Aus der Geschichte des Neonazismus in Hamburg und Niedersachsen

Das Attentat von Stephan K. im S-Bahnhof Veddel in Hamburg vom Dezember 2017 hat an das Verbrechen erinnert, das er ein Vierteljahrhundert zuvor verübte. Der Tod von Gustav Schneeclaus in Buxtehude im März 1992 ist Teil eines Komplexes, der Ausschnitt eines größeren ist. Die Vorgeschichte und die Nachwirkungen, die vor allem die Laufbahn des Mittäters Stefan S. in Tostedt betreffen, werden hier dokumentiert.

Teil 1Landfriedensbruch — 24. Mai 2010 | Straftheater — 5. August 2011 | Kreuzungen im Netz — 20. August 2011 | Schandmale — 5. August 2011 | Blut am Busbahnhof — 18. März 1992

Teil 2Der Professor und der Skin — Februar 1992 | Bandenbildung — 1994 | Bürgergesellschaft — 1991/93 | Gespenstergeschichten — Juli/Dezember 1985 | Sündenböcke im Spiegel — 18. März 2012

Teil 3Befreite Zone — 1973–2012 | Fememorde — 2. Februar 1987 | Nachwuchsförderung — 1995–2011

Teil 4Bewährte Weisen — 1998/99 | Straßenshow — 2000 | Straßenschmuck — 2005–11 | »Klima der Bedrohung« — 23. Mai 2010 | Glaubensfreiheit — 2011/13

Stefan S. in Tostedt (Zeichnung: urian)

Der Professor und der Skin — Februar 1992

Die Bluttat am Busbahnhof von Buxtehude steht in einer Reihe, die sich zwischen 1991 und 1993 verdichtet. Nach der Wiedervereinigung schlägt der Zeitgeist großdeutsch aus. In den Breiten, in denen die Diktatur in frischer Erinnerung war, ebenso wie in der Nachbarschaft, in Niedersachsen.

Bei Gifhorn jagen im Mai 1991 »Skinheads« einen 23-Jährigen. Auf der Flucht fährt ihn ein Auto an, er überlebt schwer verletzt, stirbt aber im März des folgenden Jahres, keine drei Wochen vor Gustav Schneeclaus. September in Hoyerswerda: Brandsätze gegen ein Ausländerwohnheim, tagelange Ausschreitungen; der Mob grölt: »Deutschland den Deutschen!«, »Ausländerschweine raus!« und »Bringt die Bullen um!«

15. März 1992, Saal in Mecklenburg-Vorpommern: 18-jähriger rumänischer Asylbewerber erschlagen. 19. März, am Tag nach dem Totschlag von Buxtehude: »Skins« bringen in Flensburg einen 31-jährigen Sinti um. Im April wird ein Vietnamese in Berlin-Marzahn erstochen. Im Mai überfallen 50 Neonazis eine Gaststätte in Magdeburg; ein 23-Jähriger stirbt. Im Juli und August werden Obdachlose in Neuruppin und Berlin attackiert.

Ebenfalls im August der Überfall auf die »Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber« im »Sonnenblumenhaus« in Rostock-Lichtenhagen. In Mölln kommen im November beim Brand zweier von Türken bewohnter Häuser eine Frau und zwei Kinder um. Im selben Monat töten zwei »Skinheads« in einer Wuppertaler Gaststätte einen Arbeitslosen, nachdem der Wirt ihn als »Jude« bezeichnet hat. Im Mai 1993 verbrennen in Solingen die vier bis 27 Jahre alten Gürsün, Hatice, Hülya und Saime Genc sowie Gülistan Öztürk.

Die verfügbaren Zahlen sind so wenig verlässlich wie vergleichbar. Die amtlichen Statistiken setzen 1980 ein. Bis 1987 vermengen sie Gewalt gegen Menschen und gegen Sachen; 2004 wurden die Kriterien des »Rechtsextremismus«-Rasters erneut verändert. Für 1991 bis 1993 lassen sich 3600 Gewaltakte gegen Menschen zählen, im Schnitt vier am Tag.

Allgemeine Erklärungen für diese »Welle« gibt es reichlich. Wirtschaftliche Krisen und Massenarbeitslosigkeit werfen stets an den Rändern blutige Blasen. Aber wie genau passt der Seemann zu den Ausländern; wie ist Buxtehude auf die Liste geraten?

Der Totschlag hat einen Vorlauf, so wie er selbst, über die Person des Täters hinaus, ein Vorlauf des Landfriedensbruchs am Pfingstmontag 2010 in Tostedt ist. Zufällig gibt es ein Zeugnis, das ein Schlaglicht auf die unmittelbare Vorgeschichte wirft. Indes erhellt es diese weniger als es Verkennungen deutlich macht.

