Ausstellung »Proof« mit Goya, Eisenstein, Longo und Kram vom Wegesrand in Hamburg – Passage des Passanten

Einmal im Monat bin ich zur Reise in die Großstadt eingeladen. Manchmal fremdle ich, wenn ich im Hauptbahnhof aus dem Zug steige, obwohl ich während eines Jahrzehnts an 19 verschiedenen Stellen in Hamburg Tisch und Bett hatte. So viele Menschen auf einem Haufen, die es schaffen, sich nicht unablässig auf die Füße zu treten und anzurempeln! Bei wesentlich geringerer Passantenfrequenz kann einem das in der Kleinstadt, aus der ich eintreffe, leicht passieren.

Außer den Touristen, die meist pulkweise starrend in einer fiktiven Hansezeit weilen, sind da die Fredenbecker, wie ich sie für mich nenne (*), die äußerstenfalls den Weg zum Carport außerhalb des Hauses zurücklegen und die Bürgersteige, die sie samstäglich lupenrein kehren, nie betreten. Für sie müssen allenthalben Parkplätze geschaffen werden, damit sie zu den Konsumstellen gelangen ohne ihre Beine allzu viel zu bewegen. Das ist insofern unabdingbar, als die Fredenbecker immer fetter werden.

Als Fußgänger sind die Fredenbecker optisch, akustisch und taktil überfordert. Und wären sie achtsamer sind ihre Reaktionszeiten und Bewegungsabläufe zu träge. Ein Steuer drehen und Pedale treten können sie, aber schon das Ein- und Aussteigen ist ihnen zu mühsam.

In Fredenbeck, höre ich, werden inzwischen Rollwege, gewissermaßen horizontale Rolltreppen zwischen Carport und Haustür gebaut. In die Bedienung des Treppenlifts werden bereits Kleinkinder eingewiesen. Neuerdings besteht auf den Fredenbecker Schulhöfen ein Wettbewerb unter den Jugendlichen, in wessen Elternhaus ein Treppenlift der angesagtesten Marke vorhanden ist.

Überhaupt, die Automobilisten. Wenn sie so fahren würden wie sie sich als Fußgänger bewegen, halbblind und lahm, müsste es noch erheblich mehr Verkehrsunfälle geben.

Hauptgefahr aber für arglose Passanten sind Radfahrer, die als ökologische Elite überall freie Bahn zu haben glauben und darauf vertrauen, dass die Unberäderten Acht geben, ihnen nicht in die Quere zu kommen.

Schlängelt sich in der Großstadt ein Radler durch die Menge, kann ich davon ausgehen, dass er weiß, was er tut. Im kleinen Hanselstädtchen ist jedes näher kommende Rad eine unkalkulierbare Gefahr.

An erster Stelle jagen begüterten Damen, die nach einem Autofahrerleben ökologisch entschieden als Rentnerin aufs Rad gekommen sind und Passantenverkehr nur aus dem Fernsehen und als Touristin kennen – gefolgt von den syrischen Flüchtlingen, die durch sie ihre Verkehrserziehung erhalten haben.

So ändern sich die Zeiten. Vor 30 Jahren wurde ich als Radfahrer in Hamburg belächelt, verachtet und behördlich behindert. Jetzt ist das Rad im Trend, »Öko« steht für das neue Spießertum und ist mein bevorzugtes Schimpfwort.

Zum Ausgleich für die Mehrzahl an Menschen sind die Straßen in Hamburg breiter als in Stade. Aber das Tempo ist höher, und ich muss meine Achtsamkeit steigern, um nicht rund um den Hauptbahnhof wie ein Fredenbecker zu taumeln und zu stolpern oder einfach überfordert still zu stehen in den Passantenwellen.

Auch wenn es so geklungen haben sollte, habe ich keine grundsätzliche Abneigung gegen pensionierte Damen in der Flüchtlingsbetreuung. Mit einer solchen war ich unterwegs; allerdings hat sie keine Automobilisten-Perspektive auf die Welt. Wäre ja sonst auch kaum mit mir auszuhalten.

