Die Gespenster eines Oberjägers

Der zunächst bundesweit zur künstlichen Erregung verbreitete »Angriff eines Wolfs auf einen Menschen« war vermutlich nichts von allem, kein Angriff und kein Wolf, sondern das Erzeugnis einer medialen Hysterie, die einen ansteckte, der nicht ungern mit seiner Geschichte vor die Kameras trat.

Kein Grund für die Medien, kürzer zu treten. Die Kreiszeitung aus Stade behauptet am 10. Dezember 2018 schlankweg: »Die Menschen in der Region sind jedenfalls verunsichert: Das Dörfchen Steinfeld, wo der Gemeindearbeiter in der vergangenen Woche angeblich von einem Wolf attackiert wurde, liegt nur knapp 25 Kilometer von der Stader Kreisgrenze entfernt. Das ist eine Distanz, die ein Wolf in nicht einmal einem halben Tag zurücklegt.«

Seit die Jägerschaft, ihre politischen Vertreter und die Medien die Wolfs-Gefahr durch den Blätterwald treiben (und das sind schon ein paar Jahre), ist mir niemand begegnet, der daran auch nur einen ernsthaften Gedanken verschwendet hätte. Offenbar verkehre ich nur mit Leuten, die bei Verstand sind, oder die nicht am Rande des großen dunklen Waldes leben, den es seit über 200 Jahren in der Region nicht mehr gibt.

Welche andere Quelle für die »Verunsicherung« nach dem eingestandenermaßen »angeblichen« Angriff hat der Kreiszeitung-Autor als seine eigene Fantasie? Nur eine, und die sollte, nach der simpelsten Grundregel des Journalismus (mindestens zwei unabhängige Quellen), nicht für einen Bericht ausreichen. Umso weniger, als es eine trübe Quelle ist.

Der Landtagsabgeordnete der CDU Helmut Dammann-Tamke ist Präsident der Landesjägerschaft in Niedersachsen. Das wird nebenbei am Ende des Artikels erwähnt und hätte in die Überschrift gehört: »Landesjägermeister will Wölfe jagen«. Aber so redlich geht es nicht zu in Politik und Medien.

Dammann-Tamke bezweifelt das Ergebnis der DNA-Analyse der Spuren des »Angriffs«: »Für den CDU-Politiker ist es durchaus denkbar, dass das Labor im Sinne der Pro-Wolf-Lobby agiere.«

Und der seriöse Politiker und der Berufsjournalist satteln auf diese Anschuldigung noch eine Vermutung drauf: »In der Statistik des niedersächsischen Wolfsbüros findet sich bisher nur eine einzige Wolfsattacke auf Pferde, die das Institut bestätigt habe, obwohl etliche Vorfälle gemeldet worden seien. ›Das macht mich stutzig‹, so Dammann-Tamke. Es stelle sich die Frage, ob möglicherweise verhindert werden solle, Angriffe auf Pferde mit dem Wolf in Zusammenhang zu bringen: ›Dann bekäme man es nämlich mit einer ganz neuen Klientel zu tun, die eine wesentlich größere Lobby als die Schäfer hat: den Reitern.‹«

Reicht schon, finden Sie, dass die Zeitung und ich Sie mit dem »Stutzen« des MdL belästigen? Kommt noch mehr und verdrehter. Die genetischen Unklarheiten könnten auch, wenn nicht Ergebnis einer Verschwörung, auch sachgerecht sein: »Einige Tiere könnten auch Hybride sein«. Nein, keine Werwölfe, aber fast genauso – »unrein«, wie ein Christ sagen würde?

»Von einem Hybrid wird dann gesprochen, wenn sich Wolf und (streunender) Hund miteinander paaren: In dem Nachwuchs stecken dann sowohl die Erbanlagen des Haus- als auch des Wildtieres. ›Das kann eine gefährliche Kreuzung ergeben‹, sagt Dammann-Tamke. Unabhängig von den Gefahren für Mensch und Tier sei eine solche Vermischung des Genpools unter Naturschutz-Aspekten aus fachlicher Sicht unerwünscht: Um den Wolf als Rasse zu schützen, sei es wichtig, diese Hybride sofort zu töten.«

»Um den Wolf als Rasse zu schützen« – sind da zwei Textkopien auf dem Rechner des Redakteurs vermischt worden? Ging es nicht darum, Wölfe zu killen?

Und noch ein letztes Wort zu den Werwölfen, pardon, Hybriden, aus der Abteilung Geschichte. Dammann-Tamke ist Jahrgang 1961 und im Kalten Krieg mit Kommunistenhatz politisiert worden: »Es sei mittlerweile bekannt, dass die Rote Armee Wolfs-Hybriden eingesetzt habe, weil diese eben schärfer als Hunde seien. Es könnte durchaus sein, dass einige diese Tiere beim Abzug der russischen Truppen aus dem ehemaligen Ostblock einfach ausgewildert wurden.«

Dass die bösen Wölfe nur Ausländer sein konnten, war ja klar. Denn die Deutschen hatten ihren Wolf schließlich ausgerottet. (In Niedersachsen war es 1872 soweit; mehr hier: Wolfszeit)

Hat es die Leser der Kreiszeitung gehörig gegruselt? Statt um Wölfe sollten sie sich Sorgen machen um die Vernunft ihrer Politiker und Journalisten. Vielleicht haben auch sie keine besseren verdient.

Soweit nichts grundsätzlich Neues, das nicht bereits im August 2017 hätte bekannt sein können: Twesten, Grundmann, Seemann

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