Eine der vergeblichen Hoffnungen, die sich um 2000 an die Entfaltung des Internet in Deutschland knüpften, ist die auf einen Demokratisierungsschub durch freizügigere und vielfältigere Information. Stattdessen scheint die politische Verwirrung zugenommen und die Sehnsucht nach Führung durch eine starke Hand genährt zu haben.

Die Informationsvielfalt ist eine Täuschung. Für den Suchenden mag manches leichter verfügbar sein, aber gesucht wird nach wie vor nach denselben Kriterien wie anno dazumal. In einem Mainstream, der sich nicht frei bildet, sondern kanalisiert ist von google an.

Alternativlose Vielfalt

Demokratie sollte vor der eigenen Haustür stattfinden. Als Bewohner einer durchschnittlichen Stadt bin ich über das politische Geschehen in Berlin oder wohin sonst mich TV und Web versetzen, besser im Bild als über die Vorgänge in dem Rathaus, das ich täglich mindestens zwei Mal passiere.

Über politische Prozesse erfahre ich nichts oder erst etwas, wenn sie abgeschlossen sind. Was öffentlich wird, wurde von denselben Instanzen wie ehedem gesteuert, und nirgends im Web erhebt sich eine Gegenstimme. Der politische Alltag in der Demokratie vor meiner Haustür ist parteiübergreifend alternativlos. Ich kann beim besten Willen nur das darüber erfahren, was die Herrschaften mich wissen lassen wollen.

Im öffentlichen Bewusstsein klafft eine Lücke, die das Web nicht nur nicht geschlossen hat; sie trägt vielmehr zu ihrer Verbreiterung bei. In leibhaftigen Gesprächen wie in Posts auf facebook findet zwischen Ganz Großem und Ganz Kleinem nichts statt.

Missverhältnisse

Türkei und Trump stehen gerade für das Große. Beides betrifft mich in meinen Alltag nicht im Geringsten und müsste mich nicht kümmern. Freilich hängt alles mit allem zusammen, und ich könnte da und dort eine Stelle finden, um Betroffenheit herzustellen. Doch wozu? Weil es gerade angesagt ist und anscheinend alle darüber schwätzen?

Auf solche politische Unterhaltung kann ich ohne Verlust verzichten. Schon morgen wird eine andere Sau durchs Dorf getrieben, der ich hinterher zu hetzen soll, um dabei möglichst die Besinnung zu verlieren. Alle Tage werden geistige Mobs gebildet, und man darf froh sein, wenn das Geschwätz früher oder später abebbt und nicht in Taten mündet.

Ansonsten wird privatisiert, mit Geburtstagen, Essen und Autos. Zwischen Türkei/Trump und der Hausmitteilung ist nichts, politisch nicht und auch sonst wenig.

Der öffentliche Raum, in dem ich mich tatsächlich aufhalte, sobald ich die Haustür verlasse, wird virtuell nicht erfasst. Ein Raum, den ich um keinen Deut besser erkunden kann als vor 18 Jahren, als ich in das Web mit einem Modem eindrang und eine erste Homepage einrichtete.

Der Informationsflut kann ich über die wahren Verhältnisse in meiner niederdeutschen Heimstatt so wenig entnehmen wie einst. Der Umfang des Geschriebenen und anderweitig Gebildeten hat zugenommen, aber die Substanz ist unverändert.

Verblendungen

Abseits der Beiträge zur Türkei oder Trump und Spruchweisheiten zur Verdauung lässt sich der Inhalt des öffentlichen Bewusstseins nach wie vor mit den Titeln der Artikel der Online-Ausgabe der seit dem Kaiserreich einzigen Tageszeitung skizzieren.

Obenan eine Promi-Geschichte: ein Interview mit einem durchreisenden Musiker, der über seinen Gastort schwerlich etwas zu sagen hat oder nichts, das ich lesen muss. Folgen die Personalsorgen des Basketballvereins, den niemand außer seinen Mitgliedern kennt.

„Bliedersdorf und Nottensdorf bewerben sich gemeinsam“ – wobei oder wozu, erfahre ich online nicht. Die nächste Nachricht betrifft schon nicht mehr die Stadt und ihre Umgebung, sondern Hamburg, wo eine Fliegerbombe gesprengt wird. Neben noch mehr Sport wird schließlich das Ganz Große mit dem Ganz Kleinen kurzgeschlossen: „Was sagen die Deutschtürken zu Erdogan?“

„So schön ist Borstels Kirche in neuem Licht“ heißt die Schlagzeile an einem anderen Tag. Darunter, um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, was für den Zustand des Gemeinwesens relevant ist: „Sturmbö knickt eine dicke Tanne um“. Wäre allerdings schön, gäbe es tatsächlich weiter nichts zu besorgen.

Finsterwalde

Beispiel AfD. Deren Wähler vor Ort wissen nicht, durch wen sie sich wie vertreten lassen. Sie kannten die Partei ausschließlich aus den Medien und dem Web, bevor sie ihr Kreuz auf dem Wahlzettel machten. Über die kommunalen Kandidaten konnten sie bestenfalls das wissen, was die Partei als Propaganda in Umlauf gebracht hatte. Kein Journalist hat einen von ihnen befragt, kein Blogger etwas über sie verraten.

Inzwischen nehmen einige AfD-Kandidaten Mandate wahr. Wie sie das tun, bleibt im Dunkeln. Nichts in den Medien, nichts im Web. Kein Wort auf der Homepage des Kreisverbandes der Partei. Eisernes Schweigen allenthalben.

Die Bürger wählen Unbekannte, die Traumziele propagieren. Sind die Erwünschten im Amt überprüft niemand, ob sie das tun, wofür sie angetreten sind. Und allesamt nennen das „Demokratie“.

Gewiss, wir leben in digitalen Zeiten. Aber das Bewusstsein, mit dem sich die Mehrheit in der Welt bewegt, ist nicht sehr verschieden von dem im Kaiserreich.

In meiner Nachbarschaft wird das nicht verhehlt, sondern offen demonstriert. Alle Nase lang ziehen Honoratioren unter dem Befehl eines früheren Bürgermeisters preußische Uniformen an und kleben sich Kaiser-Wilhelm-Bärte ins Gesicht, um den alten Zeiten zu huldigen. Schauplatz ist die Ruine eines Forts mit dem bezeichnenden Namen „Grauerort“.

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