Abwegige Anmerkungen zu laufenden Debatten und ihren Auslassungen

Der Anstoß kam wie so oft aus den USA, als Kombination von Rassismus mit Polizeigewalt. Jüngere, die es nicht besser überblicken, und Ältere, die nie genau hinschauen wollten, bilden eine Koalition der Verschleierer. Die einen behandeln das Thema, als seien die Verhältnisse in Deutschland mit denen in Übersee deckungsgleich, die anderen leugnen mit gewissem Recht den Vergleich.

In Deutschland von Rassismus zu reden, heißt vom Nationalsozialismus reden und den Versäumnissen bei dem, was als „gelungene Vergangenheitsbewältigung“ verkauft wird. Verkauft wird an Touristen, denen das Berliner Holocaust-Mahnmal vorgeführt wird. Auf allen Gedenktafeln sollte vermerkt sein, wie hart umkämpft sie waren und sind, und dass die Errichtung eines Mahnmals selten eine Geste der Überzeugung darstellte, sondern Erzeugnis eines Kompromisses war zwischen denen, die sich der Geschichte zu stellen bereit sind, und denen, die es nach wie vor verweigern, diese an sich heran zu lassen.

Von der Problematisierung des Rassismus wurde zum Denkmalsturz übergegangen. Realiter werden die Statuen von Sklavenhändlern angegriffen, virtuell steht exemplarisch Immanuel Kant am Pranger. Kant, nicht Richard Wagner. Wie immer die Debatte weiter geht, an den Bayreuther Festspielen wird nicht gerüttelt werden, und die Oper als Ausdrucksform der Oberklasse überdauern.

Die geistigen Grundlagen des Nationalsozialismus sind nie genauer untersucht worden. Außerhalb Deutschlands hat man sich mit Klischees begnügt; im Land der Täter*innen selbst waren deren Motive die längste Zeit kein Thema. Als zuletzt 1996 ein US-amerikanischer Historiker einen „eliminatorischen Antisemitismus“ als gemeinsame Grundlage von Führern und Volk annahm, würde ihm wütend widersprochen und die Frage als ungehörig behandelt.

Die Nationalsozialisten haben viel Wert auf Ahnenkunde gelegt. Wer der Elite der SS beitreten wollte, musste die Reinheit seines Stammbaums bis in jene Zeit zurück belegen können, als der Rassegedanke aufkam, paradoxerweise während der Epoche der Aufklärung und Erklärung der Menschenrechte im 18. Jahrhundert. Wie als Reaktion auf die verheerende Überbewertung der Abstammung sind die Deutschen nach 1945 in das andere Extrem verfallen und haben sich wie ein Volk ohne Ahnen benommen.

Das Staatsvolk umfasst längst Menschen ohne familiäre Verbindungen zur NS-Geschichte, an denen die üblichen Mahnungen abprallen. Die Staatsräson gilt gleichwohl auch für sie. Anti-Rassismus gehörte bisher nicht dazu, aber die Abkehr vom Antisemitismus. Für schlicht Gestrickte hieß das: über Neger herziehen ist in Ordnung, über Juden hält man besser den Mund.

Die Überlegenheit der Herrenmenschen ist fragwürdig geworden, aber als Deutscher mit NS-Stammbaum oder ohne findet sich immer etwas, woran sich Überlegenheit festmachen lässt, und sei es eine Fußballweltmeisterschaft.

Der nationale Reflex war in BRD wie DDR auch durch die Teilung gedämpft. Schließlich hatten die Deutschen aller Welt ein für allemal vorgeführt, wohin Nationalismus in letzter Konsequenz führt. Fanatisch Fahnen zu schwenken blieb ausgewiesenen Neonazis vorbehalten. Franzosen oder Italiener wurden um ihren naiven Nationalstolz beneidet.

