Eine Schauergeschichte

Das ist also Bützfleth. Ich bin etliche Male durchgefahren, auf zwei Rädern. Habe mich vielleicht mal aufgehalten, gewiss nicht lange. Wer niemand kennt, der hier wohnt, kommt hier nicht hin.

Nein, das ist nicht ganz richtig und meinem Anachronismus geschuldet. Ich bin ein Mann des 19. Jahrhunderts, spätestens des frühen 20., auf Deutschland bezogen vor 1933, klassische Moderne, könnte man sagen; was danach kommt, hat sich nicht als wesentlich neu erwiesen. Wesentlich, sage ich, wobei ich die stattgehabten Veränderungen nicht leugne.

In der Autofahrerwelt ist einiges anders als im 19. Jahrhundert, als Leute meines Schlages mit Schildkröten spazieren gingen (→ Waage, schiefe Waage). Ich hielt mich heute zirka zehn Minuten in Bützfleth auf, die Fahrtzeiten mitgerechnet. Spielt an dieser Stelle keine Rolle, was man in weniger als zehn Minuten in Bützfleth zu schaffen haben kann. In einer Fußgänger- und Radfahrerwelt kommt das nicht vor: mal für zehn Minuten nach Bützfleth, um etwas zu beschicken, das, soviel sei hier verraten, in keiner Weise notwendig war.

Ein Spiel vielleicht, oder gar Kunst. Etwas, das niemand mit Bützfleth in Verbindung bringt. Hier wohnt man, und ringsum wird gearbeitet. Wer nicht durchfährt, biegt ab und steuert ein Ziel an, ein Haus. Mich verschlug es auf einen Platz unweit der Kirche, der Fragen aufwarf.

Mein Fahrer erledigte, was ihn hierher gebracht hatte, während ich den Ort begutachtete. Das Auto verfügte über kein GPS, keinen Navigator, keinen Monitor, auf dem ich die Position auf einer Karte und eine Beschriftung hätte lesen können. Ich fand keine Hinweistafel oder sonst eine Beschilderung. Vielleicht hätte ich in den Ecken genauer nachsehen müssen?

Später bei der Bildersuche auf google ergab sich zu »bützfleth« nichts. Als ich an der Stelle stand, sagte ich, der Fahrer ist mein Zeuge: »Das versteht man in Bützfleth unter Kunst.« Und tatsächlich wurde ich mit der Eingabe »bützfleth kunst« gleich fündig.

Demnach handelt es sich bei dem Gelände um den »Schulpark«, der bei Kunst-Projekttagen an der Grundschule am Fleth 2015 von Viertklässlern gestaltet wurde. »Totempfähle« fielen mir gleich ein, und bei genauer Betrachtung verfestigte sich die Assoziation. In dem geschwätzigen Werbetext, den ich online dazu erduldet habe, wird zwar alles und jeder gelobt, aber Sinn und Zweck der Unternehmung nicht weiter thematisiert. Dass die Kinder mit Styropor, Beton und Epoxidharz gewerkelt haben, hat, bitteschön, mit Kunst zunächst einmal nichts zu tun.

Früher hätte ich manchmal heulen mögen über den Abgrund zwischen dem, was auf dem flachen Land nicht nur als Kunst ausgegeben, sondern wahrhaftig als solche verstanden wird, und dem, was, sagen wir: Theodor W. Adorno darunter versteht. (→ Meister Perutz) Bützfleth ist schonungslos ehrlich: bunter Kinderkram = Kunst.

Die Durchfahrenden können sich glücklich schätzen, diesen Platz nie zu sehen zu bekommen. Hauptsache, die Eltern machen sich und ihrem Nachwuchs gehörig was vor. Gleich kommen sie mir mit Beuys und »Jeder Mensch ein Künstler«, als hätten sie wenigstens den Satz begriffen.

Es müssen nicht immer Kinder sein, die Unfug machen. Unlängst wurden am Stader Hafen eine Handvoll rostiger Stangen als Kunstwerk eingeweiht. Ich stand zufällig auf der anderen Seite, als die paar Hanselstädter, die irgendwem aus öffentlichen Geldern etwas hatten zukommen lassen, sich selbst dafür beglückwünschten und das obligate Zeitungsfoto anfertigen ließen. Immerhin gibt es dort irgendwo eine Tafel, die klar stellt, dass die Stangen keineswegs als Warnung dienen, nicht in das Hafenbecken zu steuern, sondern, wie gesagt, Kunst sein sollen.

In Bützfleth muss der unwahrscheinliche Passant mit seiner Irritation leben, ob die Totempfähle welche sein sollen – oder Kunst. Auch nachdem er das Internet konsultiert hat. (Muss ich über die ikonografische Verwandtschaft der Stangen mit den Totempfählen ein Wort verlieren und eine Fahne dazu malen?)

Bützfleth ist ein Straßendorf, das die Gebiets- und Verwaltungsreform von 1972 der Stadt Stade zugeschlagen hat, wie einige andere Dörfer ebenso, die mit Stadtleben, gar mit Urbanität nichts zu tun haben. Jedenfalls ist die CDU hier mächtig. Zum zweiten Mal kommt ein Bürgermeister der Stadt Stade vom Dorf Bützfleth.

Haustür auf, ein paar Schritte, Autotür auf und zu, mit dem Auto hier- oder dorthin, Autotür auf und zu, Haustür auf. Die Welt ansonsten im Vorbeiwischen.

Von städtischem Leben hat der Bürgermeister aus Bützfleth keine Ahnung. Das unterscheidet ihn kaum von der übrigen politischen Klasse. Aber man darf gewiss sein, dass er nicht einmal weiß, dass er von etwas keine Ahnung hat, das in der Stadt Stade von Belang ist, aber in Bützfleth keine Rolle spielt. (Was mich daran erinnert, wie er im Wahlkampf mit dem Fahrradverkehr umgegangen ist: → Kein Pardon für Passanten.)

Unnötig zu erwähnen, dass weit und breit niemand zu sehen war, als ich mich am helllichten Tag mitten im Ort aufhielt. Ferienzeit, eben. Der Schulpark dürfte der einzige Platz in Bützfleth sein, wo sich überhaupt jemand aufhält. Homo buetzflethiensis sitzt, nachdem er dem Schüleralter entwachsen ist, im Auto, daheim, am Arbeitsplatz oder bei sonstwem im Haus. Heuer satteln mancher dieser Wesen sonntags auf und radeln fürs Klima. Einen wesentlichen Unterschied macht das nicht.

Öffentliches Leben, den Nährboden der Demokratie, gibt es auf der Straße nicht. Allenfalls existiert es heute rudimentär virtuell, freilich ohne sonderlichen Ortsbezug oder Realitätsnähe. (→ Die Lücke im Web) Das war im 19. Jahrhundert nicht wesentlich anders und nicht Mitte des 20., als ich in einem ähnlichen Straßendorf auf dem flachen Land aufwuchs.

»Stadtluft macht frei« war eine Parole des von den Stadtvermarktern ad nauseam in Kitschbildchen herbei zitierten Mittelalters. Sie sollten einmal nachlesen, was damit gemeint war – und auswandern. Trotz heftiger Gegenwehr der »Elite« weht durch die Inneren Gassen von Stade seit einigen Jahren Stadtluft. Von einem Bürgermeister aus Bützfleth ist keine Auffrischung zu erwarten.

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