Eine NS-Geschichte und die Erinnerung daran

Eine unwirtliche Gegend, feucht und öde. Auf den Feldern entlang des Flusses Oste breiten sich die längste Zeit des Jahres Wasserlachen aus. Eine Moorwüste, in der jahrhundertelang Torf gestochen wurde. Heute sprenkeln Wäldchen und Baumgruppen das Gebiet, aber als mit dem Bau des Lagers begonnen wurde, war hier nichts, nur weites flaches Land. Wer versucht hätte zu fliehen, wäre im Visier der Wachtürme geblieben soweit das Auge reicht. Stalag X B bei Sandbostel zwischen den niedersächsischen Kleinstädten Bremervörde und Zeven war eine Enklave des Schreckens inmitten leerer Landschaft.

Etwa eine Million Kriegsgefangene aus 46 Nationen wurden von 1939 bis 1945 durch das Mannschaftsstammlager B im Wehrkreis X (röm. 10) geschleust. Vom Stalag aus wurden sie auf Arbeitskommandos verteilt, die vorwiegend in der Landwirtschaft Zwangsarbeit leisteten. Seit September 1944 zuständig für das Kriegsgefangenenwesen im Allgemeinen und die Lage in Sandbostel im Besonderen war Heinrich Himmler. Ab Oktober unterstand das Stalag der SS.

Zum Schluss hin wurden immer hektischer Häftlinge verschoben, weil der Reichsführer-SS mit ihnen schacherte. Der Oberaufseher der Konzentrations- und Vernichtungslager versuchte sich mit Zugeständnissen in letzter Minute einen weißen Fuß zu machen. Die Insassen der Lager in den noch unbesetzten Gebieten sollten in Neuengamme bei Hamburg als Geiseln gesammelt werden. Sie wurden zu Fuß getrieben oder in Züge verladen und kreuzten im April aus allen Richtungen durch den Norden. (→ Himmlers Ende)

10.000 kamen in Bergen-Belsen an, das seit 1943 als »Aufenthaltslager« für »privilegierte« Juden diente, die gegen im Ausland gefangene Deutsche ausgetauscht werden sollten. Am 15. April 1945 fanden die britischen Soldaten in den von Typhus verseuchten Baracken 60.000 Sterbenskranke zwischen 10.000 unbestatteten Leichen; bis Ende Juni starben noch 14.000. Bis Einzelheiten über die vor ihrer Befreiung gesäuberten Vernichtungslager in Polen bekannt wurden, war Bergen-Belsen das Symbol für die Massenmordmaschine der Nationalsozialisten.

Stalag X B Sandbostel (Zeichnung: urian)

Erst im Februar 1945, als die Deutschen ihre Niederlage zwar erkannten, aber ihrem Anführer in den Untergang folgten, fand der Krieg vor der Haustür statt, nahmen Bomberstaffeln und Tiefflieger der Alliierten das niederdeutsche Land ins Visier und versuchten vor allem den Eisenbahnverkehr zwischen Hamburg und der Nordsee in Cuxhaven zu unterbinden.

Am 20. April, während Hitler in Berlin an seinem 56. und letzten Geburtstag die Parade der höchstrangigen Getreuen abnahm, kreisten südöstlich von Stade Flugzeuge über dem Bahnhof von Kutenholz-Mulsum und feuerten mit Maschinengewehren auf einen Zug. Er transportierte Häftlinge nach Neuengamme. Sie gehörten zu den 20.000 Geschundenen, deren Freilassung der Vizepräsident des schwedischen Roten Kreuzes dem RFSS abgehandelt hatte.

15 Freizulassende starben beim Angriff auf den Bahnhof Mulsum, die anderen erreichten wie vorgesehen Flensburg, um per Schiff nach Schweden gebracht zu werden. Die Toten wurden auf dem Friedhof des Kriegsgefangenenlagers in Sandbostel bestattet.

Bis zu 50.000 Gefangene befanden sich gleichzeitig in Stalag X B. Tausende starben, wie viele, kann nur geschätzt werden: ebenfalls etwa 50.000. Todesursachen: Hunger, Seuchen, Misshandlungen und willkürliche Erschießung. Unter den Überlebenden drei Prominente: der marxistische Philosoph und Mörder seiner Ehefrau Louis Althusser; Giovannino Guareschi, der Schöpfer von Don Camillo und Peppone; und der Surrealist und Kriminalschriftsteller Leo Malet, der seinen Privatdetektiv Nestor Burma mit einer Vergangenheit im Stammlager versah, die ihn in einen Mordfall verwickelt.