Dem Klischee nach ist Friedrich Nietzsche einer der Urheber des Nationalsozialismus, durch die Schriften zum „Übermenschen“, die seine Schwester aus dem Nachlass bastelte und Hitler verehrte. Dem entspricht das Ansinnen, Kant für den Rassismus des 21. Jahrhunderts in Haftung zu nehmen.

Freilich hat der Nationalsozialismus eine Vorgeschichte und Vordenker. Der erste Name, der dazu einfallen müsste, der Leuchtturm des deutschen Idealismus, der im Ausland seit je als Totalitarismus angesehen wurde, wird indes nicht genannt. Bei einer Kritik des Weltsystems von G. W. F. Hegel würde es auch für Marxisten eng.

Die Geschichte der Erörterungen umfasst eine der Auslassungen. Auch diesmal wird im Sturm der Debatte über das Wesentliche hinweg gefegt. So klafft eine Lücke zwischen den Bekundungen von Rassismus Betroffener und denen, die sich ihrer Überlegenheit sicher sein können.

Nicht-Weiße argumentieren nie nur vernünftig, sondern im Widerstand gegen überkommene Haltungen, derer sich die Weißen in Deutschland die längste Zeit nicht bewusst werden mussten. Die öffentlichen Debatten sind in weiten Teilen bereits eine Vortäuschung, indem sie überwiegend von Leuten geführt werden, deren Erfahrungshorizont weiter ist als der der durchschnittlichen Bürgerschaft, kurz gesagt: von Großstadtbewohnern.

Wer wie die Mehrheit der Deutschen in Kleinstädten und Dörfern lebt, kann sich die längste Zeit vormachen, in einer vielleicht nicht rassereinen, aber doch dominant weißen Gesellschaft zu leben. Das Missverhältnis ist mehr als eine kognitive Dissonanz, eine Unschärferelation. Dahingestellt, wie weit der Nebel erzeugt wird, unterbleibt vieles, das ihn lichten könnte.

Es gibt mehr Schwarze und Schwarzköpfe im Fernsehen als in der Wirklichkeit. Die Alltagsrassismen, von denen junge Deutsche heute berichten, zeigen es an: sie sind dieselben wie vor Jahrzehnten. „Wo kommst Du denn her?“ ist auf dem deutschen Dorf eine nicht unberechtigte Frage geblieben.

Ein Oberbürgermeister der Grünen legte den Finger einmal haarscharf neben die Wunde, als er sich über eine Werbung der Bahn mokierte, in der unverhältnismäßig viele Nicht-Weiße gezeigt worden sein sollten. Die Mehrheit ist nicht nur weiß oder hält sich dafür, sondern ist auch heterosexuell und hat keinen alltäglichen Umgang mit den Gruppen, die jeweils in den Schlagzeilen stehen.

Wie aufklärerisch die Wahrnehmung von Randgruppen sein kann, verdanken sie ihre jeweilige Popularität zuallererst der Einbildungskraft von Drehbuchautor*innen. Es sind deren Obdachlose und Transsexuelle, lesbische Paare, schwarze Kinder oder Islamisten, und je beliebter sie zeitweilig sind, desto befremdlicher werden sie für jene, die mehr von ihnen am Bildschirm kennen lernen als lebenslang in der Realität.

Die AfD hat in dieser Lücke ihre Stimmen gefischt. Ich muss mich nicht auf Mitteilungen anderer verlassen oder auf Text- und Bild-Analysen berufen, sondern saß mehrmals in einem Saal unter lauter Weißen in einer Kleinstadt und hörte, was über Nicht-Weiße erzählt wurde von Leuten, die diese bestenfalls vom Vorbeifahren und aus dem Fernsehen kennen und wie Generationen vorher als Eindringlinge empfinden.

Faktisch haben Schwarzköpfe keinen nennenswerten Anteil an den Geschehnissen der Kleinstadt, aber der AfD gelingt die Suggestion, die Verhältnisse seien denen in Berlin vergleichbar. In der Nachbarstadt hatte man längst ein Ghetto für Neuköllner Assoziationen geschaffen, einen rassistischen Buhmann, gegen den die weiße Klasse bei Bedarf Front machen konnte. Von den betreffenden Bevölkerungsgruppen wurde ohnedies nur im Zusammenhang mit Kriminalität publiziert.

