Der Polizeibericht verrät: noch gibt es das »Fernsprechhäuschen«

Wer jünger als 20 ist, kann nur eine verschwommene Vorstellung davon haben; die meisten werden nie eine Telefonzelle betreten, geschweige denn benutzt haben. Das wurde vor 20 Jahren absehbar; für Heft 8 der Archive des Alltags im Dortmunder Schack Verlag studierte ich Geschichte und Gegenwart der Telefonzelle und schrieb einen Abgesang, den ich in Artikeln für Zeitungen variierte.

Inzwischen hört man von Telefonzellen nurmehr als Objekt von Vandalismus. Zum Beispiel Silvester 2016/17, als in meiner kleinen Stadt eine gesprengt wurde. Noch dazu war es ein Exemplar der vor über 20 Jahren offiziell außer Dienst gestellten gelben, das auch ohne Explosionseinwirkung alt aussieht. Modell »FeH [Fernsprechhäuschen] 78« aus eben dem Jahr. Sieht aus wie Ford Taunus und Schlaghosen.

Soeben meldet die Polizei: »Ein Unbekannter hat am Samstag, den 13. Oktober [2018], gegen 5.45 Uhr in der Holzstraße in Stade die Glasscheibe einer Telefonzelle eingeschlagen und sich dabei offenbar so stark verletzt, dass er bei der anschließenden Flucht eine längere Blutspur durch die Stader Innenstadt bis in die Gartenstraße hinterlassen hat.«

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Obwohl den Worten gewidmet, der Inbegriff einer Quasselbude, ist kaum je Bedeutendes über die Telefonzelle geschrieben worden. Dichtern war sie egal, und das Verhalten ihrer Benutzer wurde nie zum Gegenstand soziologischer Studien. Alltäglich aber unerkannt und nur in Sicht, wenn sie gebraucht wird, stand sie an der Straße bereit. Kulturhistoriker werden sie nach ihrem endgültigen Verschwinden zwar in Romanen und Filmen als selbstverständliches Requisit entdecken, aber auch feststellen, dass sie kaum je eines reflektierenden Blicks gewürdigt wurde.

Schon ihr Geburtsdatum ist unbekannt. Die ersten 100 »Fernsprech-Automaten« mit Münzeinwurf wurden 1899 in Berlin installiert, in Theaterfoyers und Restaurants. Bereits ab 1881 gab es, ebenfalls in Restaurants und den Vorräumen von Banken, Separees mit zehn Zentimeter dicken schalldämmenden Wänden zum Fernsprechen. Wohlgemerkt: Unbehelligt bleiben sollten die Leute außerhalb der Zelle, denn in den Anfangszeiten der Telefonie musste man ordentlich laut sprechen, um am anderen Ende des Drahts verstanden zu werden.

Wann das Münztelefon und das Separee kombiniert und an den Straßenrand gestellt wurden, liegt im Dunkeln. Tatsächlich fehlt die Zelle sogar in den meisten Geschichtsbüchern über das Telefon. Der früheste Hinweis auf das Vorhandensein wetterfester »Sprechstellen« an Verkehrsknotenpunkten stammt von 1910.

»Aber ist denn das Wesentliche einer Telephonzelle das Telephon?«, fragte der Wiener Feuilletonist Alfred Polgar vor 100 Jahren. »Nein, das Wesentliche sind die vier Wände. Die Enge. Die Ruhe im Lärm. Die immerhin markierte Abgegrenztheit gegen Dunkel und Kälte. Die Stübchen-Illusion.«

Dieser Anschein von Intimität wurde nach und nach durchsichtiger. An der Entwicklung des Stadtmöbels Telefonzelle springt die Tendenz zu mehr Transparenz ins Auge. Geschlossene Wände werden durch Glas ersetzt, das zunächst Milchglas ist. Dann wird die Konstruktion immer fragiler, das Gläserne dominiert. Schließlich wird die Zelle von der Haube verdrängt, auf die schließlich auch verzichtet wird.

