Geschichte eines gescheiterten Gedenkens an den Nationalsozialismus in Buxtehude

Hans-Georg Freudenthal hat einen Traum. Der frühere SPD-Bürgermeister will Ruhmestaten der Wehrmacht »für die Zukunft, für die Jugend« bewahren. Die Militärgeschichte der Stadt wurde 1994 bis auf Weiteres beendet, die Kaserne geschlossen und in ein Wohngebiet verwandelt. Die »Schule der Nation« für den »Bürger in Uniform« kam außer Kurs und wurde zuletzt mit der Aussetzung der Wehrpflicht ganz abgeschafft. Als Leitfiguren treten Soldaten ins hinterste Glied.

Gegen den Trend hält der Verein der Ehemaligen der Estetalkaserne Werte und Tugenden des Soldatischen hoch. Auf dem einstigen Exerzierplatz weiht Freudenthal am 9. Mai 2003 seinen »Friedensplatz« mit der Enthüllung eines Gedenksteins ein.

Bertha von Suttner, auf deren Anregung hin Alfred Nobel seinen Friedenspreis stiftete, ist Namenspatronin der Hauptstraße, an die der Platz grenzt. Dieser geschworenen Feindin des Militärs und den Frauenrechtlerinnen, nach denen die übrigen Straßen benannt sind, werden auf Freudenthals Findling die Namen von vier Soldaten entgegen gesetzt.

Freudenthal hätte seine Feierstunde gern am Vortag abgehalten. So weit wollten seine Freunde im Stadtrat nicht mitgehen. Zum 58. Jahrestag des amtlichen Endes des Nationalsozialismus werden zwar Wehrmachtsoldaten geehrt – aber eben nicht an genau dem Tag. Was die einen Befreiung nennen, ist für andere Untergang, Kapitulation, Unterwerfung, Beginn der Besetzung. Ein schwarzer Tag in Freudenthals Geschichtsbild.

Einen Lichtblick aber erkennt er: eine weiße Fahne, die er selbst gesehen haben will. »Unter Einsatz ihres Lebens gelang es den verantwortlichen Offizieren Menschenopfer und die Zerstörung der Stadt zu verhindern«, besagt seine Bronzetafel mit den Namen eines Konteradmirals, eines Kapitäns zur See, eines Hauptmann und eines Oberleutnants.

Nach der Zeremonie versammelt man sich in der nahen Volkshochschule. Acht Monate später wird dort NPD-Anführer Adolf Dammann eine Kampfansage machen und ein Gefolgsmann stolz verkünden: »Ich bin ein Nationalsozialist«. Die Wiederkehr des Raumes ist nicht zu ahnen, eine Wiederkehr der Zeit findet bereits statt.

Die stellvertretende Bürgermeisterin, der Sparkassendirektor und der Großinvestor, keiner, der sich die Ehre gibt, könnte dem nächstbesten Schulkind die wahre Geschichte des 22. April 1945 erzählen. Was sich zugetragen hat, als die Stadt von der britischen Invasionsarmee eingenommen wurde, liegt im Dunkeln. Der lebensgefährliche Einsatz für den Frieden ist eine unbesungene Heldentat.

Allein Hans-Georg Freudenthal sieht die Geschehnisse hell und klar vor sich, in den Erinnerungen an seine Wahrnehmungen als 12-Jähriger. Mehr als seine Story werden die Bürger nicht und sollen sie nicht erfahren. Eine Dokumentation der dauerhaft zu würdigenden Ereignisse war nie vorgesehen.

Der Gedenkstein hebt zu einer Geschichte an, hinter die er gleich wieder einen Punkt setzt. Was man weiß und für wichtig genug hält, um es »für die Zukunft, für die Jugend« zu überliefern, ist eine Kindergeschichte.

Der Jeep des Admirals

Kein Geschichtsbuch gibt Auskunft über das Kriegsende. Insofern ist Buxtehude nicht schlechter dran als andere Städte und Gemeinden. Hier ist indes nicht nur das Ende, sondern der ganze Nationalsozialismus ein weißer Fleck. In der offiziellen Geschichtsschreibung kommt er nicht vor. Auch das galt lange für alle anderen; viele Fragen kommen zu spät.

