Angstobjekt

Das Wetter war angenehm, Katastrophen wurden nicht vermeldet, und die Betroffenheit nach Terroranschlägen (diesmal in Russland) hat sich abgenutzt. Trotzdem störte etwas, nämlich „die Flüchtlinge“.

Mit steigenden Temperaturen sieht man wieder mehr von ihnen im Straßenbild. Dem Vernehmen sind es 300 auf 45.000 Einwohner. Nicht der Rede wert, würden sie nicht den begrenzten öffentlichen Raum der Inneren Stadt verhältnismäßig mehr nutzen als andere, die eigene Wohnungen und Häuser haben und nicht in „Unterkünften“ hausen.

Mich stören die Flüchtlinge nicht. Ich muss mit meiner politischen Korrektheit nicht renommieren und nenne sie daher auch nicht „Geflüchtete“. Das Wort „Flüchtling“ lernte ich auf Kindesbeinen in den 1960ern als Schimpfwort kennen, und es dauerte, bis ich begriff, dass damit auch mein Vater und seine Mutter gemeint waren. Bevor die „Gastarbeiter“ kamen waren sie auf dem niederdeutschen Dorf diejenigen, auf die die Alteingesessenen, die anständigen Bürger herabschauen konnten – und von den Machthabern dazu angehalten wurden, es zu tun.

Die „Normalen“ in der „Mitte der Gesellschaft“, haben stets einen Sündenbock parat, ein Hassobjekt, eine Inkarnation des Bösen. Die Fremdheit, an der Anstoß genommen wird, ist relativ. Für die Flüchtlinge und Vertriebenen von 1945 reichte die Herkunft aus einem anderen Teil des Reichs als Ausgrenzungsmerkmal. Sie sprachen, dachten, rochen doch anders als man selbst.

Inzwischen ist die Gesellschaft sogar in einer niederdeutschen Kleinstadt, in der man sich leichter als im benachbarten Hamburg eine althergebrachte Normalität vormachen kann, differenzierter geworden. Die Fremdheiten gleiten. Sicher ist nur, dass „Juden“ und „Neger“ bei allen Bevölkerungsgruppen nach wie vor den schwersten Stand haben. Daran hat sich in dem halben Jahrhundert, das ich aus eigener Erfahrung überblicke, kein Deut geändert.

Fremdheit ist mein Grundgefühl. Als Flüchtlingssohn noch eher unbewusst, stärker dann als Abkömmling der Unterschicht, der ausnahmsweise das Abitur ablegte und studierte. Ein Fremdling für beide Seiten: für Angehörige meiner Klasse als Intellektueller; bürgerlich Gebildete wiederum haben mich zu Recht nie als ihresgleichen anerkannt.

Was die Sprösslinge von Beamten und Ärzten mit der Muttermilch einsogen, habe ich mir gegen den Widerstand meiner Familie selbst erarbeitet. Ginge es nach der Regel, hätte ich mich wie mein Bruder ohne Schulabschluss als Hilfsarbeiter durchgeschlagen. Meine Ausnahme waren die ebenso prekären Verhältnisse als von allen Klassen und Gemeinschaften beargwöhnter Philosoph.

Indem ich den größten Teil meines Einkommens als Journalist bestritten habe, hatte ich vergleichsweise viel und vielfältigen Umgang. Mit zunehmendem Alter habe ich den Verkehr mit Menschen reduziert. Die Hauptinteressen des Durchschnittsbürgers (Konsum, Auto, Fußball) habe ich nie geteilt, und, wie gesagt, mit dem, was mir einfällt, stoße ich oben wie unten auf Unverständnis und wecke allenfalls Argwohn.

Angstanalyse

Ich verspürte kein Bedürfnis, mich mit Flüchtlingen zu befassen, als ich gleich zwei Mal hintereinander darauf angesprochen wurde. Selbstverständlich nicht von Durchschnittsbürgern, bio-deutsch und mit den bekannten Sekundärtugenden versehen, die auch mein Erbteil sind; mit denen gebe ich mich möglichst gar nicht ab. Der erste war türkischer, der zweite kurdisch-libanesischer Abstammung. Anders als manche, die weniger entschieden, aber prominenter sind, haben sie nur eine, die deutsche Staatsangehörigkeit.

Zugegeben, fremd sind mir die Flüchtlinge auch, und wäre ich bereits gebrechlicher könnte ich mir die eine oder andere Angst ausmalen, wenn sie mir, gern in Gruppen von vier oder sechs jungen Männern, auf dem Gehweg entgegen kommen. Das wäre ein nicht austauschbares Merkmal, das die Flüchtlinge von einheimischen Schwarzköpfen unterscheidet (und sie nur mit Schülern auf dem Weg zu und von der Bildungsanstalt teilen): ihr gesammeltes Auftreten. Ich bin 1,90 lang und kann leicht so aussehen, als sei mit mir nicht gut Kirschen essen, so dass ich vorerst sicher sein kann, dass sie mich nicht verdrängen.

