Anmerkungen über Literatur und Armut anlässlich eines Texts von Carsten Klook

Seit Corona sind Solo-Selbständige in aller Munde, und allzu viele glauben gar oder tun so, als hätte es sie vorher nicht gegeben. Solo-Selbständige sind das Rückgrat des Kulturbetriebs; ohne sie geht gar nichts. Sie sind aber auch das Rückgrat des Medienbetriebes, aber davon soll man besser gar nichts hören. Denn das hieße, dass Verlage ihre Profitmaximierungsstrategien offen gelegt fänden und das journalistische Establishment bei ihrer Selbstbeweihräucherung ertappt würde.

Die Entlohnung der „Kreativen“, wie sie auch gern genannt werden, ist schäbig und prekär, während jene, die deren Arbeitserzeugnisse verwalten, über ein gesichertes und gesättigtes Einkommen verfügen. Das Arbeitsaufkommen des Freischaffenden ist um ein Vielfaches höher als das des Festangestellten, indes sein Einkommen um ebenso viel geringer ist. Der Zwiespalt ist so alt wie die Kulturwirtschaft und tritt zwischen jeder Musikgruppe und ihrem Management, Autoren und Verlagen, Regisseuren und Produzenten auf.

Wer aus Berufung und mit Leidenschaft agiert ist stets jenen ausgeliefert, denen allein an der Vermehrung des Geldes gelegen ist. So geht Kultur im Kapitalismus. Auf jeden Prominenten, der in einer Villa haust, kommen Tausende, die Monat für Monat bangen müssen, ob sie die Miete zahlen können.

Die einen trifft es mehr, die anderen weniger. Um von dem Bereich zu reden, in dem ich über die vielfältigsten Erfahrungen verfüge: Kinder aus der Unterschicht werden keine Journalisten. Heute noch weniger als früher, nachdem es Usus geworden ist, eine Journalistenschule zu absolvieren, die es ehedem kaum gab. Ein Volontariat bekommt man nur über Beziehungen, das heißt über die Kontakte der Eltern.

Beziehungen prägen auch die weitere Laufbahn. Journalistische Milieus sind gehobene bürgerliche Milieus, in denen Leute mit Unterschichtssozialisation fremdeln und auffallen, sofern sie je dorthin vordringen. Wessen Eltern Arbeiter waren wird nie Chefredakteur.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein, und das Milieu bildet den Horizont dessen, was durchschnittliche deutsche Journalisten für berichtenswert halten. Besitzbürger schreiben für Besitzbürger. Wenn andere Gruppen vorkommen, dann bestenfalls indirekt oder gemäß einer bürgerlich genehmen Agenda.

Zum guten bürgerlichen Ton gehört seit neuestem die Empathie für Flüchtlinge, die, wenn man sich ganz besonders aufgeklärt geben will, Geflüchtete genannt werden. In der beliebigen Lokalzeitung, deren Produktion ich aus der Nähe beobachtet habe, werden seit 2015 regelmäßig Geschichten über diese Randgruppe der Gesellschaft veröffentlicht. Artikel, in denen Schicksale verständnisvoll nachgezeichnet und die speziellen Probleme von Flüchtlingen aufgezeigt werden. Oft kommen die Betreffenden selbst zu Wort und treten ins Bild. Über die vor 2015 Eingewanderten werden allenfalls abfällige Bemerkungen gemacht. Sie bekommen in der Zeitung nie eine Stimme.

So wenig wie andere Gruppen, mit denen sich nicht renommieren lässt: Hartz-IV-Bezieher, Obdachlose oder Leute, die vom Mindestlohn leben müssen. Zahlreiche Artikel über „unsere Flüchtlinge“, aber nicht einer über die Zahlreicheren, die täglich von der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft ausgesondert werden. Sie kommen allenfalls in Statistiken vor, oder, besonders perfide, zur Eröffnung einer Fotoausstellung über das Elend vor 30 Jahren in der benachbarten Großstadt. Namen, Gesichter, eine eigene Stimme haben sie in der Gegenwart nicht.

Die Flüchtlinge kommen ins Visier der Besitzbürger, seit diese deren ehrenamtliche Betreuung entdeckt haben, und weil sie sich selbst in dieser Rolle ausstellen können. Mit der Unterschicht kommen dieselben nie in nähere Berührung und wollen auch gar nichts über deren Lebenswelten hören, weil sie sich damit nicht schön tun können.

Wer aus dem Prekariat Zugang zu gutbürgerlichen Kreisen hat, tut gut daran, kein Aufhebens von seiner Herkunft zu machen und sich den Gepflogenheiten der Ton angebenden Kreise anzupassen. Wer etwa als Literat reüssieren will, muss sich an die Sujets halten, die von der Bürgerklasse für literarisch ausgegeben werden. Die Wirklichkeit darf nur vorkommen, insofern die Bürger sich darin gespiegelt erkennen können.

Der Hamburger Schriftsteller und Journalist Carsten Klook hat gegen die „guten Sitten“ und den „Anstand“ verstoßen. Den Herausgebern des Hamburger Ziegel, einer Art literarischen Jahrbuchs, in dem er bereits vertreten war, hat er einen Text angeboten, der eine der grotesken Episoden schildert, die für Armengeldbezieher Alltag sind, und die von Bürgern, denen sie erzählt werden, stets für Lügengeschichten gehalten werden, weil nicht sein kann, was nicht sein darf: systematische Entrechtung und Demütigung durch die Ämter.

