Eine Kriminalgeschichte

Auf der Suche nach einer günstigen Unterkunft geriet ich im Sommer 199* in ein Mietshaus im Universitätsviertel von Hamburg. Ein Vorfall mit dem Müllschlucker ließ mich eines Tages bei meinem unmittelbaren Nachbarn klingeln, den ich bis dato so wenig mit Bewusstsein wahrgenommen hatte wie die übrigen Bewohner.

Linus Wieder, von unbestimmtem Alter zwischen schwer angeschlagenen 30 und gut erhaltenen 50, gehörte einer sich ausbreitenden Existenzform an, beschrieben in Science-fiction-Romanen: grübelnde und genießende Gehirne in biomechanischer Verdrahtung. Wieder ist drogensüchtig, einsiedlerisch, ganz in Bytes und Pixel eingesponnen, harmlos und wenig störend.

So dachte ich zunächst. Wieder tarnte sich. Vertrauter geworden mit ihm weihte er mich ein in seine seltsame Profession.

»Ich nehme nur Fälle an, die keinen Ortswechsel erforderlich machen«, begann er eines Tages und warf mir einen raren Blick zu. Seine Augen waren, meiner Anwesenheit zum Trotz, meist ganz auf einen von drei Bildschirme gerichtet. Ich hatte es aufgegeben, zu verfolgen, was für Daten er dort in rasender Schnelle abrief, übersah, ordnete, kombinierte.

»Ich lege keinen Wert auf körperliche Erscheinungen«, fuhr er fort. »Ich habe, was ich brauche, im Rechner, um Verbrechen aufzuklären.«

Ich schwieg konsterniert.

Er sprach ungerührt weiter: »Amateure lösen einen Kriminalfall selten ohne diejenigen, die dafür zuständig sind, die das kriminalbürokratische Netz in Händen halten; niemand kann besser fahnden als die Polizei. In einem gewöhnlichen Mordfall muss keine Detektivagentur ein eigenes Gutachten über Blutflecke in Auftrag geben. Gehört dieses Puzzlestück zum Bild des Falls, wird man es sich beschaffen können müssen. Im digitalen Zeitalter sind dem weniger Grenzen gesetzt als ehedem, als man in Büros einbrechen und Aktenschränke hätte aufhebeln müssen.«

»Sie meinen…«, wollte ich einwerfen. Er hörte nicht zu.

»Ich löse meine Fälle an den virtuellen Orten, in die ein Verbrechen hineinreicht. Seit auch die Justiz dazu übergegangen ist, ihre papiernen Akten in elektronische files zu verwandeln, sind wesentlichste Teile eines kriminalistischen Rätsels verfügbar, ohne selbst Fußabdrücke im Blumenbeet oder angebrochene Türriegel unter die Lupe nehmen zu müssen. Die großen Detektive der Literatur, die sich so viel auf ihren Geist zu Gute gehalten haben, befänden sich heute in einem Zeitalter, in dem alles, was sich von einem Verbrechen geistig erfassen lässt, dem einigermaßen geschickten Datenbankhacker bequem und praktisch unaufspürbar zugänglich ist.«

Meine Kenntnisse von Computern und Internet reichen für den Hausgebrauch. Wieders Homepage etwa habe ich nie aufgespürt. Sie ist ein offenes Geheimnis. Er hat sie vor vielen Jahren ins Netz geknüpft, und sein Ehrgeiz ist, sie aus den Suchmaschinen heraus zu halten.

Unsere Wohnungsnachbarschaft wies mich beiläufig in Mysterien der elektrischen Zwischenwelt ein. Ein Fall, den er im Winter 199* bearbeitete, war der erste, bei dem ich Linus Wieders Arbeitsweise im Wesentlichen beobachten konnte.

Wer sich zur Kontaktaufnahme eine seiner Mail-Adressen beschaffen kann, ist als Kunde fast schon akzeptiert, denn Wieder geht mit echten eigenen Daten nicht hausieren. Im Gegenzug spricht er stets vom »Auftraggeber«.

Die News-Maschine titelte: »Blutbad in Niedersachsen. Doppelmord in Sottrum.« Städte in der Nähe, die man kennen müsste? Rotenburg an der Wümme, Verden an der Aller, Nienburg an der Weser, lauter Flußschwanznamen. Ein Ehepaar, 80 und 76 Jahre alt, war erstochen worden.

