Anmerkung zu einer Polizei-Meldung aus Stade

»Politische Korrektheit« ist, sofern sie bei Sprachregelungen stehen bleibt, ein hilfloser Versuch, die Realität zum Verschwinden zu bringen und eine Eiapopeia-Wirklichkeit vorzutäuschen.

»Geflüchteter randaliert im ehemaligen Kreiswehrersatzamt« titelt das Stader Tageblatt in der Online-Ausgabe vom 21. Juni 2018 (wie stets in treuem Gefolge der Polizei [siehe mehr u. a. hier]).

Obwohl ich es hätte besser wissen müssen, dachte ich bei »Geflüchteter« zunächst an einen Geflohenen, einen entkommenen Sträfling – nicht an »Flüchtling«. So soll es auch sein. Den Alltagsgebrauch des Wortes »Flüchtling« und seine abträglichen Konnotationen soll ich humanistischerweise vergessen – oder wenigstens so tun, als ginge mich das nichts an, weil ich ja aufgeklärt bin.

Nebenbei werden historische Bezüge negiert, die gerade bei denen, die »Flüchtling« als Schimpfwort gebrauchen, eine Quelle für Verständnis sein könnten. Bezüge, derentwegen ich von »Flüchtlingen« schreibe, wenn die, die sich als aufgeklärt ausstellen wollen, von »Geflüchteten« reden. Bezüge, denen ich in meiner eigenen Familiengeschichte nachgespürt habe (Fluchtpunkt Harsefeld).

Nicht dass mit dem Bewusstsein der Bezüge allein viel bewerkstelligt wäre. Manche, die »Flüchtling« als Schimpfwort gebrauchen haben nicht nur wie ich einen indirekten, sondern unmittelbaren »Migrationshintergrund«.

Bezüge, die entfallen, wenn von »Asylanten« statt von »Asylbewerbern« gesprochen und geschrieben wird. Hier macht der Sprachgebrauch sehr wohl einen Unterschied. Der »Asylant« wurde Ende der 1970er als Abwertung erfunden, zusammen mit einem damals noch nicht wirklich bestehenden »Asylantenproblem«, das heute zwar realer ist, aber in den Köpfen wie ehedem vielfach aus hysterischer Projektion besteht.

Es »erhalten, gemessen an anderen Ländern, bei uns sehr wenige Asyl nach Artikel 16 GG – insgesamt 65.000 seit Gründung der BRD«. So die Schmonze (der Klappentext von Taschenbüchern) des Sammelbandes Kein Asyl bei den Deutschen. Anschlag auf ein Grundrecht, den ich für Rowohlt Aktuell lektorierte, erschienen im November 1986. (Darin auch ein Text über »Asylanten – ein Schimpfwort« und seine Quellen.)

Aus dem »Anschlag« auf ein Grundrecht wurde sieben Jahre später einer auf das Grundgesetz. Ein Erfolg der Hetzer über die politisch Korrekten in CDU/CSU und SPD, lange bevor aus ihren Reihen die Alternative für Deutschland, entstand.

Dass ein Flüchtling am Abend des Mittwoch, 21. Juni, »in der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Kreiswehrersatzamt in der Albert-Schweitzer-Straße« randaliert hat, wäre keine Meldung wert gewesen und von der Polizei wohl auch verschwiegen worden, wären nicht zwei Beamte bei der vorläufigen Festnahme leicht verletzt worden.

»Am Donnerstagmittag wurde der Geflüchtete dem sozialpsychiatrischen Dienst des Landkreises Stade vorgestellt. Dieser entschied, dass der 28-jährige bis auf Weiteres in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen wird.«

Die Flucht-Geschichte, die vermutlich den Hintergrund des Ausrasters bildet, die den Hetzer nicht interessiert, muss die Polizei nicht melden und wird von den Aufklärern in der Zeitungsredaktion schon gar nicht geliefert. »Geflüchteter« statt »Flüchtling« – damit meinen sie, ihrer Schuldigkeit Genüge getan zu haben.

Nebenbei: »ehemaliges Kreiswehrersatzamt« ist als Ortsangabe korrekt – aber die Schilder stehen sehr wohl noch.

Kreiswehrersatzamt Stade (Foto: urian)

1. August

Derselbe Ort, dasselbe Personal, dieselbe Zeitung: diesmal ist ein Brand ausgebrochen in der Geflüchtetenunterkunft – nein, heute heißt es »Flüchtlingsunterkunft«. Wenn Journalisten nur so vor sich hin schwätzen, darf man von ihren Lesern schwerlich mehr Verstand beim Sprachgebrauch erwarten.

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