Selbstverständlich wird Klooks Text „Ein übermächtigtes Nichts“ nicht im Ziegel erscheinen. Weil er angeblich zu lang ist. Weil er, wie einer der Herausgeber dem Autor schreibt, „besser direkt erzählt werden sollte, also nicht als Geschichte, sondern als Bericht aus Deinem Leben“. Und dann natürlich nicht in eine literarische Publikation gehört, sondern in eine Zeitung oder Zeitschrift. Denn „[j]etzt ist es die Literarisierung einer Ungerechtigkeit, die betroffen macht, aber das ist eine wacklige Brücke zum Leser, weil wir diese Form der Betroffenheit ja alle irgendwie kennen. In einem Bericht würde sich die Erfahrung, von der Du erzählst vermutlich direkter mitteilen und hätte dann eine andere Wirkung.“

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. „Wir“, die Besitzbürger wie der Hartz-IV-Bezieher und auf Grundsicherung Angewiesene, „kennen“ diese „Betroffenheit ja alle irgendwie“? Und als „Bericht“ würde „die Erfahrung“ eine „andere Wirkung“ erzielen? Weniger gewunden ausgedrückt: das wollen wir nicht hören, erzähl das jemand anderem.

Das „wir“, das da beschworen wird, gibt es eben nicht, auch nicht „irgendwie“. In Klooks Text steht nichts von dem Abgrund zwischen dem Armengeldbezieher und dem Besitzbürger. Und es geht darin nicht um „eine Ungerechtigkeit“, sondern um eine alltägliche demütigende Erfahrung jedes Armengeldbeziehers. Die dieser so umstandslos teilen kann wie der Besitzbürger sie abwehrt.

Für den Armengeldbezieher bemerkenswert ist der Text direkt und bedarf keiner Bearbeitung. Dass sie dem Bürger Herausgeber, der die Erfahrung nicht kennt, als literarisch erscheint, ist eine typische Verblendung – und wäre nun gerade das Argument, ihn nicht in einer Zeitung oder Zeitschrift, sondern im Ziegel abzudrucken. Als Erweiterung des Horizonts der bürgerlichen Leserschaft. Aber die will davon nichts hören und eiert in Gestalt des Herausgebers bei der Begründung ihrer militanten Ignoranz herum.

Inzwischen ist Klooks Text in einer auf die Hälfte verkürzten Fassung in einer Zeitung, der → taz-Nord erschienen. Immerhin. Soll ich die Höhe des dafür ausgeworfenen Honorars nennen, das besser Trinkgeld genannt würde? Immerhin, es wurde nicht erwartet, dass der Autor umsonst arbeitet. Auch das kommt vor in der Medien- und Kulturbranche. Und man redet besser nicht allzu laut darüber, denn dann bleiben die Trinkgelder ganz aus. So wie die Corona-Hilfen für Solo-Selbständige, mit deren propagandistischer Verkündigung sich Politiker in den Medien einen weißen Fuß gemacht haben, während sie bis dahin alles getan hatten, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen des nutzlosen Gesindels zu unterhöhlen.

Die Bürgerschaft will unterhalten werden, sie will keine Kunst. Kunst könnte, Kunst muss weh tun, wenn sie mehr wäre als Zerstreuung. Dafür hat die Mehrheit nichts übrig, keine Minute, keinen Cent. Denn die Mehrheit ist dazu bestimmt, möglichst gedanken- und sinnfrei Profite zu erwirtschaften. Was immer den Horizont des Sklavendaseins überschreitet ist verdächtig und in Gefahr, verboten zu werden.

Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit sind verbrieft. Aber sie auszuüben ist prekär. Man wird hierzulande nicht eingesperrt, wenn man seine Freiheit wahrnimmt. Aber man ist im System auch nicht vorgesehen. Der Umgang mit Klooks Text belegt, was er beschreibt. Er kann nur in kastrierter Form in der bürgerlichen Welt sein – oder gar nicht.

Freilich könnte der Autor sein Opus ungekürzt im Internet platzieren und müsste, anders als anderswo, nicht unbedingt mit Repressionen rechnen, weil er es tut. Oder doch? Wie schonungslos darf man die Wirklichkeit abseits des Systems benennen? Enthielte Klooks Text Namen von beteiligten Personen wäre es schon vorbei mit der Freiheit, und er müsste auf Rechtsstreitigkeiten gefasst sein. Er würde für Anwaltskosten aufkommen müsssen, um seine Freiheit in Anspruch zu nehmen.

Carsten Klook hat seinem Text vor der Publikation an politische Personen des öffentlichen Lebens verschickt. Der Verlag Textem, der Bücher von ihm veröffentlicht hat, manche Jahrzehnte nachdem sie geschrieben und von anderen Verlagen abgelehnt worden waren, dokumentiert die Mails des Autors und die Antworten der Angeschriebenen auf seiner → Website. Dieselbe Abwehr, dasselbe Unverständnis wie beim Herausgeber des Ziegel, die hier ich allesamt nicht beim Namen nennen werde, damit sie mir nicht ihre Rechtsanwälte auf den Hals hetzen, weil ich nicht wie das Gros der Journalisten, mit denen sie gedeihlich zusammenarbeiten, ihre Sprechblasen untertänig hinnehme und sie scheinheilig und verlogen nenne und womöglich meinem Ekel freien Lauf ließe.

Bei der Bebilderung handelt es sich um Illustrationen, die ich vor vielen Jahren zu Geschichten von Klook angefertigt habe.

Siehe zu Carsten Klook auch → Ansichten in Krötenperspektive

Zum Journalismus siehe → Reporthaschee