Es war einer dieser Tage, an denen in den Nachrichten wieder vom Dieselabgas-Großbetrugs-Kartell die Rede war, das in seinem Entstehungsland, remember, anfangs als »Trickserei« klein geredet wurde.

Der Weg vom Hauptbahnhof, den wir nahmen, war länger als irgendeiner, den der Rat der Stadt Stade den Autofahrern aus Fredenbeck zu den Konsumstellen in der Inneren Stadt zumuten möchte, weshalb ein neuer Parkplatz entsteht, obwohl im Parkhaus am Bahnhof reichlich Platz ist.

Für Hamburger Verhältnisse sind die Deichtorhallen ein Katzensprung vom Hauptbahnhof entfernt. Mit Fredenbeckern ist dort freilich nicht nur deshalb nicht zu rechnen, weil sie nicht vor der Tür parken können. Die Kunst-Ausstellung, die wir besichtigten, hieß »Proof«. Ein Fredenbecker wäre gar nicht rein gegangen, aber auch ich habe den Titel nicht begriffen, nachdem ich heraus war.

Goya, Eisenstein und Longo werden gezeigt, suggerieren mir Plakate und Werbezettel. Keineswegs aber geht es um Vergleich oder Gegenüberstellung. Es handelt sich um eine Ausstellung von Robert Longo (Jg. 1953), die mit Auszügen aus Grafik-Zyklen von Francisco de Goya († 1828) und – ja, was eigentlich: Filmen oder Filmbildern – von Sergeij Eisenstein († 1948) garniert ist.

Foto: urian

Eisensteins Filme werden gezeigt, aber in Einzelbildern, die sie wie Skulpturen erscheinen lassen, während sie doch gerade Bewegung darstellen sollen. Worauf es in diesen Filmen besonders ankommt – der Schnitt, die Beziehung zwischen den Kameraeinstellungen, der Wechsel der Blickwinkel – wird durch die Verlangsamung nahezu unsichtbar.

Irgendwie könnte das mit den Bilder-Sequenzen Goyas assoziiert werden. Und die wiederum mit den Storyboard-Zeichnungen Eisensteins. Irgendwie arbeitet Longo ebenfalls seriell. Tun das nicht alle Künstler, irgendwie?

»Proof« hat mir nicht schlüssig bewiesen, dass sie nicht einfach eine Robert-Longo-Ausstellung ist, zu der man sich irgendwie passende Beigaben gesucht hat. Dass Longo in Selbstaussagen irgendwie auf Goya und Eisenstein Bezug nimmt, besagt wenig.

Bacon, Rembrandt, Manet und C. D. Friedrich werden von ihm ausdrücklich in ausgestellten Werken zitiert. Warum keine Korrespondenzbilder von diesen, sondern Goya-Grafiken, die Kunstinteressierte hinlänglich kennen, und Eisensteins Werke, die man kennen muss, um irgendwelche Verbindungen zu ahnen, weil die Filme in Super-Slow-Motion nicht zu erkennen sind?

 

»Vom 18. bis zum 21. Jahrhundert erfahren diese drei Künstler über zwei Kontinente hinweg sowohl die Turbulenzen eines Jahrhundertwechsels als auch die seismischen Auswirkungen von Revolution, Bürgerrechtsbewegungen und Krieg.« Mit derart um ein Gedankenloch gedrehten Sätzen wird im Flyer zur Ausstellung das Konzept erläutert. Statt »diese drei Künstler« hätte man auch fünf oder neun nehmen können, in dessen Werken irgendwie Zeitgenossenschaft aufscheint.

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Die Ausstellung hat die kunsttheoretischen Verstellungen nicht nötig, die vom Eigentlichen ablenken: Longos Kohlezeichnungen, die aus Reportage-Fotos monumentale Ikonen der Zeitgeschichte machen.

Ein Wald im Harz, ein Flüchtlingsboot auf sehr hoher See, die Kasbah in Mekka, ein Einschussloch in Paris, Polizisten und Sportler in den USA im unerklärten Rassenkrieg – aus den Schlagzeilen macht Longo Zeitzeichen. Indem er sie zugleich detailliert abzeichnet und gewaltig aufbläht lösen sie sich aus ihrem Kontext und werden zeitlos.

