Gemeinsame blinde Flecke bei AfD und Antifaschisten

Die AfD tut, als hätte es vor 2015 keine Kriminalität gegeben. Als würden nur Ausländer und solche, die dazu erklärt werden, Straftaten begehen. Als gäbe es nur die Verbrechen, die von den Medien für berichtenswert gehalten werden. Die AfD ignoriert Tatsachen und orientiert sich an der gefühlten Kriminalität. Man sitzt abends vor dem Monitor, schaut sich an, wie das Böse im Drehbuch ausgemalt wird, und fantasiert dabei über das, was zeitgleich auf den Straßen vor sich gehen soll, die man selbst nur mit dem Auto durchfährt.

Dieses Geschwätz gab es immer und wird es weiter geben. Die CDU und zuletzt häufiger auch die SPD haben mit dieser von den Medien geförderten Gefühlslage Politik gemacht; die Polizeigewerkschaften haben sich wider besseres Wissen oft genug daran gehängt. Nun endlich sitzt eine Partei, die nichts anderem Wert beimisst als ihren Gefühlen, im Bundestag, und in den Sozialen Medien bestätigen ihre Anhänger sich täglich darin, wie schlimm alles ist.

Wie wenig die durchschnittliche Bürgerschaft von Kriminalität weiß, wiewohl sie täglich darüber anscheinend informiert wird, habe ich in den 30 Jahren, in denen ich mich mit dem Studium von Verbrechen befasst habe, ad nauseam erfahren. Kurz gesagt: es gibt kaum ein Feld, auf dem die Bürger, unabhängig von der parteipolitischen Ausrichtung, so hartnäckig an ihren Vorurteilen und Vorstellungen festhalten.

Chimärisch ist das Meiste, was sie sich zu Verbrechen vorstellen. Täter und ihre Motive, die Arbeitsweise der Polizei, die Behandlung der Fälle durch die Justiz: weil sie zahllose Zeitungsartikel und Kriminalfilme kennen, meinen die Leute, sich auszukennen, während sie in Wahrheit nur ihre eigenen Vorstellungen in die Geschehnisse projizieren, von denen sie stets lediglich die paar Sätze und stereotypen Bilder zur Kenntnis nehmen, die ihnen in den Medien angeboten werden.

Dass es in Deutschland keine → Pitavalliteratur gibt und schon dieses Wort nur wenigen Fachleuten geläufig ist, zeigt den grundsätzlichen Befund an: die Deutschen lassen sich gern von und mit Verbrechen ängstigen lassen, wollen aber nie genau wissen, womit sie es dabei zu tun haben. Mehr als ein paar Zeitungszeilen ertragen sie nicht.

Im Vorwort meiner Sammlung von historischen Kriminalgeschichten, Elses Lachen, habe ich diese Ausblendung mit der spezifisch deutschen Geschichte und den daraus resultierenden Brüchen erklärt. Wo einmal der »Verbrecherstaat« bestand, wie Karl Jaspers das NS-Regime nannte, ist das Verhältnis zum Verbrechen nachhaltig gestört.

Dass AfD-Anhänger sich selbst nicht als Nachfolger der Nationalsozialisten wahrnehmen und von allzu vielen immer noch nicht so gesehen werden, hat auch mit dem mangelhaften Verständnis von Verbrechen zu tun. Durch einen Wald von Klischees kann ein wirklicher Wolf ganz unbehelligt zu seinem Opfer gelangen.

Bei der AfD tut man, als würde mit der Immigration die Kriminalität verschwinden; als genüge es, nicht-deutsche Straftäter auszuweisen und schon gäbe es keine Morde und keine Vergewaltigungen mehr. Wie gesagt: von anderen Straftaten ist ohnehin kaum die Rede, obwohl mit ihnen Polizei und Justiz zur Hauptsache beschäftigt sind. Von den Delikten, die allwöchentlich im Amtsgericht verhandelt werden, steht nie ein Wort in der Zeitung.

Manchmal wird eine Deliktart skandalisiert. Dann macht die Zeitung eine Serie über Einbrüche und schildert alles Mögliche ganz genau, verliert aber kein Wort über die Täter, es sei denn, es handelt sich um ausländische Banden, so dass der Fantasie der Leser reichlich Raum bleibt und sie sich gehörig ängstigen können. Die nüchterne Meldung der Polizei am Ende des Jahres, dass die Zahl der Einbrüche rückläufig ist, wird rasch vergessen; die Schreckensserie wirkt nach.