1986 lobte der Buxtehuder Rat einen Schüler-Wettbewerb aus über »politische Verfolgung, Hitler-Jugend, jüdische Mitbürger und Ratsarbeit«. Kein einziger Aufsatz wurde eingereicht. Eine 10. Klasse der Realschule fand immerhin Ratsprotokolle von 1933. Die Schüler hatten den Eindruck, »das Archiv sei geschönt worden, um belastendes Material für Alt-Nazis beiseite zu schaffen«.

In Berlin beginnen die Bauarbeiten des Mahnmals für die Shoah, als Freudenthals Findling die erste Stellungnahme zur NS-Geschichte in Buxtehude abgibt. Die Geschichte, die man sich »für die Zukunft« merken soll, besteht aus einer Bildunterschrift: Ein »Jeep« mit einer »weißen Fahne« fährt zu den Feinden.

Die Stadt ist irgendwie umzingelt, ihr droht die »Zerstörung«. Warum, weshalb und wie kommt in der Legende nicht vor. Das Kind Hans-Georg steht in vorderster Front. »Wir haben Admiral Engels Jeep gleich erkannt.« Wer »wir« sind, steht nicht in der Zeitung, die Freudenthals Version verbreitet. Oder wieso der deutsche Admiral ein britisches Automobil benutzte.

Freudenthal erzählt seine Geschichte noch wenigstens zwei Mal auf neue Art. Auf einem Video im städtischen Museum sagt er, er sei »vorbeigeschlichen am Wohnsitz des Admirals« und habe gesehen wie »ein Jeep mit drei Mann und einer weißen Flagge« abgefahren sei. Und er habe gesehen, wie »der Jeep« zurückkam und »ganz langsam hinterher die Panzerspähwagen«.

Seiner Variante bei der Einweihungszeremonie zufolge habe er sich mit einem Freund nicht an der »Admiralsbaracke« mitten in der Kaserne, sondern vor der Stadt aufgehalten und »so viele Büsche gesehen, die dort sonst nicht standen«. Erst sei »Engels Wagen« stadtauswärts gefahren, dann »bewegten sich die Büsche, die Erde bebte, von allen Seiten Panzer und Panzerspähwagen«.

Dass in »Engels Wagen« nicht der Admiral sitzt, erzählt Freudenthal nicht. Dafür weiß er mehr über diese Fahrt zu berichten als einer, der an Bord war: »Junge SS-Leute wurden eingeschlossen, damit der Jeep mit der weißen Fahne die Kaserne verlassen konnte.« Zumindest der Wagentyp ist in allen Versionen gleich.

Mit der Pistole am Kopf

Man ist nicht auf Freudenthals Zeugnis angewiesen. Einer der verehrten Offiziere hat darüber geschrieben, in einem Typoskript, das 1988 unaufgefordert im Buxtehuder Rathaus einging; nach Angaben seiner Witwe ein Ausschnitt aus der Autobiografie des evangelischen Pastors, der in der Wehrmacht den Rang eines Oberleutnants bekleidete. Mit ihm im Fahrzeug ein Hauptmann, der im Zivilleben Englisch unterrichtete.

»Als wir die letzten Häuser von Buxtehude passierten, wurden wir von den Bewohnern eines Hauses bedroht, doch nicht an der Weiterfahrt behindert. Die Begegnung mit dem britischen Divisionär erfolgte auf der Straße. Wir hatten vereinbart, dass wir in aller Form militärisch, nicht aber mit dem befohlenen Hitlergruß salutieren würden. Der Engländer und sein Stab empfingen und höflich und sachlich.«

Ähnliche Szenen spielen sich seit Wochen überall im Land ab. Die Angst vor den Feinden wurde von der Propaganda geschürt; tatsächlich blieb die Zivilbevölkerung ungeschoren. Nur Nazis, die nicht aufgeben wollten, mussten sich Sorgen machen.

