Ein Mord in Buxtehude, eine Hinrichtung und ein Suizid in Harsefeld 1839–43

»Du, der Hans ist tot.« Es war nach Mitternacht am Sonnabend, den 15. Juni 1839, als der 23-jährige Tönjes Dammann mit diesen Worten geweckt wurde. Obwohl noch schlaftrunken, begriff er sofort.

»Nimm dich in Acht«, entgegnete er der Frau, die an seinem Bett saß, »wenn sie die Leiche untersuchen und was bei ihr finden, bist du ein Kind des Todes.«

Selbstsicher warf die Frau den Kopf zurück: »Das hat wohl keine Not.«

Am selben Tag, nachmittags um drei Uhr zeigte Vogt Rathje aus Altkloster (heute Buxtehude) bei seiner vorgesetzten Behörde im Harsefelder Amtshof den Tod des Hans Princk vom Gut Brillenburg an. Und er fügte hinzu, die Leute im Ort argwöhnten, Princk sei keines natürlichen Todes gestorben – vielmehr habe seine allseits verrufene Ehefrau ihn umgebracht.

Anna Marlena Princk galt als eine »freche, lügenhafte, verschmitzte und höchst liederliche Person«. Eine notorische Ehebrecherin, die mit ihrem Gatten »in Unfrieden« gelebt habe. Auch mit dem Knecht auf Brillenburg, dem Dammann, habe sie gleich nach dessen Anstellung ein Verhältnis angefangen. Und dabei sei sie doch schon 39 Jahre alt!

Amts-Assessor Georg Bernhard Stoltze ließ die Leiche obduzieren. Am 18. Juni schrieb er den ersten von etlichen Berichten in dieser Sache; die Akten, die im Archiv in Stade aufbewahrt werden, umfassen mehrere hundert Seiten. Zwei »Kunstverständige« aus Buxtehude, der Arzt Dr. Brecht und Apotheker Leddin, bestätigten den Verdacht: in Magen und Darm des Toten fanden sie Spuren von Arsen. Die Witwe und der Knecht wurden verhaftet.

Tönjes Dammann stritt ab, sich an einem Verbrechen beteiligt zu haben. Allerdings berichtete er dem Assessor Stoltze, dass die Princksche ihn am Tag vor dem Tod seines Herrn nach Hamburg begleitet habe, »um für ihren Hans etwas zu holen«.

Was denn?, habe Dammann gefragt, und sie habe erwidert: Mäusebutter. Was das sei, habe er sich erkundigt, worauf sie etwas Unverständliches geantwortet habe.

Zwar hätten die beiden »Kruken« (Gefäße) mit der Mäusebutter auf dem Rückweg in seiner Tasche gesteckt, aber auf der Brillenburg habe er sie der Princkschen wieder ausgehändigt. Und sich danach schlafen gelegt.

Später habe die Princksche ihn geweckt und zum Kaffeetrinken aufgefordert. Mit einer anderen Kanne Kaffee oder Tee sowie einem Butterbrot sei sie zu ihrem Mann gegangen. Jetzt, habe Dammann dabei gedacht, bekäme sein Herr die Mäusebutter, welche die Princksche ja für diesen geholt habe.

Eine »Charakteristik«, die das Amt erstellte, bezeichnet Tönjes Dammann als »etwas stupide, verschlossen, verstockt und fühllos«. Assessor Stoltze glaubte ihm kein Wort. Für den Untersuchungsbeamten war ausgemacht, dass die übel beleumundete Witwe und ihr junger Liebhaber gemeinschaftlich einen Mord geplant und begangen hatten.

Das Corpus Delicti, die beiden Kruken mit der Mäusebutter, einem arsenhaltigen Mittel gegen die Nager, wurden auf dem Gutshof gefunden. Für Assessor Stoltze und die Sachverständigen war der Fall jetzt klar. Unterdessen auch hatte Anna Princk gestanden, ihrem Mann Gift in den Tee gemischt und auf ein Butterbrot geschmiert zu haben. Doch sei dies im Einvernehmen mit Dammann geschehen.

