint ist und keineswegs nur die Geschlechtsorgane betreffen muss. Jedoch entgeht das Gros dessen, was in öffentlichen Gerichtsverfahren erörtert wird, der Öffentlichkeit gemeinhin.

Dann bin ich eben überempfindlich, was den Umgang mit Kindern in der Öffentlichkeit anbelangt. Tatsächlich habe ich einst eine Familie per E-Mail angeschrieben und darauf aufmerksam gemacht, dass sie es sich überlegen sollte, ob sie das Fotoalbum ihres Kindes buchstäblich mit dem Bade ausschütten wolle ins noch frische Internet auf dem flachen Lande, vor ziemlich genau 20 Jahren. Damals, als Listen von regionalen Websites noch manuell zählbar waren.

Ich habe kein Mitleid mit der Erde; das setzte voraus, im Planeten ein Wesen, etwa die Erdmuttergottheit zu sehen. Und ich sehe weit und breit nicht die Menschheit, die darauf oder damit als »wir« lebt, und bin mir zeitlebens der Gnade bewusst gewesen, in einem privilegierten Winkel der Welt in einer ausnahmsweise friedfertigen Epoche zu leben. Welterweckungssehnsüchte wie »Fridays for Future« kommen und gehen. Die Geschichte zeigt, dass es besser ist, wenn sie gehen.

Ich habe Mitleid mit Greta Thunberg. Was immer noch mit diesem Messias passieren wird, ich wasche meine Hände in Unschuld. Schon gar nicht urteile ich über eine Person, die ich nicht kenne. Aber ich war selbst einmal so alt. Hätte ich damals die Weltführerschaft in der Weise angeboten erhalten wie sie Greta Thunberg angetragen wird … ich hätte sie ablehnen sollen. Als Führerschaft sowieso wie in Hinblick auf die Erfahrungen, die ich seither gemacht habe.

Ich war mit 16 nicht gerade ein Fanatiker, verfügte aber über mehr und gefestigtere Überzeugungen als Erfahrungen. Die Gewichte haben sich verschoben und die Erfahrungen haben die Überzeugungen unterminiert. Mit 16 glaubte ich, die Welt, wie ich sie kannte, durchschaut zu haben. Mit 61 weiß ich zwar besser Bescheid, wie sie funktioniert, bin aber umso zögerlicher darin, in das Getriebe eingreifen zu wollen.

»Was sind schon Menschenleben, wenn es um die große Sache geht«, soll Dieter Nuhr gesagt und damit den Fanatismus der Klimaretter um Thunberg gemeint haben. Als ich 16 war, 1974, war RAF-Zeit. Das Jahr, in dem Holger Meins starb und ich die »klammheimliche Freude« über die Ermordung des Generalbundesanwalts Buback teilte. Zwei Jahre zuvor war mein Vater knapp einem Anschlag entgangen; meiner Sympathie für die Terroristen tat das keinen Abbruch. (→ Anschlagsansichten)

Ich glaubte keineswegs an eine »große Sache«, sondern befand mich lediglich in Rebellion gegen eine Gesellschaft, in der die Ausgrenzung non-konformer Anschauungen Programm zu sein schien, und einen Staat, der sich vor allem durch Polizeipräsenz beweisen wollte. In der Öffentlichkeit wurde eine Volksgemeinschaft der Rechtgläubigen und lupenreinen Demokraten konstruiert, die die Wirklichkeit nicht hergab. Wie seither immer wieder diente der »Kampf gegen den Terror« zur Ausblendung der tatsächlichen Konflikte. Es gab nie so viele Linksradikale wie später Islamisten, die den Aufwand gerechtfertigt hätten.

Ich war mit 16 alles andere als der Kommunist, als der ich den Eltern meiner bürgerlichen Schulfreunde galt. Die führenden Gestalten der Rote Armee Fraktion kamen aus dem Bürgertum und hatten idealistische Vorstellungen von der Arbeiterschaft. Ich entstammte der Unterschicht und machte mir in der Hinsicht keine Illusionen. Mein Projekt bestand gerade darin, eine Individualität zu erlangen, wie sie für Angehörige meiner Klasse nicht vorgesehen ist. Eben das, was der Kommunismus noch nachdrücklicher zu eliminieren versuchte als das Bürgertum.

Nach Marx zählte ich zum Lumpenproletariat, dass er vermutlich weg gesperrt hätte wie es später seine Adepten ebenso wie die Nazis taten. Marx selbst gehörte zu den Klassenlosen, und ohne das Kapital von Engels hätte nie jemand vom Kapital gehört. Kommunismus und Nationalsozialismus waren für mich stets ein Januskopf. Dass ich die RAF verstand, wie Böll oder Grass sie aufgefasst haben mögen, hatte mit meinem seinerzeitigen Weltbild zu tun, aber gar nichts mit der DDR, die der RAF als Vorbild zu gelten schien und immerhin zum Zufluchtsort wurde.

Heute stechen mir Ungereimtheiten meiner 16-jährigen Weltsicht ins Auge; damals konnten sie mir nicht aufgehen, weil mir das, was ich inzwischen als mein Leitbild erkenne, nicht bewusst war und nicht so bewusst sein konnte wie im Abstand von mehr als vier Jahrzehnten. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Es sei denn, man glaubte an Erleuchtung oder hätte ein Bild vom Menschen, in dem lediglich genetische Programme ablaufen und keine unabsehbar vielfältigen Entwicklungen stattfänden.

