Ein Nachmittag in der Kunsthalle Hamburg

»fine building and superb presentation« (S. Beckett 1936)

Ich achte auf Zeichen. Genau genommen tue ich nichts anderes. Mit dem Beobachten ist es natürlich nicht getan. Aber die Deutung … ist eine andere Sache.

Die Zeichen lieferte die Kunsthalle in Hamburg. Im Radio hatte ich etwas über die eine Ausstellung gehört, das sich als verschwurbelt herausstellte (»Jargon der Verlegenheit« nennen das Eingeweihte, Kunstfachleutegerede), aber den stärkeren Eindruck machte die, in die wir, ich an der Hand meiner Förderin, eher unversehens gerieten.

Phillipe Vandenberg (1952–2009), ein belgischer Maler, der nichts mit Magritte gemein hat. Oder doch, gewissermaßen. René Magritte hat auch deshalb einen Platz in der Geschichte der Ikonografie, weil er Schrift- und Bildzeichen in seinen Gemälden gleichrangig behandelte. Vandenberg malte Schreibbilder oder schrieb Malbilder.

Er malte außerdem nicht nur, sondern verfasste Essays, von denen ein hervorragender Film über ihn Zitate zu Gehör bringt.

P. Vandenberg Kunsthalle Hamburg (Fotos: urian)

Mit der ironischen Verspieltheit Magrittes hat Vandenberg so gar nichts zu tun, dass sie sich als Gegensätze oder Extreme sehen ließen. Atelierporträts illustrieren die unterschiedlichen Haltungen.

Magritte / Vandenberg

Magritte bildete den Schein ab, Vandenberg malte mit dem eigenen Blut. Und nicht mit ein paar Tröpfchen, wovon die Wände Zeugnis ablegen.

P. Vandenberg Kunsthalle Hamburg (Foto: urian)

Vandenberg schied freiwillig aus dem Leben. Wie und warum verschweigen Ausstellung und Katalog. Seinen Suizid nicht als Zeichen lesen zu wollen ist auch eine Deutung.

Kunsthalle Hamburg (Foto: urian)

Heinrich Reinhold (1788–1825), auf den mich die Radio-Kritik neugierig gemacht hatte, wurde mit 36 Jahren von der Schwindsucht aus dem Leben gerissen. Mit Blut hat er so wenig gemalt wie Magritte, aber um sein Leben allemal.

In der Ausstellung empfängt mich mein Zeichen: ein Gemälde, das sich mir als Postkarte auf meinem Schreibtisch eingeprägt hatte. Den Namen auf der Rückseite hatte ich mir nicht gemerkt.

Das Sujet weist darauf hin, dass Reinhold sich Abenteuer zumutete, um zu seinen Ansichten zu gelangen. »Künstler erkunden die österreichischen Alpen« von 1819 kannte ich aus einer Ausstellung über Wolkenbilder.

Heinrich Reinhold in der Kunsthalle Hamburg (Foto: urian)

Reinhold malte die Landschaften nicht, er fotografierte sie mit dem Pinsel. Auf seiner Zeichnung eines Baumes ist jedes Blatt porträtiert. Die Kunsthalle hebt Reinholds Ölskizzen hervor, die im Gelände entstanden und nicht nur in den Formen sondern auch den Farben naturgetreu sein sollten.

Kunsthalle Hamburg (Foto: urian)

Zum Ausgang gab es noch ein Zeichen, das ich hier nur andeute. Für Eingeweihte. Kunst als Rätsel. Oder so.

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