Wäre der Rassismus genetisch bedingt, könnte man sich das Gerede ersparen und auf die Evolution warten. Er wird geschürt und benutzt, und es ist nur zu bequem, sich Kant oder Hegel vorzunehmen statt derer, die ihn gegenwärtig befördern. Sich mit Philosophie abzugeben kann allerdings helfen, die Verursacher und Förderer klarer zu erkennen.

Die Anthroposophen zum Beispiel, bei denen alles zusammen kommt: die ideologisch aufgeladene Rasseidee, die historisch ohne Umwege direkt und persönlich in den Nationalsozialismus führt, und deren Waldorfschulen vielfach besondere staatliche Unterstützung genießen und jedenfalls eine Ausbildungsstätte der Oberklasse sind.

Soweit es die Waldorfschule einer Kleinstadt anbelangt, zu der ich über Jahrzehnte Beobachtungen machen konnte, erübrigt sich die Frage, ob an ihr Schwarzköpfe unterrichtet werden. Zwar sind die ersten von diesen in die obere Mittelklasse aufgestiegen, aber ihre Kinder auf eine Schule zu schicken, deren Gründer einen Rassenkampf postuliert hat, ist für sie so wenig angesagt wie selbst in einer der vier aus dem Mittelalter stammenden Brüderschaften aufgenommen zu werden, in denen sich die erwachsene Elite versammelt. Dass die NS-Geschichte der Herrschaften im Dunkeln liegt, versteht sich von selbst.

Was ich über Rassismus, Denkmalsturz oder Polizeigewalt lese und zu sehen bekomme, betrifft die Lebenswirklichkeit in der Kleinstadt und auf dem Dorf nicht. Es ist nicht nur müßig, auf dieser Grundlage Meinungsbildung zu betreiben, sondern gefährlich.

Polizeigewalt bei Demonstrationen ist ein Phänomen, das in der Kleinstadt einmal im Jahrzehnt und auf dem Dorf vielleicht nie vorkommt. Entsprechend kurzschlüssig sind viele Folgerungen. In der Kleinstadt wurden die Krawalle um den G20-Gipfel in Hamburg noch breit berichtet, als sie in der Großstadt längst von anderem verdrängt worden waren.

Mit Islamismus hatte man auf dem Dorf nie wirklich zu tun, aber die Medien ließen nicht nach, das Gespenst zu beschwören, bis die ersten Hassprediger der AfD die Früchte ernteten.

Hardcore-Neonazis und die NPD waren mit denselben Plakaten wie CDU/CSU in den 1980ern auf Stimmenfang gegangen, aber die Sündenböcke waren allzu abstrakt. „Gute Heimreise“ für Türken fand in der Großstadt lebhaften Widerhall; wo gar kein Türke wohnte, musste man sich bestenfalls um die Zukunft sorgen, konnte aber nichts unternehmen. Bis die AfD die Schleusen öffnete.

Mit Kant kann man den allermeisten Deutschen nicht kommen. Selbst als Philosophie-Student habe ich nur eine seiner Kritiken gelesen. Es wird die Debatte über Rassismus so wenig befördern wie es den gedanklichen Gehalt seiner Werke schmälert, wenn man ihn an seinen Lebensgewohnheiten misst, wie es Thomas de Quincey getan hat. Nur wer Kant als Denkmal behandelt, kann Lust verspüren, ihn vom Sockel zu stürzen.

Ein gefällter Kant beseitigt nichts vom gegenwärtigen Rassismus. Der Philosoph ist weder seine Quelle noch einer seiner wirkungsvollsten Propagandisten. Sich ihn vorzunehmen ist ein Ablenkungsmanöver, ein Gedankenschwindel, an dem allenfalls bemerkenswert ist, wie leicht der Popanz aufgebaut werden konnte.

