»Der Goldene Handschuh« von Fatih Akin

»Der mit dem Buckel, wie heißt er nochmal?«, fragt mich meine Förderin im Kino, sobald Fritz Honka zum ersten Mal durch die Schatten schleicht. Er sieht genau so aus, wie man/frau sich ihn immer vorgestellt hat. Wie Charles Laughton als Glöckner von Notre-Dame.

Irgendwie an Quasimodo erinnerte der wirkliche Honka (1935–98), und BILD und Hamburger Morgenpost zeichneten ihn so, nachdem seine vier Morde 1975 entdeckt worden waren. Im Roman von Heinz Strunk, durch den der Film sich anregen ließ, erscheint der Unhold als Mensch wie Du und ich. Fatih Akin videografiert nun die Boulevardpresse von einst und zeigt das Ungeheuer aus dem Märchen, das nicht im Wald, sondern dort wohnt, wo die braven Bürger das Böse verorten, am Rande der Hamburger Reeperbahn.

Serienmörder sind – zumal in Deutschland, wo sie kriminologisch weitaus unbedeutender sind als in den USA, woher das Publikum sie überwiegend kennt – Extremfälle. In ihnen nicht bloß das absolut Fremde aufzuspüren ist mühseliger als bei den Mördern, mit denen echte wie Fernsehkommissare gemeinhin zu tun haben: dem Ehemann, der seine Frau erschlägt.

Die Herausforderung, das Menschliche im Monstrum zum Vorschein zu bringen, ist bei Honka größer als etwa bei dem gleichfalls verfilmten Fritz Haarmann. So ähnlich die Verhältnisse um die Rote Reihe in Hannover 1924 denen an der Zeißstraße in Hamburg 1974 sind, so sehr unterscheidet sich (unter filmdramaturgischen Aspekten zumal) der gesellige und geschwätzige Lebemann Haarmann von dem verdruckten und schielenden, verunstalteten und lispelnden Honka.

Strunks Roman gelingt, woran die Verfilmung der Geschichte scheitert. Auf der Leinwand stolpert Quasimodo von einer zeitlosen Raumkapsel in die andere, von der Kneipe in die Wohnung, von einer Höhle in die andere. Der Rest der Welt existiert nicht – bis auf deren Kitschfolie im Soundtrack, der die Hits abdudelt, mit denen die Ausgesonderten aus den Musicboxen der Kneipen beschallt wurden ebenso wie allen anderen aus dem Radio.

Die Kneipe als Zufluchtsort wie die Kirche auf der Île de la Cité, Honka als Quasimodo – aber mit Esmeralda verhält es sich gegenteilig. Der Unhold beschützt keine junge Zigeunerin, sondern killt Frauen von 42, 52, 54 und 57 Jahren, die im Film noch älter wirken. Wie wenig der Autor und Regisseur von seinem realen Sujet begriffen hat, demonstriert er, indem er Honka von einer jungen Blondine als wahrem Opfer träumen lässt, für das die tatsächlich ermordeten Frauen nur Surrogate sein sollen.

Gesellschaft gibt es in Fatih Akins Traum-St. Pauli nicht, bloß lauter Monaden, die sich in Alkohol ertränken. Dabei wären einige Elemente der echten Geschichte aufschlussreich bis in die Gegenwart: Honkas Ordnungs- und Überlegenheitswahn in Verbindung mit seinem Frauenbild; oder dass der unter ehemaligen KZ-Häftlingen Aufgewachsene den SS-Mann spielte.

Wie Fatih Akin Aus dem Nichts mit Großaufnahmen des Gesichts der Hauptdarstellerin bestritt, besteht Der Goldene Handschuh aus einer einzigen Szene: die Quasimodo-Puppe fällt über eine hässliche Frau her. Nichts daran auszusetzen, handelte es sich lediglich um die Fantasie eines Regisseurs. Aber dieser Filmemacher ist nicht so redlich, seine Einbildungen als solche zu zeigen, sondern maskiert sie als Auseinandersetzung mit einer Wirklichkeit, der er sich nicht im Entferntesten stellt.

In dem Pseudo-NSU-Film Aus dem Nichts beliefert er als Einäugiger die Blinden mit einem Alibi und trägt so kulturell zur politischen Verschleierung des Neonazismus bei. (→ Gericht als Groteske) Sein Honka-Film bedient Vorurteile über die Ausgesonderten, zu deren »Milieu« auch jene gehören, die sich in anderen Welt wähnen und darin von Fatih Akin bestärkt werden. Der Betrieb um die Reeperbahn funktioniert nicht durch Honkas, sondern die braven Bürger, die ihr Geld dorthin tragen. Sie kommen im Film nur als Zaungäste vor und verhalten sich wie Zuschauer im Kino.

Fatih Akin macht keine l’art-pou-l’art-Filme. Indem er sich wahrer Geschichten annimmt, gibt er Kommentare zu einer Wirklichkeit ab. Und die fallen, ob zum NSU oder zu Honka, stets gleich aus: sie machen ein X für ein U vor. Wie cineatisch-kunstvoll er auch vorgeht, sind seine Aussagen Lügen, die um Ruhm buhlen.

Spätestens seit Aus dem Nichts ist Fatih Akin quasi ein politischer Filmemacher. Sein Quasimodo taugt als Plakat für den Wahlkampf der AfD.

Zugegeben, bei dem Sujet errege ich mich in zweifacher Hinsicht leicht. Als Verbrechensversteher, der noch in jedem der ungezählten hunderten von Fällen, mit denen ich mich befasste, ein Echo des Satzes vernahm, der Goethe zugeschrieben wird: »Ich habe nie von einem Verbrechen gehört, das ich nicht hätte begehen können.« Und als zeitweiliger Bewohner des Stadtteils (→ Leben und Sterben auf St. Pauli), über den unlängst erst vor meiner Nase Legenden verbreitet wurden (→ Spießers Denkbilder), die traulicher sind als das Bild, das Fatih Akin zeichnet, aber nicht weniger verlogen. Dass der Regisseur sich der Verlogenheit seines Films vermutlich nicht bewusst ist (wie er schon Aus dem Nichts in Interviews als Studie zum Rassismus anpries) verringert seine Verantwortung nicht.