»Letzte Nächte in Boohemia« von Carsten Klook

Ich habe vor langer Zeit aufgehört, Bücher zu kaufen; legen Sie mich nicht fest: vor 15 Jahren? Bis dahin waren Regale gesteckt voll mit Büchern mein einziges Mobiliar, und der Verkauf von Beständen hat mir wenigstens einmal das Leben gerettet.

(Ein Antiquariat in Wien, und es ging um das Buch. [Von Juntz‘ Namenlose Kulte, versteht sich, oder das namenlose Opus im Meister des jüngsten Tages: dazu ein anderes Mal mehr.])

Ich muss ein Buch nicht besitzen, um es schätzen zu können. Eine ausgezeichnet sortierte Stadtbibliothek, gegebenenfalls die Fernleihe und Geschenke haben ausgereicht, um meinen freilich außerordentlichen Lesehunger zu stillen.

Seit rund zwei Jahren bin ich auf Diät. Ich lese noch allerhand, verschlinge aber keine Bände mehr. Von mehreren hundert Seiten am Tag bin ich auf zehn oder 20 abgemagert. Mehr vertrage ich kaum.

Auf meinem Schreibtisch erheben sich zwei wechselnde Türme mit Büchern, in denen ich bisweilen blättere und die wohl nicht dem demnächst fälligen Autodafé zugewiesen werden.

In alphabetischer Reihenfolge:

In Frank Arnaus Das Auge des Gesetzes (München 1965) schlage ich Daten nach, wenn ich der heimischen Polizei auf die Finger schaue.

Samuel Becketts Malone stirbt (Frankfurt/M. 1977), das ich mir mit 18 zuerst anverwandelte, passt zu jeder Lebenszeit.

Die ausgewählten Schriften von Walter Benjamin, Illuminationen (Frankfurt/M. 1977), liegen als Fetisch da. Wesentliche Absätze könnte ich aufsagen.

Dito Strophen aus Das lyrische Werk von Georg Heym (München 1977).

Mit den Byzantinischen Aufzeichnungen von Erhart Kästner, Aufstand der Dinge (Frankfurt/M. 1976), habe ich schreiben gelernt.

Straßen in Berlin und anderswo von Siegfried Kracauer (Berlin 1987) enthält lauter Feuilletons, die ich zu kopieren versucht habe.

Mein Lesebuch von Günter Kunert (Frankfurt/M. 1983) mit mehreren Diamanten der Dichtkunst, habe ich Robert Musils Fliegenpapier wegen aus dem Staub gezogen.

Von Friederike Mayröckers Reise durch die Nacht (Frankfurt/M. 1984) wird mir nach ein paar Zeilen schwindlig; mit 20 ahmte ich sie in konstruktivischer Prosa nach.

Die Winterreise von Wilhelm Müller mit Illustrationen von Ludwig Richter (Zürich 1984) ist ein Comic-Band.

In den Essays von Susan Sontag, Im Zeichen des Saturn (Frankfurt/M. 1983), entdecke ich auch beim wiederholten Lesen neue Gedankenverbindungen.

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Ganz zuoberst liegt nun das Buch, das mir zum 60. Geburtstag geschenkt wurde und mich vor die Herausforderung von 208 Seiten stellt: Letzte Nächte in Boohemia oder: Die schwarzen Augen der Kröte (o. O. 2017).

Aber, als hätte der Autor mein Stöhnen erhört, es ist ein »Episodenroman« und bietet sich zerstreuten Lesern wie mir in neun Teilen an.

Da der Autor förmlich über sich nur das Nötigste mitteilt (»geboren 1959, lebt und arbeitet in Hamburg als Schriftsteller und Kulturjournalist«) werde ich mich hüten, mehr zu verraten. Dabei könnte ich Geschichten erzählen …

So viel immerhin sei vorausgeschickt, ehe ich den Anschein einer Rezension erwecke, dass ich beim ersten Durchblättern des meinen hohen Ansprüchen an Bindung zuträglichen Bandes zusammen zuckte. Zu meiner Seite spritzte eine Fontäne aus einem See von Entengrütze, und es war der heißeste Tag dieses Rekord-Oktobers, als ein Eishauch aus der Zeit mich streifte.

Teil sechs muss ich nicht lesen; kenne ich schon; konnte ich mal aufsagen. Habe ich mal illustriert.

Neukloster am See (Foto: urian)

Als ich mir unter anderem mit dem Ertrag aus Rezensionen das Brot bestrich, hatte ich keine Gelegenheit, ein Buch von Carsten Klook zu besprechen, weil es keines gab. An ihm lag das nicht. Den Korrektor gab es schon, aber kein Verleger erkannte dessen Kunst.

