Zu einer Anmerkung von Adorno

Ich gehöre zu denen, die Der Meister des jüngsten Tages gelesen haben, weil ihnen der Roman von Leo Perutz in der Ästhetischen Theorie von Theodor W. Adorno durch eine Anmerkung geradezu aufgedrängt wurde, als einziger Titel unter lauter literarischen Zelebritäten.

Die Passage auf Seite 128 f. meiner Ausgabe (2. Aufl. Frankfurt/M. 1974) lautet:

»Ihr Telos haben die Kunstwerke an einer Sprache, deren Worte das Spektrum nicht kennt, die nicht von prästabilierter Allgemeinheit eingefangen sind. Ein bedeutender Spannungsroman von Leo Perutz handelt von der Farbe Drommetenrot; unterkünstlerische Gattungen wie die science fiction hängen dem stoffgläubig an und deshalb ohnmächtig nach. Mag immer in den Kunstwerken das Nichtseiende jäh aufgehen, sie bemächtigen sich seiner nicht leibhaft mit einem Zauberschlag. Das Nichtseiende ist ihnen vermittelt durch die Bruchstücke des Seienden, die sie zur apparition versammeln. Nicht ist es an der Kunst, durch ihre Existenz darüber zu entscheiden, ob jenes erscheinende Nichtseiende als Erscheinendes doch existiert oder im Schein verharrt.«

Mein Exemplar der Ästhetischen Theorie ist von 1976; ich war 17 und las ziemlich viel Science-fiction, für wie »unterkünstlerisch« der Meister sie auch hielt.

Seither habe ich etliche Bücher von Leo Perutz (1882–1957) gelesen, einige mehr als einmal, und drei oder vier gehören zu den paar hundert, die es bis an meinen derzeitigen Aufenthaltsort geschafft haben.

Ich entsinne mich weder, wo mein Exemplar des Meisters verblieben ist, noch das von Zwischen neun und neun, das ich gleich darauf las (zeigt einen jungen Mann in Handschellen auf der Flucht). Den Schwedischen Reiter habe ich verschenkt, Nachts unter der steinernen Brücke müsste irgendwo sein; oder war es umgekehrt?

Zur Hand kommt mir Wohin rollst du, Äpfelchen? (13.-18.Tsd. Reinbek 1990), ein Zeitungsroman von 1928, der sich unverändert lesen, ach was, verschlingen lässt. Leo Perutz steht nicht von ungefähr an herausragender Stelle in der Ästhetischen Theorie – er ist ein Großmeister des »Spannungsromans«.

»… leibhaft mit einem Zauberschlag«: so zur Kunst zu kommen, darum dreht sich Meister des jüngsten Tages. Seine »Spannung« bezieht er daraus, dass mysteriöse Todesfälle durch Amateurdetektive zur Aufklärung gebracht werden. Sie erweisen sich als Suizide aus Angst, der Künstler unterlagen, die ihr Vorstellungsvermögen steigern wollten durch die Einnahme einer Droge.

Vom »Drommetenrot« schreit ein Opfer, das die Attacke der eigenen Einbildungskraft überlebt hat, aber sein Dasein im Irrenhaus fristet. Es ist die unnatürliche, unirdische Farbe, in der sein persönlicher Weltuntergang gemalt ist. Der Titel gebende »Meister« ist ein Florentiner Maler, der die Droge ebenfalls überlebte, aber nurmehr Jüngste Gerichte malte.

Medium des Ungeheuerlichen ist ein Buch. Der Roman hat eine psychologische Pointe. Der Erzähler, der den Faden des Todes aufdröselt, der von den Seiten ausgeht, war der erste Besitzer des Buchs, aber sich dessen Macht nicht bewusst. Er hat den Faden abgespult, den er aufgewickelt hat.

In einer TV-Verfilmung, die ich bei YouTube aufgelesen habe, ist das Buch ein Trumm von einem Folianten, dessen Seiten beim Umblättern wie Türen knarren. Wie werden die gefährlichen Geheimnisse der Zukunft transportiert?

Gewiss nicht auf USB-Sticks, die in 100 Jahren in kein gängiges Gerät passen. Gewiss nicht in einer Daten-Wolke, bei der jeder mitlesen kann, der beim Server an der Tastatur sitzt.

Bücher also doch, auf alterungsbeständigem Papier beschrieben oder bedruckt? Oder als Zeichenfolgen im Internet, wo niemand sie zufällig finden kann, der nicht danach sucht; freilich verschlüsselt, aber vor aller Augen, die bloß blind dafür sind?

»Das Nichtseiende ist ihnen vermittelt durch die Bruchstücke des Seienden, die sie zur apparition versammeln.«

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