Nichts Neues aus dem Altländer Viertel in Stade

»Und dann ist da noch der Müll. Indem sich das Image des Ghetto verfestigt hat, scheinen Leute von außerhalb des Viertels zu glauben, ihren Dreck zwischen den anonymen Blocks abladen zu können. Das galt zumal für Autowracks, bis die Polizei im letzten Jahr aufräumte und die Halter von 50 Wagen zur Verantwortung zog.«

Das schrieb ich vor 20 Jahren im Hamburger Abendblatt – bevor im Zuge der von Stadtverwaltung und Politik über den grünen Klee gelobten »Sanierung« des Altländer Viertels Millionen Euro verbraten wurden, unter anderem für »Müllkonzepte», die sämtlich kläglich scheiterten.

Kein Problem für die Verantwortlichen. Die eben noch im korrupten Stader Tageblatt hoch gelobten Müllpavillons wurden einfach abgerissen und durch ein neues Konzept ersetzt, das ebenso gefeiert wurde wie das vorige, für dessen Versagen selbstverständlich niemand die Verantwortung übernahm oder dazu herangezogen wurde. Da die Entscheidungen nicht wie in einer Demokratie üblich sein sollte transparent gefällt werden, kann man nicht sicher sein, ob die, die den ersten Bockmist verzapft haben, nicht auch den zweiten angerichtet haben. Gewiss ist, dass irgendwer gut an diesen Müllkonzepten, die nichts taugten, verdient hat.

Der aktuellen Ausgabe des → Wochenblatt ist zu entnehmen, dass das Müllproblem im Viertel weiterhin ungelöst ist. Wie von Anfang an. Damals hatten nämlich die Architekten, die die Hochhäuser und Wohnblocks entwarfen, sich über Abfallentsorgung entweder keine Gedanken gemacht oder waren von ihren Auftraggebern, der von den Managern durch Betrug in Konkurs gebrachten gewerkschaftseigenen Neuen Heimat, dazu angehalten worden. (→ Saniertes Ghetto) Dazu stand in den Zeitungen natürlich nie ein Wort. Am Müllproblem sind im Licht der veröffentlichten Meinung nicht die Ganoven der Neuen Heimat, die Stadtverwaltung oder etwelche politischen Entscheidungsträger Schuld, sondern die Bewohner. Die müssen indes lediglich mit den Missständen umgehen, die andere verursacht haben.

Einen Fortschritt immerhin gibt es: es wird von den Ratten geredet. Die gab es schon vor 20 Jahren, aber das »Quartiersmanagement« wollte davon nichts hören und würgte das Thema auf den Sitzungen des »Stadtteilforums« ab.

Fehlt nicht noch was? Richtig, die Kriminalität. Wo die Ratten sich im Müll wohl fühlen, sind die Verbrecher zu Hause – so erscheint das Altländer Viertel seit je in der Wahrnehmung der Presse, die sich gemeinhin damit begnügt, Verlautbarungen aus dem Rathaus oder einzelne Stimmen aus der Einwohnerschaft zu wiederholen, aber nie das tut, was sie pro forma für sich in Anspruch nimmt: einen unabhängigen Blick auf die Wirklichkeit zu werfen. Der könnte zeigen, dass das Viertel und seine Bewohner seit Jahrzehnten die Beute von zwielichtigen Immobilienmaklern sind und dass Verwaltung und Politik Lösungen für Probleme zwar lautstark behaupten, aber diese nie wirklich angegangen sind. (→ Silvester an der Breslauer)

Autowracks werden derzeit nicht abgestellt, aber für Mülltouristen ist das Viertel weiterhin eine erste Adresse. Ein Sack mehr oder weniger fällt zwischen denen, die täglich herum liegen, nicht auf. Wenn die Tourismuswerber von der »maritimen Landschaft Unterelbe« schwärmen, könnten sie auf die Breslauer Straße verweisen, die nicht mehr so heißen darf: nirgends in Stade kann man so viele Möwen erleben wie hier, wenn sie sich über den Müll hermachen.

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