Fünf Jahre „Legal Wall“ – Graffiti in Stade

„Graffiti-Kunst“ sah ich erstmals 1985 in einer Hamburger Galerie – die kam aus New York. Währenddessen saß der „Sprayer von Zürich“ im Gefängnis.

Die Wand unter der Hansebrücke am Bahnhof von Stade gilt mit rund 120 Quadratmetern „Sprühfläche für moderne Graffiti-Kunst“ als größte „Legal Wall“ in Norddeutschland.

So sind die Stader. Erst rennen sie in eine Richtung, strikt, knallhart, bedenken- und gnadenlos. In Sachen Graffiti hieß das Kriminalisierung. Und dann, viel später, auf unerklärlichen Wegen anderen Sinnes geworden, wollen sie beim Marsch in die Gegenrichtung ganz vorneweg sein – mit der größten Wand im Land.

Fünf Jahre her, 2012, dass die Wall in Stade eingeweiht wurde. Mindestens eine Sprayer-Generation zu spät. Während vor 16 Jahren in Buxtehude Sprayer ihre Werke immerhin ungeahndet auf Tafeln im Museum präsentieren durften, skizzierte ich die Lage in Stade in einem Artikel für das Hamburger Abendblatt am 14. Juli 2001.

(Die Zeitung bietet den unvollständigen Text auch in ihrem Archiv unter ihrem Copyright an. Das Recht sie tatsächlich nicht, sie hat mich nur für den einmaligen Abdruck bezahlt. Aber wer bin ich, einen Streit mit dem Springer-Verlag anzufangen? Wenn schon ein Elaborat von mir im Netz verfügbar sein soll, kann ich selbst dafür sorgen.)

An den wesentlichen Tatbeständen hat sich nichts geändert – aber ein bisschen einsichtiger ist man inzwischen.

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Bahnhof Stade 2001

Sprayen ist wie eine Sucht

Graffiti sind angesagt im Kreis Stade. In jüngster Zeit beobachten Polizei und Ordnungsämter eine deutliche Zunahme der Wandmalereien. Längst sind es nicht mehr nur Schulen oder finstere Unterführungen, kahle Brandmauern und Brückenpfeiler, die verziert werden, sondern auch Privathäuser. Und nicht nur in den Städten, ebenso auf den Dörfern begegnet man gesprühten Zeichen.

Bekommen Stade und Buxtehude bei den Graffiti Verhältnisse wie in Hamburg, wo sie allen polizeilichen und pädagogischen Bemühungen zum Trotz seit 20 Jahren zum Stadtbild gehören? Sind die Wandbilder Kunst im öffentlichen Raum oder Sachbeschädigung? Handelt es sich um Jugendkriminalität oder Jugendkultur?

Graffito ist nicht gleich Graffito. Es gibt einerseits Sprayer, die daheim Vorlagen fertigen und diese sorgfältig mit mehreren Farben auf die Wand übertragen. Und es gibt die schlichten Schmierer, die bestenfalls ein „tag“, ein Namenszeichen, hinterlassen. Was alle Sprayer suchen, sind „fame“ und „respect“, Ruhm und Anerkennung: Ruhm bei den Bürgern, die ihre Bilder zur Kenntnis nehmen müssen, und Anerkennung in der Szene für gelungene Kompositionen an ausgefallenen „spots“ (Plätzen).

Sprayer sind Jugendliche mit extremem Geltungsbedürfnis, sagt Barbara Uduwerella, die seit 12 Jahren in Hamburg als Sozialarbeiterin in der Szene tätig ist. Graffiti sind ein „visueller Hilfeschrei“ von vorwiegend männlichen Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren, die „nicht wissen wohin mit ihren Gefühlen“. Das Sprayen dient ihnen als Ventil. Mit Graffiti verschaffen sie sich eine Beachtung, die ihnen ansonsten vorenthalten wird.

