Worüber sich die Bürgerschaft auch im neuen Jahr erregen soll

Ausnahmsweise habe ich die Wahl. Über diesen kriminellen Vorfall werde ich von Polizei und Presse nicht gleichlautend informiert. (Siehe u. a. Unter Betrügern)

Von der Polizei heißt es über die Silvesternacht 2018/19: »In Stade im Altländer Viertel mussten die Beamten gegen 00:30 h mit mehreren Fahrzeugen anrücken, um die Feuerwehr zu unterstützen. Diese war gerufen worden, um brennende Mülleimer zu löschen. Vor Ort angekommen wurden die Feuerwehrleute dann mit Raketen beschossen, Böllern beworfen und bepöbelt, so dass [sie] sich zurückziehen und auf die Verstärkung durch die Polizei warten musste[n]. Die Beamten nahmen einige der Verursacher mit zur Wache und stellten Feuerwerkskörper sicher. Entsprechende Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet.«

Der Bericht im Stader Tageblatt setzt eine lange Reihe von Artikeln fort, die anhand bruchstückhafter Informationen Stimmung machen gegen die Bewohner des »Stader Multi-Kulti-Stadtteils«.

So steht es da. Zur Erinnerung an jüngere Autoren in der tiefsten Provinz, die von ihren gleichermaßen engstirnigen Altvorderen schwerlich erfahren können, welche Karriere dieser Ausdruck hinter sich hat: in den 1980ern kam er als Schimpfwort auf, wurde als Ehrentitel angenommen und inzwischen wieder in einen Fluch verwandelt.

»Multi-Kulti« ist in diesem Januar 2019 AfD-Jargon. Die Alternative, der das Tageblatt sich außerdem bedient, lautet »Problemviertel«.

»Im Altländer Viertel hatten in den vergangenen Monaten immer wieder Mülltonnen und -unterstände gebrannt«, vermerkt das Tageblatt. Ist das so? Dann wurde es jedenfalls bis dato nicht vermeldet. Zu hören und lesen war dagegen von Mülltonnen-Bränden in anderen Gebieten, vor allem in der Inneren Stadt.

Und dann gibt es noch die unaufgeklärte Serie von Auto-Bränden in Hahle. Dazu schreibt die Zeitung nichts von »Problemstadtteil« und »Multi-Kulti«, obwohl beides cum grano salis zuträfe. Was für eine »journalistische« Entscheidung macht den Unterschied?

Reporter sollten sich ein möglichst vollständiges Bild von einem Geschehnis verschaffen, bevor sie den Mund aufmachen. (Sorry, das macht die Alliteration, die Journalisten so lieben [me too], aber bei Reporter assoziiere ich jüngst immer Relotius.) Beim Tageblatt nimmt man es nicht so genau. Der Reporter hatte einen Gewährsmann bei der Feuerwehr, der ihm alles getreulich schilderte – wie die Leser hoffen dürfen. Überprüft hat der Reporter offenbar nichts.

Über Kriminalität in Stade informieren die Polizei oder zufällig ausgewählte Feuerwehrleute. Was die nicht sagen können, wollen oder dürfen, bleibt unveröffentlicht. Denn die Presse plappert nur nach. (Recherche, Reporter, Relotius …) In diesem Fall liefert der Feuerwehrmann auch noch die Illustrationen zum Artikel. (Die so mies sind, dass eine andere Zeitung sie nicht gedruckt hätte.)

Warum es die Zeitung ausnahmsweise nicht mit einer Kopie der Polizeimeldung über die Silvesternacht an der Breslauer (Saniertes Ghetto) bewenden ließ, wird ein paar Tage später klar, als sie ihre Story fortsetzt: »Die Stader Bürgermeisterin Silvia Nieber hat die Angriffe auf Feuerwehrleute und Polizisten zum Jahreswechsel verurteilt. Die Stadt werde alles tun, um die Einsatzkräfte zu schützen und in ihrem Namen Strafanträge stellen.«

Hatte die Polizei nicht mitgeteilt: »entsprechende Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet«? Geht also alles seinen Gang. Dass die Staatsanwaltschaft die Verfahren »mangels öffentlichen Interesses« einstellen könnte, ist nicht zu erwarten. Strafanträge sind überflüssig. Eine Geste. So wie das »Multi-Kulti«-Gerede. Stimmungsmache der Politik im Gefolge der Presse.

An dem Sonntag, als die Zeitung bekannt macht, welche Früchte ihre »Berichterstattung« getragen hat, stehe ich mit Bewohnern am Tatort. Sie gehören zu denen, die in anderen Teilen der Stadt für die Vorfälle verantwortlich gemacht werden, die im Pressespiegel erscheinen: Schwarzköpfe, Muslime, Deutsche »mit Migrationshintergrund«.

Jetzt sollen sie also auch Feuerwehrleute im Einsatz angegriffen haben, und die Kommentatoren in den Sozialen Netzwerken werden es so auffassen. Wie schon bei anderer Gelegenheit angemerkt (Mordfall Marinowa in Stade) hat die Wirklichkeit das an sich, dass sie immer verwickelter wird, wenn man genauer hinschaut.

Seit geraumer Zeit bestehen Spannungen zwischen alteingesessenen Bewohnern und einer größeren Gruppe von Zugezogenen. Nicht die genannten üblichen Verdächtigen, sondern »Rumänen und Bulgaren«, wie sie an der Breslauer genannt werden, sollen für den Angriff auf die Feuerwehr verantwortlich sein.

Damit hätte ein Reporter zu tun, ein differenziertes Bild von »Multi-Kulti« im »Problemstadtteil« zu zeichnen. Aber das würde sich womöglich nicht als Vorlage für Parolen-Politik eignen. Also bleibt es beim Abziehbild, das die geneigte Leserschaft gemäß der eigenen Vorurteilsstruktur ausmalen kann. Und so geht es seit mittlerweile drei Jahrzehnten.

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