Auch wenn nicht alle, die sich aktuell zu Wort melden, es mitbekommen haben, aber die Geschichte des Rassismus ist hinreichend erforscht. Sonderlich neue Entdeckungen machen nur die, die sich bis hierhin nicht umgeschaut haben. Es mangelt vielmehr daran, die Geschichte als persönliche anzunehmen.

Inzwischen ist die Auslassung selbst zum Thema geworden, zu spät allerdings. Die direkt durch den Nationalsozialismus geprägten Generationen sind ausgestorben und haben die Antworten auf ungestellte Fragen mit ins Grab genommen.

Erst seit ein paar Jahren wird über die NS-Sozialisation der 1930er-Jahrgänge nachgedacht. Als ich mich 1992 daran machte, der Geschichte meines Vaters nachzuspüren, gab es kaum eine Handvoll Literatur und nur ein Buch einer Nachfahrin, Dörte von Westernhagens Kinder der Täter. Dann lange nichts, bis NS-Familienromane geradezu Mode wurden. (→ Fluchtpunkt Harsefeld)

Die „Romane“ behandeln fast ausnahmslos Schicksale oberer Schichten, wenn nicht gar des Adels, aus Familien mit reichlich schriftlicher und anderer Überlieferung. Ausnahmebücher über Ausnahmeerfahrungen, die die Lücke mehr markieren als sie zur Überbrückung beitragen. Man muss sich damit abfinden, dass familiäre Überlieferung weitgehend ausgeblieben ist und am nachhaltigsten dort gebildet wurde, wo die NS-Erfahrungen apologetisch vermittelt wurden.

Neonazis sind über ihre Ahnenreihe vor 1945 vielleicht nicht besser informiert, aber es kommt häufiger als im Durchschnitt vor, dass sie darauf Bezug nehmen. Guido Knopps NS-Propagandamontagen haben auch andere gesehen, aber Neonazis haben ihre Eltern und Großeltern ausgefragt.

Der laufende Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten demonstriert aktuell wie heikel das Erbe des Nationalsozialismus unverändert ist, so heikel wie lange nicht mehr. Wie leicht das verkannt werden kann, zeigte sich unlängst bei einem beiläufigen Kommentar auf facebook, der mich verfolgte. Ich habe mich ausgiebig mit Legendenbildung beschäftigt, und wenn sie mir begegnet, beschäftigt mich das notgedrungen ausgiebig.

Jemand hatte einen auf YouTube gefundenen ZDF-Bericht über die Beerdigung von Karl Dönitz verlinkt, in dem ein User den Ausdruck eines „linken Zeitgeistes“ zu erkennen meinte. Das ZDF war mit dem Ex-Obernazi „ausgewogen“ verfahren und hatte immerhin nicht nur Gutes über den Toten zu erzählen. Hätte anno 1981 ein „linker Zeitgeist“ geweht, wäre das Quasi-Staatsbegräbnis abgesagt worden.

Oder es hätte immerhin Protest gegeben, von dem die Berichterstattung bestimmt worden wäre. Ich hätte an der Quelle gesessen, von der er sich hätte erheben können, in der Hamburger Universität. Vielleicht habe ich etwas verpasst?

Wie objektiv kann Geschichtsschreibung von Zeitzeugen überhaupt sein? Stellen diese nur elaboriertes Material für Oral History dar? Die Akzente werden gewiss anders gesetzt, je nachdem, wie nah die Geschehnisse gehen und aus welchen Quellen überhaupt Erkenntnisse gezogen werden.