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Das Flüchtlingsboot auf hoher See ist, obwohl noch ein Widerschein der Gegenwart, in Longos Auffassung bereits Geschichte – und dabei lebensnaher als das Foto, das die Vorlage lieferte, selbst wenn es die gleiche Größe hätte.

Das Boot ist so authentisch wie Theodore Gericaults »Floß der Medusa«, das an einer anderen Wand der Ausstellung in einer Bearbeitung durch Longo hängt. Wahrheitsgetreu nicht wegen der motivischen Ähnlichkeit mit einer durch Schlagzeilen geprägten Wirklichkeit, sondern weil die Gestaltung die Sujets zu Symbolen macht, die für mehr als den im Bild festgehaltenen Moment einstehen.

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Wie Gericaults Floß mit den Schiffbrüchigen, die durch Kannibalismus überlebten, ein Zeitbild war, das bis heute aktuell ist, stellt Longos Flüchtlingsboot nicht ein spezielles, sondern jedes Boot mit Ausgesetzten dar.

Eine schöne Ausstellung von Robert Longo, die ohne den Kuratoren-Quark mit Goya und Eisenstein noch schöner gewesen wäre.

 

Anschließend ging es weiter, um die nächste Ecke, über eine Brücke, an einer sonderbaren Gaststätte vorbei, zu einer Abseite im Hafen, wo die Fredenbecker nicht im Traum hin kämen, mit dem Auto sowieso nicht ohne Weiteres und bestimmt nicht so rasch und direkt wie zu Fuß.

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Foto: urian

Ein aufgelassener Güterbahnhof nebst einer Zeile aus Lagerhallen, die zwischenzeitlich so nutzlos waren wie einst die Deichtorhallen. In ihnen sind Galerien untergebracht, Ateliers, eine Tischlerei und die Dauerstellung mit wechselnden Exponaten eines Kramladens. Kostet keinen Eintritt und ist irgendwie so anregend wie die Kohle-Kunst.

Foto: urian

 

17.06 Uhr. Eben sagte ich noch zum Abschied auf dem Bahnsteig, die Situation in den Pendlerzügen habe sich entspannt, weil ich zuletzt nicht bis Buxtehude stehen musste, da korrigierte mich schon die Wirklichkeit. Weil ich beim Einlaufen des Zuges bereits auf dem Bahnsteig stand, ergatterte ich einen Sitzplatz und musste nur die Beine anziehen, um Platz zu schaffen für die, die bis Buxtehude standen.

Einer, der vermutlich in der Ersten Klasse dem Gedrängel entgangen ist, klapperte mir mit seinen zwei Koffern vom Bahnhof in Stade nach in das »Holpergassengewirr« der Inneren Stadt. Dieser helllichte Tag schloss also mit einer Begegnung der dritten Art, mit dem Obermotz der lokalen CDU, dem hier aus rechtlichen Gründen nicht näher attributierten Oliver Grundmann.

Dadurch hat auch diese Aufnahme eines Kunst-Tages einen Bezug zu, Zitat Ausstellungs-Flyer, »brennenden Themen der Gegenwart«. Ich hätte den Bundestagsabgeordneten auf Limousine mit Chauffeur eingeschätzt.

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* Während meiner Jugend in der Nachbarschaft von Fredenbeck machte das Dorf mit einem Kulturskandal bundesweit auf seine Hinterwäldlerschaft aufmerksam (»Warum ist die Banane krumm?«); das Kaff hat eine signifikant hohe Mordrate; und ich habe vor Ort schauerliche Erfahrungen in anderweitig geschilderten Sachen (Babymord) gemacht – weshalb es diese Gemeinde trifft statt eine andere, zu der ich mit vielleicht ebenso guten Gründen gemein sein könnte. »Zezu« nannte Georg Christoph Lichtenberg die Narren-Insel, die er einst in Stade erfand; klingt unbedingt poetischer. Aber die war eben eine Fantasie; die Fredenbecker sind Realität.

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