»Demnach hatte der Täter Heinrich Merzel außerhalb des Hauses mit einem Holzscheit geschlagen und mit einem Messer auf ihn eingestochen. Der Täter ließ den alten Mann scheinbar leblos zwischen Garage und Holzschuppen liegen und wandte sich dem Haus zu. Die arglose Ehefrau wurde in der Küche überfallen. Fünf Messerstiche streckten sie nieder. Einer zerriss die Halsschlagader, Hermine Merzel verblutete.«

Die Polizei hatte ihre Arbeit mit Routine erledigt, ohne Eifer. Anfangs hatte sie einen Schnitzer gemacht, indem sie »erweiterten Suizid« annahm: Der Mann habe die Frau und dann sich umgebracht. Eine Woche nach der Tat wurde ein junger Mann verhaftet, der Ex-Mann der Enkelin der Merzels.

»Wie können Sie den Fall zu lösen behaupten, wenn Sie nie in Sottrum waren!«

Linus Wieder tippte, während er antwortete: »Glauben Sie wirklich, in Sottrum geschehen die Verbrechen anders als sonstwo auf der Welt? Glauben Sie, Sottrum ist in Hinblick auf menschliche Leidenschaften und Verruchtheiten eine Ausnahme? Freilich gibt es in Paris oder London mehr Verbrechen, mehr Variationen zu studieren. Im Kernbereich sind sie alle gleich. Seltener in Sottrum, sonst ganz gewöhnlich.«

Mein Gesicht hätte ihm verraten, was ich davon hielt; er ließ jedoch die Bildschirme nicht aus den Augen.

»Schauen wir uns den Tatort an«, sagte er. »Sehen Sie hier«, er wies mit einer flüchtigen Handbewegung, die kaum die Tastatur verließ, auf einen Monitor. Eine Maus, nebenbei, benutzte er gar nicht.

Ich hatte gerade verstanden, welches Bild aufgerufen wurde, eine Landkarte, deren Maßstab Wieder steuerte. Ich meinte zu sehen, wie sie mit zunehmender Nähe zum Objekt geradezu fotorealistisch …

»Ich muss Sie jetzt bitten zu gehen!« Das Bild stoppte abrupt, die Karte verschwand vom Schirm. »Was Sie bisher gesehen haben ist Geplänkel, jeder Schulbub kann das. Ich muss mich ein paar Stunden mit den Eingeweiden beschäftigen. Es würde Sie langweilen. Es hieße freilich auch, Sie einen allzu intimen Blick in meine Betriebsgeheimnisse werfen zu lassen.«

Ich sah ihn erst eine Woche später wieder. Da er mich nie einlud, hing die Frequenz der Besuche von meiner Laune ab, und ich verargte ihm den Rauswurf. Als hätte ich mir bei dem Tempo, in dem er zwischen den Websites switchte, eine Adresse merken können!

»Sehen Sie hier«, begrüßte er mich, »das Landgericht, das für Sottrum zuständig ist, hat eine Homepage, die von einem Rechner im Gerichtsgebäude bedient wird, der mit anderen Rechnern ebendort vernetzt ist. Ich sage nicht, es sei einfach, aber ich habe reichlich Routine, um mich binnen kurzer Zeit bis in die Maschine vorzutasten, auf der die Akte gespeichert ist, die mich interessiert … Hier ist sie, die Ermittlungsakte im Fall Merzel. Vernehmungsprotokolle, Gutachten.«

Tastendrücke. Das Bild am Schirm blieb stehen.

»Wir sind raus«, erläuterte er. »Jetzt studieren wir die Kopie auf meinem Rechner. Obduktionsprotokoll …«, murmelte er, während er las. »Dachte ich es mir.«

»Was dachten Sie?«

»Der Todeszeitpunkt ist völlig unbestimmt.«

»Und?«

»Es gibt keine Zeugen für die Tat. Das stärkste Indiz sind DNA-Spuren an dem Holzscheit, mit dem Heinrich Merzel erschlagen wurde. Die lassen sich harmlos erklären, denn der mutmaßliche Täter war zugegebenermaßen am Tatort – jedoch einen Tag früher. Das ist indirekt, durch Hörensagen bestätigt: Die später ermordete Ehefrau hat einer Freundin am Telefon vom Besuch des Ex-Mannes ihrer Enkelin erzählt.«

»Also war er es nicht?«

»Doch, natürlich.«

Ich bekam den Mund erst nicht auf. »Und was haben Sie dann als Privatdetektiv mit dem Verbrechen zu tun?«

Es schien mir gelungen, Wieder zu verblüffen. Dann lachte er. »Sie halten Privatdetektive für Ritter des Rechts? Der Gerechtigkeit? Gottes Gnade?« Er höhnte fort, bis er erklärte: »Die haben ihren Mann, bei der Polizei, bei der Staatsanwaltschaft, das Hauptverfahren beim Landgericht ist eröffnet. Ich soll für meinen Auftraggeber keineswegs das Verbrechen aufklären. Ich soll helfen, den mutmaßlichen Mörder raus zu holen. Wenigstens einen begründeten Zweifel braucht er, der alle Instanzen durchhält.«

Ich schnappte nach Luft. »Sie wollen…«

»Wahrscheinlich wird er sitzen müssen, vielleicht nicht ganz so lange.«

»Was bezahlt man Ihnen dafür?«, brüllte ich, als ich die Tür hinter mir zuschlug. Ich hörte keine Antwort.