Zum Verständnis eines Verbrechers, zur »Leichenöffnung seines Lasters«, empfahl der Mediziner und Historiker Friedrich Schiller in seinem geistigen Sektionsprotokoll Der Verbrecher aus verlorener Ehre: »wir müssen mit ihm bekannt werden, eh’ er handelt; wir müssen ihn seine Handlung nicht nur vollbringen sondern auch wollen sehen. An seinen Gedanken liegen uns unendlich viel mehr als an seinen Taten, und noch weit mehr an den Quellen seiner Gedanken als an den Folgen jener Taten.«

Ein Politikprofessor aus Buxtehude stand am Brunnen. In einem Buch über Fremdenhass und dessen Gedankenquellen schildert er eine »Diskussion mit jungen Skins«. Von »deren Anführer« wird ihm »entgegengehalten, in den deutschen Städten sei doch längst Krieg.« Der Professor fragt, »woran er denn das sähe«.

Der Skin verweist »auf die Wohnungsprobleme, die steigende Arbeitslosigkeit, die zunehmende Kriminalität von Ausländern, durch manche Stadtteile könne er gar nicht mehr zu gehen wagen. Da müsse man sich doch wehren – und weil die Politiker schliefen, sei er an der Zeit, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Dies sei schließlich erlaubt, so schloss er, weil niemand erwarten könne, dass man zusehe, wie das eigene Land kaputtgehe, Deutschland den Volkstod erleide.«

»Freund-Feind-Denken ›auf skinisch‹«, kommentiert der Professor. »Woher er denn das alles wisse«, fragt er weiter. »Das sei doch ganz klar«, erwidert der Skin. Dass der Professor »das alles nicht wahrhaben wolle, hänge wohl mit [s]einer privilegierten gesellschaftlichen Stellung zusammen.« Drei Wochen danach erschlägt dieser junge Mann »einen arbeitslosen deutschen Kapitän«.

Die Frage nach den Quellen seines Wissens als Heischen nach namhaften Zitaten weist der Skin zu Recht zurück. Wohnungsprobleme, Arbeitslosigkeit, Kriminalität – er spricht aus eigenem Erleben. Er argumentiert nicht, sondern sagt, »durch manche Stadtteile kann ich gar nicht mehr zu gehen wagen«. Gegenden, die der Professor nie betritt, der ein Häuschen bewohnt, einen sicheren Arbeitsplatz mit Pensionsanspruch hat und Verbrechen nur aus dem Fernsehen kennt.

Das Gefühl des Abgehängtseins ist ihm so fremd, dass er den Sprung vom eigenen »Kaputtgehen« des Skins zum »Volkstod« nur für einen verkürzten Gedanken hält. Der Skin reißt jede akademische Hürde, spart sich die Worte und geht zur Tat über. Ausgesondert, zur Seite geschoben: den Status teilt er mit seinem späteren Opfer.

Das Freund-Feind-Gedankengebilde des Rechtsgelehrten Carl Schmitt, an das der Professor sich erinnert fühlt, geht den Skin nichts an: Schmitt als Quelle der Grundsätze, die von der »Neuen Rechten« in Medien und Politik eingeschleust werden. Wie Rassismus und Antisemitismus sich als »Ethnopluralismus« tarnen: Jedem das Seine, jeder heim in sein Reich.

Im Personenlexikon des Dritten Reichs ist Schmitts Eintrag einer der längsten. Massenmörder können nach ihrem Ableben kein Unheil mehr anrichten; die Denker schon. Nach einer Internierung bis 1947 wirkte Schmitt als »einflussreicher Strippenzieher« bis zu seinem Tod 1985.

Sein Axiom: »Die spezifisch politische Unterscheidung, auf welche sich politische Handlungen und Motive zurückführen lassen, ist die Unterscheidung von Freund und Feind.« Sie reicht bis zur »Ausscheidung oder Vernichtung« der Abweichung. 1934 rechtfertigte Schmitt in Der Führer schützt das Recht die mörderische Ausschaltung von Hitlers Widersachern aus der Sturm-Abteilung durch die Schutzstaffel.

Aus den Büchern und gelehrten Zeitschriften, die der Professor akribisch auswertet, quellen keine Skin-Gedanken. Sie speisen sich aus dem Alltagserleben. Die abstrakte Wurzel, das Freund-Feind-Schema, wandelt sich nicht. Gestalt nimmt es jedoch nicht zuerst in den Studierstuben an, sondern auf der Straße. Der Professor horchte auf das, was andere an ihren Schreibtischen raunten, und verachtete die Erfahrungssätze des Skins.

Die weltanschauliche Übereinstimmung zwischen Schmitt und dem Skin vermitteln nicht Junge Freiheit oder MUT und Die Welt, eher schon das Fernsehen. Was heutigentags im Internet austreibt, blühte damals noch im Verborgenen. Wer Helden nach Nazi-Art suchte, fand sie jedoch allzeit mühelos.

Für einen aus der Generation der Skins von Buxtehude begann die Reise ins Dritte Reich mit den Landser-Heften im An- und Verkaufsladen, in den er nach der Schule einkehrte. Sie steckten im selben Ständer wie Perry Rhodan und eine kommentierte und daher erlaubte Ausgabe von Mein Kampf. Dann hörte er die Rockband Kiss und sah im Kino Das Boot.