Ex-Bürgermeister Freudenthal verliert kein Wort über den Charakter des Heldenmuts, den er meint ehren zu müssen. Das trägt der Mann nach, dem in Buxtehude die Oberhoheit über Geschichtsschreibung angetragen ist, der Stadtarchivar. Ehrenwert findet er, dass »Männer, die lange Zeit als Soldaten in der Wehrmacht gedient hatten, den Mut aufbrachten, die letzten verbrecherischen Befehle nicht zu befolgen, sondern zur Vernunft zurückzukehren, was in der damaligen Situation bedeutete, den Tod von Menschen und die Zerstörung von Städten und Dörfern zu verhindern«.

Der Pastor, der selbst die weiße Fahne schwenkte, bringt es auf den Satz: »Einig waren wir uns darin, dass es angesichts der Lage ehrenvoller sein würde, aufgehängt zu werden, als die Verantwortung für sinnlose Heldentode zu übernehmen.« Um eine durch die Britten angedrohte »Zerstörung« sorgte er sich nicht.

Allerorten waren »fliegende Standgerichte« unterwegs und ermordeten die eigenen Leute mit willkürlichen Begründungen. Der Gauleiter in Lüneburg hatte noch am 10. April den Befehl ausgegeben, das Zeigen der weißen Fahne mit dem Tod zu ahnden. Er selbst konnte niemandem mehr Mordbefehle erteilen und entzog sich jeder Verantwortung durch Suizid. In seinem Gau wurde keine weiße Fahne abgeschossen.

Ein paar »junge SS-Leute«, die sich irgendwo einschließen ließen, wie Freudenthal zu wissen vorgibt, stellten für die Befehlshaber der Garnison keine Gefahr dar. Die »fliegenden Standgerichte« fielen sowieso über Zivilbevölkerung her und vergriffen sich nicht an Admirälen in deren Büros.

Der Pastor berichtet vom passivem Widerstand, stellt aber klar: »Der Admiral hatte an diesen Beratungen keinen Anteil.« Er war der einzige, der den Pastor hängen oder sonst wie bestrafen konnte – etwa dafür, dass er sich bei den Briten nicht »mit dem befohlenen Hitlergruß« vorstellte. Der Pastor war damit beschäftigt, die eigene Haut zu retten und nicht in den Untergang mitgerissen zu werden, dem ungenannte andere zustrebten, indem sie die Zugänge zur Stadt verminten.

Ob die Sprengfallen wirklich installiert wurden oder nur Attrappen, ob sie aus eigenem Entschluss nicht scharf gemacht wurden oder auf Befehl aus Hamburg – daran hätte ein Historiker zu schaffen. Die »Vernunft«, die der Stadtarchivar erkennt, besagte: Der Feind ist zu stark.

Sie warteten bis »fünf Minuten vor Zwölf« mit der Kapitulation, fasste 1959 ein Zeitungsbericht zusammen, der britische Quellen herangezogen hatte. Keine »Abwehrkräfte« mehr und »keinerlei Aussicht auf Verstärkung«: damit wurde dem Offizierkorps der Beschluss zur Übergabe begründet. Bis dahin, bis Übermacht der Briten unübersehbar war, wurde die Festung gerüstet.

1953 stellte Kapitän Alexander Magnus, ein weiterer Geehrter, über den Moment seines vermeintlichen Heldentums fest: »als der Feind am 21. und 22. April Granaten in die wehrlose Stadt schoss, teilte ich meinem ehemaligen Vorgesetzten [dem Admiral] meinen Entschluss mit, unter keinen Umständen einen aussichtslosen Kampf zu kämpfen, der mit Sicherheit Menschenopfer gefordert und zu schweren Schäden in der Stadt geführt hätte«.

Magnus verlor kein Wort über andere »Menschenopfer« als die, die er durch den Verzicht rettete, seine Untergebenen in den Kampf zu schicken. Ums Erhängen machte er sich keine Sorge, überhaupt nicht um den eigenen Tod. Ein Held, der den Einsatz seines Lebens, für den er geehrt wird, übergeht.

