Die Parallelweltbilder von Flüchtlingen und das gesellschaftliche Gefälle

Im kostenpflichtigen Teil der Zeitung Die Welt ist am 25. September 2019 ein Artikel zu lesen, dessen Ankündigungstext AfD-Anhängern munden wird. Aussagen einer »Flüchtlingshelferin« über die Anspruchshaltung der Asylbewerber: »Viele haben längst verinnerlicht, dass es fast alles umsonst gibt.«

Die Gratismentalität wird nicht vom Staat befriedigt, sondern von den vorwiegend ehrenamtlichen Betreuerinnen, die es sich leisten können, großzügig zu sein.

Die Titelzeile des Welt-Artikels verkündet eine Binsenweisheit: »Die Menschen haben ihr eigenes Weltbild mitgebracht«.

Und sie treffen auf Menschen, die ihnen das ihre vermitteln. Ein Mittelstandsweltbild, mindestens. Niedrigere Schichten kommen als ehrenamtliche Betreuerinnen nicht in Betracht.

Auf dem Dorf oder in einer Kleinstadt sind Kontakte mit anderen Gesellschaftsklassen allenfalls flüchtig. (→ Bürger, Gesindel und sowas) Die Neuzugänge bleiben unter sich oder haben mit Behördenmitarbeitern, Sprachmittlern und dem Umfeld ihrer Betreuerinnen zu tun.

Eine scharfe Trennung besteht zu den Schichten, denen die Flüchtlinge selbst faktisch hauptsächlich zuzurechnen sind. Den bereits ansässigen Migranten sowie der weißen Unterschicht, der sie gegebenenfalls am Arbeitsplatz begegnen könnten.

Da prallen keine Weltbilder aufeinander. Da hat sich längst ein tiefer Graben aufgetan. Von der weißen Unterschicht in meiner Umgebung ist gegenwärtig weniger über Flüchtlinge zu vernehmen. Hat sich erledigt, seit die Flüchtlingskrise von der Klimakrise verdrängt wurde und vor allem, seit die Fremden sich in der Stadt verteilt haben und nicht mehr bestimmte Plätze besetzen oder sich gruppenweise durch die Gassen bewegen.

Für vorherige Migrantengenerationen ist die 2015 aus dem Hut gezauberte »Willkommenskultur« nach wie vor ein Affront. Die Neuankömmlinge, so scheint es, erhalten einen Überfluss an Aufmerksamkeit und Zuwendung, die ihnen versagt wurde und wird.

Von »den Flüchtlingen« ist immerzu in den Medien die Rede; sie sind ein politisches Schwergewicht. Alle anderen Schwarzköpfe kommen nicht vor oder werden bestenfalls in einem Aufwasch mit liberalen Wünschen bedacht, die ihre Wirklichkeit nicht nur nicht berühren, sondern oft verfehlen.

Aus dem anfänglichem Hass der alten gegen die neuen Einwanderer ist Verachtung geworden. Obwohl diese den frischen Flüchtlingen gilt, sind eigentlich die gemeint, von denen man sich weiterhin verachtet fühlen. Verachtet aufgrund von Merkmalen, die bei den Neuankömmlingen plötzlich als geradezu liebenswert gezeichnet werden.

Weniger die Flüchtlinge selbst als der Umgang mit ihnen empört. Und für den sind Politik und Medien, die herrschenden Klassen verantwortlich. Jene, denen Flüchtlingsschicksale bis vor kurzem vollkommen gleichgültig waren.

Ich habe es längst festgestellt (→ Aus der Fremde) und kann nun hinzufügen, wie sich die Trennung der Sphären verhärtet hat. Es waren nicht nur AfD-Wähler, die Befriedigung über den Tod eines Asylbewerbers in Stade-Bützfleth durch Polizeikugeln ausdrückten. (→ Meinungskrankheiten)

Wie sollte sich ohne Sprache auch Kontakt gestalten? Unter den eingesessenen Migranten in der Kleinstadt sind keine Syrer oder Afghanen. Ohne Dolmetscher können sie kein Brötchen kaufen.

Auch nach drei Jahren sind Flüchtlinge zwar auf der Straße zu sehen, aber sie leben in einer Parallelwelt zwischen gut situierter Bürgerschaft und Behörden. Im Alltag kommen sie nur als Schemen vor.

Bei Straftaten treten sie aus dem Schatten, nach wie vor, ob diese erfunden oder übertrieben dargestellt sind, ob die Fremden Täter oder Opfer sind. Normalität wird mit ihnen nicht verbunden und wird sich auf lange Zeit nicht assoziieren. Bei den vorherigen Zuwanderern hat die »Integration« mit der dritten Generation gerade begonnen.

Solange wird es brauchen, bis sich die Welt der Syrer und Afghanen denen der Deutschen mit Migrationshintergrund und der breiten Mehrheit der sonstigen Bevölkerung angenähert haben wird. Unter den Bio-Deutschen, konnte gerade wieder einmal festgestellt werden, haben 30 Jahre nach dem Mauerfall nicht gereicht, um »Integration« zu erreichen.

Demonstrative Umarmungsgesten sind keine Erwiderung auf den Unwillen der AfD, Fremde überhaupt einzulassen, sondern von der Realität gleich weit entfernt. Der Wirklichkeit nicht der politischen Vorgaben, sondern der menschlichen Verhaltensweisen.

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