Schmitts Freund-Feind-Schema gibt dem Hass eine intellektuelle Stütze, ohne die er sehr gut stehen kann. Konzepte von Freundschaft und Feindschaft haben die Skins mit Gustav Schneeclaus nicht erörtert. Sie haben bis aufs Blut ausgelebt, was auch anderswo ausgetragen wird und stets nur am Rande akademisch. Mit Schiller gesprochen: Auf die Worte des Skins vor dem Streit mit tödlichem Ausgang käme es weniger an als auf die Situation der »Diskussion«, die er Professor mit ihm hatte.

»Wurde mir entgegengehalten«, notiert dieser und weiter nichts über die Umstände der Begegnung. Das zeugt nicht von der Wut, in die der Skin in der Auseinandersetzung mit dem anderen Unterprivilegierten geraten wird, als der, drastischer als der Professor es je täte, seine Haltung ausdrückte. War keine Wut vorhanden, bemerkte der Professor sie nicht oder hielt er es für unwissenschaftlich, auf derartige Eindrücke einzugehen? Winkte der Skin schon ab – »Sie verstehen das nicht, Sie sind eben privilegiert« – und ließ den Professor stehen, bevor die Ansichten härter aufeinander prallen konnten?

Bandenbildung — 1994

Als der Professor dem Skin begegnete, kritisierte Bodo Morshäuser: »Nur wenige verstehen hier unter politischer Kultur, deutsche Vergangenheit als persönliche, sich selbst als jemanden aus deutscher Vergangenheit anzunehmen.« Morshäuser schrieb im Angesicht von Skins, die in Schleswig-Holstein getötet hatten, und versuchte zu verstehen, woher ihre Gewalt kam. »Begriffssprengend« nannte er die »Momente, in denen das Persönliche Politik erzählt«.

Morshäuser hatte es leichter als der Professor in Buxtehude. Aus Berlin nach Kellinghusen verschlagen, richtete sich sein Augenmerk automatisch auf die Umstände der Tat, die ihm so fremd waren wie die Umgebung, und er stellte Beziehungen der Totschläger zum Ort, seiner Geschichte und Gegenwart her, in denen Einheimische befangen sind. Als Schriftsteller scheute er außerdem keine Selbstreflexion.

Dass »in den deutschen Städten längst Krieg« sei, könnten der Professor und der Skin gelesen haben – im Buch Krieg in den Städten, das 1991 von Berlin aus einen Blick in die europäische Runde und in die Zukunft warf. Die Kreuzberger Zerstörungsanfälle zum 1. Mai waren noch eine West-Berliner Eigenheit. Erst nachfolgend entwickelte sich etwa im Hamburger Schanzenviertel aus dem Protest gegen den Neubau eines Operettenhauses ein Belagerungszustand mit regelmäßigen Ausfällen gegen die Polizei. Die Unruhen, die das Buch beschwor, wurden stellenweise alltäglich.

In den Feuilletons machte die Reportage aus der Unterwelt Furore und wurde auch von denen wahrgenommen, die darin zu Wort kamen: den Unterprivilegierten, die ihr Los nicht nur ertrugen sondern sich äußerten, in Gewalt wie in Politik und Kultur. Weil die Feldforschung der Autoren nicht akademischen Standards entsprach, meinten die Professoren ihre Erkenntnisse ignorieren zu können.

Der Buxtehuder Professor erwähnt den Skin lediglich am Rande, im Kapitel über den »Verfassungsschutz im Dilemma zwischen diskursiver und staatsschützender Tätigkeit«. Er soll illustrieren, dass »bei vielen Gewalttaten keine direkten Verbindungen in die neonazistische Szene nachweisbar« seien.

Den Bericht der Begegnung beschließt die Bemerkung: »Wie sich bei der [Gerichts-] Verhandlung herausstellte, war die gesamte Skingruppe in keiner rechtsextremistischen Szene eingebunden oder gar organisiert.« Zeitgenössische Presseberichte geben nichts zur Banden-Frage her; beiläufig ist von einer »Skinhead-Clique« die Rede. Zufällig lässt der Punkt sich klären.

Der mit dem Fall befasste Staatsanwalt plaudert als Pensionär darüber. Er war für Jugendsachen zuständig, ein spezialisiertes Ressort für »extremistische, ausländerfeindliche und antisemitische« Strafsachen noch nicht eingerichtet. Die Polizei ermittelte zunächst auf Raub, der Staatsschutz war nicht eingeschaltet.

Das Gericht untersuchte keine Bandenbildung. Die war nicht angeklagt, danach wurde nicht gefragt. Für die Urteilsfindung wurden keine Organigramme von Kameradschaften als Beweismittel herangezogen; eine Parteimitgliedschaft war irrelevant. Die Kammer widmete sich vor allem dem engeren Tatverlauf: wer wann und wie zugeschlagen und getreten hatte.

Über die Braune Bande ist hingegen mehr zu erfahren als der Professor bestreitet. »Mindestens einer der Täter ist der organisierten Neonazi-Szene zuzurechnen«, gab ein Antifa-Flugblatt zu einer Demonstration am ersten Jahrestag des Totschlags bekannt. Zur »Clique« am Busbahnhof gehörte die Tochter eines NPD-Funktionärs, die später selbst Aufgaben in der Partei übernahm. Im Prozess wie im Buch des Professors unbeachtet und dem Anklagevertreter unbekannt ist die Vorgeschichte der Tat.