Dönitz war nicht nur noch mein Zeitgenosse, ich bin seiner Geschichte, vor allem den letzten 23 Tagen der „Reichsregierung“ in der Marineschule in Mürwik bei Flensburg unter Beteiligung der SS (→ Himmlers Ende), sowie seinen Spuren in die inzwischen fast schon zeithistorische Gegenwart nachgegangen. (→ Mission Friedensplatz)

Ein „linker Zeitgeist“ von 1981 wäre im nächsten Jahr dahin gewesen, als Kanzler Helmut Kohl (Jahrgang 1930) das Unwort der Epoche von der „geistig-moralischen Wende“ aussprach, das über der Wende, die sich stärker mit seinem Namen verbunden hat, in Vergessenheit geraten zu sein scheint. Ich habe die Formel bis zum Überdruss gehört und nur einmal zwangsläufig zitiert, in einer Kurzgeschichte dessen, was als → „brauner Spuk“ durch die Medien geistert.

Im Geist der Zeit kommen Rassismus und Antisemitismus vor, als sei es gestern gewesen. Dass der Wind nicht aus der Richtung wehte, von der gegenwärtig Denkmalsstürzer beflügelt werden, mit welchem Namen sie auch versehen wird, und wie sich die Geschichte in der Wiederholung verändert, belegt ein Fall aus dem eben dem Jahr, das mit Dönitz’ ehrenvollem Abgang abschloss, das Attentat auf den „Kriegsklotz“ in Hamburg, ein NS-Denkmal. (→ Der Klotz steht noch)

An der „geistig-moralischen Wende“, die Kohl androhte, und dem Gesellschaftsmodell, das er meinte, stießen mich die Anteile ab, die ich heute schlankweg „völkisch“ nennen könnte, weil das Wort in aller Munde ist. 1981 hätte ich das Wort zwar verwenden können, aber wohl nur, weil ich für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eingeschrieben war, ein Orchideenfach, das, ach, auf einen zurück geht, der, genau … Im Gespräch mit sonstwem hätte ich Anstoß oder Verständnisfragen erregt.

Es war nicht einmal Dönitz’ Schatten, der auf Worte wie diese fiel; lange noch nicht war er als Teil des Massenvernichtungssystems begriffen worden. Dass er von den Alliierten nicht gehenkt, sondern nur zu Haft verurteilt worden war, galt seinen Landsleuten als Entschuldung.

1981 war „Nazi“ und „NS“ üblich; „Nationalsozialismus“ auszusprechen fiel auf, als wäre damit etwas genauer bezeichnet, als gewusst werden sollte. Mit dem Landserjargon hatten Elemente der Lingua Tertii Imperii überlebt. KZ ist schneller ausgesprochen als Konzentrationslager und näher am Schweigen; man machte möglichst wenig oder kryptische Worte.

Auch die Historiker eierten herum. Zum Beispiel Krausnick und Wilhelm in ihrem Buch über die Einsatzgruppen von 1981, in dem die Massaker aus größtmöglicher Distanz betrachtet werden, wie die Verwaltungsvorgänge, als denen sie in der Hauptquelle, den „Ereignismeldungen“, erscheinen sollten. Wie elendig grausam es zuging, ließ sich erst eineinhalb Jahrzehnte später nachlesen.

Keine Zeitzeugen in den Schulen, bestenfalls Filme über Konzentrationslager für ausgewählte Klassen nach Gusto der Lehrkraft. Erst zwei Jahre her, dass die US-TV-Serie Holocaust einen Schock ausgelöst hatte.

Nur meine subjektive Sicht? Zeitgeist ist allemal mehr als was sich den Archiven entnehmen lässt. Für 1981 kommen keine elektronischen Datensätze in Frage. Amtliche Akten wären inzwischen theoretisch zugänglich, aber nur in Auswahl und unter schweren Bedingungen. Den Wirklichkeitsgehalt der nächstbesten Quelle könnte ich ab 1982 eingehend kritisieren. Dabei würde es auch darum gehen, was ich in keiner Zeitung publizieren konnte oder wofür schon gar kein Honorar zu erwarten war, weil NS darin vorkommen müsste.

