Als die Welt auf das Hanselstädtchen schaute

Am 9. Oktober wurde in Stade ein 20-jähriger Bulgare festgenommen, der verdächtig wird, in seinem Heimatland die TV-Moderatorin Wiktorija Marinowa (30) vergewaltigt, beraubt und ermordet zu haben.
Das Stader Tageblatt nutzt die Gelegenheit, um die Ressentiments der Leserschaft zu bedienen.

Im gemeinen Horror-Film sieht man einem Haus natürlich an, dass es darin spukt. In der Vorstellung fließt Blut von den Wänden herab; und wem dazu die Fantasie fehlt, wird durch den Soundtrack darauf gestoßen.

Der Stader Reporter notiert enttäuscht: »Äußerlich deutet in dem Wohnblock an der Hohenfriedberger Straße im Altländer Viertel nichts drauf hin, dass hier ein mutmaßlicher Mörder Unterschlupf fand. Das Haus und das Außengelände in direkter Nachbarschaft zu Jugendhaus und Grundschule wirken gepflegt.«

Wieso der Autor Mord mit ungepflegter Umgebung assoziiert, sollte er seinen Psychoanalytiker fragen. Und schließlich ist dieses Gebäude kein Tatort, die Beschwörung von Gruselfantasien umso abwegiger. Keines der Mordhäuser, die ich kenne, trägt ein Kainsmal an der Fassade, das von einem stupiden Reporter fotografiert werden könnte. (Siehe u. a. Begegnung im Mordhaus)

»Es ist nicht das erste Mal, dass mutmaßliche Schwerkrimelle in dem Wohngebiet untertauchen. Der mutmaßliche Haupttäter des Raubmordes an einem Bützflether Fruchtgroßhändler vor zwei Jahren, ein 25-jähriger Deutsch-Libanese, lebte ebenfalls im Altländer Viertel. Auch ein Enkel des Ermordeten, der an der Tat beteiligt sein soll, wohnte dort.«

Die Differenz zwischen »wohnen« und »untertauchen« scheint dem Verfasser nicht klar zu sein. Wenn es mithin »nicht das erste Mal« sein soll, dass das Viertel als Fluchtburg dient, bleibt er Belege für diese Behauptung schuldig.

Wie Leser dieses Blogs wissen, ist »der mutmaßliche Haupttäter« Mahmoud W. in den Libanon geflohen, und der Enkel befindet sich auf freiem Fuß. Diesen Fall zu zitieren wirft ganz andere Fragen auf, als das Tageblatt damit Antworten auf die Vorurteile seiner Leserschaft gibt. (Der Räuber als Bekannter)

»Das Viertel gerät im Zusammenhang mit Drogen- und Clan-Kriminalität immer wieder in die Schlagzeilen– trotz umfassender Sanierungsmaßnahmen und Anstrengungen in der städtischen Sozialarbeit.«

Dass die Polizei bereinigen muss, worum die Sozialpolitik sich unzureichend gekümmert hat, sagte mir vor über zehn Jahren ein Sozialarbeiter, der dieser Aussage wegen Probleme bekommen sollte. Zur Vertuschung der wahren Kriminalgeschichte beizutragen, versäumt das Tageblatt keine Gelegenheit. (Saniertes Ghetto)

Dass es »Schlagzeilen« über »Clan-Kriminalität« gegeben hätte, ist mir neu. Der Autor verwechselt offenbar das, was seiner Leserschaft insinuiert wurde, mit dem tatsächlich Geschriebenen. Bei einer der letzten Gelegenheiten, bei denen auf solche Weise Schlagzeilen gemacht wurde, sollten die Leser glauben, es handele sich um »Clan-Kriminalität«, während es sich um einen Konflikt zwischen Einheimischen und Zugereisten handelte.

»Erschwerend kommt hinzu, dass im Zuge der Freizügigkeit viele Osteuropäer in die Wohnblöcke gezogen sind. Niemand weiß, wie viele Menschen dort aktuell leben. Offenbar eine ideale Voraussetzung, um unterzutauchen.«

Nein, das ist kein Zitat der AfD, die geübt darin ist, Freizügigkeit mit Kriminalität in einen Topf zu werfen und ein rassistisches Gebräu anzurühren. Diese Argumentation mit lauter Unbekannten soll ein journalistischer Bericht sein. Die Leserschaft, die so wenig über die Wirklichkeit weiß wie der ihr gefällige Autor, wird den Unterschied nicht merken.

Dass »niemand weiß, wie viele Menschen dort aktuell leben«, hätte man schon vor Jahren in der Zeitung lesen können. Aber dann hätte man auch die Frage stellen müssen, die diesmal ebenso unbeantwortet bleibt: Wie kam es dazu?

Die Frage hätte der Stadtverwaltung gestellt werden müssen, die stattdessen unverdrossen für »umfassende[…] Sanierungsmaßnahmen und Anstrengungen in der städtischen Sozialarbeit« gelobt wird.

Desinformation, Fake-News, Hetze oder schlechtes Handwerk – Sie können es sich aussuchen. Etwas von allem ist dabei.

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