Der Professor konnte nicht ahnen, dass es bedeutsam sein könnte, mit welchem der beiden Skins er gesprochen hat. Ob der, den er als »Anführer« der angeblich nicht existierenden Bande identifiziert, derselbe ist, der 20 Jahre später eine Gruppe anleitet. Der Staatsanwalt erinnert sich an den älteren Angeklagten als Anführer, als »hochprozentigen Neonazi«, und hielt den anderen für einen unentschlossenen Mitläufer. Demnach wäre eine Wandlung eingetreten. Der Mitläufer wurde Anführer.

Bürgergesellschaft — 1991/93

Noch einmal kommt der Professor auf den Skin zurück, im Kapitel »Versuch, ›offene Bürgergesellschaft‹ zu gestalten: Erfahrungen vor Ort«. Im Auftrag des Rats des »malerischen und friedlichen 33 000-Einwohner-Städtchens« sollte er die Stimmung der Bürger erforschen.

Das »›Asylantenproblem‹«, so die Ausgangslage, hatte »die Gemüter beträchtlich erhitzt: Bürgerinitiativen, die sich gegen die Unterbringung der Flüchtlinge in Holzhüttensiedlungen engagierten – es sie denn, diese würden ganz am Rande der Stadt erbaut; mehrere Brandanschläge gegen die noch unbewohnten Unterkünfte; Proteste in der Bevölkerung, vor allem gegen die teilweise durchaus unbürgerlichen Sitten und Gebräuche einiger Roma-Familien; die Drohungen des Stadtdirektors, das zentral gelegene Fußballstadion zu sperren, um dort eine Zeltstadt für Asylsuchende zu errichten; Unmut in der Geschäftswelt über ansteigende Ladendiebstähle.«

Und schließlich sei »das Klima durch einen schrecklichen Mord angeheizt worden: Ein Skinhead hatte am helllichten Nachmittag einen arbeitslosen Kapitän erschlagen«. »Mord« mag als Redewendung für die Tötung hingehen. Keine Phrase ist, dass der zweite Täter zum zweiten Mal unerwähnt bleibt. Gemeinschaftliche Straftatbegehung macht nicht nur formaljuristisch einen Unterschied; es ist eine andere Handlung, auch wenn man den Rest der Bande weglässt.

An einem Prozess gegen mörderische Skins bemängelte Bodo Morshäuser die Dürftigkeit der Erklärungen, die »das Moment der Tat, das Moment der gemeinschaftlichen Gewalt als gemeinschaftlichen Lusterlebnisses nicht erreichen, nicht einmal streifen. Außer allem zur Sprache Gekommenen verbindet die Jungs etwas nicht zur Sprache Gekommenes.«

Der Professor streift die Tat selbst, als sei sie keiner genauen Rede wert. Das Besondere kommt nur in den Blick als Beispiel für allgemein Vorgedachtes. Und die Anschläge auf Unterkünfte für Asylbewerber gehören nicht zur Vorgeschichte der Bluttat. Es brannte fünf Monate nachher und deutet an, welchen Rückhalt in der Bevölkerung Gesinnungstäter noch nach dem »schrecklichen Mord« zu haben glaubten.

Nebenbei ergibt die Aufzählung, dass die Frage des Professors, woher der Skin von Ausländerkriminalität wisse, rhetorisch war. Sie wussten aus denselben Quellen davon: das Gerede in den Straßen von Buxtehude und Veröffentlichungen der Lokalpresse.

300 zufällig ausgewählte Bürger wurden für das Forschungsprojekt angeschrieben, 70 willigten in eine Befragung ein, und von diesen äußerte sich die Mehrheit derart, dass der Professor zum Schluss ausruft: »Die Bürgergesellschaft lebt! Mit ihren Bürgern kann sie verteidigt werden gegen die Versuche von Rechtsaußen, der Bundesrepublik Deutschland das Fundament zu zerstören.«

Aber auf dem Busbahnhof starb kein Asylbewerber, Ausländer, Dunkelhäutiger, und nie hatte Buxtehude, außer in der Einbildung der Bürger, ein »Asylantenproblem«. Wovon der Professor schweigt wie von der Wut des Skins, ist das Betragen der Bande in den Monaten vor dem Tod von Gustav Schneeclaus. Dem Reisenden, der 1991 aus dem Zug steigt, springen sie ins Auge.

Er kommt aus Berlin, wohnt unweit des Halleschen Tors an der Grenze zu Kreuzberg. Vor seiner Haustür hätte der Reisende die Gruppe Skins kaum bemerkt. Sie hätten sich nicht so breit machen können oder nur mit erheblich mehr Gewaltaufwand. Dass der Bahnhof Buxtehude ihr Revier ist, weiß jeder oder merkt es sofort. Passagiere huschen mit gesenkten Köpfen vorbei, einige schlagen Umwege ein.

Ob sie den Kopf erhoben halten, die Skins ansehen oder nicht, sie werden unterschiedslos verhöhnt und ein paar Schritte mit der Bierflasche in der Hand verfolgt – schon kommt das nächste Opfer. Alle sehen zu, dass sie weiter kommen. Über die Skins wird in Harsefeld geratscht, der nächsten Station des Reisenden; in der Zeitung steht dagegen nichts oder die Meldung eines Vorfalls, die nur Eingeweihte zuordnen können.