Greta Thunberg ist keine Erleuchtete, aber sie wird so behandelt. Weniges von dem, was sie verkündet, hält einer kritischen Überprüfung statt. Vieles ist nur kurzsichtige Polemik. Zu den Sachfragen, die der Klimawandel aufwirft, trägt sie nichts bei.

Ob sie im Schiff oder Flugzeug ein Weltmeer überquert ist ein Luxusproblem, das eigentlich keine Zeile wert wäre. Diese Kinkerlitzchen werden ihr jedoch nicht von Medien und gierigen Followern angetan. Sie selbst oder vielmehr ihre Entourage hat aus offenkundigem Eigennutz überflüssige Fragen aufgeworfen, und die Glaubensgemeinschaft, die auf Neuigkeiten des Heilands lauert, greift die Nebensächlichkeiten begierig auf.

Um die Ikone herum wird statt über das Klima über Glaubensfragen gestritten. Ob Verzicht oder Entwicklung die Lösung sei. Unterdessen geht alles seinen gewohnten Gang. Wer nicht im europäischen Überfluss lebt, hat andere Sorgen. Vom Überlebenskampf, den die Privilegierten im Anbetracht einer Klimaapokalypse auf sich zu kommen sehen, vom Verteilungskampf sind die Übrigen längst betroffen und vielleicht besser für den angedrohten Niedergang gerüstet.

Wer derzeit allein darum fürchten muss, seinen SUV nicht mehr überall fahren zu dürfen, wird ziemlich hilflos dastehen, wenn er sogar ganz auf diesen verzichten muss, weil Klimakatastrophen die Straßen zerstört haben. Wenn nicht die, auf denen sein SUV fahren könnte, dann jene, auf denen die Bauteile für sein Fahrzeug durch die Welt transportiert werden.

Den Weltuntergang, den die Klimaretter beschwören, werde ich nicht mehr erleben. Aber ich werde davon betroffen sein, wenn die Privilegierten ihre Lebensweisen beibehalten und gleichzeitig die Erderwärmung reduzieren wollen. Damit sie weiterhin so viel Welt verbrauchen wie bisher, müssen die anderen sich vergleichsweise weiter einschränken. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Das ist ein Grundgesetz jeder Krisenlösung, die von den Reichen erdacht wird.

Die Klassenzugehörigkeit muss kein Charaktermerkmal sein; meistens ist sie es. Manchmal durchschaut jemand tätig seine Privilegierung wie Jan Philipp Reemtsma. Das Mädchen Thunberg reflektiert den eigenen Klassenstandpunkt nicht. Den Unterschichten hat sie nichts zu sagen.

Greta Thunberg verkörpert ihre Gesellschaftsklasse par excellence. Sie beklagt sich über eine angeblich zerstörte Kindheit und segelt munter durch die Welt, wo sie lauter Leuten begegnet, die ihr Liebe bekunden. Greta Thunberg hält sich unter den Mächtigen und Reichen an ihren Schauorten auf. Bestenfalls noch auf einer Demonstration unter ihren Jüngern. Vielleicht auch eine zerstörte Kindheit, aber anders als ihre Anklage meint.

Ich möchte mir das Mädchen nicht unter Gleichaltrigen in einem Ghetto in Indien oder Afrika vorstellen. Kann alles noch kommen. Sie wird wohl noch wie Lady Di bei der Minensuche fotografiert werden. Sie wird als Ikone leben müssen und womöglich mit 40 weiterhin von Konferenz zu Konferenz segeln.

Die Miasmen fallen mir ein. Die galten einmal als der letzte wissenschaftliche Schrei und sollten die hygienischen Probleme in den europäischen Großstädten erklären. Allerhand sonderbare Apparaturen wurden erfunden und aus heutiger Sicht sinnlose Vorkehrungen getroffen nach Maßgabe der Miasmen-Theorie, die sich schlicht als irrig erwies.

Die Berufung auf die Wissenschaft entwertet sich selbst, wenn sie als Thunbergscher Glaubenssatz daher kommt. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind, und das wissen Wissenschaftler am besten, immer vorläufig. Der Bestand des Unwiderlegbaren ist in allen Fachgebieten eher klein, und der wissenschaftliche Fortschritt wäre eine contradictio in adjecto, wenn gegebene Erkenntnisse nicht revidierbar wären.

Dass es einen Klimawandel gibt, scheint unstrittig. Indes werden weiterhin Forschungsprojekte angestoßen, die überflüssig wären, wenn die sich wissenschaftlich fundiert gebende Klimarettung berechtigt wäre, mit marktschreierischer Gewissheit aufzutreten. Wie sich der Wandel gestaltet ist alles andere als wissenschaftlich gesichert.

Mag man das Fliegen ächten wie man das Rauchen geächtet hat. So wenig das eine den Krebs ausradiert wird der Flugverzicht das Klima wesentlich tangieren. Gegenwärtig haben die Verkäufer von Elixieren Konjunktur, die Allheilung versprechen.

Gleichwohl markiert Greta Thunberg einen historischen Einschnitt in der Bewusstseinsbildung. Damit hat sie ihre Schuldigkeit getan und könnte abtreten. Daran, wie bald sie aus den Schlagzeilen verschwunden sein wird, kann abgelesen werden, wie weit die Welt bei der Klimarettung in Wahrheit voran gekommen sein wird.

Siehe auch

Kein Wort mehr vom Klima
Klimatäuscher unter sich
Bitte nicht den Bus!
Der Müll, die Stadt und der Tod