In einem Statement des »kommissarischen Bürgermeisters«, eines verdienten Nazi, abgegeben um 1950, begann der Beschuss durch die Briten bereits am 18. April. »Am nächsten Morgen wurde beschlossen, dem Feind die kampflose Übergabe der Stadt anzutragen.« Das wäre der 19. nicht der 22. April. In der maßgeblichen Abhandlung über das Ende zwischen Elbe und Weser steht: »Die große Marinegarnison von Buxtehude, zu der u. a. 400 bis 500 Marinehelferinnen gehörten, ergab sich am 21. April ohne Widerstand.«

Vermächtnis der Vergangenheit

Die Heranziehung britischer Quellen hält der Stadtarchivar für unnötig. Eine aufs Geratewohl gestartete Nachforschung erbringt mühelos widersprechende Details. Die Briten, die ansatzlos in die »wehrlose« Stadt hineingeschossen haben sollen, verzeichneten Angriffe auf sich. Und sie hoben eine Einheit von Kindersoldaten aus. Der Ex-Bürgermeister war offenbar nicht der einzige Knabe an vorderster Front. Der Krieg war ein Kinderfeldzug geworden.

Kindersoldaten soll es in Buxtehude nie gegeben haben. Und heute kennt man sie nur aus Afrika und Lateinamerika. Zwar werden Jugendliche im Schützenverein an Schusswaffen herangeführt. Aber das sind keine Kinder, und überhaupt ist das etwas anderes. 1999 wurden die Kriegsspiele mit Kindern bekannt, die der von der ältesten Neonazi-Bande, dem Stahlhelm, in einem Waldstück auf Stadtgebiet veranstaltet wurde. Daran störten sich die Ratsleute nicht. Vielmehr ärgerten sie die Nachforschungen der Medien. ( →Die Traditionsbande »Stahlhelm«)

»Nach dem Zweiten Weltkrieg kann alles kritisiert werden, von allen, die in Frieden und Wohlstand aufgewachsen sind«, schimpft Freudenthal am Findling. »Die jungen Leute, die heute kritisieren, dass wir diesen Gedenkstein aufstellen, sollten sich mal bei ihren Eltern erkundigen.« Die Eltern und Großeltern der Antifa, die gegen den Gedenkstein protestiert hat, sind zu jung, um aus eigenem Erleben vom Krieg zu erzählen.

Mich hat Freudenthal nicht gemeint, aber ich nehme ihn persönlich. Ich habe meinen Vater befragt. Wäre es nach Leuten wie Engel und Magnus gegangen, hätte ich das nie tun können. Ich wäre nicht gezeugt worden, hätte der 13-Jährige sein Vorhaben verwirklicht und getan, wovon auch in Buxtehude Kinder offenbar nicht nur träumten, und sich mit der Panzerfaust ins erste und letzte Gefecht geworfen.

Am Tag der Buxtehuder Kapitulation war mein Vater mit Hunderten anderer Pimpfe auf der Insel Rügen in Stellung gegangen. Er war gegen den Willen seiner Mutter heimlich und vorzeitig mit falschen Angaben in die Hitler-Jugend eingetreten. Er war ein Nazi so gut er konnte. Um den 10. April hatte er mit seinen Großeltern die Flucht vor den Panzern der Roten Armee angetreten. »Hoffentlich dauert der Krieg noch so lange, dass ich meine Rechnung fertigmachen kann«, sagte er sich.

Am 16. oder 17. April erreichten sie seine Heimatstadt Stettin, und der Junge machte sich auf die Suche nach seiner Einheit. »Wer nicht im Felde steht, der ist entweder ein Krüppel oder ein ›grünes Bürschel‹, einer, der für das Leben nichts taugt«, stand in einem der Bücher, die er las. Rügen wurde am 20. April zur Festung erklärt. Die Knaben erhielten Panzerfäuste und wurden in Stellungen eingewiesen.

Am 1. Mai besetzten die Sowjets Stralsund und schnitten Rügen vom Festland ab. Am 5. Mai streckte der Inselkommandant die Waffen. Ein HJ-Bataillon bei Stralsund ignorierte den Befehl, kämpfte und wurde aufgerieben. Da war mein Vater schon fort. Unterdessen war seine Mutter über Buxtehude nach Apensen gelangt, hatte sich ein Quartier erkämpft und war dann mit ihrer Schwester auf die Suche nach dem Sohn gegangen. Sie ahnte richtig und holte ihn von der Insel herunter.