Die beiden, die mich veranlassten, Stellung zu den Flüchtlingen zu beziehen, 20 und 30 Jahre jünger als ich, waren sich offenbar nicht so sicher, der Verdrängung standzuhalten. Von ihnen und anderen hatte ich längst von bezeichnenden Verwechslungen gehört: dass Durchschnittsdeutsche, die durch die Flüchtlinge ab 2015 auf die Fremden im Straßenbild aufmerksam gemacht worden waren, einheimische Schwarzköpfe für Syrer hielten.

Am Vorabend hatte ich im Radio die Rezension eines Buches gehört, in dem jemand mit „Migrationshintergrund“ den Stand der alltäglichen Diskriminierung schildert. Sie wird seit den 1980ern, als Türken auf Hamburgs Straßen erschlagen wurden und die Bundesregierung sie allesamt zur Rückkehr in die „Heimat“ bewegen wollte, politisch und kulturell verschleiert. Mich erinnerten die Beispiele des Buchs an Erlebnisse als Arbeitersohn in gutbürgerlichen Kreisen. Man wunderte sich nicht, dass ich „so gut“ Deutsch sprach, aber dass ich Gedichte las.

Einheimische Schwarzköpfe sind weit überwiegend Angehörige der Unterschicht; das verbindet sie über alle sonstigen Unterschiede von Herkunft oder Religion. Dort liegt ihre Konkurrenz: bei den bio-deutschen Unterschichtlern, die am liebsten über Ausländer aller Arten herziehen, und bei den Untersten der Untersten, den Flüchtlingen, mit denen sie unter keinen Umständen etwas gemein haben wollen.

(Details des Mechanismus sind bei Bedarf der MEGA zu entnehmen. Wer nicht weiß, was das ist, hat gewiss keinen „DDR-Hintergrund“, um den nicht zu vergessen bei all den Fremdeleien.)

Angstprognose

Einig war ich mit meinen Begleitern durch die Gassen der Inneren Stadt in der Kriminalitätsprognose. Über die hatte ich mich schon vor zwei Jahren mit einem Rechtsanwalt in sarkastischem Ton verständigt: junge Männer, denen eine Aussicht auf Arbeit und Integration weitgehend nur vorgespiegelt werden kann, die Monat um Monat, Jahr um Jahr, zum Teil in Gruppen untergebracht, jedenfalls vorwiegend mit sich selbst und nichts weiter beschäftigt sind – was werden sie tun, wenn ihr Handy kaputt ist? Einen Antrag beim Amt stellen? Ich bin über die Rechtsvorschriften nicht im Bilde, bezweifle aber, dass der Staat bei Flüchtlingen für etwas aufkommt, auf das Hartz-IV-Bezieher keinen Anspruch haben. (Und nicht haben werden, wenn die SPD nach der Bundestagswahl ihre Wunder vollbringen wird.)

Das Handy wird beschafft werden. Der Anteil der Straftäter wird unter Flüchtlingen höher sein als es ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht. Was denn auch sonst? Ehedem fiel die Quote noch höher aus, weil Asylbewerber spezifische Delikte begehen konnten, wie den Verstoß gegen das Aufenthaltsgebot, das unterdessen weniger restriktiv ist. (Die neuen Gesetze, die Asylbewerbungen abschrecken und den Aufenthalt erschweren sollen, könnten das wieder ändern.)

Eine Binsenwahrheit zur Erinnerung: unter den Straffälligen sind die sozial Schwachen die größte Gruppe. Dazu zählen in der kleinen Stadt, meinen eigenen unmaßgeblichen Erfahrungen in ihren Gerichtssälen nach: Hartz-IV-Bezieher; Sinti und Roma; die jeweiligen Flüchtlingskontingente, aus dem Kosovo und Afghanistan und demnächst Syrien; Russlanddeutsche; Türken bemerkenswert weniger; Abkömmlinge von einstigen Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem Libanon.

(Um nicht davon zu reden, aus welchen Kreisen Wirtschaftsverbrecher kommen und in welchen sie verkehren, die sich, wenn sie erwischt werden, als Armengeldbezieher ausgeben, die ihr Vermögen verloren oder der geschiedenen Ehefrau überschrieben haben.)

Die Erörterungen über das vermeintliche Verhängnis der Flüchtlinge auf der Straße endeten damit, dass ich als Fremdling geoutet wurde – was richtig ist. Falsch war der mir gleichzeitig verliehene Titel „Freund der Flüchtlinge“. Ich bin nur Beobachter und um die Perspektive eines Alien bemüht, den es auf diesen Planeten verschlagen hat.

„Das sind keine Menschen“, bemerkte einer meiner Begleiter über eine spezielle Flüchtlingsgruppe, deren Vertreter er näher kennen gelernt hatte. Die Feinheiten der Differenz, die er meinte, entziehen sich mir als Alien. Muss rassische Verblendung sein: für mich sehen die alle gleich aus.

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