Seit Ende der 1980er konzentrieren sich in den südlich der Elbe gelegenen Stadtteilen von Hamburg, in Harburg und Neugraben, die Neonazis, Skinheads und andere. Die Polizei vertreibt sie regelmäßig von ihren Sammelplätzen; sie weichen mit der Bahn bis Buxtehude aus. Stefan S.s Mittäter kommt von der nächsten Hamburger Haltestelle in Neugraben; er selbst lebt zur Tatzeit in Hollenstedt und entflieht dem Dorf im Bus.

Damals verschlägt es sie bereits zu Kameraden nach Tostedt. Die aus der Großstadt Vertriebenen nutzen verstärkt die überkommenen Anlaufstellen auf dem weiten leeren Land zwischen den Rändern der Freien und Hansestädte: Gebäudekomplexe in Hetendorf, Bargstedt, Großenwörden oder Jork, wo sie ungestört und unbeobachtet sind. In Buxtehude erscheinen sie weder überraschend noch zum ersten Mal.

Gespenstergeschichten — Juli/Dezember 1985

Der »braune Spuk« ist an das Deutsche Haus gekettet. Morgen für morgen steigen die Bewohner in die Halle herunter, und auf dem prachtvollen Teppich prangt erneut der Blutfleck. Das unfehlbare Patentmittel wirkt nur bis zur nächsten Nacht; schon rasselt der Geist wieder mit den Ketten, und die ganze Prozedur geht von vorne los – bis Kinder und Liebe ihn erlösen, als wärs ein Märchen von Oscar Wilde.

Märchen sind die deutschen Verbrechen gerade nicht, wie die Verehrer des Nationalsozialismus glauben machen wollen, insofern verharmlost das Wort vom »braunen Spuk«. Er ist ein Lieblingsausdruck der Medien, ein frommer Wunsch und eine Beschwörung. Aus den Augen, aus dem Sinn ist im Schloss Canterville eine Devise, an die sich nur die Kinder nicht halten.

NSU heißt der Spuk jetzt, das frischeste Verbrechen, für die nächste Weile. Ein Fleck im Treppenhaus, und die Geister rasseln mit den Ketten. Und kein Kind geht hin und fragt, was sie da eigentlich machen. Alle sehen zu, dass sie weiter kommen.

Der Komplex begleitet die Gesellschaft seit je. Seine Elemente sind kriminell, politisch und kulturell. Banden verschwören sich zu Attentaten, tun an Wahlkampfständen Dienst und verabreden sich für Videoaufnahmen in Uniform. Sie werden mal mehr, mal weniger bemerkt und zeigen sich unterschiedlich deutlich. Fort gewesen sind die Dämonen nie, sie geistern allenfalls unter neuen Namen, mit neuen Abzeichen durchs Haus.

Von Spuk sprach William G. Niederland, als er 81-jährig von seinem Entschluss zum Exil erzählte. In vier oder acht Monaten sei »der Spuk vorbei«, hatten seine Freunde geglaubt. »Dann komme ich eben nach acht Monaten wieder«, entgegnete der Psychoanalytiker und setzte sich Ende 1933 in die Schweiz ab.

Erinnern, wiederholen, durcharbeiten ist die Methode seiner Wissenschaft. Ein unablässiger Prozess, so beharrlich wie das Verdrängte wiederkehrt. »Wer sagt, unser Bach und unser Beethoven, der muss auch sagen: unser Hitler«, sagte der Bürgermeister von Hamburg am selben Tag zur Eröffnung des ersten Kongresses, auf dem die deutsche Zunft der Psychoanalytiker sich erstmals förmlich dem »Nazi-Phänomen« widmete.

Vier Tage vor Kongressbeginn hatten drei junge Männer getan, worüber andere beim Bier reden, und ohne sich viel dabei zu denken, das den Geschichtsbüchern zu überliefern wäre. »Vollstrecker des Volkswillens«, als welche sie sich empfanden, sprechen durch ihre Taten, indem sie Unaussprechliches tun.

Am 24. Juli 1985 fielen sie in Langenhorn über den 29-jährigen Mehmet Kaymakei her. Er wurde zu Boden geschlagen und getreten; sie ließen das Trümmerstück eines Betonpfeilers, 94 Kilo schwer, auf seinen Kopf fallen. Dazu musste der Bürgermeister nichts sagen.

Was vorging, registrierten die Medien erst, als Skinheads am 21. Dezember den 26-jährigen Ramazan Avci mit Gaspistole, Gummiknüppel und Gymnastikkeule hetzten, bis ihn ein Auto anfuhr und er mit gebrochenem Bein am Boden liegend zu Tode getreten wurde.

»Wie einen Hund erschlagen«, murmelte der BILD-Leser, der kaum einen »Kümmeltürken« kannte und nicht damit rechnen musste, dass sich weit und breit einer angesprochen fühlte. Zur Allgegenwart des Bösen gehörte seine weitgehende Unsichtbarkeit. Als die »Ausländerquote« politisch fruchtbar gemacht und der Hass geschürt wurde, waren erkennbar Fremde selten. Im Alltag kamen sie eben erst zum Vorschein. Und sie wurden je jünger desto deutscher nach Pass-Status.