Dadurch, ob sie die Genfer Konvention anwendeten oder nicht, installierten die Wächter eine Hackordnung unter den Gefangenen. Oben standen Amerikaner und Briten, gefolgt von Franzosen und Belgiern, dann Serben und Griechen. Ganz unten waren Polen, Italiener und schließlich die sowjetischen Gefangenen.

Vor dem Eintreffen der Briten am 5. Mai war Neuengamme geräumt worden. Das Gros der Häftlinge war in Lübeck auf drei Schiffe verladen worden. Britische Jagdflieger hielten sie am 3. Mai in der Neustädter Bucht für Truppentransporter und bombardierten sie. Während die Athen mit knapp 2000 Häftlingen an Bord glimpflich davon kam, wurden die Cap Arcona und die Thielbeck versenkt. Nur 450 von 7000 Passagieren überlebten. Der verheerendste Untergang der Schifffahrtsgeschichte. Himmlers Häftlingsschacher brachte in den letzten drei Kriegswochen schätzungsweise 15.000 Menschen um.

10.000 »evakuierte« Häftlinge strandeten im April im überfüllten und bereits unversorgten Stalag X B. Die Neuankömmlinge wurden auf einem Stacheldraht umzäunten Platz am Rand des Lagers eingepfercht. Mehr als 3000 gingen in den ersten Tagen zu Grunde. Sich den Verhungernden zu nähern, wurde mit Erschießung bedroht.

»Eine von jenseits des Zaunes herübergeworfene Kartoffel ist Ursache eines wilden Kampfes, um in ihren Besitz zu kommen«, sagte ein Überlebender. »Gleich auf dem Platz am Leichenhaufen musste ich feststellen, dass einige Häftlinge sich zwischen den Toten zu schaffen machten. […] Eine Leiche hatten sie in eine Ecke geschleift und das auf dem Gesäß vorhandene Fleisch gelöst. Ebenso fehlte bei der Leiche das Herz, die Lunge und Leber und auf einer Seite die Rippen.«

Durch einen selbstgebauten Kurzwellensender über die für Deutschland verheerende Lage informiert, organisierten die französischen Insassen sich im letzten Kriegsjahr zu einer 1200 Mann starken Widerstandsgruppe, die noch kurz vor dem Ende die Kontrolle der Lagereinrichtungen übernahm. Außerhalb des Zauns mussten die Briten noch eine Panzergrenadier-Division überwältigen, ehe das Lager am 29. April befreit wurde.

Die Briten waren entsetzt und verglichen die Zustände mit dem inzwischen berüchtigten Bergen-Belsen. Aus Abscheu und Wut wollten sie die Dörfer im Umkreis zerstören; ein einheimischer Pastor soll es ihnen ausgeredet haben. Jedenfalls brannten am 21. Mai etliche Baracken. Nur mit Feuer waren die längst ausgebrochenen Epidemien zu bekämpfen.

Zu dem Zeitpunkt schlich der Hauptverantwortliche in der Nähe vorbei. Auf seiner Flucht von Flensburg über die Elbe hatte es Himmler und seine letzte fünfköpfige Entourage nach Bremervörde verschlagen. Dort trennten sie sich. Himmler und seine beiden Begleiter gerieten in Meinstedt in britische Gefangenschaft. Die Nemesis des SS-Chefs waren zwei oder drei sowjetische Soldaten, die sich nach ihrer Befreiung aus Stalag X B freiwillig für die Patrouille mit den britischen Besatzern gemeldet hatten. (→ Himmlers Höllenfahrt / → Das Grab im Wald / → Hoch über Heeslingen)

Nach Kriegsende wurden in Sandbostel zunächst 6000 führende Nazis interniert. Dann richtete das Zuchthaus Celle in den Baracken eine Außenstelle ein. Von 1952 bis 1960 diente die Anlage als Durchgangslager für männliche Flüchtlinge aus der DDR zwischen 14 bis 24 Jahren. Endlich fand der Landrat von Bremervörde, es sei „gut, die Dinge zu vergessen“: 1974 wurde das Stalag X B zum Gewerbegebiet „Immenhain“.