Linker Zeitgeist? Das Blatt, für das ich hauptsächlich schrieb, galt als links. (Was für Akten bei Polizei und Verfassungsschutz! Längst geschreddert?) Die Redaktion erhielt kaum Mitteilungen von Behörden oder gar Einladungen zu Pressekonferenzen. Über Theaterpremieren hatte ich mir vom Oberrang aus ein Bild gemacht, bis ich die erste kostenlose Karte für das Parkett bekam.

Ich kannte eine maßgebliche Medienstimme aus der Nähe, hatte als Bote im Springer-Verlag gearbeitet und besondere Beziehungen zur Welt, dem Kampfblatt des Revisionismus. „Dreigeteilt niemals“ stand damals im Foyer des Verlagshauses. Man musste kein eingeschriebener Linker sein, um dabei nicht mitzumachen zu wollen.

Unlängst habe ich im Radio jemand von politisch links und rechts im 19. Jahrhundert schwafeln hören. Für das 21. Jahrhundert wäre es fällig, die überkommene Frontstellung aufzugeben. Für die Bestimmung des Windes, um im Bild zu bleiben, gibt es üblicherweise auch vier Hauptrichtungen.

Eben gerät die oben genannte Zeitung wieder als „links“ in Verruf. Als wäre die Zeit stehen geblieben. Ist sie nicht. 1981 sollte das Blatt zur Geltung bringen, was andere Medien ausließen oder unterschlugen. Polizeigewalt zum Beispiel. Darüber reden 2020 alle, und die Zeitung fällt lediglich dadurch auf, dass sie am Rande einen anderen Ton anschlägt.

Mit der Zeitung von 1981 wären inkriminierte Zeilen untergegangen; in den Sozialen Netzwerken werden sie dagegen zum Exempel für die Grenzen der Meinungsfreiheit. In der Zeitung von 1981 sollte es egal sein, wer die Texte schrieb; sie wurden zwar gekennzeichnet, mit Vornamen oder Kürzeln, aber auf nähere Angaben zu den Autor*innen wurde bewusst verzichtet.

Reportagen waren für Journalist*innen die einzige Form „ich“ zu sagen. Zwischen Fernsehen und Zeitungen bestand die längste Zeit der Unterschied, dass die Schreibenden gesichtslos waren. Der heutige Standard, jede Meldung mit einer Person zu verbinden, ist kaum ein Jahrzehnt alt.

Inzwischen publizieren Journalist*innen nicht nur professionell sondern auch privat, beobachten nicht nur möglichst unabhängig, sondern nehmen Teil an dem, worüber sie berichten. Manche sind durch Kommentare bekannter als durch ihre Berichte.

Andere bestreiten ihre Berichte damit, dass sie sich selbst bei der Recherche ablichten lassen. Was in zehn Minuten hätte gesagt werden können, wird zu einer Abenteuergeschichte von einer Dreiviertelstunde. Und noch ein Interview füllt die Lücken der Recherche und wiederholt, was anderswo, an Stellen, wo die Selbstdarstellung nicht im Vordergrund stand, längst festgehalten worden ist.

Der Chefredakteur einer Lokalzeitung, der nicht nur persönlich über Ereignisse in der großen weiten Welt berichtet, sondern dabei vor allem sich selbst beim Berichten darstellt, erfüllt entweder Wünsche seiner Leserschaft oder bezeichnet den Gipfelpunkt einer Entwicklung, von dem aus es nur noch bergab gehen kann.

Wer sich nicht nur als zufälliger Konsument, sondern kritisch in Hinblick auf die Produktionsbedingungen vornimmt, was jeweils von den Leuten abgesondert wird, die sich mit ihren Berichten selbst verkaufen, bemerkt rasch, wie gering der Unterschied ist in Hinblick auf Wissen und Erfahrung, auf Kompetenz, zu jedem beliebigen facebook-Poster, der sich zu einem Sachverhalt zu Wort meldet.