Meine Neugier siegte. Eine weitere Woche später erfuhr ich vom SMS-Verkehr zwischen dem Angeklagten und mehreren Zeugen am Tattag. Vor dem Landgericht hatte der Prozess begonnen. Die Verteidiger versuchten mit Anträgen Zeit zu schinden, bis Linus Wieder weiteres Material beschaffte.

»Sie sind nicht zufrieden, obwohl sie weidlich genug haben«, schimpfte er über die Anwälte.

So verärgert hatte ich ihn bis dahin nicht erlebt und verzichtete auf Wiederholung. Seine Hände prügelten die Tastatur gewöhnlich, und ich hatte gesehen, wie sie ausgewechselt wurden; aber während dieses kurzen Besuchs gingen zwei hintereinander zu Bruch.

Wieder erläuterte Diagramme, die diagonal durch das Glas glitten: Einzelverbindungsnachweise der Telefongesellschaften über den regen Digitalverkehr zwischen dem Angeklagten und seiner damaligen Lebensgefährtin. Da der Todeszeitpunkt unbestimmt war – die Leichen waren fast einen Tag lang unentdeckt geblieben – und die Handys keinen sicheren Anhaltspunkt lieferten, wann genau der Angeklagte mit seinem Automobil von wo nach woanders gefahren war, könnte die verbleibende unbeobachtete Zeit des Angeklagten mal gereicht haben, einen Doppelmord zu verüben, mal nicht.

Bereits hinsichtlich des Tatablaufs war das Gericht auf interpretierbare Spuren angewiesen: Blutlachen, Wischspuren, Schuhabdrücke. Der Angeklagte schwieg. Im Einzelnen war kein Indiz überwältigend; ihre Masse machte es. Gelänge es Wieder, etliche von ihnen anzufechten …

Als die Kriminalpolizei bei ihren ersten Ermittlungen vorschnell auf »erweiterten Suizid« geschlossen hatte, waren Fehler passiert, die er aufdeckte und seinen Auftraggebern meldete, um die Kriminalbeamten damit im Zeugenstand zu piesacken.

Gelegentlich wurde Wieder durchaus bei Datendiebstählen erwischt, sagte er. Das tangiere ihn nicht sonderlich; er sei mit gefälschten Identitäten im Netz unterwegs. Im virtuellen Netz gäbe es den wirklichen Linus Wieder nicht.

Ich verdächtigte ihn, nicht nur seine Adresse, sondern die ganze Straße aus der Datenwelt löschen zu wollen. Jemand, der online forschte, stieß längst auf Unspuren, die Leute wie Linus Wieder in die Datenwelt gezogen hatten. Mich scherte es nicht, wenn er die Straße zum Verschwinden brachte, ich zog bald um.

Ich bin nie in Sottrum gewesen, und bezweifle, je dort hin zu kommen. In Daten kannte Linus Wieder sich dort besser aus als irgendwer, würde aber unweigerlich nie einen Schritt dorthin tun. Mir könnte es passieren.

Wieder zeigte mir am Monitor die »Waschküche von Sottrum«, eine historische Rarität, für die das Heimatmuseum berühmt war; ich sah mir das Rathaus und den Bürgermeister an. Manche Städtchen boten Panoramaansichten, mittels derer man die Gegend erkunden konnte. Große Städte waren sowieso voller Kameras, die sich mit flinken Fingern fernsteuern ließen. Sottrum hatte Bürger, die Bilder ihrer Kinder ins Internet stellten, von der Geburt bis zur Konfirmation, von der Wiege bis zur Bahre.

Während Wieder diesen Sektor studierte, rutschten wir auf eine Site, sie hatte nichts mit Sottrum zu tun, die das Bild eines toten Kindes, 18 Monate alt, auf der Homepage eines trauernden Vaters zeigte, seit mehr als einem Jahr. Ich schloss zuweilen die Augen vor den Abgründen, in denen Wieder herumstocherte. Kameras in den Wohnungen, die von den Insassen selbst installiert wurden und deren Abbilder in die Welt abstrahlten?

