Von denen, die sich als Radfahrer gebärden – Passage des Passanten

»Wenn man dich so reden hört, könnte man meinen, du hast etwas gegen Radfahrer«, wurde mir im Zuge einer Plauderei entgegen gehalten, die das Thema streifte. So konnte es allerdings scheinen. Keiner der anderen war Radfahrer und betätigte sich als Fußgänger nur, wenn er/sie das Auto verlassen musste. Sie verstanden nicht annähernd, auf welcher Enttäuschung über den Weg der Welt meine Verachtung beruht.

Ich habe nie ein Auto gefahren und mich, je nach Möglichkeit und Gelegenheit per pedes, mit Bahn und Bus oder auf dem Rad fort bewegt. Bis vor ein paar Jahren hätte mich ein flüchtiger Beobachter für einen Radfahrer halten können. Es ist mir zu riskant geworden. Mitschuld daran sind die Radfahrer, denen ich auf der Straße nicht begegnen möchte.

Mein Missbehagen reagiert auf einen kulturellen Wandel, der denen, die ihn vollziehen, nicht bewusst ist. Zum Beispiel Männern meines Alters, um die 60. Sie sind wie die oben Erwähnten Autofahrer, die nur zu Fuß gehen, wenn es gar nicht anders geht und es im Kalender vermerken können, wenn sie einen »Spaziergang« unternehmen. Sie haben mich ein Leben lang ihre Verachtung spüren lassen und meinten, ich sei ihnen eine Erklärung für meine Absonderlichkeit schuldig.

»Sie fahren wirklich nur Fahrrad? Auch im Regen und im Winter? Ich brauche mein Auto, ich wüsste gar nicht, wie ich sonst zur Arbeit käme. Direkt vor meinem Arbeitsplatz ist eine S-Bahn-Station, sagen Sie? Die Bahn ist so teuer und man ist auf Fahrpläne angewiesen. Ich bin lieber unabhängig. Nein, ich kann mir nicht aussuchen, wann ich zur Arbeit erscheine; warum fragen Sie?«

Wenn die Heuchler, die selbstverständlich nie zugaben, dass sie sich ohne Auto wie ein halber Mann fühlten, außerdem erfuhren, dass ich keinen Fernseher habe, mich nicht für Fußball interessiere und kein Bier trinke, war das Maß fix voll, und ich ahnte, wie Schwule oder Juden sich bei einem Outing fühlen.

Der Typ mit Helm, der sich mit wackelnder Lenkstange auf dem Bürgersteig den Weg frei klingelt und mich anpöbelt, weil ich nicht fügsam zur Seite springe – er könnte einer von denen gewesen sein, die gar nicht aufhören konnten, mir das Radfahren schlecht zu reden, vor 30 Jahren, als es die Vorstadtpanzer noch nicht gab, mit denen sie herum kutschierten, bevor sie aufs Rad umsattelten und sich weiterhin verhalten, als seien sie die Herren der Straße.

Kleine Feiglinge sind sie, um in ihrer, der Schnaps-Terminologie zu sprechen. Wo kein Radweg ist, müssten sie sich zurückhalten – oder auf der Straße fahren. Aber dort bekämen sie es mit ihresgleichen zu tun, die weiterhin im Vorstadtpanzer unterwegs sind. Fußgänger kujonieren ist ungefährlich.

Als sie in ihrer damals fahrradfreien Kleinstadt im Auto unterwegs waren, fuhr ich in Berlin Rad. Radwege waren im Westen Raritäten, und im Osten gab es keine. Anders als in Hamburg, wo das Radfahren sich als reguläre Fortbewegungsform zu etablieren begann und vermehrt Radwege eingerichtet wurden, musste man sich in der Hauptstadt als Radfahrer seine Wege suchen. Das hieß, man fuhr überwiegend auf der Straße. Sich auf dem Gehweg den Weg frei klingeln kam nicht in Frage.

(Am allerwiderlichsten sind die Klingeler, die ich nicht ohne einen Kommentar davon kommen lasse, die ihre Unhöflichkeit als Fürsorge maskieren: sie hätten mich warnen wollen, damit ich ihnen nichts ins Gerät liefe. Ich pflege nicht zu torkeln und zu taumeln und bin mir der Gefahr auf Rädern, die sie darstellen, bewusster als sie. Mich muss niemand anklingeln. Wer es trotzdem tut, tut es auf eigene Gefahr, von mir eine passende Antwort zu erhalten.)

Einheimische Autofahrer hatten in Berlin kein Problem mit dem Radverkehr auf der Straße; Taxifahrer ausgenommen, aber die stört jeder, der außer ihnen die Fahrbahnen benutzt. Nach gefährlichen Begegnungen vermerkte ich vielfach die Hamburger und anderen norddeutschen Kennzeichen meiner Kontrahenten; die waren von daheim an Radfahrer auf der Straße nicht gewohnt.