Zum Gründungsmythos der erwähnten „linken“ Zeitung gehört der Verzicht auf das Material, mit dem damals alle Zeitungen arbeiteten, dem der Nachrichtenagenturen, allen voran der Deutschen Presse- Agentur. Die dpa hatte lange Zeit praktisch ein Monopol, zahllose Lokalzeitungen bestritten ihre überregionalen Berichte mit dpa-Texten und -Fotos. Es gab einen Mainstream – und dann lange nichts.

Irgendwann gliederte sich die „linke“ Zeitung ein. Das Quasi-Monopol der dpa ist abgelöst worden von einem Mainstream, der aus endlosen Wiederholungen besteht, die sich aus Verlautbarungen interessierter Parteien speist, und den Erzeugnissen der wenigen Medien, die sich eigene Recherchen leisten, voran die öffentlich-rechtlichen Sender und eine Handvoll Zeitungen und Zeitschriften.

In einer Umfrage zum Vertrauen in die Medien standen diese zu Recht oben. Dass darin die Lokalpresse noch vor Süddeutscher und ZEIT rangiert, lässt sich als gelungene Täuschung verstehen und als Verblendungszusammenhang. Die gemeine Lokalzeitung recherchiert nie und arbeitet stets nur das ab, was den jeweils Ton angebenden Kreisen genehm ist.

Daran hat sich seit 1981 nichts geändert. Ehedem war die Nachwuchslage sogar noch verhängnisvoller. Das Gros der Redakteur*innen in den großen Zeitungen hatte die Ausbildung in einem Provinzblatt gemacht, wo die wirtschaftlichen Interessen des Verlags in einem ungetrübten Einvernehmen mit den politischen Akteuren besteht. Kritisch konnte man nur werden, wenn es gegen die ging, die ohnehin nichts zu melden hatten.

Inzwischen gibt es mehr Journalist*innen, aber was als berichtenswert gilt, wird weiterhin nach Gesichtspunkten beurteilt, die keiner reinen Lehre des Journalismus entsprechen.

Rassismus, Nationalsozialismus, Denkmalsturz oder Kant kommen in der Lokalzeitung bestenfalls als Echo aus der Großstadt vor. Ich könnte aus dem Stegreif eine Reportage schreiben über die Verhältnisse in der Kleinstadt – und habe es in Absätzen längst auf diesem Blog getan. Und dabei meiner Chronistenpflicht Genüge getan, ohne Resonanz zu erwarten.

Eine Zeithistoriker*in könnte meine Aufzeichnungen aufstöbern und immerhin feststellen, dass das festgefügte Eiapopeia-Schönwetter-Bild, das die Lokalzeitung zur selben Zeit verbreitet hat, Lücken aufweist. Fraglich, wie weit man in frühestens 30 Jahren noch auf vertrauenswürdige Quellen wird zurückgreifen können, um des Abstands inne zu werden zwischen den Debatten, die geführt wurden, und dem, was ihnen sachlich zugrunde lag.

Mich schaudert, wenn Meinungsfreudigkeit positiv besetzt wird. Meinungen gibt es im Dutzend billiger. Von Journalist*innen sollte das Gegenteil zu erwarten sein. Sie sollten qua Profession von allem etwas verstehen und sich möglichst rasch mit allem, was ihnen unterkommt, vertraut machen können. Wenn sie aber darin wirklich geübt sind, sollten sie wissen, wie leicht eine Meinung zu bilden, wie mühselig aber die Wahrheit einzufangen ist.

Noch bei jeder Nachforschung, die ich angestellt habe, sind mir zahllose Ansichten und Meinungen untergekommen, und meine Aufgabe war es schließlich, diese auf ihren Sachgehalt hin zu prüfen, bevor ich mich zu der in Frage stehenden Sache äußere. Ich artikuliere längst keine Meinung mehr zu Angelegenheiten, mit denen ich mich nicht gründlich befasst habe. Gründlich heißt mehr, als Medien konsumiert oder noch so viele Bücher gelesen zu haben.