Dessenungeachtet zweifelte der Verteidiger der Witwe, Advokat Domeier aus Stade, das Ergebnis der Leichenschau an. Keineswegs erwiesen sei, ob die den Kruken entnommene Menge überhaupt ausgereicht habe, um Princks Tod herbeizuführen. Außerdem hätten die Gutachter nicht berücksichtigt, dass der Verstorbene bereits acht Tage vor seinem Tod »höchst unpässlich« gewesen sei und »mehrfach an Erbrechen und Durchfall gelitten« habe. Zumal, nachdem er von Dammann ein Butterbrot und Schnaps erhalten habe, soll Hans Princk über Schmerzen geklagt haben.

So belasteten sich die Angeklagten gegenseitig. Tönjes Dammanns Vertretung übernahm der 48-jährige Gottlieb Wilhelm Freudentheil aus Stade, einer der begehrtesten Advokaten im Königreich Hannover. Er war gerade selbst Gegenstand geheimpolizeilicher Untersuchung geworden. Ernst August, König von Hannover, hatte 1837 das Grundgesetz aufgehoben und damit den Widerstand der Bürgerschaft herausgefordert. Ein von Freudentheil und anderen organisiertes Treffen von Liberalen im Juli 1839 führte zur Überwachung der Teilnehmer.

Freudentheils Verteidigungsstrategie stellte den Hausknecht als Opfer der Megäre Anna Princk dar: Als Minderjähriger sei dieser in ihr »Lasterhaus« gekommen, und »das verschmitzte und verbuhlte Weib hat ihn sofort zum verbotenen Umgange verleitet«.

Schließlich sei bekannt, dass die Prinksche, während sie und ihr Mann als Haushälterin und Knecht auf der Brillenburg beschäftigt waren, mit dem damaligen Gutsherrn, dem Iren Michael Wilson aus Dublin, »mehrere Kinder gezeugt« habe. Sie sei außerdem »das Kebsweib eines fremden Straßenhändlers geworden und hat sich am Abend auf den Straßen von Buxtehude wie eine feile Dirne herumgetrieben«.

Über das Verhältnis der Princkschen zu ihrem ehemaligen Dienstherrn Wilson hatte man sich im Harsefelder Amt ohnedies schon Gedanken gemacht. War der nicht auch kürzlich erst gestorben und das Ehepaar Princk dadurch auf rätselhafte Weise in den Besitz der Brillenburg gekommen?

Advokat Freudentheil konnte dem Assessor Stoltze eine Reihe formaler Fehler bei der Untersuchung nachweisen. Doch Dammanns Tod in der Haft am 21. Mai 1842 erledigte die ihn betreffenden Verfahren.

Die Princksche wurde zum Tode verurteilt. Zwar legten ihre Anwälte Berufung ein, erreichten damit aber nur einen Aufschub. Drei Jahre war sie inhaftiert. Gewiss keine einfache Gefangene. In der amtlichen »Charakteristik« heißt es über sie: »ist lügnerisch, schlau, verstockt und hat einen jähzornigen Charakter«. So erhob sie unter anderem eine Klage gegen ihren Wärter Johann Conrad Gübel, die im August 1842 abgewiesen wurde. Endlich ordnete die Stader Justizkanzlei für den 31. Oktober die Hinrichtung an.

Ein Regiment mit zwei Offizieren und 24 Dragonern sowie zehn Landgendarmen sorgten dafür, dass die hunderten Schaulustigen aus der ganzen Gegend im Zaum gehalten wurden. Morgens um neun wurde der Princkschen vor dem Amtshof nochmals das Urteil verkündet und der Stab über sie gebrochen.

In einem vierspännigen Wagen, von einem Gendarmen bewacht, vom Pastor aus Neukloster geistlich betreut, fuhr man sie zum Richtplatz. Das bei der vergleichsweise »milden« Strafe des Enthauptens übliche Schleifen auf einem mit Kuhhaut bespanntem Schlitten hatte der König ihr gnädigerweise erlassen.