Dass überhaupt Verbrechen geschehen, wird gern als Versagen von Polizei und Justiz interpretiert. Und danach gerufen, ach was: geschrien, dass die Behörden härter durchgreifen müssten. Höhere Strafen werden gefordert, als sei Abschreckung ein Allheilmittel und nicht ein verzweifelter Versuch. Die Todesstrafe hat keinen einzigen Mord verhindert. Dieselben Leute, die sich mit Zeitungszeilen über Verbrechen begnügen, scheinen zugleich bestens im Bild zu sein darüber, wie Straftäter mit der Haft umgehen, und dass höhere Strafen automatisch weniger Delikte bedeuten.

Auf der Gegenseite der AfD, wie sie sich selbst begreift, ist das Verständnis nicht größer und der Glaube an Sanktionen ebenso ausgeprägt. »Der Staat muss endlich Stärke zeigen«, lese ich wortgleich wie bei der AfD auf facebook von Leuten unter dem Label »Aufstehen gegen Rassismus«. Die Straftaten, um die es den »Antifaschisten« geht, sind für das Gesamtbild von Kriminalität so peripher wie Mord und Vergewaltigung: »Volksverhetzung, Aufforderung zu Straftaten, massive Bedrohung bis zu Brandanschlägen und Morddrohungen, zeigen [!] des Hitlergrußes, tragen [!] von verbotenen Symbolen usw. usw.«

Der Lösungsvorschlag jener, die von der AfD für Linke gehalten werden: »Langwierige und dadurch aussichtslose Verfahren sind da fehl am Platz.« Das rechtsstaatliche Prozedere, von dem man sowieso nur eine ungefähre Vorstellung hat, stört nur im Kampf gegen das Böse. Schwert raus und kurzer Prozess: Kopf ab. »Es muss eine schlagkräftige Taskforce und ›vereinfachte und verkürzte Strafverfahren‹ geben. Sollten wir diese per Petition nicht vom Innenminister fordern?«

»Würde ich sofort unterschreiben«, heißt es in den Kommentaren. »Mit dem Hinweis auf Ausreizen der juristischen Höchstgrenzen ohne Bewährung!« Law-and-order auf antifaschistisch. 46 Likes. Wer die Petition nicht nur nicht unterschreibt, sondern für gefährlichen Unfug hält, muss ein Nazi sein, nicht wahr?

»Vereinfachte und verkürzte Strafverfahren« für Neonazis wie für Asylbewerber – könnte als ausgleichende Gerechtigkeit verstanden werden. In ihrer Radikalität sind »Guhtmenschen« (!*) und »Nazis« nicht zu unterscheiden. Sofern sie sich zu Verbrechen äußern, handelt es sich um schiere Blindwütigkeit.

Sind diese »Antifaschisten« jünger, als sie aussehen, oder wo haben sie in den vergangenen Jahrzehnten gelebt, frage ich mich, wenn ich im August 2019 ihre Äußerungen lese.

»Ich frage mich«, wird der Petitionsvorschlag eingeleitet, »wie kann es sein, dass der Staat, vertreten durch Politik und Justiz, Nazis, Hetze und Rassismus so viel Raum lässt.«

Die Antwort in den Kommentaren: »Weil die Exekutive und vor allem die angehängten Vollzugsorgane in Deutschland durchsetzt sind mit rechtsoffenem bis offen rechtsradikalem Personal. Eine Petition wird im Sande verlaufen. Es muss dringend etwas unternommen werden.«

Ich höre hier auf. Denkende wissen nun genug, um sich ein Bild zu machen, und allen anderen wäre mit weiteren Worten nicht beizukommen.

* Bodo Morshäuser prägte den Begriff 1993 in Warten auf den Führer und wurde heftig dafür gescholten, dass er auf die Ähnlichkeit von brennenden Asylbewerberunterkünften und Lichterketten hinwies. Dass sein Spottwort nach einer Karriere als Schimpfwort unter Rechten von denen, die damit gemeint waren, als Selbstbezeichnung adaptiert wurde, spricht für sich.

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