Auf der Jagd nach dem grauen Räuber

Zwischen Elbe und Weser lebte man vom Wald, bis er verbraucht war. Holz für die Werften in Bremen und Hamburg wurde geschlagen: pro Kriegsschiff 100 Hektar mit 3000 100-jährigen Eichen, außerdem Buchen für das Ruderwerk. Der größte alte Wald im Kreis Stade, der Braken bei Harsefeld, ergäbe gerade noch dreieinhalb Fregatten.

Als Brennstoff für den häuslichen Herd und später für die Öfen der Ziegeleien wurde Torf gestochen, so dass die Moore allmählich austrockneten.

In den Wäldern und an den Rändern der Moore war das Revier des Wolfs. Im Landstrich Kehdingen, wo ein Name wie Wolfsbruch daran erinnert, oder am Frankenmoor nördlich von Bargstedt waren mächtige Rudel heimisch.

Wie Wälder und Moore verschwand der Wolf. Großangelegte Treibjagden gaben ihm den Rest. Einst das am weitesten verbreitete Raubtier der Erde, war er in Europa praktisch ausgerottet.

Zeichnung: urian

Homo lupus

Wenn der Mensch dem Menschen ein Wolf war, hatte der wirkliche Wolf seine beste Zeit. Im Krieg damit beschäftigt, sich gegenseitig umzubringen, kümmerte die Menschen ihr Vernichtungsfeldzug gegen „canis lupus“ weniger; ungestört vermehrte er sich. Die Rudel „folgten der Trommel“ und ernährten sich von den Leichen auf den Schlachtfeldern und verendeten Pferden aus dem Heerestross.

Während im Dreißigjährigen Krieg Dörfer und Städte verwüstet wurden und die Zivilisation zusammenbrach, breitete sich der Wolf in bremischen Landen aus. Die „Wolfszeit“ brach an: „Das Land sah meilenweit einer Einöde gleich, den Reisenden begegneten mehr Wölfe als Menschen.“

Ein Jahrhundert lang war Isegrimm eine Landplage und herrschte über die Weite der Geest, die Unwegsamkeit der Moore und im Dickicht der Wälder.

Nach Kriegsende 1648 wurde die Landwirtschaft wieder angekurbelt. Drastisch beschränkte die platzfressende Drei-Felder-Wirtschaft den Lebensraum des Raubtiers. Ein neuer Krieg setzte ein.

Die Wolfsplage bedrohte vornehmlich die Existenz der kleinen Viehbauern, die nur ein paar Schafe und eine Kuh oder zwei besaßen. Oft riss ein Rudel mehrere Lämmer in einer Nacht. Zusammengepfercht in einem Koben waren sie leichte Beute, und der Landmann konnte sich nicht wehren. Denn Wildtiere zu erlegen, die Jagd, war das Privileg der adligen Gutsbesitzer.

Foto: urian

Räuber und Beute

Bald jedoch wurde man der grauen Räuber nicht anders Herr, als die Jagd auf sie freizugeben. Am Langenmoor westlich von Oldendorf hatte Bauer Döscher miterleben müssen, wie zwei Wölfe in einer Nacht 20 seiner Schafe rissen, und sann auf Rache.

Er opferte ein altes Pferd als Köder und band es an den Koben. Nacht für Nacht wartete er. Endlich schlichen die beiden Räuber heran. Einen erwischte Döscher, brachte den Balg zum Amtmann und schilderte, wie er „durch mühsames Auflauern und vieles Nachtfrieren das große Glück gehabt, denselben Wolf, so wegen seiner ungeheuerlichen Größe bekannt und in so mancher kostbaren Jagd durchgebrochen, zu erschießen“.

Für jeden dem Amtmann vorgezeigten Kadaver zahlte die Regierung eine Prämie: um 1680 betrug sie einen Reichstaler für ein junges Tier, vier Taler für ein erwachsenes, fünf für ein besonders stattliches Exemplar. Eine Kuh kostete zwei bis drei Taler. Gegen Ende der „Wolfszeit“ 1763 wurden 50 Reichstaler gezahlt: der Gejagte war seltener geworden, aber unvermindert gehasst und gefürchtet.

Für einen Einzelgänger, der 1756 in Himmelpforten und Dudenbüttel Fohlen gefressen hatte, wurde ein spezielles Kopfgeld ausgesetzt. Mancher Bauer spekulierte auf die Belohnung für einen alten Wolf, der in der Fredenbecker Gegend seine Fährte hinterließ.

Auf der Jagd nach ihm streifte Gerd Müller aus Mulsum tagelang in den Wäldern bei Hohenmoor umher. Den bösen Alten fing er zwar nicht, aber einen Wurf von sechs Wölfen, die er lebend zum Harsefelder Amtshof brachte.