Hinrichtung Harsefeld 1842 (Zeichnung: urian)

Lehrer Hempel und seine Schüler begleiteten den Zug zum Schafott mit erbaulichen Gesängen. Es ging durch die heutige Herrenstraße, an der Mühle vorbei Richtung Stade, zum Bostelberg, wo ein Findling den Rabenstein markierte. Scharfrichter Schwarz aus Bremervörde erledigte seine Arbeit zur Zufriedenheit der Zuschauer – ging nämlich dem Henker ein Streich fehl, musste er damit rechnen, von der Menge beschimpft oder gar geschlagen zu werden.

Diese letzte Hinrichtung in der Harsefelder Gegend wurde zum Legendenstoff. So soll »die Giftmischerin« umsonst auf den alten Brauch spekuliert haben, dass wenn einer die Verurteilte freien will, sie aus den Händen des Henkers befreit würde. Um ihre Verworfenheit zu illustrieren vermerkt eine Chronik, sie habe nicht ausgerufen: »Gott sei mir armen Sünder gnädig«, sondern den Pastor angefaucht: »Gott sei dir gnädig«.

Nach der Kurzform ihres zweiten Vornamens, Lena, wird gesagt, heiße der Landstrich um den Richtplatz Linnah. Tatsächlich nannte der Volksmund den Ort »Marlenenhügel«. Vergeblich haben Heimatforscher versucht, den exakten Standort des Schafotts, wo die Gattenmörderin auch verscharrt wurde, zu ermitteln.

Der Tatort, die Brillenburg, im Gewerbegebiet östlich des heutigen Buxtehuder Bahnhofs, wurde 1954 abgerissen. Erhalten ist beim Harsefelder Amtshof die Ruine der Kellergewölbe des »Pforthauses«, in dem Tönjes Dammann und die Princksche einsaßen.

Hinrichtung Harsefeld 1842 (Zeichnung: urian)

Amtsgerichtsschaften

Zufällig lässt sich Einblick nehmen hinter die Kulissen des Gerichts und auf die Person, die den Fall Princk bearbeitete, während sie dies tat.

Amtsblätter unterschrieb der Assessor mit »Stoltze«, eine persönliche Erklärung mit »George Stoltze«. Als er in Celle geboren wurde, war man in hannoverschen Landen stolz, englischer Untertan zu sein; vom ersten bis zum vierten Georg war der Name des Königs für Knaben beliebter als alle Erzengel.

Ob der 45-Jährige einmal auf der Insel war, ob er englisch sprach, ob die Kollegen, mit denen er im Herren-Club von Harsefeld Karten spielte, ihn »George« riefen, ist nicht überliefert. Erhalten aber sind seine Schreiben zu einem Kriminalverfahren, in dem er abwechselnd Kläger und Beklagter war, und die manches von seinen Lebenshaltungen ahnen lassen.

Danach fällt es leicht, ihn sich spitzweghaft als peniblen, ehrpusseligen Beamten vorzustellen, Junggeselle natürlich, seit 20 Jahren mit dem Dienst verheiratet, als Jurist in anderen Ämtern der Landdrostei Stade, in Otterndorf, Neuhaus und Freiburg tätig, seit fünf Jahren in Harsefeld: Assessor Hagestolz.

1841, Biedermeierzeit, sieben Jahre noch bis zur bürgerlichen Revolution. In der Frankfurter Nationalversammlung sitzt dann für den Stader Kreis der, mit dem Stoltze gerade Ärger hat: G. W. Freudentheil, der Anwalt des Verdächtigen Dammann. Freudentheil klagte den Gerichtsbeamten an, den Inquisiten mit Drohungen zu Aussagen gezwungen zu haben. Das war im September.

Am 7. Mai hatte Assessor Hagestolz hatte seinen eigenen Kriminalfall inszeniert und Klage eingereicht gegen den Harsefelder Oberförster Wilhelm Albrecht Rudorff: wegen Spielbetrugs. In geschwätzigen Schriftsätzen in seiner allerdings dankenswert deutlichen Sütterlinschrift führte Stoltze den Streit; der längste umfasst 78 Seiten.

Eher unwillig, wie es scheint, erstattete der 60-jährige Rudorff Gegenanzeige wegen Beleidigung. Der Zwist um Stoltzes Ehre ist bezeichnend für den dekadenten Zustand der Obrigkeit am Vorabend der Märzrevolution: Ein Sittenbild aus der Amtsherrschaft. Es ging um eine Äußerung des Oberförsters, die der Assessor herumgetratscht hatte.