Betriebstechnisch sprach sowieso alles für die Plexiglashaube: billigere Aufstellung; geringerer Platzbedarf; anfallender Schmutz wird einfach vom Trottoir gefegt; die Vandalismus-Rate ist niedriger, weil Manipulationen an den Apparaten leichter von Umstehenden bemerkt werden können. Die praktischen Argumente indes wären ins Leere gelaufen, würde die Haube nicht von den Benutzern angenommen. Schutz vor was auch immer bietet sie nicht, nicht vor Regen und nicht vor Lauschern. Wer größer ist als 1,75 m passt nicht darunter und bekommt daneben Probleme mit dem kurzen Hörerkabel.

Die Plexiglashaube ist bloß noch ein Symbol für die Abgeschiedenheit, die die Zelle bietet. Bereits zu Bundespost-Zeiten wurde vermerkt, dass lediglich noch zwei Kunden-Argumente für das Häuschen gegenüber der Haube sprächen: »Daher bevorzugen vor allem ältere Personen und all jene, die längere Gespräche von öffentlichen Telefonen aus führen wollen, die Telefonhäuschen«, vermerkt eine Untersuchung von 1988.

Ältere Personen – eine Generation, die sich das Schamgefühl bewahrt hat, nicht alles vor aller Ohren zu besprechen. Die durchsichtige Kabine als Hülle des Telefons bot ein Stück Intimität inmitten der Öffentlichkeit, das mit der Haube schwindet und beim Handy ganz wegfällt.

Einen zweiten Frühling erlebte die Telefonzelle nach 1990 in den neuen Bundesländern. Der öffentliche Fernsprecher ersetzte die fehlenden privaten Anschlüsse. »Ossis« verzichteten zuerst auf den Festnetzanschluss und waren nur noch über Handy erreichbar.

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Die Verdrängung der Telefonzelle aus dem Stadtbild setzte ein mit dem Abbau der gelben Postzelle, der bis Ende 2001 abgeschlossen sein sollte. War kein Bahnhof oder Marktplatz in der Nähe, genügte es, kurze Blicke in die Straßen zu werfen, die man passierte, um eine der klobigen Dosen zu erspähen. Dagegen trat das Telekom-Häuschen durch sein zartes Gestänge mit Glas und die edel und diskret gemeinte Lackierung in Grauweiß und Magenta, einer Art Alte-Damen-Rosé, in den Hintergrund des Straßenbildes.

Wie dem Blick haftete der Haltung zu und in der Telefonzelle etwas Flüchtiges an. Im Vorübergehen kehrte man ein, oder auch nicht und nahm die nächste am Wegesrand. Flüchtig die Worte, denen sie diente. Sie selbst war vorübergehend, keiner ihrer Standorte endgültig. Der Federstrich eines Stadtplaners konnte sie versetzen, ohne ihrer zu achten. Kein Reiseführer empfiehlt für abendliche Gespräche mit Zuhause eine Zelle in Prag mit Aussicht auf den erleuchteten Hradschin.

Die Telefonzelle war für unterwegs und für die Herumirrenden. In einem geordneten Leben, das gleichförmigen Abläufen folgt, ließen sich wenig Erfahrungen mit ihr machen; sie war an eine Ausnahmesituation geknüpft. Gewöhnlich gebraucht wurde sie auf Reisen, in der Fremde, oder im Notfall.

Im Kino wird das Fernsprechhäuschen folgerichtig gern mit dem Abseitigen und Gefährlichen assoziiert. Zum Kleingeld der Filmgeschichte gehört der Agent, der in der Zelle erschossen wird. Oder der unentbehrliche Zeuge wird, während er um Hilfe ruft, samt Häuschen von einem Lastwagen zermalmt, dass die Glassplitter fliegen. Die Zelle symbolisiert Schutz und Enge – die aber sind trügerisch fragil.

Antiquierte Szenen. Entführer dirigieren die Angehörigen ihrer Opfer nicht mehr von Zelle zu Zelle zur Geldübergabe, sondern lassen das Mobiltelefon klingeln. Zur Freude der Polizei, die es leichter hat, solche Gespräche abzuhören und zu orten.

Das Mobiltelefon ersetzt die Telefonzelle nicht nur praktisch. Das Handy ist nicht bloß ein anderes technisches Hilfsmittel wie vordem das Faxgerät oder die elektronische Schreibmaschine, sondern verändert das Alltagsleben so tiefgreifend wie der Computer und definiert die Kommunikation für seinen Bereich neu. Wer kein Handy hat, ist ein Relikt.