Sprayen ist eine Sucht, gegen die Strafandrohungen wenig helfen. Jugendliche, die sprayen, sind vielmehr weniger anfällig für andere kriminelle Versuchungen, meint Barbara Uduwerella. Sie prügeln sich nicht, sie nehmen keine harten Drogen. Das Credo der Sozialarbeiterin: „Wer etwas gegen Graffiti tun möchte, muss etwas für die Jugendlichen tun: Ausbildungsplätze, Ganztagsschulen, Freizeiteinrichtungen, zuverlässige Bezugspersonen.“

Insofern wäre die Zunahme von Wandzeichen im Kreis Stade als Warnzeichen für Jugendprobleme im allgemeinen zu verstehen. Sprayer, die allein auf den Nervenkitzel abfahren, auf den Adrenalinstoß, wenn die Polizei bereits um die Ecke biegt, während sie noch sprühen, sind pädagogisch schwer zu fassen. Bei den übrigen hat Barbara Uduwerella gute Erfahrungen mit der Legalisierung von Flächen gemacht. Einen Versuch damit will der Stader Kriminalitätspräventionsrat noch in diesem Jahr machen. Bei zwei Jugendzentren sollen Mauern für Graffiti zur Verfügung gestellt werden.

Sofort beseitigen gilt bei den Ordnungsämtern von Stade und Buxtehude als Rezept gegen Graffiti. Eine rasch gereinigte Mauer wird unattraktiv für Sprayer und demoralisiert sie. Je aktiver aber die Sprayer sind, desto länger dauert die Tilgung der Zeichen, weil das Personal dafür knapp ist.

Für Hausbesitzer, die von einem Spray-Attentat betroffenen sind, hat die Sparkasse Stade-Altes Land einen Fond von 30 000 Mark eingerichtet. Bedingung für einen Antrag ist eine Anzeige bei der Polizei. Die Sparkasse übernimmt 50 Prozent der Reinigungskosten, maximal 500 Mark. Gingen seit September 1999 insgesamt 55 Anträge ein, waren es in diesem Jahr lediglich drei. Dementsprechend rückläufig sind die Anzeigen von Graffiti bei der Stader Polizei. Haben die Hausbesitzer resigniert oder sind sie gleichgültiger geworden?

Strafrechtlich werden Graffiti als Sachbeschädigung geahndet. Allein, die Verursacher werden kaum ermittelt. Ertappt man sie nicht auf frischer Tat, ist die Beweislage fast aussichtslos. Konnte man früher einem Sprayer ein „tag“ eindeutig zuordnen, werden die Namenskürzel inzwischen auch kopiert.

Bei Hausdurchsuchungen, sagt ein Beamter des Bundesgrenzschutzes, werden außerdem immer seltener so genannte „black books“, in denen Sprayer ihre Werke dokumentieren, gefunden; die werden woanders versteckt. Bei der Arbeit tragen Sprayer Kunststoffhandschuhe, um Fingerabdrücke zu vermeiden. Außerdem treten Sprayer häufig in Gruppen, als „crew“ auf, so dass individuelle Eigenarten der Schriftzüge zur Identifikation fehlen.

Gemeinnützige Arbeit oder Jugendarrest sind im Gesetz als Strafe vorgesehen. Die eigentliche Strafe besteht jedoch in den Regressansprüchen für die Reinigung. Besonders aktive Sprayer in Hamburg haben Schulden bis zu einer Viertelmillion Mark angehäuft. In den Schulen setzt man auf den Lerneffekt, wenn Sprayer ihre Bilder selbst beseitigen müssen.

Seit Monaten verkehren fast komplett bemalte Züge auf der Strecke Hamburg-Cuxhaven. Möglicherweise sind diese Vorbilder für den Schub an Graffiti entlang der Bahnlinie mitverantwortlich. Die Bahn AG zeigt Graffiti nicht mehr an und reinigt die Züge nicht mehr, erklärt ein Beamter des Bundesgrenzschutzes.

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Bahnhof Stade 2001

Ein Sprayer aus Buxtehude

Daniel (Name geändert) hat gerade sein Abitur bestanden. Er ist davon abgekommen, im Schutz der Dunkelheit Hauswände zu besprühen. Das Risiko, erwischt zu werden und sich durch Schadensersatzforderungen „die Zukunft zu verbauen“, ist ihm zu groß.