Foto
Amtshof in Harsefeld

Legendenschwanz

Obwohl der Wolf Menschen für gewöhnlich mied, gibt es allerhand Berichte von Überfällen. Die meisten sind schiere Gräuelmärchen: starb jemand im Wald an Herzversagen und wurde die Leiche von wilden Tieren zerfetzt, galt er flugs als Wolfsopfer.

Sehr gelegentlich trieb anhaltender Hunger Wölfe dazu, Menschen anzufallen. Vor allem in den kalten Monaten waren Reisende gefährdet. Eine Serie von tödlichen Wintern in Norddeutschland während des 17. Jahrhunderts schürte die Ängste. 1665 und 1684, als sogar „die Hunde vor Kälte toll wurden“, rasten die Wölfe und umkreisten heulend entlegene Gehöfte.

Wie viele Wölfe es zu jener Zeit gab, ist nicht überliefert. Bekannt sind die jährlichen „Strecken“ einzelner Amtsbezirke, die mit Prämien belohnten Bälge: 1649 waren es 182, 1658 zum Beispiel 87 und 1763 noch 66 Stück.

In der „Wolfszeit“ soll sich auch die Geschichte von einem zahmen Tier zugetragen haben, das der Herr von Düring auf seinem Gut in Francop hielt. Im Krieg von Schweden und Frankreich gegen den deutschen Kaiser tobte 1675 um Harburg die Schlacht. In den Wirren der hastigen Flucht vom Gutshof wurde der Düringsche Sohn von „fahrendem Volk“ verschleppt. Der Haus-Wolf folgte der Fährte bis an die Elbe.

16 Jahre später erhielt der Bruder und Erbe des Gutsherrn einen Brief vom verlorenen Sohn, mochte ihm aber nicht glauben. Doch bei einem Besuch des Verschollenen in Francop beschnupperte und erkannte ihn der steinalte Wolf.

Zeichnung: urian

Jagdgesellschaft

Die organisierte Wolfsjagd hatte tausend Jahre Tradition. Anno 813 verpflichtete Karl der Große seine Grafen, Beamte zu ernennen, „Luparii“, die ausschließlich für die Hatz auf die Wölfe zuständig waren.

Diverse Mittel, den Gegner zur Strecke zu bringen, wurden erfunden: Schlingen, Fangeisen, Gift oder Gruben, die unten breiter waren als oben, um ein Hinausklettern zu vereiteln, und am Boden versehen mit spitzen Pfählen gegen ein Hinausspringen. Die Wolfsangel, ein Doppelhaken mit Köder, hing von Bäumen herab; ihr Zeichen trugen die Förster an Uniform und Hirschfänger.

Nahmen die Wölfe nahe besiedelter Gebiete überhand, half nur eine Treibjagd. Aus Harsefeld meldete Amtmann Rudolf Ameling Petersen 1678 der schwedischen Besatzungsregierung in Stade, „dass die Wölfe sehr gängig, allenthalben großen Schaden zufügen und derowegen von den Bauern viele Ansuchen auf eine Jagd geschieht“. Unter Petersens Aufsicht wurden Fangnetze vorbereitet, 50 Meter lang und 300 Pfund schwer.

Am Sonntag wurden Tag, Stunde und Treffpunkt der Jagd von der Kanzel verkündet. Der Pastor schloss mit der Ermahnung, „wenn solche Jagden etwas fruchten sollen, muss ein Nachbar dem anderen darin handbietig sein und dannhero alle Einwohner, Mann für Mann, dazu aufgeboten werden“. Zehn Taler Strafe drohten Drückebergern.

Zum Läuten der Kirchenglocken versammelten sich die Landleute um fünf Uhr früh und bildeten die Treiberkette. Trommelschlagend ging es durch die Landschaft. Zum Schuss kamen allerdings nur die Amtsmannschaft, die Gutsherren und deren Gäste aus der Regierung.

So ließen die Bauern schon einmal einen Wolf „durchstreichen“, um ihn selbst fangen zu können. Jedes „außerhalb der gemeinen Jagd“ erlegte Tier bedeutete Geld, während die Treiberdienste zu den Fronpflichten des Landmanns gehörten – wie die Bewirtung einer königlichen Jagdpartie mit ausreichend „fettem Speck, Hühnern, Getränk an Bier und Branntwein“.

Die „Wolfszeit“ war um 1780 vorbei. Versprengte Rudel erhielten sich mühsam. In einem Gehölz bei Bad Fallingbostel erinnert ein Findling an den 18. Februar 1872, als eines Försters Kugel den für mehr als ein Jahrhundert letzten Wolf der Region tötete.

Diesen zuerst 1998 gedruckten Text habe ich ausgekramt, weil gegenwärtig mit der Angst vor dem Wolf Politik gemacht wird – wie an anderer Stelle beschrieben.

Advertisements