Der »Gaffer-Prozess« vor dem Landgericht Stade

Wie korrekt war das Verhalten der Polizisten, die dem 28-jährigen Hauptangeklagten am 5. Juli 2015 einen Platzverweis erteilten und diesen schließlich mit »unmittelbarem Zwang« durchsetzen? Dazu hatte die Verteidigung am vorigen Verhandlungstag Beweisanträge gestellt, die das Gericht in der Sitzung am 23. Oktober 2018 ablehnte. Ein neuer Zeuge wird nicht gehört, und einer, der bereits vernommen ist, nicht erneut geladen.

An jenem Julitag war ein Auto in eine Eisdiele in der Stadtmitte von Bremervörde gerast, wobei zwei Menschen getötet und sechs verletzt wurden. Um das »Gaffen«, das dem Verfahren in den Medien den Namen gab, geht es längst nicht mehr. Der Hauptangeklagte hat nicht gefilmt oder fotografiert.

Wohl hatte er ein Smartphone in der Hand, aber um zu telefonieren. Wie die Verteidigung herausstreicht, waren zu dem Zeitpunkt, als die Polizei den ihr bekannten Mann irrtümlich als Gaffer stellte, die Verletzten bereits abtransportiert und die Toten nicht zu sehen. Dass deren Persönlichkeitsrechte beeinträchtigt werden sollten oder konnten, steht außer Frage. Bleibt der »Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte«, den der Nicht-Gaffer geleistet haben soll.

Dass die Aufnahmedaten der Fotos vom Tatort, die von zwei Mitarbeitern der Bremervörder Zeitung angefertigt und vom Gericht in Augenschein genommen worden waren, manipulierbar sind, wozu die Verteidigung das Gutachten eines Sachverständigen beantragt hatte, wird vom Gericht als »bereits bewiesen« angenommen.

Die juristischen Feinheiten, die dazu führten, dass die Pausen der Sitzung, in denen die Beteiligten berieten, um ein Vielfaches länger dauerten als diese selbst, traten in den Hintergrund, als Rechtsanwalt Lars Zimmermann die Einlassung seines Mandanten zu den seit einem halben Jahr verhandelten Geschehnissen verlas.

»Als streng gläubiger Muslim«, erklärt Omar A., habe er im Ramadan zwischen 18. Juni und 16. Juli 2015 »ordnungsgemäß gefastet«. Dazu gehörte auch die Enthaltsamkeit von Nikotin, die ihm als starken Raucher besonders hart anging. Am Tattag, einem »warmen Sommertag«, habe er nichts gegessen und vor allem nichts getrunken; er sei »dehydriert« gewesen.

Auf dem Weg zum Bremervörder See bemerkten er und andere Angehörige seiner Familie Krankenwagen und hörten von dem Unfall in der Eisdiele. Omar A. sorgte sich um Familienmitglieder, die sich oft dort aufhielten, wie um den ihm gut bekannten Besitzer des Lokals.

Der Ausflug an den See wurde abgebrochen, Omar A. brachte die Kinder nach Hause und begab sich hernach an die Unfallstelle. Zwischenzeitlich hatte er am Telefon gehört, der Eisdielen-Besitzer und seine Frau seien gestorben. (Was nicht stimmte; die Toten waren ein 65-jähriger Gast und ein Kleinkind.)

Außerhalb der Polizei-Absperrung traf Omar A. einen Bekannten. An das Folgende habe er nur eine undeutliche Erinnerung, ließ er durch seinen Anwalt wissen, und führt das auf die Belastung durch das Fasten zurück. Außerdem hätten die Vorgänge die »Erinnerung an seinen toten Bruder« hochkommen lassen.

Was er damit meinte, erläuterte er nicht, und im Gerichtssaal fiel kein weiteres Wort dazu. Die Familie A. wirft der Polizei von Bremervörde vor, den »Mord« an jenem Bruder zu vertuschen, indem sie ihn als Suizid zu den Akten legte.

Ein Feuerwehrmann, fuhr Omar A. fort, habe ihn aufgefordert zu gehen und nach seinem Handy gegriffen, das er am Ohr hatte, um mit anderen besorgten Familienmitgliedern zu sprechen. Er sei schon im Abmarsch begriffen gewesen, als zwei Polizisten auf ihn zu kamen.

Sein Handy wurde zu Boden geworfen und beschädigt. Die Polizisten hätten ihn mehrfach geschubst und dabei zu Boden gebracht. Er wurde geschlagen. Dass er sich gewehrt habe, erinnere er nicht. Sollte es so sein, dass er die Polizisten verletzt habe, täte es ihm Leid.

Er habe nicht, wie ihm vorgeworfen wurde, gefilmt oder fotografiert. Aufgrund der Belastung durch den Ramadan, erklärte Omar A., habe er allerdings auf die Polizisten »nicht angemessen reagiert«.

Zeugen hätten bestätigt, ergänzte der Anwalt, dass sein Mandant auf die Ansprache der Polizisten nicht reagiert habe. Ein medizinischer Gutachter solle bestätigen, dass Omar A. sich nach über 12 Stunden ohne Essen und Trinken im Zustand der Schuldunfähigkeit oder der verminderten Schuldfähigkeit befunden habe.

Notizen vom nächsten Prozesstag

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