Die Fremden waren weitgehend Chimäre, Hirngespinst. Wo sich »türkisches Leben« zuerst im Straßenbild etablierte, rund um den Bahnhof Altona, ging die Vermischung zwanglos vonstatten, im steten Abwehrkampf gegen Ordnungspolitiker und Großinvestoren. Anderswo musste man Türken suchen, um mit ihnen anzubinden. Man konnte am Steindamm beim Hauptbahnhof den Gemüsehändler anpöbeln, aber der hatte Freunde und die Polizei es nicht weit.

Der Fremde wurde schief angesehen, das Maul sich über ihn zerrissen, aber er wurde nicht angerührt, das gerade nicht. Er hielt sich auf Abstand auf Arbeit und in seinem Viertel auf und kam nicht weit herum. In gebildeten Kreisen war der Türke vollends ein Exot. Journalisten kannten den Gemüsehändler vom Sehen, hatten aber nie einen seiner Freunde gesprochen.

Der Bundeskanzler der Christlich-Demokratischen Union drohte nach seiner Machtübernahme 1982 eine »geistig-moralische Wende« an, die von denen, die es anging, die nicht in seinem Sinne dachten und lebten, als Rechtsruck verstanden wurde. In 16 bleiernen Jahren regierte Angst mit: vor den Raketen der USA und RAF-Terroristen, vor dem Waldsterben und Tschernobyl, vor einer Invasion der Ausländer.

Die Massenarbeitslosigkeit verfestigte sich. Von Wahlkampf zu Wahlkampf beschworen die Politiker den Kampf dagegen und versteckten die Folgenlosigkeit ihrer Beteuerungen hinter Sündenböcken. Mal waren die Betroffenen arbeitsunwillig, mal nahmen »die Ausländer« Arbeitsplätze weg.

»Die meisten unserer sozialen Probleme wären gelöst, wenn wir die Arbeitsscheuen, die Verbrecher und die Geisteskranken aus der Gesellschaft ausmerzen könnten«, meinte fast ein Viertel von knapp 900 befragten Jugendlichen zwischen 12 und 20 zur »Wendezeit«, die heutigen Mittfünfziger. Auf 15 und mehr Prozent bezifferten andere Untersuchungen die »verfestigten rechtsextremen Anschauungen« der in den 1970ern Aufgewachsenen. Sie haben die Alternative für Deutschland 2017 in den Bundestag gebracht.

Die Regierung bot den einst als »Gastarbeiter« Angeworbenen »Rückkehrprämien« an, wenn sie die Arbeitsstellen räumten und in ihre »Heimat« verschwänden. Im Visier standen weniger Italiener oder Griechen; mit deren Herkunftsländern verband man sich in der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft immer enger bis zur theoretischen Freizügigkeit der Arbeitsplatzsuche. Das verwünschte Fremde verkörperte sich im Türken.

Religion kam kaum vor, vom Islam war nur obenhin die Rede. Der Koran würde erst Jahrzehnte später in aller Munde sein, verflucht als Handbuch des Terrors. Die Türkei war rätselhaftes Asien, ist es für die Europäische Union bis heute.

Als tödlich gefährdet konnten bereits Asylbewerber gelten. Und nach wie vor Juden natürlich. Die Deutschen Aktionsgruppen verübten im April 1980 einen Brandanschlag auf eine jüdische Schule am Rothenbaum und am 22. August auf eine Unterkunft, in der zwei Flüchtlinge aus Vietnam durch das Feuer schwer verletzt wurden und starben.

Was später Globalisierung heißt, brachte vermehrt Fremde ins Land. Wenige waren je willkommen und erhielten nach Artikel 16 des Grundgesetzes Asyl. »65 000 seit Gründung der BRD« war der Stand 1986, als die »Politik der Abschreckung« entwickelt wurde, die in »Asyllagern – Inseln ohne Menschenwürde« gipfelte, lange bevor Brandsätze auf Unterkünfte üblich bis zur Alltäglichkeit wurden.

Die potenziellen Opfer wussten schwerlich von der Gefahr. Ohne Sprachkenntnisse und abgeschottet auch voneinander vernahmen sie kaum Gerüchte. Sie erfuhren nicht, was in der Zeitung über sie stand, und niemand band ihnen auf die Nase, was Jahre vorher in kurzen Fernsehsendungen gestreift und flugs vergessen worden war.

Tote Vietnamesen berührten den Alltag der Bürger noch weniger als erschossene Türken und Griechen, in deren Restaurants man zu Gast hätte gewesen sein können. Wie das Zeichen, das der NSU setzte, ließ sich das Signal der Aktionsgruppen nicht erst im Rückblick erkennen. Ihre Anschläge hatten einen Vorlauf wie der Untergrund, der ausnahmsweise auszuloten versucht wird.

Zum Prolog des NSU gehören die Anschläge der Aktionsgruppen in Lörrach, Zirndorf, und je zwei Mal in Esslingen und Hamburg sowie der bekanntere im selben Jahr in München durch das Mitglied einer Bande, die im Alten Land an der Süderelbe einen Stützpunkt unterhielt.