Der Handyist pfeift auf die »Stübchen-Illusion«. Das Mobiltelefon steht für eine andere Telefonkultur, in der das Gespräch nicht nur nicht verheimlicht, sondern absichtlich veröffentlicht wird. Das Handy bedeutet nicht nur ein Höchstmaß kommunikativer Vernetzung, es zeigt sie zugleich vor und gibt dem Begriff »öffentlicher Fernsprecher« eine neue Bedeutung. Die Möglichkeit eines Lauschangriffs auf seine Wohnung erregt nur den Exhibitionismus des Handyisten.

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Wenn einst jemand brabbelnd durch die Straßen lief, handelte es sich um ein bedauernswertes Wesen, das aus lauter Vereinsamung Gespräche mit den Stimmen in seinem Kopf führte. Heute hingegen ist es meist ein gefragter Geschäftsmann, der keine Minute verlieren darf, will er auf die abrupten Wendungen des Marktes reagieren. Diese Spezies hat nicht einmal mehr ein Telefon in der Hand. Sie kommuniziert mit einem Knopf im Ohr und einem Mikrofon, das nicht mehr ist als eine Verdickung des Kabels, das den sprechenden Kopf mit dem Gerät in der Brusttasche des Mantels verbindet. Allein das Kabel bezeichnet die Differenz zwischen dem Irren, den seine Stimmen verfolgen, und dem Broker, den seine Geschäftspartner allenthalben aufspüren können müssen.

Das Handy weitet die Zelle unabsehbar aus. Das Palaver ist überall. Jeder kann, jeder soll mithören. Wer nichts zu sagen hat, hängt ständig am Smartphone.

Der angeblich erste Satz, den der Hesse Philipp Reis, der gleichzeitig mit Alexander Graham Bell das Telefon erfand, in seinen Apparat sprach, nimmt insofern den aktuellen Stand vorweg und bringt ihn auf den Punkt: »Das Pferd frisst keinen Gurkensalat.«

Die Telefonzelle behielt ein Reservat an Orten mit hoher Passantenfrequenz oder in »sozial schwachen« Siedlungen. Der öffentliche Fernsprecher ohne Schutzraum, ohne Haube, an irgendeine Wand geschraubt wie ein Zigarettenautomat, wird bleiben für jene, die ihr Handy irgendwo liegen gelassen haben oder deren Akku leer ist, und die nicht den Nächstbesten um ein Gespräch anbetteln wollen.

Zeichnung: urian

Literatur

U. Baron (Hg.): Please hold the line. Ein Telefonbuch, Leipzig 1996 | F. Baumgarten: Psychologie des Telephonierens, Zeitschrift f. Psychologie 122/1931 | J. Becker: Telefonieren, Marburg 1989 | R. Behme/K. Klemp/B. Kohnen/U. R.: Telefonzelle – Flüchtiger Ort der Worte, AdA 8, Dortmund-Düsseldorf 1998 | M. Bernhardt: Das Telefonhäuschen, Archiv f. dt. Postgeschichte 2/1994 | R. Bernzen: Philipp Reis, 1992 | N. Detaille: Delikte gegen Fernsprechhäuschen, Diss. Uni Köln 1983 | Forschungsgruppe Telekommunikation (Hg.): Telefon und Gesellschaft, Berlin 1990; Telefon und Kultur, Berlin 1991 | F. Görtz: Literatur und Telefon, Parerga 13/1994 | H. Heiden: Rund um den Fernsprecher, Braunschweig 1963 | J. Hoppe: Vom Spielzeug zum Netz, Kultur u. Technik 3/1990 | E. Horstmann: 75 Jahre Fernsprecher in Deutschland 1877–1952, Frankfurt/M. 1952 | A. Polgar: In der Telephonzelle, Österreichische Erzählungen des 20. Jhds, Salzburg-Wien 1984 | M. Rüsenberg: … bitte sprechen Sie nach dem Pfeifton!, Köln 1990 | U. R.: Die Stübchen-Illusion, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt 12.12.1997; Schwund eines Stadtmöbels, taz-mag 48/1998; Abschied von Telefonzellen, Neues Deutschland 9.3.2000; Wo Verlorene flüchtige Worte wechseln, Die Welt 11.3.2000

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