Erinnerungskultur in Buxtehude

Dem Lokalanzeiger entnehme ich, dass in Buxtehude mit einer „Gedenkstätte“ an die Opfer des Hexenwahns gemahnt werden soll. Ein Foto zeigt neun Menschen zufrieden in die Kamera schauen. Was ist es, dass sie erfreut? Ein Zuwachs von Touristen durch die Ausstellung der Schauergeschichte? Oder sind sie erleichtert über die Befreiung von einer Erinnerungsblockade?

Vor zwei Jahrzehnten suchte ich Spuren der Hexenverfolgung. Ich habe mir Dutzende solcher Geschichten aus der Geschichte vorgenommen: Geschehnisse und Gestalten, die ein Schlaglicht auf die Gegend zu ihrer Zeit werfen. Ein Auswahlkriterium war, dass die Vorkommnisse nicht bereits vielfach beschrieben waren; etliche Geschichten zeichnete ich erstmals auf.

Eine wiederkehrende Erfahrung bei meinen Nachforschungen war die Abwehr der Erinnerung. Die erste Hürde war oft, dass ich als Fremder auf dem Dachboden des kommunalen Gedächtnisses kramte, statt die offiziellen Sehenswürdigkeiten zu bewundern. Die Widerstände wuchsen, wenn ich angab, auf welche Geschichte ich aus war – falls man sie vor Ort, in Archiven, Museen oder bei Heimatvereinen, kannte und nicht daran rühren wollte, oder, schlimmer, wenn man nie von ihr gehört hatte.

Ich hätte jedes Mal zwei Geschichten erzählen können, und habe es manchmal getan: die Darstellung der tatsächlichen Ereignisse und die Chronik des Umgangs mit ihnen im Lauf der Zeit.

Als ich mich in Buxtehude, wo ich das Gymnasium besucht habe und nicht als vollkommen Fremder gelten kann, nach Überbleibseln der Hexenverfolgung umtat, war ich höchst unwillkommen.

Eine lokale Publikation kannte ich nicht; ich war durch eine neuere Abhandlung über den Hexenwahn auf die in der Hansestadt verbrannte Bürgermeistersgattin aufmerksam geworden.

Wenn ich mich nicht irre, war es mein erster Besuch im Stadtarchiv. Später würde ich mich dort vollkommen unmöglich gemacht haben, aber eigentlich fing es schon mit der Hexen-Recherche an. Der Archivar fand mein Anliegen absonderlich.

Er ist einer der neun auf dem Zeitungsfoto. Die meisten von ihnen waren 1997 bereits dort, wo sie heute sind. Damals wusste der Archivar weniger von der Geschichte als ich nach Abschluss meiner Recherchen; inzwischen ist er selbstverständlich eine Autorität.

In der Stadtbibliothek fragte ich nach dem Buch mit einem Theaterstück über den heimischen Hexenfall. Die Reaktion fiel aus, als hätte ich mich erkundigt, wo die Hexe heute wohnt. „Sowas haben wir hier nicht.“ Die Dame wandte sich brüsk ab, ließ mich stehen und im Ungewissen, was sie meinte.

Kurzum: von der Geschichte wollte man in Buxtehude nichts wissen. Bald darauf machte die Stadt überregional von sich reden durch Intrigen um eine Frau an der Spitze der Verwaltung. Historisch Bewanderte hätten denken können, es ginge um eine Hexe als Bürgermeisterin. (Als am 28.1.1999 meine erste Notiz im Neuen Deutschland erschien, standen noch einige Infamien in der Sache aus.)

Vergleiche dieser Art stelle nicht ich an, sondern zwei der neun auf dem Zeitungsfoto regen sie an. Das geplante Mahnmal „schlage einen Bogen ins Heute“, erklären die Ehefrau des Künstlers und die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, „auch heute widerfahre vielen Frauen noch Unrecht“. Ob die Damen im Verfolg ihrer Erinnerungskultur den Bogen bis in die jüngere Stadtgeschichte spannen, weiß ich nicht. Bei meinen Informationen bin ich angewiesen auf das, was eine Zeitung verbreitet, die ehedem in die Machenschaften um die Führungsfrau eingesponnen war.

Als ich mir meine Zeilen zum Hexenbrand in Buxtehude 2009 für eine Wiederveröffentlichung vornahm, musste ich nichts ändern. Nichts zum „Forschungsstand“, nichts zur öffentlichen Einschätzung.

Nun ist in Buxtehude also eine neue Zeitrechnung angebrochen. Man ist stolz auf seine Verbrechen, statt sie vor Leuten wie mir tunlichst zu verbergen. Allerdings nur, sofern sie lange genug zurückliegen.

An die Verbrechen des Dritten Reichs gemahnt in Buxtehude heute so wenig wie zu der Zeit, als ich mich damit im Stadtarchiv und darüber hinaus zur persona non grata machte. Das war, als den Repräsentanten der städtischen Erinnerungskultur die Ehrung von NS-Kriegern als Friedenstauben durch Wahrheiten vermasselt wurde, die man im Archiv nicht nur nicht hatte kennen wollen, sondern absichtsvoll verdrehte. (Mehr über diese Geschichte hier auf diesem Blog.)

Bei den NS-Verbrechen gäbe es zwar so wenig Grund, zufrieden in eine Kamera zu schauen, wie bei den Massenmorden im Zeichen des „Hexenhammers“ – aber es fiele eher als unangemessen auf. Was Würden- und ihre Wasserträger nicht hindert, bei der Verlegung von Stolpersteinen® sich selbst zu feiern. Seltsame Er-Innerung als Ausdruck „tiefsten Mitgefühls“ (in den Worten des Stadtrats), die solche Gesichter zeigt.

Die Mahnung an die Massenmorde mit dem Kreuz des Christentums erfolgt parteiübergreifend. Beim Gedenken an den Nationalsozialismus haben sich CDU, SPD und Grüne bis dato nur in einem Punkt einig gezeigt: beim Schweigen.

Der letzte Hexenprozess war 1644, vor 373 Jahren. Mithin wäre es mit der Erinnerung an das, wovon in der offiziellen Chronik in und um Buxtehude nichts stattgefunden hat, anno 2318 soweit.

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