Etwa die Hälfte der Baracken existierten noch und konnten besichtigt werden. Aber nur von diesseits der Absperrungen, des Maschendrahtverhaus und der Jägerzäune, auf denen sich Stacheldraht ringelte. In der ehemaligen Entlausungsdusche hatte eine Holzhandlung ihre Büros. Davor warteten ehedem die Gefangenen bei jedem Wetter nackt auf ihre Abfertigung, erzählte Werner Borgsen, der gemeinsam mit Klaus Volland die Geschichte von Stalag X B erforschte. Wer aus Schwäche zusammensackte, den erschlug ein Unteroffizier mit einem Hammer.

Stalag X B Sandbostel (Zeichnung: urian)
Besuch auf dem Lagergelände

Wo Massenerschießungen stattfanden, befand sich ein Reiterhof für Kinder. Mehrere Baracken wurden von einem obskuren Militaria-Händler genutzt. Die Eigentümer achteten sehr darauf, dass niemand ihrem Besitz zu nahe kam. Einer hetzte scharfe Hunde auf Neugierige. Ende 2003 wurde die 89-jährige Ehefrau eines im Lager umgekommenen Niederländers beschimpft und mit einer Holzlatte bedroht.

Dem Verein „Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel“ gelang es 1992, die Baracken unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Seither durften die Eigentümer sie nicht abreißen, taten freilich auch nichts für ihren Erhalt. Also rotteten die Gebäude vor sich hin, der Zeit und dem Verfall preisgegeben. „Die fordern Millionen für die Rekonstruktion“, schimpfte ein Mann, der hinter dem Zaun Wache hielt, „die können sich doch Fotos anschauen!“

Als Borgsen und Volland mit ihrer Spurensuche begannen, wollte erst niemand in der 780-Seelen-Gemeinde Sandbostel mit ihnen reden; der Landrat kanzelte sie als „Kommunisten“ ab. Dann warb die Gemeinde auf ihrer Website mit der grausigen Geschichte des Moorlagers; im „Immenhain“ selbst fehlte jeder Hinweis darauf. Eine Ausstellung musste der Gedenkstätten-Verein in einer Privatwohnung in Bremervörde zeigen.

Sechs Jahrzehnte danach, als die Geschehnisse regionalhistorisches Geheimwissen geworden waren, zu dem niemand mehr eine Geschichte erzählen konnte, war dort, wo die Toten von Stalag X B liegen, zu lesen: »Das Dritte Reich kommt wieder«. Eine Bande Neonazis hatte Symbole und Parolen auf Sitzbänke und Steine geschmiert.

Lange vorher hakenkreuzten sich auf dem Lagerfriedhof Geschichte und Gegenwart. Die Rote Armee versah die Massengrabreihen mit einem Denkmal. Als dieses 1956 gesprengt wurde, verschwand die letzte oberflächliche Erinnerung an die Toten. Bereits 1949 waren die Gräber auf eine kleinere Fläche verlegt, beiseite geräumt worden.

Nach und nach wurden die Gebeine in die Heimatländer geschickt – oder wenigstens auf den Zentralfriedhof Hamburg-Öjendorf umgebettet, wo sie aus den Augen waren. Bei der Spurenbeseitigung zogen Gemeinde, Landkreis und niedersächsisches Innenministerium an einem Strang, amtliche und private Schändung gingen Hand in Hand.

Von der Beseitigung eines britischen Mahnmals wollte bald niemand mehr etwas wissen. Knapp 200 Einzelgräber polnischer, jugoslawischer und unbekannter Gefangener blieben und kamen aus dem Sinn. Die Steine umgekippt, die Namen der Toten eliminiert, und das Gras wächst wie über Trittsteine, bis »der Betrachter den Eindruck einer friedlichen Parklandschaft erhält«.

