Am 9. September 2016 wurden Ernst Burmeister und seine Frau in ihrem Haus in Stade-Bützfleth überfallen und beraubt. Der 79-jährige Fruchtgroßhändler erlag zwei Tage später seinen Verletzungen. Ende Oktober wurde der Fall als geklärt ausgegeben. Die Presse präsentierte meinen Bekannten Mahmoud W. als „Haupttäter“ und „Mörder“, Blogger ergriffen die Gelegenheit zur Hetze gegen „Ausländer“. Ob und wie der 25-jährige Deutsch-Libanese an dem „Raub mit Todesfolge“ beteiligt war, ist nach wie vor unklar. Den Vorverurteilungen zum Trotz ist bis heute keine Festnahme erfolgt, keine Anklage erhoben. (Mehr in der ersten Folge.)

Mangelnde Empathie

Demokratischer Rechtsstaat hin oder her: den gemeinen Bürgern gelten Straftäter als Freiwild, über die man nach Gutdünken herziehen kann. Dieb, Räuber, Betrüger, Mörder, alles einerlei: Wesen von einem fremden Stern.

Traute Einfalt. Vielmehr gilt: allesamt solche wie Sie und ich. Ausnahmen bestätigen die Regel. Der Rest ist Budenzauber aus der Flimmerkiste. Hannibal Lector hat keine Entsprechung in der Realität. Als Verkörperung des archetypisch Bösen taugt selbst Hitler weniger als Dracula (schon gar nicht in der Version von Bruno Ganz).

Ziemlich normale Leute, diese Verbrecher. Ich bin übleren Gestalten begegnet, die keine Straftäter waren. Ein Bundeszentralregisterauszug (wie es spaltensprengend förmlich heißt) ohne Einträge macht keinen besseren Menschen; wie mein Beispiel belegen könnte.

Beim Prozess gegen einen zweifachen Kindermörder, zu dem selbst der BILD nichts Originelleres einfiel als „fette Bestie“, entdeckten die Medien 2005 die „Empathie“ für sich, vielmehr den Mangel daran, nachdem dieser von einem psychiatrischen Sachverständigen in seinem mündlichen Gutachten penetrant herausgestrichen worden war. „Mangelnde Empathie“ machte wie ein Schlüsselwort die Runde, obwohl der Seelenkundige damit nur seine Einfallslosigkeit bewiesen hatte.

Ja, was denn sonst? Fehlendes Einfühlungsvermögen setze ich voraus, wenn ich von einem Mörder spreche. Oder einem Betrüger, obwohl Verständnis des anderen zu dessen Handwerkszeug gehört. Mangelnde Empathie in moralischem Sinn ist ein Merkmal des Verbrechens schlechthin – und Gleichgültigkeit gegenüber den Belangen anderer überhaupt ein weites Feld.

Wenn fehlende Empathie der Hauptvorwurf gegen den Mann war, der sich hinter die Balustrade der Angeklagtenbank beugte, zu Boden oder ins Leere starrte und schwieg, während seine Gräueltaten erörtert wurden – wie steht es dann damit, ihm das Mitgefühl zu verweigern?

Kriminalfiktionen sind aus dramaturgischen Gründen in Teilen realistischer als durchschnittliche Medienberichte über Straftaten. In Romanen und Filmen können die Verbrecher auch als Menschen gezeichnet sein, statt wie in Zeitungsspalten als klischierte Collagen von Wirklichkeitsbruchstücken daher zu kommen.

Das Material für ihre Verdammungsurteile beziehen die gemeinen Bürger von Journalisten, denen Grundprinzipien der Rechtsordnung ebenso wenig bedeuten wie ihren Konsumenten oder jenen, über die sie im Vollbesitz ihrer Selbstgerechtigkeit herfallen. Erst wenn der Verdacht und die üble Nachrede sie selbst betreffen, kommen sie – vielleicht – ins Grübeln.

Der dritte Mann

Auf die Unschuldsvermutung beruft sich die Polizei gern, wenn sie keine Auskünfte geben will. Im Fall Burmeister war ihr offenbar sehr daran gelegen, Laut zu geben, und sie warf einem Journalisten einen Verdächtigen zum Fraß vor. Um genau zu verstehen, warum es dieser Verdächtige und dieser Journalist waren, müssten die politisch korrupten Verhältnisse in der „Hansestadt“ Stade beleuchtet werden – was ich mir noch vorbehalte.

Worüber sich Hetz-Blogger, Hass-Poster und bestimmte Redakteure des Stader Tageblatt keine Rechenschaft ablegen, ist die Wirkung ihres Geschreibsels auf Unbeteiligte. Dass Mahmoud W. als ausländischer Mörder gebrandmarkt wurde, betrifft seine Familie, seine Freunde, die Nachbarn – freilich lauter Leute, die den wohlanständigen Bürgern und rechtschaffenen Redakteuren grundsätzlich egal sind; Freiwild eben.

Obzwar Polizei und Presse den Fall als geklärt ausgegeben und abgeschlossen haben, bewegt er Mahmouds Umfeld weiter. Nicht zuletzt durch die Bemühungen der Polizei, das zu tun, was sie der Presse zufolge längst getan haben soll, nämlich hn zu klären, tangiert der Kriminalfall weiterhin Unbeteiligte.