Friedenstauben

Mit den verwöhnten jungen Leuten meint Freudenthal vor allem eine Redakteurin des Lokalanzeigers, die zum Enthüllungstermin seines Findlings einen Artikel geschrieben hat. Sie tat fünf Minuten vor Zwölf, was der Rat der Stadt und ihr Archivar für überflüssig erachten, und hat sich kundig gemacht über die vier Geehrten.

Sie musste nicht sonderlich findig sein oder tief graben. Kinderleicht, in die Kindergeschichte, das Märchen, die wahren Bösen einzusetzen. Das Nächstliegendste, eine Anfrage beim Bundesarchiv, erbrachte für Alexander Magnus einen Treffer. Die Beteiligung von Admiral Engel an NS-Verbrechen war längst im Internet dokumentiert.

Fünf Tage, nachdem Siegfried Engel in Buxtehude aufgab, wurde in Wilhelmshaven Heinrich Schoon erschossen. Das Todesurteil gegen den 30-Jährigen war am 16. März ergangen, nicht durch ein »fliegendes Standgericht« sondern ein ordentliches Marinegericht. Als Vorsitzender äußerte Engel zwar Bedenken gegen die »Feststellung der Fahnenflucht«, fand diese aber »nicht ausschlaggebend«.

Besonders kurz vor dem Ende sollte jeder Anflug von Zersetzung vernichtet werden. »Bei der wiederholten Straffälligkeit des Angeklagten verdient dieser keine Gnade«, befand der Admiral, der wenigstens 54 Todesurteile gegen Deserteure unterzeichnete. Etwa 30 000 wurden im ganzen »Reich« verhängt, 18 000 vollstreckt. Ihnen wird ein ehrendes Gedenken allenthalben verweigert. Stattdessen wird Engel gerühmt, dass er sich nicht selbst zum Tode verurteilte.

Alexander Magnus soll an der Deportation von Juden aus Griechenland beteiligt gewesen sein. Sicher ist, dass er exakt 59 Jahre vor seiner Huldigung, am 9. Mai 1944, in Patras zehn gefangene griechische Zivilisten erhängen ließ als »Sühnemaßnahme« für einen »Partisanenanschlag«.

So viel weiß sein Verehrer inzwischen auch. In seiner Rede am Gedenkstein geht Freudenthal darauf nicht ein und wiederholt seine Legende. Sein Findling ist als Zeitbombe gedacht. Im Raum verankert, aber »für die Zukunft« gedacht, soll sie, was sich der Ex-Bürgermeister als Kind vorgestellt hat, in etwas überführen, das seine Nachfahren für wahr halten.

Magnus steht für weitere Zusammenhänge, denen man sich in Buxtehude nicht stellen will, wiewohl man sie ausstellt. Er erscheint an einer Stelle, die bereits eine Brücke bildet zwischen Geschichte und Gegenwart: Er gehörte zum Kreis um Großadmiral Karl Dönitz, dem förmlichen Amtsnachfolger Hitlers und Führer der letzten »Reichsregierung«.

Nach seiner Verurteilung im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess und zehn Jahren Haft hielt Dönitz bis zu seinem Tod am Heiligabend 1980 Hof in seinem Haus in Aumühle im Sachsenwald am Rande Hamburgs unter dem Patronat der Familie Bismarck und gab den Staffelstab nationalsozialistischer Soldatenehre weiter. Im Sachsenwald versammelte sich weder die Unterschicht, der Neonazis gern zugeordnet werden, noch die »Mitte der Gesellschaft«, in die hinein sie sich angeblich bewegen, sondern die Oberklasse.