Seine Freizeit verbrachte Stoltze beim Kartenspiel im Harsefelder »Herren-Club«. Angesagt war L’hombre für drei bis fünf Personen mit französischem Blatt ohne 8, 9, 10; durch Reizen wird der Hauptspieler ausgesondert, der nach fünf Stichen gegen die anderen spielt. Zur Runde gehörten außer Stoltze und Rudorff zumeist die Brüder Ehlers: Heinrich Gottlieb, 36 Jahre, Wundarzt, und der fünf Jahre ältere Georg Wilhelm, Leutnant, Ziegelei-Pächter und Posthalter in spe.

Schon in seinen früheren Ämtern hatte Stoltze gerüchteweise gehört, dass der Oberförster, vormals bei Bederkesa angestellt, beim Spiel betrüge. »Andere spielten mit dem Beklagten gar nicht mehr und öffentlich äußerte man sich über dessen schlechte Manieren beim Spiele«. Warum er sich trotzdem mit dem Mann abgab? »In Harsefeld hatte man keine Auswahl«.

Stoltze verlor regelmäßig. Der Oberförster »konnte die Zeit kaum abwarten, wo wir uns gewöhnlich zu versammeln pflegten. Er fand sich oft viel früher bei mir ein und trieb mich zum Mitgehen«. Aufgrund seiner Kurzsichtigkeit, sagte Stoltze, bemerkte er lange nicht, dass die Hauptkarten »bald durch Flecke, bald durch Punkte, bald auch Nägeleindrücke« markiert waren.

Schließlich riss ihm der Faden: »Ich erklärte daher, dass wenn solches nicht unterbliebe, ich nicht ferner an einem so betrüglichen Spiel teilnehmen werde«. Der Oberförster, von Stoltze beiseite gezogen, leugnete – vielmehr deutete er an, einer der Gebrüder Ehlers zinke die Karten.

Stoltze verbreitete diese Verdächtigung im »Herren-Club«; Leutnant Ehlers zuckte die Achseln: »Das geht mir gar nicht an die Ehre.« Allerdings fand der Oberförster hier keine Mitspieler mehr.

Für mehr als zwei Jahre ruhte die Sache. Endlich fand im März 1841 im Haus des Chirurgus Ehlers eine L’hombre-Partie statt, an der außer den Brüdern und Rudorff der Förster Schünemann und der junge Advokat Meyer teilnahmen.

Beschmutzte Karten waren aufgelegt, und als er verlor, entsann Meyer sich der von Stoltze ehedem verbreiteten Beschuldigungen und erklärte den Brüdern Ehlers, »dass wenn sie den Verdacht des Kartenzinkens, den Rudorff gegen sie vorgebracht, auf sich sitzen ließen, er ihre Gesellschaft meiden und diejenige Gesellschaft, worin sie sich befänden, sofort verlassen, auch jeden Umgang mit ihnen abbrechen werde«.

Herren-Club Harsefeld (Zeichnung: urian)

Förmlich zur Rede gestellt wollte der Oberförster nie etwas Abfälliges geäußert haben und nannte Stoltzes Aussage »eine Lüge«. Stoltze schäumte: Er werde sofort »die nötigen Schritte, um mich nicht als Lügner prostituieren zu lassen, ergreifen«! Er sprach mit der Frau des Oberförsters und erzählte seinem Chef, Amtmann Dodt, von den Vorgängen.

Während Rudorff in Hannover weilte, wurde eine Versammlung im »Herren-Club« verabredet: In Anwesenheit des Pastors von Bargstedt als unbeteiligter Instanz sollte der Oberförster eine Ehrenerklärung für die Brüder Ehlers abgeben – sonst, drohte Stoltze, brächte er das Falschspiel in Untersuchung.

»Nur einige Clubmitglieder erschienen nicht«; Rudorff blieb eine Stunde, ohne etwas zur Sache zu sagen. Nachdem er gegangen war, ließ er durch den Pastor ausrichten: Er »wolle nun nicht mehr den Gebrüdern Ehlers die kompromittierte Ehrenerklärung geben, indem ihm dies von demjenigen Herren, die nicht mit erschienen seien, widerraten wäre«.