Wie gut ich über Rassismus und Polizeigewalt im Bilde sein mag, fehlt mir eine Erfahrungsdimension. Ich komme nicht als Opfer in Betracht. Ich bin auf die Täterperspektive verwiesen, auf die Ansichten meiner Großeltern und Eltern, die mit der NS-Epoche verbunden sind. Von den sozialpsychologischen Verwerfungen ist meine Generation betroffen und hat Entsprechendes weiter gereicht.

Kann ich die Diskriminierung als Schwarzer oder Schwarzkopf nur von außen betrachten, kann ich indes als Weißer besser einschätzen, wofür die automatische Selbstüberschätzung einzustehen hat. Worin die Bedrohung bestehen soll und wofür sie gebraucht wird.

H. P. Lovecraft, ein Rassist und Antisemit in Worten, freilich befreundet mit Juden und sogar verheiratet mit einer, markierte die Angst als die heftigste Empfindung des Menschen und als die größte Angst die vor dem Unbekannten. Lovecrafts Storys beschwören, den Schleier über dem Unbekannten zu belassen, weil Wissen das Grauen erst herauf ruft. In kosmischer oder mythologischer Hinsicht mag das stimmen, in politisch-irdischen Dingen, in Fragen des gesellschaftlichen Umgangs hilft gegen die Angst vor dem Unbekannten nur Aufklärung.

In puncto Rassismus etc. wird viel Nebel verbreitet. Statt Journalist*innen, die stark mit Meinungen hervortreten, wären solche gefordert, die sich ein umfassendes Bild von den Sachverhalten machen. Wie unvollständig das Bild ist, springt geradezu ins Auge. Dass Schwarze andere Diskriminierungserfahrungen machen als Schwarzköpfe und diese andere als Juden wird gar nicht erst eingehender erörtert.

Kommen die weißen Meinungsführer*innen nicht von selbst darauf? Oder soll daran nicht gerührt werden? Antisemitismus gibt es nicht nur bei Weißen und Rassismus als Fremdenhass gelesen betrifft Gruppen, über deren Diskriminierung plötzlich Einigkeit bei denen besteht, die bedauern, keine Sklavenhändler-Statue zum Stürzen vor der Haustür zu haben.

Den Opfern von Rassismus mag das Reden eine Erleichterung verschaffen. Solange es den Rassisten nicht weh tut, wird es Gerede bleiben. Weh kann es nur tun, wenn den Gedanken Kants (im digitalen Jargon) gefolgt wird, in denen er auch das Urteil über seine eigenen rassistischen Anwandlungen spricht: Den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu finden.

Kants Gedankengang beansprucht mehr zu sein als eine Meinung. Ist er wahr, spielt der Charakter des Denkenden keine Rolle. Umso weniger als es sich nicht um eine ontologische Feststellung sondern ein Postulat handelt.

Im Jahrhundert nach Sigmund Freud fragt sich, wie weit sich Kant der eigenen Unmündigkeiten bewusst war, als er den Satz formulierte. Oder ob er seine eigenen rassischen Vorurteile darunter gerechnet hätte. Statt Kants Charakter zu untersuchen, wären seine Nachfahren besser beraten, sich der eigenen Unmündigkeiten anzunehmen.

Die Skandalisierung ist offenbar unabdingbar, um aufzurühren, aber sie bringt Vehemenzen mit sich, die ihrerseits den Blick vernebeln. Erinnern, wiederholen, durcharbeiten ist das Motto der Psychoanalyse, und demnach bleibt die Skandalisierung vor dem Durcharbeiten stecken. Das Rad wird nicht mehr neu erfunden werden, aber damit es sich weiter dreht, muss sich seine Wendung ändern.

Das Streichen der „Rasse“ aus dem Grundgesetz ist keine Anwendung der Debatte. Kein neues Gesetz ist erforderlich, kein weiteres Symbol. Kein weiteres Wort.