Die Polizei hatte angeblich keine Ermittlungsansätze, nachdem der Friedhof im Juli 2000 mit Hakenkreuzen, Sigrunen und Sprüchen wie „Juden raus“ geschändet worden war. Vielleicht hätte es genügt, die Alibis der einheimischen Neonazis zu überprüfen, von denen einige im Mai 1999 an dem Überfall auf eine Asylbewerberunterkunft in Kutenholz-Aspe beteiligt waren. Auch zeichnete sich der „Stützpunkt“ der NPD in Rotenburg/Wümme durch besondere Umtriebigkeit aus. (→ Zog Sux und das Rowdytum)

„Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues“, lautet der erste Satz von Samuel Becketts erstem Roman Murphy, um dessen Erscheinen er bangte, als er 1936 Nazi-Deutschland bereiste. Ein universeller Satz. Ein Lokalzeiger hatte am 12. Mai 1975 zwei Ereignisse vermeldet: eine Rangelei mit NPD-Anhängern vor dem Zeughaus in Stade bei einer Kundgebung zur „Erinnerung an die Gewalttaten der Nazis“ und eine Kranzniederlegung auf dem Lagerfriedhof Sandbostel, der nach Aussage eines Pastor zuvor geschändet worden war: „Unbekannte haben vor dem Ehrenmal eine Reihe von Steinplatten herausgerissen und auf den Sockel des Mals geworfen.“

In Bremervörde und umzu wollte man nichts vom Lager wissen und sich schon gar nicht erinnern und sich fragen, was es mit einem selbst zu tun haben könnte. 2004 brach Mediengewitter über die Ignoranten herein. Ivar Buterfas hatte sich der Sache angenommen.

Der damals 71-jährige Überlebende der Shoah und Unternehmer hatte hervorragende Kontakte zu den Hamburger Medien. Er wurde prominent als »Retter von St. Nicolai«, der Ruine des ausgebombten Hauptkirche der Hansestadt. Buterfas las den Kommunalpolitikern, die Sandbostel vergessen wollten, die Leviten: „Ich werde sie zur Menschlichkeit zwingen.“ Er brachte TV-Teams und Zeitungsreporter mit. Die Landesregierung bewilligte 10.000 Euro für eine denkmalpflegerische Untersuchung der erhaltenen Baracken.

Für ein Museum bot sich das Gebäude der ehemaligen Kommandantur an. Es gehörte dem Landkreis Rotenburg/Wümme und beherbergte die Straßenmeisterei. Dabei sollte es bleiben, erklärte Landrat von der CDU. Sein Verständnis von NS-Geschichte hatte er demonstriert, als er Gerd Schultze-Rhonhof zum Vortrag bei einer Heimatvertriebenen-Tagung in Rotenburg einlud.

Der Ex-Bundeswehrgeneral sollte sein Buch 1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte vorstellen, in dem er die Schuld Hitlers am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs leugnet. (→ Mission Friedensplatz) »Ich freue mich darauf«, sagte der Landrat und unterband eine Debatte im Kreistag über die Angelegenheit. Während er für Schultze-Rhonhof den Schutz der Meinungsfreiheit reklamierte, meinte er, die Lokalpresse habe diese missbraucht, indem sie seine Ansichten nicht teilte.

2007 wurde eine provisorische → Gedenkstätte in einem angemieteten Gebäude eröffnet. Ganz hinten, am Katzentisch; aber immerhin. Schließlich wurden sieben der zwei Dutzend erhaltenen Baracken und weitere Gebäude in eine Dauerausstellung einbezogen. 2013 fand eine feierliche Eröffnung statt mit Vertretern von Bund und Land.

Stalag X B Sandbostel (Zeichnung: urian)

Literatur

J. Bohmbach / H.-H. Kahrs (Hg:): Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in der NS-Zeit an der Niederelbe, Stade 2009 | W. Borgsen / K. Volland: Stalag X B Sandbostel, Bremen 1991 | C. Keller-Teske / R. Zirbeck (Hg.): Mangeljahre, Stade 1989 | D. Kohlrausch in Zwischen Elbe und Weser 1/2002 | Weser Kurier 1.12.2003, 22.9.2004 | Hamburger Abendblatt 27.4., 29.4., 24.5., 13.7.2004 | Bremervörder Zeitung 2.5., 6.7.2004 | Bremervörder Anzeiger 2.5.2004 | jungle world 22/2004 | Braunschweiger Zeitung 8.6.2004 | Rotenburger Rundschau 21.6., 25.6.2004 | die tageszeitung 14.7.2004 | Die Welt 13.7.2004 | U. R. in Neues Deutschland 4.4.2002, blick nach rechts 10/2004

Siehe auch

Annemaries Ende. Eine NS-Geschichte aus Bremervörde