Das anhaltende Versagen der Medien zum Todesfall Ernst Burmeister im September 2016

Stade ist eine durchschnittliche Kleinstadt, und entsprechend selten sind Aufsehen erregende Kriminalfälle. Wenn der Name im Zusammenhang mit Verbrechen genannt wird, dann als Gerichtsort. Der Bezirk des Landgerichts umfasst den größten Teil des Elbe-Weser-Dreiecks zwischen Hamburg und Bremen. Als Tatort hat Stade kaum je Schlagzeilen gemacht.

Zuletzt zog es auswärtige Journalisten an, als ein Polizist auf der Straße um sich schoss und zufällige Passanten verletzte, bevor er seine Lebensgefährtin und sich selbst umbrachte. Was als Amoklauf berichtet wurde, schien eher ein erweiterter Suizid. Mit dem Tod des Täters hatte sich eine juristische Klärung erledigt und eine andere fand nicht statt. Die angereisten Reporter zogen rasch wieder ab, die Lokalzeitung schwieg sich aus, und so blieb es dem Gerede in den Gassen überlassen, sich eine Geschichte zusammen zu reimen.

Der jüngste Stader Kriminalfall, der überregional vermeldet wurde, zog keine auswärtigen Journalisten an. Sie begnügten sich damit, die Verlautbarungen der Polizei zu wiederholen.

Die Polizei hat den Fall als geklärt ausgegeben. Er ist es offenkundig nicht, denn 16 Monate nach der Tat ist nichts weiter geschehen. Niemand ist verhaftet, gegen niemand Anklage erhoben worden.

Am Abend des Freitag, den 9. September 2016 klingelten zwei Maskierte an einem Haus in Stade-Bützfleth, das vom Ehepaar Burmeister bewohnt wurde. Die 73 Jahre alte Frau ging an die Tür. Ein Maskierter schlug sofort auf sie ein, während der andere in das Haus eindrang und den Ehemann angriff – so die erste Mitteilung der Polizei.

Die Räuber erbeuteten Schmuck und mehrere tausend Euro. Sie entkamen in einem bereit stehenden „dunklen Pkw“ mit Fahrer. Das gefesselte und geknebelte Ehepaar blieb schwer verletzt zurück. Seinen Kopfwunden erlag der 79-jährige Ernst Burmeister am folgenden Sonntag. Der Mitbegründer und Geschäftsführer eines Fruchthandels war auch Anteilseigner eines Fußballvereins, weshalb sein Tod als „HSV-Investor“ verbreitet wurde.

Sein Enkel habe als „Tippgeber“ fungiert, hieß es in den Medien, und tatsächlich scheint die Staatsanwaltschaft insoweit gegen ihn zu ermitteln. Ein mutmaßlicher Täter, mein Bekannter Mahmoud W., wurde von den Medien und in den Sozialen Netzwerken als „Mörder“ gebrandmarkt. Er entzog sich seiner Verhaftung durch Flucht. Noch ein weiterer Tatbeteiligter, der der Staatsanwaltschaft bekannt zu sein scheint, befindet sich auf freiem Fuß.

Wenn der Fall, wie von der Polizei behauptet und von den Medien wiederholt wurde, geklärt ist, stellt die Flucht eines mutmaßlichen Täters kein endgültiges Verfahrenshindernis dar. Wieso sind die übrigen Tatbeteiligten weder verhaftet noch angeklagt?

Das wäre eine Frage, die Journalisten zu stellen hätten, die sich gern als „vierte Gewalt“ aufspielen. Aber wir befinden uns in Stade, und da gibt es keine Journalisten, sondern nur deren Darsteller, und so bleibt das kritische Fragenstellen einem rechtlosen Blogger überlassen.

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Siehe auch

Teil 1 (März 2017)

Teil 2 (April 2017)

Teil 3 (September 2017)

Teil 5 (August 2018)

© Uwe Ruprecht

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