Ein Auftritt von Dönitz im Januar 1963 in einer Schule im schleswig-holsteinischen Geesthacht machte internationale Schlagzeilen. Eingeladen hatte ihn der Schülersprecher. Der blieb treu bis in den Tod und nahm an Dönitz’ Beerdigung Teil, einer »Versammlung von Unverbesserlichen«. Im folgenden Jahr 1982 wurde er mit 38 Jahren in Kiel zum bis dahin jüngsten Ministerpräsidenten eines Bundeslandes gewählt. Er blieb es bis kurz vor seinem Ende in einer Badewanne in einem Hotel in Genf im Oktober 1987.

Erfundene Geschichte

Zwar erfährt man aus keinem Buch die wahre Geschichte des Buxtehuder Nationalsozialismus, aber es gibt eine Art Begleitbuch zum Findling aus den Kreisen der Ehemaligen der Estetalkaserne, das die Legende vom Ende um eine vom Anfang ergänzt. Es erschien im Frühjahr 2003, verfasst von Gerd Schultze-Rhonhof, dem prominentesten der lebenden Militärs, die in Buxtehude gedient haben.

Einen Namen machte er sich nicht in seinem Fachgebiet, sondern durch politische Statements. Der Verteidigungsminister entließ den Generalmajor, nachdem er das Bundesverfassungsgericht mit dem Volksgerichtshof verglichen hatte, weil dieses das Tucholsky-Zitat »Soldaten sind Mörder« durch die Meinungsfreiheit geschützt sah. Seither genießt Schultze-Rhonhof in Buxtehude den vorzeitigen Ruhestand wie die Gunst des Grundgesetzes, indem er in Organen der »Neuen Rechten«, Junge Freiheit und Ostpreußenblatt, seine Ansichten darlegen kann.

Laut seinem Buch 1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte haben die Deutschen nicht angefangen, sondern in Notwehr nicht anders handeln können, als Polen zu überfallen. Dass Hitler zum Zweiten Weltkrieg gezwungen wurde, ist ein zentraler Mythos des Neonazismus, von zahllosen ähnlichen Büchern und Broschüren am Leben erhalten.

Schultze-Rhonhofs »dürre Bilanz stellt die Ergebnisse der seriösen Forschung auf den Kopf«, fasste die Frankfurter Allgemeine Zeitung zusammen. »Im Grunde sind Interpretationen wie diese auch nicht neu. Sie folgen alten Spuren, die weniger im Bereich der Forschung als in dem von Ideologie und Propaganda angesiedelt sind. Neu ist dagegen, dass sie von einem ehemals führenden Offizier der Bundeswehr öffentlich vertreten werden.«

Schultze-Rhonhof leugnet keineswegs die Shoah. Das wäre strafbar. Und er verharmlost nicht. Die Judenvernichtung gehört für ihn einfach nicht zur Sache. Nur einmal kommen in seinem Buch Juden vor, polnische, von denen mehr als eine halbe Million zwischen 1933 und 1938 in Deutschland Zuflucht gefunden haben soll. Was mit den vor Ausbruch des Krieges angeblich Geretteten nachher in Deutschland geschah, erfahren seine Leser nicht. Das Pogrom vom 9. November 1938 sei jedenfalls nicht von den Nationalsozialisten geplant gewesen, sondern ein »Feuer der Entrüstung« habe es nach dem Attentat Herschel Grynszpans entfesselt.

Im Mitteilungsblatt der Landes-NPD lobt derselbe Buxtehuder, der im Jahr darauf in der Volkshochschule seinen »Krieg um die Köpfe« erklärt, den Ex-General dafür, dass er wiederholt und vertieft, was die Partei seit jeher unters Volk zu bringen versucht. Schon im September 1974 wurde vor Buxtehuder Schulen eine Flugschrift verteilt, in der es hieß, der Krieg sei »den Völkern aufgezwungen« worden und dass »sehr viele Deutsche durch die ununterbrochene Propaganda so verwirrt wurden, dass sie Wahrheit und Lüge nicht mehr voneinander unterscheiden können«. Zur Beeinflussung hätten Magazine beigetragen, »in denen man künstliche Leichenberge durch Fotomontage mit Puppen zusammenstellte«.

