Vorweihnachtsgeschichte

Eben hatte ich eine unverhoffte Begegnung, die nicht mehr war, als das: ein lyrisches Vorübergehen wie ich es unlängst beschrieben hatte (Marktblumen), als ich wenige Schritte die Hökerstraße zu Stade hinunter in ein Gespräch gerate.

Der Betreffende hat eben einen Engel erstanden. Wir schreiben den 30. November, der Weihnachtsmarkt ist eröffnet; wenn ab 16 Uhr die Dunkelheit anbricht, werden die Gassen illuminiert, etc. Geht mich alles nichts an.

»Ich bin kein Christ«, rutscht es mir heraus, obwohl ich weiß, dass der andere sich in der Kirche engagiert. Da er ansonsten mit Wahrheitsfindung zu tun hat, wird er es mir nachsehen.

Zu »Engel« fällt mir freilich etwas es, obzwar Entlegenes. Kein Engelsbild, das in Stade zu haben ist, oder?

Paul Klee: Angelus Novus

Wie ebenfalls kürzlich ausgeführt (Ansichten in Krötenperspektive) habe ich es nicht mehr so mit Büchern, bis auf wenige, in denen ich bisweilen blättere. Mein Gegenüber erspart mir nähere Ausführungen, die mir schwer fallen würden – ich muss erst in einem der besagten Bände nachschlagen.

In der IX. These Über den Begriff der Geschichte deutet Walter Benjamin eine Grafik von Paul Klee, die sich in seinem Besitz befand. (wikipedia) Der Angelus Novus ist ein Engel, »der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt.« Für Benjamin ist es der »Engel der Geschichte«.

Er schaut in die Vergangenheit, eine Trümmerlandschaft. »Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen.« Aber ein Sturm greift in seine Flügel und treibt ihn fort. »Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.«

Ich kann es nur mit Copyright-Rücksichten rechtfertigen, 15 Druckzeilen des Meisters (Illuminationen, Frankfurt/M. 1977) auf ein Bruchteil reduziert zu haben. Ja, danke, ich kenne einiges von dem, was gescheitere Köpfe dazu gedacht haben und halte auch gleich den Mund – bis auf die Anfügung eines Zitats, das eine irdische Form der Gestalt skizziert.

»Das Bestehende legt er in Trümmer, nicht um der Trümmer, sondern um des Weges willen, der sich durch sie hindurchzieht.« Der destruktive Charakter lässt sich als Selbstporträt Benjamins lesen und Neue Engel als Spiegelbild sehen.

In einem Sturm »vom Paradiese her«, heißt es bei Benjamin, der über seinen Absatz zum Klee-Bild ein Motto seines Freundes, des jüdischen Theologen Gershom Scholem setzt: in der Perspektive des Engels kommt es nicht darauf an, wie viele von ihnen auf eine Nadelspitze passen.

Falls ich demnächst wieder über die Verhältnisse lästere, sollte ich daran gemahnt werden, zur Vorweihnachtszeit binnen weniger Minuten in der Hauptstraße der Inneren Stadt zwei Engelserscheinungen gehabt zu haben.

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