Was zwei Mal wöchentlich auf dem Pferdemarkt von Stade passiert

Mittwochs und samstags sind um den Pferdemarkt Stände mit Fressalien aufgebaut. Interessiert mich nicht. Essen als Kunst oder Nahrungsaufnahme als Religion nehme ich kulturanthropologisch zur Kenntnis, teile aber keinen kulinarischen Kult. Asketenschicksal.

Der Markt und sein Angebot an Gemüse, Früchten und was sonst noch tangiert mich umso weniger, als ich auch dann kein Kunde wäre, würde ich etwa kochen. Nicht meine Preisklasse.

Nicht meine Klasse von Menschen, die sich ausschließlich mittwochs und samstags zur Marktzeit in der Inneren Stadt von Stade aufhalten.

Zumal samstags ist der Markt ein Treffpunkt für die Behausten und Beräderten. Das sind jene, die sich nur kurz im Freien aufhalten, auf dem Weg von ihrer Behausung zum Auto und vom Auto zu dem Gebäude, das sie anstreben. Jene, die es als eine Einschränkung ihrer Menschenrechte ansehen, wenn sie nicht unmittelbar dort parken können, wo sie hin wollen, sondern eine gewisse Strecke zu Fuß zurück legen müssen.

An Markttagen in der Stadt fremdeln sie heftig. Nicht an Passantenverkehr gewöhnt stehen sie anderen im Weg herum oder rempeln sie aus Unachtsamkeit an.

Hinter dem Steuer ihres Automobils auf der vorgeschriebenen Bahn von Schildern und Lichtzeichen gelenkt finden sie sich zurecht. Aber per pedes unter Passanten, die sich frei in alle Richtungen bewegen, sind ihre Wahrnehmungsorgane überfordert.

Die längste Zeit habe ich den Markt nur beiläufig und notgedrungen wahrgenommen, oft auch gemieden, um nicht angerempelt oder angesprochen zu werden.

Das Sehen und Gesehenwerden des gesellschaftlichen Verkehrs, auf das jene gesteigerten Wert legen, die sich für wichtig halten, ist mir unheimlich. Obwohl de facto Angehöriger der Unterschicht galt ich als Journalist den Besitzbürgern als ihresgleichen, und jede Begegnung zwang mir Verstellungen auf.

In der Rolle des Reporters war es einerlei, ob ich mich mit Politikern oder Pennern abgab; ich selbst kam dabei nur soweit in Betracht, als es meine Fähigkeit betraf, andere zum Sprechen zu bringen. So viel ich von ihnen erfuhr, so wenig wussten sie von mir.

Was sie zu wissen meinten, waren Klischees. Der durchschnittliche Bürger begegnet nie einem Medienvertreter und modelt ihn sich nach Fernsehbildern. Die wichtigen Herrschaften auf dem Lande kennen von Pressearbeit nur als das, was die Lokaljournalisten im Einverständnis mit ihnen inszenieren. Wenn alle paar Jahre einmal überregionale Medien anrücken, geraten sie aus dem Häuschen und bilden mit der heimischen Presse eine feste Burg.

Sooft es sich nicht vermeiden ließ, den Markt zu kreuzen – weil ich den kürzesten Weg einschlug und nicht daran gedacht hatte, dass Mittwoch war (samstags mied ich den Pferdemarkt vor 14 Uhr) – geriet ich an diese oder jenen, denen ich beruflich begegnet war, und die sich vom gesellschaftlichen Verkehr mit mir etwas versprachen.

An anderen als Markttagen genügte es, Eile und Zielstrebigkeit vorzutäuschen, um mit einem förmlichen Gruß davon zu kommen. Mittwochs und schon gar nicht samstags ist es unmöglich, jemand schnellen Schritts zu passieren; man steckt rund um den Pferdemarkt fest in der Menge und sieht kaum rechtzeitig genug, wer sich nähert, um ausweichen zu können.

Inzwischen jeglichen Umgangs mit Besitzbürgern gänzlich entwöhnt, kann ich mir das Marktgeschehen teilnahmslos anschauen. Den durchschnittlichen Bürgern habe ich nur eins voraus: ich kann viele Personen identifizieren, die sie nie außerhalb eines Autos oder bestenfalls auf Fotos haben sehen können. Ich könnte ausgiebig tratschen, wer mit wem zusammen steht; und wenn ich an ihnen vorbei ginge, könnte ich hören, worüber sie reden. Gestiegene Immobilienpreise, zum Beispiel.

Zuletzt habe ich keinen Markttag versäumt, weil ich mich in eine Frau verguckt habe. Masochismus würde ich es nicht nennen (für eine Venus im Pelz ist die Geschichte zu imaginär und handlungsarm), aber die Richtung stimmt schon. Das gesellschaftliche Gefälle macht sie unerreichbar. Eine Wochenmarktkundin, der ein Stadtstreicher sonst nicht begegnen kann.

Statt Sacher-Masoch als Vorbild käme Baudelaire in Frage. Aber während der Wiener allein des Sujets und nicht sonderlicher literarischer Fertigkeiten wegen verewigt ist und für eine Kopie erreichbar wäre, maße ich mir nicht mehr an als ein Zitat aus A une passante, zumal Stade nicht Paris ist.

Außerdem ist das Bild schief, denn Baudelaires lyrisches Ich trifft zufällig auf die Frau, der er hinterher ruft: »Dich hätte ich geliebt, und Du hast es gewusst.«

Blumen des Bösen gibt es also auch auf dem Markt, aber nicht zu kaufen.

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