Ein NPD-Anführer bekräftigte in einem Leserbrief, was der Ex-General 30 Jahre später in seinem Buch auswalzt: »Hitler wollte, das ist geschichtlich eindeutig erwiesen, keinen Krieg. England dagegen wollte seit 1937 einen Krieg mit Deutschland und suchte nur eine Gelegenheit zur Kriegserklärung an Deutschland.«

Freunde der Lüge

Schultze-Rhonhof tritt als Festredner vor dem Kameradschaftsverband des 1. SS-Panzerkorps an geheim gehaltenem Ort auf und bewegt sich dort mit gleicher Selbstverständlichkeit wie unter den Honoratioren von Buxtehude, die ihn zu ihresgleichen zählen. Wenige Wochen nach der Zeremonie auf dem »Friedensplatz« stellt er vor einem handverlesenen Publikum in der Stadt sein Buch vor. Gemeine oder gar kritische Bürger und Presse sind unerwünscht.

Allein der Lokalanzeiger darf das Geschichtsbild einer breiteren Öffentlichkeit näher bringen. »Vergiftet: Die deutsche Seele« titelt er im Jargon der »Neuen Rechten« und streicht die »neue Sicht auf die Geschichte« durch Schultze-Rhonhof heraus. Seinem Opus wird ausdrücklich bescheinigt, »ein seriöses Geschichtswerk« zu sein.

Anderswo machen Auftritte Schultze-Rhonhofs Skandal. Einladungen werden zurückgezogen, seine Reden von Protesten begleitet. Ein Auftritt bei der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik wird auf Intervention des Finanziers, des Bundespresse- und Informationsamts, abgesagt. Stattdessen spricht General a. D. Günter Kießling, verurteilt den »Maulkorb« für den Kameraden und holt aus: »Wenn es denn eine nationale Elite in Deutschland gäbe, dann müsste sie sich gegen die Forderungen der politischen Korrektheit erheben«.

Im Februar 2004 referiert Schultze-Rhonhof auf Einladung des CDU-Landrats von Rotenburg und führt aus, es »werde in den heutigen Schulbüchern ein teilweise falsches Geschichtsbild vermittelt«. Im Juni vermeldet die Presse das Scheitern eines Antrags der SPD: »Der Kreistag missbilligt nicht, dass dem Kriegsschuld-Relativierer Gerd Schultze-Rhonhof ein Forum in Rotenburg geboten wurde.« CDU, FDP und eine Wählergemeinschaft halten zu ihrem Gast. »Während der gesamten Debatte vermieden es deren Vertreter, sich von den Thesen des Ex-Generals zu distanzieren.«

Im Juli wird Schultze-Rhonhof zur Clausewitz-Gesellschaft eingeladen, dessen Vizepräsident der Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr und dessen Ehrenpräsident General a. D. Ulrich de Maiziére ist. Einladungen ergehen weiter, Proteste verhallen. Ein YouTube-Video des Generals wird heute auf der Homepage des Kreisverbandes der Alternative für Deutschland verlinkt.

Verlorener Wettlauf

In Buxtehude weiß man offiziell nichts vom Dritten Reich und will nichts wissen. Eine einzige Episode der Epoche kann als erkundet gelten. Sie war seit 1955 nachzulesen, in einem DDR-Bestseller, der 2002 neu aufgelegt wurde. Auf Nachfrage hält die Stadtbücherei eine Anschaffung für »unnötig«: »Wir sind eine Kinder- und Jugendbücherei.«

Es handelt sich nicht um einen akademischen Wälzer, sondern den autobiografischen Roman einer Historikerin, deren Indianerbücher wie Die Söhne der Großen Bärin auch im Westen gelesen wurden und deren DEFA-Verfilmungen weiter im TV gezeigt werden. Zugleich dokumentenecht und literarisch durchgebildet ragt Jan und Jutta von Liselotte Welskopf-Henrich unter vergleichbaren Büchern heraus: NS-Geschichte als Jugendbuch.

Der einzige organisierte Widerstand gegen das NS-Regime an der Unterelbe ging aus von einer Untergrund-Zelle der KPD in Buxtehude. Sie wurde bereits früh zerschlagen. Im März 1935 wurde ein Dutzend Genossen verurteilt. Als Rädelsführer bekannte sich der 32-jährige Zimmermann Rudolf Welskopf und bekam fünf Jahre Zuchthaus.