Auf dem Rad war ich damals in Berlin einigermaßen exotisch. Wahrscheinlich würde ich heute nicht mehr an einem frühen Samstagabend der einzige meiner Art sein, der nach einem Ausflug an die Havel über den ohnehin fast leeren oberen Kudamm rollt.

Von Ökologie schweige ich ganz. Darüber reden die Nicht-mehr-nur-Autofahrer und Gelegenheits-Radler umso eifriger mit denen, die Nur-Autofahrer sind. Es gibt allerhand Argumentationshilfen für sie: da radelt man »gegen Rechts«, als sei Radfahren ein magisches Heilmittel, oder, nur scheinbar näher liegender, »für das Klima«. Und wenn auch die älteren Herren ihre verbleibenden Jahre verradeln – meine lebenslange Öko-Bilanz als Nicht-Autofahrer toppen sie nicht mehr.

Sie setzen sich aufs Rad, um kürzere Strecken zu bewältigen, und wenn sie sonntags »radwandern« halten sie sich innerhalb touristisch gesetzter Eckpunkte. Für längere Strecken steigen sie wie gehabt ins Auto.

Niemals fahren sie dort, wo sonst niemand Rad fährt. Das sind außerhalb der Städte und Dörfer weiterhin die allermeisten Gegenden. Jene Gebiete, die ich auf dem Rad erkundet habe, weil ich es auch für längere Strecken benutzt und getan habe, was Autofahrer eben dort tun: ziellos umher kurven.

Wie gesagt ist mir das Radfahren inzwischen zu riskant. Die Autofahrer in meiner näheren Umgebung, die allenthalben die Kaste der Entscheidungsträger stellen, sind nicht gewillt, Radfahrer zu respektieren, und beim Gros der angestiegenen Zahl der Radfahrer handelt es sich um Autofahrer, die sich am Lenker so aggressiv wie hinterm Steuer benehmen.

Die spezifische Achtlosigkeit deutscher Autofahrer ist legendär. Ohne Schilder und Ampeln sind sie aufgeschmissen, und mit Kreisverkehr haben sie immer noch Mühe. So wie sie schöne gerade Fahrbahnen brauchen, halten sie Radwege für Strecken, die für alle anderen Tabu sind.

In Buxtehude, wo unter dem Label »Verkehrsberuhigung« bereits Radspuren eingerichtet wurden, als in Hamburg darüber mitleidig gelächelt wurde, hat dieses Pioniervorgehen nur dazu geführt, dass sich die Radfahrer Fußgängern gegenüber erst Recht wie Herrenreiter verhalten. In Buxtehude wird man nicht nur angeklingelt, wenn man aus Versehen die Radspur betrifft (ich als erfahrener Radfahrer wäre stillschweigend ausgewichen; kann mich kaum erinnern, wann ich mal die Klingel gebraucht hätte – außer aus Ärger über einem Autofahrer), sondern die Klingel ertönt bereits aus zehn Metern Entfernung, wenn ein Passant den Radweg nur kreuzt und für niemanden je eine Gefahr bestand.

So sehr die älteren Herren es verabscheuen, abzusteigen und ihr Vehikel zu schieben, wo sie doch mit Rücksichtslosigkeit durchkommen, werden sie hierin von den jüngeren Herren übertroffen, die inzwischen auch die Bahnsteige des Bahnhofs in Stade befahren und ihre Wut anzeigen, wenn man ihnen nicht flugs aus der Fahrbahn springt.

Man könnte es rührend finden, wie anhänglich sie sind und ihr Gefährt keine Sekunde aus dem Auge lassen wollen. Das Auto müssen sie notgedrungen einmal abstellen; wenn sie immerhin absteigen, schieben sie ihr Rad überall hin. Wie manche Hundebesitzer, die ihren Fiffi nur unter Protest an die Leine nehmen und vor der Tür lassen. Von denen, die Vorstadtpanzer fahren, werden Hunde in Kalbsgröße bevorzugt, die anzeigen, dass sie auch in der Hinsicht mehr Raum und Ressourcen beanspruchen als gewöhnliche Erdbewohner.

Habe ich oben von einem »kulturellen Wandel« gesprochen? Tatsächlich werden nur die Etiketten vertauscht. Die Produktion der Räder der Umweltbewussten, die stets auf dem neuesten Stand sein und »nach etwas aussehen« müssen, verbraucht mehr Rohstoffe und Energie als sie damit einsparen, dass sie mal das Auto stehen lassen.

Nach jahrzehntelanger Diskriminierung als Radfahrer durch die Automobilisten bleibe ich auf der Abseite und werde als Fußgänger von Auto- wie Radfahrern als Untermensch behandelt.

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