Die toten Türken von Hamburg waren 1985 Blitzschläge aus lange geballten Wolken. Politische Klasse und Medien, von denen die Atmosphäre aufgeheizt worden war, wollten den Donner nicht hören. Der sozialdemokratische Innensenator sah nur »Schläger und Radaubrüder« am Werk. »Diese Gruppen tragen meist keine politisch-ideologischen Zielbilder in sich«, meinte der CDU-Chef, sie suchten sich »eher zufällige Opfer«.

Tote Türken betrafen die Gesellschaft nicht, waren kein Grund, über Fremdenhass nachzudenken, seine Ursprünge, seine Ausdrucksformen. Die »Überfremdung« war ein Schreckgespenst, und vom demografischen Wandel, vom »Aussterben der Deutschen« noch keine Rede.

Der Sozialpädagoge Hakki Keskin, eine der ersten intellektuellen Stimmen mit türkischem »Hintergrund«, wie es später heißen wird, sah den Mord an Ramazan Avci als »Ergebnis einer Entwicklung, die keiner von uns wollte, die wir aber erwartet haben. Er ist das Ergebnis der Gesetze und der Politik, die gegen die Ausländer durchgeführt werden. Er ist das Ergebnis des Verhaltens und der Politik, die der Staat, die Polizei und andere Institutionen selbst durchführen«. Er »wundert sich kaum darüber, dass in Bonn die Halbierung der Zahl der ›Gastarbeiter‹ propagiert wird und sich in Hamburg Skinheads daranmachen, auf ihre brutale Weise dabei zu helfen«.

Sündenböcke im Spiegel — 18. März 2012

Die aus Hamburg abgedrängten Skins verschwanden nicht nur nicht, sie breiteten sich aus. Vor die Tür, nach Buxtehude ausgekehrt, fühlten sie sich stark und wurden bekräftigt durch eine stillschweigend duldende Bürgerschaft. Im kollektiven Gedächtnis sind die einheimischen Neonazis nur am Rande gespeichert und fast ausnahmslos im Spiegel einer Facette, der NPD. Das Wenige zeigt hinlänglich, dass sie nie weg waren, sondern nur unterschiedlich vehement auf sich aufmerksam machten.

Die Zeugnisse gehen fast ausnahmslos auf »Angebote« der Partei zurück, als Berichte und Nachrichten über Reaktionen auf deren Unternehmungen. Aus Jahrzehnten finden sich selten Informationen, die auf Nachforschungen durch Journalisten oder öffentlich gemachte Aufklärungsarbeit durch Polizei, Justiz und sonstige Behörden beruhen.

Nach einer Schlägerei an »Führers Geburtstag« 1974 schrieb die Partei: »Und wenn linker Pöbel sich aufmacht, einen behördlich genehmigten Informationsstand der JN in Buxtehude abzuräumen und Mitglieder der NPD-Jugendorganisation tätlich angreift, wird er damit rechnen müssen, eine Tracht Prügel zu beziehen. Am 20. April in Buxtehude und in Zukunft. Mit Hilfestellung der Polizei oder ohne sie.«

Im August 1975 eine Aktion »14 Jahre Schandmauer in Berlin«. Im Oktober 1976 Ausschreitungen bei einer Kundgebung und am Volkstrauertag Kränze mit der Aufschrift »Unseren Gefallenen und Vermissten der Wehrmacht und der Waffen-SS zum Gedenken«.

Für Veranstaltungen nutzte die Partei das einst für die Hitler-Jugend errichtete Freizeitheim. Bis es im September 1979 zu Protesten kam. Anschließend erschien eine Zeitungsannonce: »Die NPD dankt ihren Gegnern, den Verfassern von Protestschriften und Gegendemonstranten für die Propaganda, die sie anlässlich unserer Kundgebung für uns machten und die wir mit unseren bescheidenen Mitteln nicht hätten bewerkstelligen können. Sie haben uns einige neue Mitglieder und viele neue Gefährten gebracht. Nur weiter so!«

Daraufhin debattierten Politik und Verwaltung monatelang über die Hausordnung des Gebäudes. Dessen Geschichte wurde nie auch nur erwähnt; die galt als Geheimnis. Ohne Rücksicht auf die NPD hatte es bereits vorher eine Revolte gegen das »spießige« Reglement im Freizeitheim gegeben und die Besetzung eines Hauses als Alternative.

Auf Ratsbeschluss wurde mit der Braunen Bande aus dem Freizeitheim gleich alles ausgesperrt, was Politik sein könnte, andere Parteien und verdächtige Gruppen. Die NPD hätte ihre Gegner nicht so wirksam zensieren können wie es der Rat auf ihre Anregung hin tat. Auch in Stade wurden Protestveranstaltungen gegen die Partei mit Verweis auf das Gleichheitsgebot unterbunden.