Inzwischen liegen dieses und andere Werke vor, und ich bin nicht genötigt, meine Bemerkungen den Konventionen eines Literaturbetriebs anzupassen, den ich nur als kulturanthropologisches Phänomen wahrnehme, wobei ich nicht in Gefahr bin, in zu große Nähe zum Gegenstand der Betrachtung zu geraten.

Klook selbst macht am Schluss seines Buchs eine Anmerkung zum Entstehungsdatum des Obturator, sodass ich kein Geheimnis verrate, wenn ich mein Veteranengeschwätz vorausschicke. (Veteranen im »Literaturkampf«.)

Jedenfalls kramte ich, bevor ich mich an die Lektüre der böhmischen, Verzeihung, boohemianischen (auch da tilt das Prüfprogramm und macht rote Korrekturkringel) Dorfnächte mache, in einer gewissen Kiste nach den Fotokopien meiner Zeichnungen, von denen sich ein paar Fetzen erhalten haben könnten …

Klook: Obturator (Zeichnungen: urian)

Die Originale sind verschollen wie zwei Blätter, die Klook und ich für eine Comic-Serie bei einem gewissen Verlag einreichten. Verschollen, vergraben, vergessen … »zu depressiv«? (Dazu unten mehr.) Ich höre ja schon auf und komme nach über 600 Vorworten zur Sache.

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»Have you ever been mistreated? Then you knowowow what I’m talkin‘ about« (Steve Marriott, Five long years)

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In seinem Vorwort skizziert Carsten Klook das Panoptikum von Boohemia als einen »Reigen von prekären Charakteren«, von »merkwürdigen Figuren, die sich durchschlagen« und »sich als Dissidenten begreifen«.

»Die Boheme ist zum Prekariat verkommen. Manche tauchen ab wie Kröten. In deren schwarzen Augen spiegelt sich die Zukunft.«

Klook hat tief und lange in diese Augen geschaut und sich selbst darin gespiegelt gesehen oder mich und andere, die für die bürgerliche Welt verloren sind. Die Versuchung ist groß, aus seinen Porträts einen soziologischen Extrakt zu ziehen, denn seine Aufzeichnungen aus dem Alltag des Wahnsinns sind von dokumentarischer Präzision. Die albernsten Absurditäten erfindet die Wirklichkeit; die Surrealität liegt nur einen Lidschlag neben der Normalität.

»Segmente des Widerspruchs, der Gegensätzlichkeit. Eine Weiterentwicklung Magritte’scher Zustände, diese Himmelsfarben, herauskristallisiert, aufs Wesentliche reduziert.«

Klook: Obturator (Zeichnungen: urian)

Die in Puppenspiel im Heubarg sezierte Hochzeitsfeier auf dem Lande wirft ein Schlaglicht auf die »Gesellschaft im Spätkapitalismus«, das den Studien der in dieser Gesellschaft befangenen Soziologen entgeht. Und wenige »Schriftsatzsteller« sind schamlos genug, sich mit ihren Ansichten auszustellen. Andere unterhalten ihre anständige Leserschaft mit Kalenderweisheiten; Klook spritzt Vitriol in die Gesichter.

Er spürt den Lebensgefühlen solcher nach, die neben der Spur sind. Sie tragen alltägliche Namen wie Tom oder Torben, Ralph oder Palle, und was sie erleben ist von äußerster Belanglosigkeit. Erzählt wird davon mit peinlicher Genauigkeit, als streife Arno Schmidt nicht durch die Heide, sondern vom Hamburger Hafen zum Schulterblatt. »Peinlich« auch in dem Sinne, in dem es die Autobiografie des Ethnologen Michel Leiris ist, an dessen fremden Blick auf das Eigene in Mannesalter viele Absätze in Boohemia anklingen.

Zeichnung: urian

Die literarisch gebildete Leserschaft mag sich einige Bewohner dieses Perle, das hinter den Fassaden von Hamburg steckt, als Beckett-Gestalten vorstellen, die, während sie im Schlamm wühlen, an Frauen und Autos denken.