Die Massivität der Vorverurteilung des Verdächtigen steht in auffälligem Kontrast zur Dürftigkeit der Ermittlungsergebnisse. Wie es damit sechs Monate nach der Tat bestellt war, entnehme ich einem Gerichtsbeschluss vom 28.2.17, der mir dieser Tage vor Augen kam.

Demnach hat die Staatsanwalt das Verfahren gegen drei Beschuldigte eingeleitet. Neben Mahmoud handelt es sich um den 27-jährigen Enkel der Opfer. Ihm wird Beihilfe zum Raub vorgeworfen, weil er Mitteilungen über die Verhältnisse im Haus der Großeltern gemacht haben soll.

Außerdem wird ein gewisser F. M. genannt, dessen Alter, Staatsangehörigkeit, Wohn-und Aufenthaltsort unbekannt sein sollen. Dabei handelt es sich offenbar um eine Mystifikation für ungebetene Leser des Schreibens. Weiteren Quellen zufolge heißt er mit vollem Namen F. M. C. und ist bestens amtsbekannt: Jahrgang 1991, Deutsch-Libanese und mehrfach vorbestraft, zuerst im August 2005. Wie die Serie von mindestens sechs Überfällen, durch die ich mit ihm bekannt wurde, politisch instrumentalisiert wurde, habe ich erst kürzlich in Das Grauen in den Gassen skizziert.

Indizienkette

Zum Hergang der Tat stellte die Staatsanwaltschaft fest: Zwei maskierte Männer prügelten ansatzlos auf Frau Burmeister ein, als sie ihnen die Tür öffnete, und sie stürzte auf eine Treppe. Ein Eindringling schlug weiter und drückte ihren Kopf herunter, als er fragte, wo sich Geld befände. Inzwischen ging der Komplize in den Keller, wo er eine Kassette mit Geld fand, das er an sich nahm. Nachdem auch er geschlagen worden war, wurde Ernst Burmeister mit Kabelbindern gefesselt. Die Räuber verschwanden in einem BMW. Außer Bargeld gehörte zu ihrer Beute eine Luxus-Damenuhr.

Als Beweismittel werden ausschließlich Zeugen angeführt: Frau Burmeister, die die Täter nicht identifizieren kann; einen Zeugen mit „Hintergrundwissen“, dem Vertraulichkeit zugesichert wurde; mehrere anonyme Hinweise sowie eine Zeugin, die angibt, Mahmoud W. habe sich vor anderen zu der Tat bekannt.

Mahmoud und der Enkel der Opfer kannten sich nicht nur; sie werden verdächtigt, bei mehreren Wohnungseinbrüchen zusammengewirkt zu haben, davon einer beim Vater des Enkels.

In dem Schreiben, das ein Außenstehender wie ich in die Hand bekommen könnte, decken die Ermittlungsbehörden nicht alle Karten auf. Obwohl es darin um Geld geht, das aus der Beute stammen sollte oder könnte oder nicht, wird keine Summe genannt. „Einige tausend Euro“ war verlautet worden. Genaueres wäre Täterwissen.

Soweit sind die Indizien nicht zwingend. Der Enkel und F. M. C. befinden sich auf freiem Fuß. Die medial verbreitete Vermutung, Mahmoud W. habe sich durch den Raub die Mittel beschaffen wollen, um sich einer kurz vor der Tat verhängten Haftstrafe entziehen zu können, wird von der Staatsanwaltschaft nicht angeführt. Tatsächlich setzte er sich nicht unverzüglich in den Libanon ab, sondern erst eine Woche, nachdem die Burmeisters überfallen worden waren.

Erzählpraktiken

Die Causa ist ein Lehrstück, auf welch dünnem Eis sich die Wahrnehmung von Kriminalität bewegt und wie schmal der Grat zwischen wahrheitsgetreuer Berichterstattung und Hetze ist.

Gewiss bin ich befangen, wenn ich wie vorgestern mit Mahmouds Vater über die Angelegenheit spreche. Aber im Unterschied zu der Sorte Journalisten, die sich damit begnügen, nachzuplappern oder gar zu verschlimmbesseren, was ihnen Behördenvertreter erzählen, weiß ich um die Vielfalt der Stimmen, weil ich mir möglichst viele davon anhöre, bevor ich verbreite, was ich als „Geschichte“ verantworten zu können glaube.

Der gemeine, nicht investigative Journalismus arbeitet mit Versatzstücken, die andere ihm zur Verfügung stellen. Er wiederholt, was diese ihn wissen lassen. Es muss bloß reichen, um den vorgegebenen Raum zu füllen: 1800 Zeichen, 1000 Worte oder eine Minute 30. Das Wissen entspricht formal wie inhaltlich dem, was vermittelt wird. Tatsächlich weiß nur der etwas über eine Sache, der auch Irrtümer und Alternativen kennt. Der mehr zu sagen hätte, als unbedingt nötig ist.

20. April 2017

[Fortsetzung folgt]

© Uwe Ruprecht

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