In Buxtehude zieht das Argument Jahrzehnte später immer noch. Weil die NPD sich den Zugang erzwingen könnte, wurde ab Januar 2013 allen politischen Parteien, Verbänden, Gruppen, Anlässen den Zugang zu kommunalen Räumlichkeiten verwehrt. Der Kampf gegen die anti-demokratische NPD wird als Einschränkung der Demokratie geführt. Konsequent ist man dabei freilich nie. Im September 1980 durfte die Bürgerinitiative Ausländerstopp, eine NPD-Tarnorganisation, für eine Veranstaltung eine Schule nutzen.

In den 1980ern geriet nicht nur Buxtehude aus dem Focus der NPD. Allerorten wurden die bürokratischen und juristischen Hürden für Auftritte höher, die Partei zog sich zurück in Hinterzimmer und an ihre privaten Versammlungsstätten. Die Jugend sammelte sich anderweitig, und für lange verlor die Partei völlig den Anschluss. Mit einem Landesparteitag brachte sie sich im März 1984 in Stade in Erinnerung. Eine Versammlung in Hamburg zwei Jahre später sagte sie ab, um den Gegendemonstranten zu entgehen.

Die Medien nahmen stattdessen erstmals braune Ränder ins Visier. Der Lehrer einer Seefahrtschule in Grünendeich fiel durch Holocaust-Leugnung auf. Er gehörte einer Zelle des völkischen Bundes für Gotterkenntnis an, begründet von Erich Ludendorff, General im Ersten Weltkrieg und beteiligt an Hitlers Putschversuch von 1923. Als »Keimgebiet antisemitischer Gruppengesinnung« war die Sekte 1961 verboten, 1976 wieder legalisiert worden.

»Wir sollten uns davor hüten, die beiden Täter nur als Sündenböcke zu sehen, die nur schnell hinter Schloss und Riegel gehörten und unsere Welt wäre wieder in Ordnung«, mahnte der Professor aus Buxtehude bei der Demonstration 1993 anlässlich des ersten Jahrestages der Bluttat am Busbahnhof. Auch für die Skins sei ihr Opfer ein Blitzableiter gewesen; man müsse an der »Entfeindung der Gesellschaft« arbeiten.

Das ging tiefer als die Erklärung der Polizei von einem »Bandenkrieg«, den die »Linken« auslösten, indem sie sich den »Rechten« entgegen stellten. Gustav Schneeclaus solle »zum Märtyrer stilisiert werden«, machte der Chef der Buxtehuder Schutzpolizei das Andenken verächtlich und verlor kein Wort darüber, ob der Mann vielleicht nicht hätte sterben müssen, wenn Bürger und Polizei der Bande frühzeitig Grenzen gesetzt hätten.

Das Gedenken findet alljährlich statt, unter Polizeibegleitung und von Neonazis beobachtet. Zum Jahrestag 2010 plante Stefan S. ein Konzert in der Buxtehuder Festhalle, das kurzfristig abgesagt wurde. Erst beim 20. Mal, nach den Schlagzeilen zur »Zwickauer Terrorzelle«, nahmen Polit-Honoratioren an der Veranstaltung Teil; die CDU enthielt sich ausdrücklich. Vorher gab eine Zeitung dem inzwischen emeritierten Professor das Wort: »Wenn wir unser Spiegelbild angucken, stellen wir fest, dass viele von uns ein Stück solcher Gedanken in sich tragen.«

Nach zähen Verhandlungen durfte die Gruppe, die bis dahin allein die Erinnerung wach gehalten hatte, gemeinsam mit den Honoratioren marschieren. Sie erregte trotzdem Anstoß mit einem Sprechchor: »Nazis morden, der Staat schiebt ab. / Das ist dasselbe Rassistenpack«. Niemand wollte in diesen Spiegel schauen.

Die politische Klasse musste es wenige Monate später tun, anlässlich der mitternächtlichen Abschiebung einer Familie mit kleinen Kindern aus Fredenbeck. Keineswegs erinnert werden wollten sie und alle anderen an die Überfälle von Neonazis auf die Familie 13 Jahre zuvor.

Quellen und Literatur

Der Professor und der Skin — S. Kailitz: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 2004 | W. Gessenharter: Kippt die Republik?, München 1994 | E. Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt/M. 2003 | T. Lemmer: Rechts raus, Berlin 2004

Bandenbildung — B. Morshäuser: Hauptsache Deutsch, Frankfurt/M. 1992 | K. Farin/E. Seidel: Krieg in den Städten [1991], Neuausg. Berlin 2012 | Flugblatt, hg. Antifa Buxtehude, Antifa Harburg, VVN Stade o. J. [1993]

Bürgergesellschaft — W. Gessenharter: Kippt die Republik?, München 1994 | B. Morshäuser: Hauptsache Deutsch, Frankfurt/M. 1992

Gespenstergeschichten — U. R. in die tageszeitung 3.8.1985 | Stern [Febr.] 1982 | H. Kauffmann (Hg.): Kein Asyl bei den Deutschen, Red. U. R., Reinbek 1986 | K. Farin (Hg.): Die Skins, Berlin 1997 | Badische Zeitung 22.1.1986

Sündenböcke im Spiegel — Leserbrief F.-U. Bundt [Privatarchiv] | Stader Tageblatt 20.9.1979, 18..3., 19.3.1993 | Kreiszeitung Wochenblatt 10.3.2012

TEIL 3

TEIL 1

© Uwe Ruprecht

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