Nachdem Welskopf 1936 aus einem Lager im Moor bei Zeven geflohen war, suchte er einem Genossen in Buxtehude Unterschlupf, der ihn an die Gestapo verriet. Das Dritte Reich überlebte Welskopf, weil er mit Hilfe seiner späteren Frau aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen entkam. (Mehr in Wege des Widerstands.)

Gegen das Ansinnen einer Gedenktafel für die einzig bekannte ehrenwerte Person der NS-Stadtgeschichte wurden alle Register gezogen. So ignorant man bei der Würdigung der Wehrmachtsoffiziere vorging, so genau nahm man es 2005 beim Kommunisten.

Drei Jahre zuvor hatte sein Sohn bei einem Besuch in Buxtehude beschrieben, wie sich der Vater von öffentlichen Aufgaben zurückzog, als Polizeichef nach kurzer Zeit zurücktrat, Führungspositionen und Ehrungen abwies und sich ganz auf seine Arbeit im Eisenbahnbetrieb konzentrierte. Die Mutter durfte als Bestseller-Autorin reisen, da schaute die Stasi genauer hin. Dass die förmliche Anfrage des Buxtehuder Rats bei der Unterlagen-Behörde nichts Nachteiliges erbrachte, wurde mit Enttäuschung quittiert und beseitigte nicht den Widerstand der CDU-Fraktion.

Die Affäre um den Friedensstein erledigten die Honoratioren heimlich. Kurz nach der Einweihungsfeier wurde die Plakette abmontiert. Im Jahr darauf beschloss ein nicht-öffentlich tagender Ausschuss eine neue Inschrift: »Am 22. April 1945 ging für Buxtehude der Zweite Weltkrieg zu Ende. An diesem Tag wurden die Estetalkaserne und die Stadt kampflos den britischen Truppen übergeben. Dadurch wurden der Tod von Menschen und Zerstörungen verhindert.«

Man weiß nicht mehr als vordem; die Tat bleibt ehrenwert, die Täter sollen bloß nicht mehr mit ihren Namen dafür haften. Wo sich der märchenhafte Wettlauf zwischen Hase und Igel zugetragen haben soll, trat die Geschichte gegen die Legende an. Die Wahrheit wurde zu Tode gehetzt, bevor sie loslaufen konnte.

Quellen und Literatur

Stader Tageblatt 24.7.1986, 13.3.2003 | D. K. Halaski: Die letzten Tage des 2. A.[dmirals] d. N.[ordsee] [1988]; Brief A. Magnus 11.10.1953; W. Klein: Die letzte Kriegszeit, die Übergabe und die erste Besatzungszeit in Buxtehude [um 1950] im Stadtarchiv Buxtehude | Witwe Halaski Apr. 2003 | Stadtarchivar Buxtehude 28.6.2003 | Stader Tageblatt 28./29.11.1959 | H. Schwarzwälder: Bremen und Nordwestdeutschland am Kriegsende 1945 III, Bremen 1976 | Landeszentrale f. polit. Bildung Nds. 16.7.2003 | Stader Tageblatt 22.4., 7.5.2003 | Antifa Wilhelmshaven | stade.vvn-bda.de | Bundesarchiv Berlin an A. Richter 15.4.2003 | Infos F. K., Hamburg | M. Mueller/L. Müller/R. Lambrecht/P. F. Müller: Der Fall Barschel, Berlin 2007 | Frankfurter Allgemeine Zeitung 26.11.2003 | G. Schultze-Rhonhof: 1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte, München 2003 | Arbeiterkampf 39/1974 | Stader Tageblatt 12.9., 19.9.1974, 24.6.2003 | Junge Freiheit 26.3.2004 | Rotenburger Rundschau 2.3., 22.6.2004 | L. Welskopf-Henrich: Jan und Jutta, Rostock 2002 | U. R. in Hamburger Abendblatt 8.8.2001, blick nach rechts 20/2003, Neues Deutschland 22.1.2004, Ossietzky 8/2004

© Uwe Ruprecht

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