Manche Autoren – ich gehöre dazu – machen vor, sich mit der Welt zu befassen. Doch auch für sie gilt wie für Carsten Klook, was Giorgio Manganelli über → H. P. Lovecraft feststellte: »Wann immer Lovecraft als vorbehaltloser und unglaubwürdiger Chronist die abseitigen Fratzen beschreibt, von denen sein Dasein erfüllt ist, beschreibt er das einzige unförmige Monster, mit dem er von Grund auf Erfahrung hat, sich selbst.«

Klooks Hauptfiguren agieren nur unter Zwang, wenn man es denn agieren nennen will. Gelegenheit, aus oberwähnten Benjamin-Band zu zitieren: »Der destruktive Charakter lebt nicht aus dem Gefühl, dass das Leben lebenswert sei, sondern dass der Selbstmord die Mühe nicht lohnt.«

Zeichnung: urian

Alles nur Puppenspiel, nicht wahr? Jedenfalls schlägt Klook einen solchen Ton an: »Eigentlich bin ich an allem schuld, dachte er und hängte sich vorsichtshalber schon mal ans Kreuz.«

Wovon andere im Hochton der Verzweiflung heulen, bildet in Boohemia Aphorismen. Besagte Hochzeitsfeier auf dem Lande, deren Höhepunkt ein Kasperle-Theater ist, liest sich wie das Skript für ein post-existentialistisches Ohnsorg-Theater.

Zeichnung: urian

Zu einigen Seiten fielen mir, schon des Sujets wegen, »Die Gespräche der Haschischraucher« ein, und bei genauer Betrachtung fanden sich weitere Ähnlichkeiten mit Alfred Jarrys 1897 erschienenen Tage und Nächte, dem Roman eines Deserteurs. Etwa der oft satzweise zwischen Reportage und Lyrik wechselnde Tonfall.

Jarrys Protagonist Sengle könnte im Klookschen Panoptikum Platz nehmen. Würde ich mich weiter vorwagen, zeigte sich auch eine Verwandtschaft zwischen den Autoren, zwischen dem »Revolverheld und Radfahrer« Jarry und Klook, dem Gedankenmusiker und Sportwagenfahrer.

Klook: Obturator (Zeichnung: urian)

Mein Favorit in Boohemia ist Einfall der Wörter, die Geschichte eines Bandnamen (sprich Bändnamen)-Erfinders. »Außenstehende« Leser mögen meine Erheiterung über die im Text gelisteten Wortgebilde nachvollziehen können. Doch die besondere Wirkung dieses Textes auf mich liegt in Sätzen, die der Autor aus meiner Autobiografie abgeschrieben hat: »Ihm war nicht geheuer, was Menschen trieb und was sie so trieben. Er selbst war da ein schlechtes oder auch ein gutes Beispiel.«

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»Über der Szenerie schwebte ein unsichtbarer Geist. Es konnte der Tod sein, der über allem schwebte, aber das bleibt vage …«

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Sie erinnern sich? »Eishauch« und »Entengrütze«, als ich Obturator las? Ich würde es mir und Ihnen schenken, und Uwe Wandrey, der Obturator nicht in seine Anthologie … nie wieder neunundzwanzig (Reinbek 1990) aufnahm, würde es vielleicht »zu depressiv« finden – aber es ging so wahrhaftig weiter wie Klooks Sittenbilder sind.

(»Ein Junge auf einem Skateboard erstarrte in vollem Schwung vor ihm. An seiner Silhouette konnte Palle eine Schweißnacht entdecken. Pappenheim, dachte er, 1:1, ganz maßstabsgetreu.« [S. 152] »Zu depressiv«? Dass ich nicht lache!)

Seinen ersten Weg in meiner Jackentasche nahm das Buch durch Neukloster. See, Wald und der Blick über die Elbmarschen lockten einst Ausflügler aus Hamburg in das heute der Stadt Buxtehude zugeschlagene Dorf; der jährliche Pfingstmarkt als größter in der Gegend erinnert daran.

Seit einem halben Jahrhundert zerreißt die »Todesstrecke« den Ort. Einmal zermalmte ein Panzer auf Manöver ein Auto, aber vor allem Fußgänger kamen beim Überqueren der Bundesstraße 73 zu Schaden oder zu Tode.

Friedhof Buxtehude-Neukloster (Foto: urian)

Das Buch begleitete mich zunächst auf den christlichen Friedhof beiderseits der B 73, wobei wir knapp einem Lastkraftwagen entkamen, der über die Hügelkuppe aus Richtung Stade heran raste.

FriedWald Buxtehude-Neukloster (Foto: urian)

Anschließend gelangten wir in den FriedWald® von Buxtehude im Neukloster Forst, bevor Letzte Nächte in Boohemia auf meinem aktuellen Bücherhaufen eine vorläufige Ruhe fand.

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Carsten Klook: Boohemia

www.textem-verlag.de

www.carsten-klook.de

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