Auf Stoltzes Drängen hin ließen die Gebrüder Ehlers und Rudorff bei Amtmann Dodt Erklärungen protokollieren. Stoltze war es nicht zufrieden, und gegen alles Abraten brachte er Rudorffs vermeintliches Falschspiel zur Anzeige. Die Stader Justiz-Kanzlei befand, dass die »Verhältnisse der Angestellten zu Harsefeld untereinander eine auch in dienstlicher Beziehung bedenkliche Richtung genommen zu haben scheinen«.

Einen Monat nach Stoltzes Anzeige ereignete sich ein dramatisches Zwischenspiel. An diesem 13. Juni 1841 stand Heinrich Ehlers, 41 inzwischen, seit 17 Jahren Landchirurgus in Harsefeld, früh auf. »Anscheinend« war er »nicht sehr unwohl gewesen«. Gegen Mittag war er zurück im Bett, wo seine Frau ihn fand, »erdrosselt durch einen am Bettquast befestigten Schal«.

Fraglos Freitod. Keine weiteren Ermittlungen. Was es über Ehlers’ Motive zu wissen gibt, meldete das Amt Harsefeld am nächsten Tag der vorgesetzten Landdrostei: »Da der Verstorbene sich einer seinen Verhältnissen nach ganz guten ökonomischen Lage erfreute, ferner auch seine ehelichen Verhältnisse sehr glücklich zu nennen waren und er zahlreiche Kinder hinterlässt, so lässt sich als Motiv zu diesem schrecklichen Entschluss nur die Gemütsbewegung und Aufregung annehmen, in welche er durch die hieselbst bestehenden unglücklichen Wirren und durch mehrfache Injurien-Klagen, in welche er verwickelt gewesen, und welche er wahrscheinlich seinem Ruf nachteilig erachtet«.

Im Dezember 1841 vernahm Ernst August Reinhold, Amtmann von Himmelpforten, die Zeugen der Falschspiel-Affäre. Die Liste gibt einen Querschnitt durch die Hautevolee von Harsefeld und umzu: Amtmänner, Assessoren und Pastoren, ein preußischer Oberst a. D. und andere Militärs, Advokaten, Förster, ein Regierungsrat, ein Geometer, ein Gastwirt, ein Obergerichtsanwalt.

Stoltze wurde für zehn Monate suspendiert. »Mit welchen schmerzlichen Gefühlen« er von der Beurlaubung las »und wie sehr meine leider im Staatsdienst zerrüttete Gesundheit« ihren Teil dazu beitrug, dass er ob der gegen ihn »angewandten Strenge«, vor »quälender Sorge und Bekümmernis bei Tag und bei Nacht gelitten« habe, schrieb er, »vermag ich durch Worte nicht zu beschreiben« – folgen einige Dutzend Blätter mit Rechtfertigungen.

Wenn Bürokraten streiten… Der Aktenberg, fünf Bände, die im Archiv aufbewahrt werden, kreißte und gebar ein Mäuschen. Die Justiz-Kanzlei erkannte für Recht, dass sich keinerlei Spielbetrug nachweisen ließ. Allerdings wurde das ganze Amt Harsefeld gerügt; besonders aber an Stoltze erging durch das Ministerium des Inneren »die gegründetste Missbilligung« seines Verhaltens.

Für diesmal sah man von disziplinarischen Maßnahmen ab, erwartete aber von ihm »für die Zukunft ein vorsichtiges und männliches Betragen«. Warum Chirurgus Ehlers sich das Leben nahm, bleibt rätselhaft, da doch offiziell alles nur Sturm im Wasserglas war. Oder hätten die Ermittlungen bei Beteiligung eines lebenden, als Zeugen fungierenden Chirurgus einen anderen Ausgang genommen?

Stoltze jedenfalls war bei seinen Kollegen und Mitspielern zur Unperson geworden. Sein Kontrahent Rudorff hatte sich längst versetzen lassen. Assessor Hagestolz verließ Harsefeld im April 1843.

© Uwe Ruprecht

Advertisements