Mitteilungen des Stader Lokalanzeigers aus Hamburg

Als Nachrichtenmedium ist das Stader Tageblatt entweder überflüssig oder korrupt. Was gemeldet wird, ist größtenteils anderweitig im Internet verfügbar; niemand muss Redakteure für ihre Kopien bezahlen. Manches steht exklusiv im Lokalanzeiger, weil die politische Klasse daran gewöhnt ist, ihn als einziges Medium zu behandeln und seit 20 Jahren auf eigene Webpräsenzen verzichtet oder diese vernachlässigt.

Interessant ist die Tageszeitung allein unter kulturanthropologischen Aspekten. Indem die Redaktion ihre hauptsächliche Leserschaft zu befriedigen versucht, spiegelt sie deren Bewusstseinslagen wider. Zwei Artikel aus der vorletzten Oktoberwoche 2018 zeigen an, wie es um die Weltwahrnehmung des Besitzbürgertums im Hanselstädtchen bestellt ist.

Beide Male geht es nicht um Stade oder den Landkreis. Seit längerem dominieren in der Online-Ausgabe Berichte aus Hamburg, vor allem über Straftaten. Gewiss gibt es Vorgänge in der benachbarten Großstadt, die für das flache Land von Relevanz sind. Verbrechen gehören kaum dazu. Den Focus darauf zu richten schürt lediglich die Vorurteile über das Leben in der Großstadt, die von der Leserschaft des Tageblatt seit dem Kaiserreich gepflegt werden.

Für den gemeinen Stader Spießer, der das Tageblatt abonniert hat, ist die Großstadt ein Hort des Bösen. Jeden Morgen dankt er Gott oder Allah dafür, dass in seinem Dorf oder seiner Kleinstadt überschaubar geordnete Verhältnisse herrschen. Die Großstadt ist ein Sodom, in dem er seine Kinder nicht aufwachsen lassen möchte.

Wie es wirklich zugeht in der Großstadt, wollen die eingeborenen Altdeutschen, die seit dem Mittelalter die Macht unter sich aufteilen und die kommunalen Angelegenheiten nach ihrem Gusto einrichten, nicht wissen. Vor 25 Jahren zog ich ihre Wut auf mich, als ich partout nicht beifällig abnickte, was sie über Berlin von sich gaben. »Da will ich gar nicht hin«, sagten sie über die Stadt, aus der ich gerade kam, und wiederholten, was sie den Medien und sonstigem Tratsch entnommen zu haben meinten.

Nun also titelt das Zentralorgan der militanten Ignoranz: »Hamburgs bunter Kult-Stadtteil St. Pauli«, und ich reibe mir die Augen. »St. Pauli ist Hamburgs bekanntester Stadtteil. Die Amüsiermeile Reeperbahn, die Herbertstraße, die Landungsbrücken, die Clubs und die Musicals und Theater sind jedem ein Begriff. Doch der Stadtteil steht auch für eine alternative Lebenskultur und stetige Veränderung.«

Ich wende mich mit Schaudern ab über diese Werbezeilen und verweise auf meine unromantischen Erlebnisse als Einwohner in der → Gerhardstraße und der → Talstraße.

So also hätten die Spießer ihr St. Pauli gern, als Modell für »alternative Lebenskultur und stetige Veränderung«, die sie daheim und auch sonst vehement bekämpfen. Ein Vorurteil wird mit einem Abziehbild bedient und der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben.

Stader Tageblatt screenshots

Kürzlich unternahm ich seit langem erstmals wieder einen Gang durch das mir wohl vertraute St. Georg. Vom Hauptbahnhof durch die Ellmenreichstraße auf den Hansaplatz und über den Steindamm zurück. Die Urbanität hat hier eine andere Prägung als auf der anderen Seite des Glockengießerwalls; aber zur Urbanität gehört eben, dass die Stadt viele Ansichten bietet. Wer die eine in den Blick nimmt, ohne die andere zu sehen, hat von großstädtischem Leben nichts begriffen.

Wie die → Fredenbecker, denen das Tageblatt St. Pauli bunt ausmalt und über St. Georg die alten Schauergeschichten erzählt: »Hansaplatz: Anwohner haben die Nase voll«.

Online wird mir dazu ein Alltagsvorfall angeboten, dessen Bericht mir auch dann nicht notwendig erschienen wäre, wenn er sich auf dem Pferdemarkt in Stade zugetragen hätte und meinen Alltag betreffen könnte. »Mehmet S[…] ist immer noch aufgebracht. Als der Wirt vorletzten Sonnabend nachts mit seiner Frau zwischen seinen beiden Kneipen auf dem Hansaplatz in St. Georg unterwegs war, wurden sie von mehreren Schwarzafrikanern bepöbelt und angegriffen.« (Das Tageblatt nennt seinen Zeugen mit vollem Namen und zeigt sein Foto.)

Im so genannten Pressekodex heißt es unter Ziffer 12: »In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.«

Dass sich im Tageblatt jemand mit einem nach Spießers Verständnis undeutschen Namen über eine »ethnische Minderheit« beklagt, salviert die Rassisten in der Redaktion nicht im Geringsten.

Bei «Schwarzafrikanern« frage ich mich, ob damit den »Weißafrikanern« Tribut gezollt wird oder wieso die Verwendung dieses Ausdrucks in Sätzen wie oben weniger diskriminierend sein soll als »Schwarze« oder »Neger«.

Hätte ich den jungen Mann fragen sollen, welche rassistische Bezeichnung ihm lieber wäre, der mir gestern in der Ausländerbehörde im Stader Kreishaus behilflich war, als ich für einen berufstätigen Freund eine Auskunft einholen wollte und mich der digitalen Ausrüstung in der Wartezone nicht auf Anhieb anpasste? Nur Spießereien wie im Tageblatt bringen auf solche Gedanken.

Denkbilder, die von den Altparteien gehegt und gepflegt wurden und nun als AfD wuchern, mit dem Tageblatt als Spaten und Heckenschere, um im Grünen zu bleiben.

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