Er malt weiterhin im Graffiti-Stil, aber auf Holztafeln oder legal. So wurden er und andere engagiert, gemeinsam die Rückwand eines Kinos in Cuxhaven zu verzieren. Passanten reagierten aggressiv, erinnert er sich: „Die denken wohl bei Graffiti sofort an ‚asozial‘ und ‚Ghetto‘.“

Sprayer, denen es ausschließlich darum geht, aufzufallen, machen „Silberbilder“. Mit Silberfarbe lässt sich in kürzester Zeit eine große Fläche füllen. Ausgefeiltere Kompositionen mit mehreren Farben benötigen etwa eine Stunde. Eine Stunde, in der man nicht entdeckt werden darf.

Manche Sprayer sind „superdreist“, sagt Daniel. „Die sagen sich: Wenn ich gesehen werde, habe ich fünf Minuten, dann muss ich rennen.“ Er selbst steht nicht auf diesen Kick. Anders als die meisten Sprayer benutzt er bei der Arbeit auch eine Atemschutzmaske, um sich vor den schädlichen Farbdämpfen zu schützen.

Daniel vertritt eine „Moral des Sprühens“. Dazu gehört, dass Privathäuser tabu sind. Und dass man die Bilder anderer Sprayer nicht übermalt, das so genannte „crossen“. Die Sprayer, die auf den Dörfern unterwegs sind, nennt er „blutige Anfänger“. Ihnen fehle das „ästhetische Verständnis“, und „die haben auch keine Moral“.

„Wenn man auf dem Papier gut ist, ist man auf der Wand noch lange kein Könner“, sagt Daniel und wünscht sich für die Szene Übungsflächen. Bisher dient zum Beispiel eine abgelegene Eisenbahnbrücke als Testfläche. Sprayer mit Kunstanspruch wie Daniel wären durch die Bereitstellung von Flächen davon abzubringen, illegal zu sprühen.

Der Sprayer von Zürich

Graffiti in der heutigen Form entstanden um 1970 in den USA. Später weltberühmte Künstler wie Keith Haring begannen als Sprayer in der New Yorker U-Bahn. Graffiti wurden begriffen als Antwort auf gesichtslose Städte: „Die Mauern sollen durch Bilder leben.“

In Europa sorgte Ende der 1970er Jahre der „Sprayer von Zürich“ für Aufsehen. Harald Naegeli, Jahrgang 1939, besprühte unter anderen Bankgebäude mit skelettartigen Strichmännchen. Auf seine Ergreifung wurde ein Kopfgeld ausgesetzt.

Naegeli wich nach Deutschland aus. 1980/81 schuf er den aus 600 Bildern bestehenden „Kölner Totentanz. 1984 stellte er sich den Behörden und ging ins Gefängnis. Künstler und Intellektuelle solidarisierten sich mit ihm. Heute werden Naegelis Werke in den bedeutendsten Museen ausgestellt.

Foto: urian
Legal Wall am Bahnhof Stade 28.8.17

Die Wall befindet sich an zentraler Stelle in einer entlegenen Schmuddelecke, wo vor allem Pendler und andere Bahnreisende vorbei kommen, die nicht den ausgeschilderten Pfaden folgen, sondern den kürzesten Weg nehmen.

Als Flaneur war mir die Mauer als Sprühfläche längst bekannt, bevor sie zur Legal Wall wurde. Einen der Maßgeblichen Dreihundert, die die Geschicke der Stadt lenken, habe ich in einem Vierteljahrhundert dort nicht gesehen. Sie fahren mit dem Auto darüber hinweg.

Dem „Freiraum für alle kreativen Köpfe“ (wie ein Schild die Wall nennt) haben sie nie einen Blick gegönnt. Zur Kreativität gehört, die Bahnen des Gewohnten zu verlassen. In einer Stadt, in der „Sicherheit und Sauberkeit“ an oberster Stelle stehen, sind keine Experimente erwünscht und werden allenfalls geduldet.

Auf der Wand entstanden im Lauf der Zeit sehenswerte Werke und verschwanden unter den nächsten. Von „fame“ und „respect“ für die „kreativen Köpfe“ vernahm ich nichts.

Gegenwärtig sind die Tagger mit Silberbildern und die Crosser am Werk. Statt von irgendeiner Kunst zeugen sie von Barbarei. Dabei wird das Spraydosen-Gespreize der einen übertrumpft von denen, die diese Pfauenräder mit ihren Zeichen zerstören. In ihrem Jubiläumsjahr sieht die Legal Wall nicht nach Kunst, sondern nach Krieg aus.

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