Durch parallele Suchmaschinen-Anfragen ermittelte Wieder nahezu alle Schulkameraden des Angeklagten im Doppelmord-Fall. Als letzte Option nämlich zogen die Anwälte Wahnsinn in Betracht. Gewissermaßen nebenbei munitionierte Wieder sie mit potenziellem Material, um eine Geistesstörung begründen zu können. Bei einem Arbeitsunfall, der in Versicherungsdatenbanken gespeichert war, war der Angeklagte auf den Kopf gestürzt und hatte sich irgendein Trauma zugezogen.

In einem Chatroom hatte Wieder einen 14-Jährigen aus Sottrum für Botengänge vor Ort engagiert. Das Bürschchen verlangte Vorkasse. Nachdem Wieder den vereinbarten Betrag, um den er lange feilschen musste, elektronisch bezahlt hatte, brauchte der Junge keine zehn Minuten, um die Summe als Bargeld bei einem Bankautomaten abzuheben.

Das entsprechende Konto war ansonsten leer und gefälscht gemietet, das Geld war weg. Dachte das Bürschchen. Wer elektronisch betrügt, muss irgendwo elektronisch Geld lagern, das er nicht in Koffern mit sich herumtragen kann, zumal wenn er 14 ist. Aus diesen Gefilden holte sich Wieder den Vorschuss wieder; das Bürschchen bekam den Job.

Mit einer Videothek vereinbarte Wieder online, Daten, an die er nicht herankam, gegen Bezahlung an das Bürschchen auszuhändigen. Die Anwälte hatten ausnahmsweise ob der Kosten dieser nebensächlichen Information gemeutert. Über den Geldgeber der ganzen Operation, um einem mittellosen Mörder beizustehen, erfuhr ich nie etwas.

Wieder sprach mit einer enervierenden Neutralität von seinen »Auftraggebern«, dass ich manchmal dachte, es sei in Wahrheit eine einzige besondere Organisation, für die er tätig wäre. Bald dachte ich auch, es ginge gar nicht um Geld, sondern um Glauben.

Die Information, die das Bürschchen aus Sottrum beibringen musste, war der nur handgeschrieben existierende und wie ein Relikt aus alten Zeiten in einem Ordner aufbewahrte Dienstplan der Videothek-Angestellten. Wieder hatte Widersprüche in Protokollen der Polizei entdeckt, die ihn vermuten ließen, eine bezeugte Begegnung habe zu einer anderen Zeit stattgefunden als in der Anklageschrift festgehalten.

Und die Zeugin hatte sich tatsächlich geirrt. Hatte eine Begegnung von einem anderen auf den gefragten Tag verlegt, an dem sie definitiv dienstfrei war.

»Und was beweist das?«, fragte ich fassungslos.

»Die Zeitkonstruktion der Staatsanwaltschaft über den Tatzeitpunkt ist an so vielen Stellen löchrig, dass begründete Zweifel bestehen, ob der Angeklagte am Tattag am Tatort war. Am Tag davor, ja. Nicht zwingend aber, als das Ehepaar Merzel ermordet wurde.«

»Aber er war da?«

»Nicht mehr, wenn ich fertig bin.«

Das wollte ich nicht hören. Ich stellte mir vor, wie der junge Mann ausrastet und mit dem Messer über die beiden Alten herfällt. Warum? Wozu diese Metzelei? Ich fragte Wieder danach. Er tastete schweigend und zeigte müde auf einen Monitor, über den ein Foto rollte.

Ein Zimmer um 1840, mit viel Nippes und Schnörkeln, Vorhängen und Drapierungen, Kordeln und Plüschbezügen – doch durcheinander, verwüstet. Die Aufnahme hatte die Aura einer Daguerrotypie: die Webmuster des Sofastoffs erschienen lebendiger als das Fleisch der Gesichter.

Während der langen Belichtungszeit war etwas durchs Bild gerauscht und verschwand in einem Kamin am rechten Bildrand. Ich starrte lange, bis sich aus den Schemen die Gestalt schälte und ich den riesigen Affen schieben sah. Worauf sollte das die Antwort sein?

Wollte Wieder mir sagen, er fälsche bei seiner Arbeit Daten? Was war es seinen Auftraggebern wert, worum immer es ihnen ging? Einen Zeugen beseitigen, das Protokoll seiner Aussage manipulieren und damit durchkommen … Das Gericht, las ich später in einer News-Maschine, fand auch kein Motiv für die Metzelei.

Wieders Zweifel schlugen sich lediglich an einer Stelle im Urteil nieder: Den Mord an dem alten Mann könnte theoretisch ein anderer begangen haben. Der Niemand, dem der Aufwand galt, ging auf jeden Fall lebenslänglich hinter Gitter für den Mord an der Frau. Und er wird nie erfahren, wie sich Linus Wieder mit seinem Schicksal Brot und Spaß verschafft hatte.

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